Umstrittene Touristen-Attraktion - Coral World will in Lichtenberg größer bauen als geplant

Do 06.01.22 | 15:55 Uhr
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Die Rummelsburger Bucht in Berlin-Lichtenberg. (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Das geplante Aquarium an der Rummelsburger Bucht soll wuchtiger werden, als der Bebauungsplan es erlaubt. Das wünscht sich zumindest das Unternehmen Coral World und hat entsprechende Anträge gestellt. Der Bezirk zögert noch. Von Anja Herr

Zu sehen ist noch nichts, zu hören schon. Am Ufer des Rummelsburger Sees sind Bagger dabei, den Weg zu ebnen, für das Fundament des Wasserhauses Coral World. Korallen und exotische Fische soll es darin einmal geben. Ein Hotel ist auch geplant. Die Aquarienkette will jährlich hunderttausende Touristen anziehen. Wie das Ganze einmal konkret aussehen soll, ist allerdings unklar – eine Visualisierung legt das Unternehmen auf Nachfrage nicht vor. Vielleicht auch deshalb nicht, weil es noch immer keine Baugenehmigung gibt, sondern lediglich eine Teilbaugenehmigung und um zahlreiche Details noch gerungen wird.

Geplanter Standort für 'Coral World' in der Rummelsburger Bucht (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Was bislang geplant war

Wie rbb|24 jetzt auf Nachfrage vom Bezirk Lichtenberg erfuhr, will Coral World in mehreren Punkten vom Bebauungsplan abweichen. Das Unternehmen hat dafür Befreiungen beim Bezirk beantragt. So soll das Gebäude 1,50 Meter höher, die Geschossfläche um etwa sieben Prozent überschritten werden. Zudem sollen Gebäudeteile an bestimmten Stellen über die Baulinien hinausragen, um wie viele Meter bleibt unklar. Weil das Unternehmen außerhalb des Gebäudes zu viele technische Einrichtungen und Terrassen installieren will, kann es außerdem die Vorgaben zur Grünfestsetzung nicht einhalten. Deshalb hat es auch hierfür eine Befreiung vom B-Plan beantragt. Grünfestsetzung bedeutet, dass die Eingriffe eines Baus in Natur und Landschaft vorrangig auf dem Baugrundstück selber ausgeglichen werden sollen.

Bereits 2019 hat die Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg den Bebauungsplan Ostkreuz beschlossen. Er sieht unter anderem die Errichtung eines Wasserhauses durch das internationale Unternehmen Coral World vor, das bereits vergleichbare Aquarien an Standorten auf der ganzen Welt betreibt, wie Mallorca, Australien und in Israel. Immer wieder war das Bauprojekt in der Vergangenheit in die Kritik geraten. Im vergangenen Winter war über Nacht eines der größten Obdachlosenlager Berlins an dem Standort geräumt worden. Anwohnende und Umweltschutz-Verbände kritisieren außerdem den geplanten Standort innerhalb eines Wohngebiets und auch die möglicherweise negativen ökologischen Auswirkungen des Projekts. Naturfreunde e.V. reichte gemeinsam mit der Initiative "Bucht für Alle" eine Klage gegen den Bebauungsplan vor dem Oberverwaltungsgericht ein, eine Entscheidung steht noch aus.

"Abweichungen durch Hintertür höhlen demokratische Beschlüsse aus"

Antonio Leonhardt, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Linken in Lichtenberg lehnt die Befreiung der Investoren von Festsetzungen des Bebauungsplans ab. "Gerade weil die Linke Lichtenberg diese massive Bebauung der Rummelsburger Bucht kritisch sieht, waren uns präzise Festsetzungen zur maximalen Bauhöhe und zur Geschossflächenzahl wichtig. Neue Abweichungen durch die Hintertür höhlen die demokratischen Beschlüsse der Bezirksverordnetenversammlung aus", so Leonhardt. Letztlich würde so eine Bebauung realisiert, zu der die Verordneten nicht ihre Zustimmung gegeben haben.

Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) ist der Ansicht, die beantragten Befreiungen seien "sehr begründungspflichtig". "Gerade die intensive Debatte um den Bebauungsplan Ostkreuz erfordert, dass Abweichungen davon immer vom öffentlichen Interesse geleitet sein müssen", so Grunst. Er hat zunächst den zuständigen Stadtrat Kevin Hönicke (SPD) gebeten, im Bezirksamt über den genauen Sachstand sowie die politische und rechtliche Einschätzung des Vorhabens zu berichten.

