rbb24
  1. rbb|24
  2. Politik
Quelle: dpa/Wolfgang Kumm

Umstrittene Touristen-Attraktion

Coral World will in Lichtenberg größer bauen als geplant

Das geplante Aquarium an der Rummelsburger Bucht soll wuchtiger werden, als der Bebauungsplan es erlaubt. Das wünscht sich zumindest das Unternehmen Coral World und hat entsprechende Anträge gestellt. Der Bezirk zögert noch. Von Anja Herr

Zu sehen ist noch nichts, zu hören schon. Am Ufer des Rummelsburger Sees sind Bagger dabei, den Weg zu ebnen, für das Fundament des Wasserhauses Coral World. Korallen und exotische Fische soll es darin einmal geben. Ein Hotel ist auch geplant. Die Aquarienkette will jährlich hunderttausende Touristen anziehen. Wie das Ganze einmal konkret aussehen soll, ist allerdings unklar – eine Visualisierung legt das Unternehmen auf Nachfrage nicht vor. Vielleicht auch deshalb nicht, weil es noch immer keine Baugenehmigung gibt, sondern lediglich eine Teilbaugenehmigung und um zahlreiche Details noch gerungen wird.

Quelle: rbb

Was bislang geplant war

Wie rbb|24 jetzt auf Nachfrage vom Bezirk Lichtenberg erfuhr, will Coral World in mehreren Punkten vom Bebauungsplan abweichen. Das Unternehmen hat dafür Befreiungen beim Bezirk beantragt. So soll das Gebäude 1,50 Meter höher, die Geschossfläche um etwa sieben Prozent überschritten werden. Zudem sollen Gebäudeteile an bestimmten Stellen über die Baulinien hinausragen, um wie viele Meter bleibt unklar. Weil das Unternehmen außerhalb des Gebäudes zu viele technische Einrichtungen und Terrassen installieren will, kann es außerdem die Vorgaben zur Grünfestsetzung nicht einhalten. Deshalb hat es auch hierfür eine Befreiung vom B-Plan beantragt. Grünfestsetzung bedeutet, dass die Eingriffe eines Baus in Natur und Landschaft vorrangig auf dem Baugrundstück selber ausgeglichen werden sollen.

Bereits 2019 hat die Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg den Bebauungsplan Ostkreuz beschlossen. Er sieht unter anderem die Errichtung eines Wasserhauses durch das internationale Unternehmen Coral World vor, das bereits vergleichbare Aquarien an Standorten auf der ganzen Welt betreibt, wie Mallorca, Australien und in Israel. Immer wieder war das Bauprojekt in der Vergangenheit in die Kritik geraten. Im vergangenen Winter war über Nacht eines der größten Obdachlosenlager Berlins an dem Standort geräumt worden. Anwohnende und Umweltschutz-Verbände kritisieren außerdem den geplanten Standort innerhalb eines Wohngebiets und auch die möglicherweise negativen ökologischen Auswirkungen des Projekts. Naturfreunde e.V. reichte gemeinsam mit der Initiative "Bucht für Alle" eine Klage gegen den Bebauungsplan vor dem Oberverwaltungsgericht ein, eine Entscheidung steht noch aus.

"Abweichungen durch Hintertür höhlen demokratische Beschlüsse aus"

Antonio Leonhardt, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Linken in Lichtenberg lehnt die Befreiung der Investoren von Festsetzungen des Bebauungsplans ab. "Gerade weil die Linke Lichtenberg diese massive Bebauung der Rummelsburger Bucht kritisch sieht, waren uns präzise Festsetzungen zur maximalen Bauhöhe und zur Geschossflächenzahl wichtig. Neue Abweichungen durch die Hintertür höhlen die demokratischen Beschlüsse der Bezirksverordnetenversammlung aus", so Leonhardt. Letztlich würde so eine Bebauung realisiert, zu der die Verordneten nicht ihre Zustimmung gegeben haben.

Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) ist der Ansicht, die beantragten Befreiungen seien "sehr begründungspflichtig". "Gerade die intensive Debatte um den Bebauungsplan Ostkreuz erfordert, dass Abweichungen davon immer vom öffentlichen Interesse geleitet sein müssen", so Grunst. Er hat zunächst den zuständigen Stadtrat Kevin Hönicke (SPD) gebeten, im Bezirksamt über den genauen Sachstand sowie die politische und rechtliche Einschätzung des Vorhabens zu berichten.

Presseabteilung eng verwoben mit Wirtschaftsförderung des Landes

Das Unternehmen Coral World selbst ließ die Frage offen, warum die Befreiungen aus seiner Sicht für den Bau des Wasserhauses notwendig sind. Für die Kommunikation mit der Presse ist mittlerweile die Business Network Marketing und Verlagsgesellschaft zuständig – pikant, da diese eng mit der Wirtschaftsförderung des Landes Berlin verwoben ist: Laut aktuellem Jahresbericht ist sie eine Gesellschafterin der Partner für Berlin Holding Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing.

Diese wiederum ist eine Gesellschafterin von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie, also der Berliner Wirtschaftsförderung. In ihrer Selbstbeschreibung wirbt die Business Network Marketing und Verlagsgesellschaft damit, Strategien für den Dialog mit Verantwortlichen aus Politik, Verwaltung und Medien zu entwickeln: "Als Part des inneren Kreises haben wir Zugang zu politischen Entscheidungsträgern auf allen Ebenen und adressieren Ihre Botschaft genau dort, wo sie gehört werden muss", steht auf der Website.

Entscheidung über Baugenehmigung voraussichtlich im Februar

Fragen von rbb|24 zum Projekt beantworten will das Unternehmen erst, wenn die Entscheidungen gefallen sind – bei einem Pressetermin im ersten Quartal dieses Jahres.

Ob die von Coral World beantragten Befreiungen erteilt werden, liegt nun im Ermessen der Baugenehmigungsbehörde. Baustadtrat Kevin Hönicke (SPD) rechnet damit, dass darüber noch im Januar entschieden wird. Eine Entscheidung über die Baugenehmigung soll voraussichtlich im Februar erfolgen.

Sendung: Abendschau, 21.09.2021, 19:30 Uhr

Artikel im mobilen Angebot lesen