Presseabteilung eng verwoben mit Wirtschaftsförderung des Landes

Das Unternehmen Coral World selbst ließ die Frage offen, warum die Befreiungen aus seiner Sicht für den Bau des Wasserhauses notwendig sind. Für die Kommunikation mit der Presse ist mittlerweile die Business Network Marketing und Verlagsgesellschaft zuständig – pikant, da diese eng mit der Wirtschaftsförderung des Landes Berlin verwoben ist: Laut aktuellem Jahresbericht ist sie eine Gesellschafterin der Partner für Berlin Holding Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing.

Diese wiederum ist eine Gesellschafterin von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie, also der Berliner Wirtschaftsförderung. In ihrer Selbstbeschreibung wirbt die Business Network Marketing und Verlagsgesellschaft damit, Strategien für den Dialog mit Verantwortlichen aus Politik, Verwaltung und Medien zu entwickeln: "Als Part des inneren Kreises haben wir Zugang zu politischen Entscheidungsträgern auf allen Ebenen und adressieren Ihre Botschaft genau dort, wo sie gehört werden muss", steht auf der Website.

Entscheidung über Baugenehmigung voraussichtlich im Februar

Fragen von rbb|24 zum Projekt beantworten will das Unternehmen erst, wenn die Entscheidungen gefallen sind – bei einem Pressetermin im ersten Quartal dieses Jahres.

Ob die von Coral World beantragten Befreiungen erteilt werden, liegt nun im Ermessen der Baugenehmigungsbehörde. Baustadtrat Kevin Hönicke (SPD) rechnet damit, dass darüber noch im Januar entschieden wird. Eine Entscheidung über die Baugenehmigung soll voraussichtlich im Februar erfolgen.

Sendung: Abendschau, 21.09.2021, 19:30 Uhr

18 Kommentare

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  1. 18.

    Baukosten? Billig bauen geht bei den Bauvorschriften, Honoraren und Materialpreisen nicht mehr. Ohne Subventionen steigen die Mieten und Kaufpreise weiter. Nebenkosten kommen hinzu und das auch für Eigentum. Wird immer vergessen. Wer kauft, wohnt nicht umsonst.

  2. 17.

    Gute Idee, aber da ist erstens schon alles zugebaut, auch bis zum Wasser und dann gehört sozialer Wohnungsbau nicht zum Umfeld der meisten dort lebenden Mieter.

  3. 16.

    Ich bin wie die meisten hier, gegen das Betonmonster. Wir haben im Berliner Zoo ein schönes Aquarium. Wohnungen auch für Obdachlose mit Betreuung durch Sozialarbeiter halte ich für sinnvoller. Zugang zum Wasser für Alle. Naturschonendes Projekt. Diese linke Masche ohne eine Begründung der coral world ist für mich das Aus.

  4. 15.

    "Der Müll im Obdachlosencamp türmte sich meterhoch. " Der "Müll" waren die letzten Habseligeiten der Bewohner dort, nachdem (!) das BA Lichtenberg in einer Nacht und Nebel Aktion das Camp mit einem Bagger räumen ließ.

    Noch mehr Menschenverachtung geht kaum noch.

  5. 14.

    "Der Müll im Obdachlosencamp türmte sich meterhoch. " Der "Müll" waren die letzten Habseligeiten der Bewohner dort, nachdem das BA Lichtenberg in einer Nacht und Nebel Aktion das Camp mit einem Bagger räumen ließ.

    Noch mehr Menschenverachtung geht kaum noch.

  6. 13.

    Und wann kommen Straßen- und U-Bahn ?
    Hunderttausend-e Touristen pro Jahr sind
    mehrere Tausend Fahrräder pro Tag.
    Wo werden die e-Autos geparkt ?
    Wie Tief reichen denn die Fun-damente in
    den Flugstunden ?

  7. 12.

    Leider verwahrlosen Freiräume bzw. freie Flächen fast immer. Diese werden dann von Randgruppen (Görli>Drogendealer, Bucht am Rand>Obdachlose, Bucht auf dem Wasser>schwimmende Müllhaufen aus alten Booten) genauso oder noch schlimmer der Öffentlichkeit entzogen wie bei einer ordentlichen Bebauung mit freiem Ufer für Alle. Und apropos Umwelt: Der Müll im Obdachlosencamp türmte sich meterhoch. Und die schwimmenden Müllhaufen sondern Öl in Menge ab. Soviel zum Thema Umwelt.

  8. 11.

    Solch ein Monstrum an der Rummelsburger Bucht braucht kein Mensch. Wohnungen sind wichtiger, und dazu noch unverbautes Grün, das wäre dem Profitstreben dubioser Gestalten vorzuziehen.

  9. 10.

    Was spricht dagegen, bezahlbaren Wohnraum zu bauen?

  10. 9.

    Folgt diese Ansiedlung eigentlich irgendeiner Strategie? U.a. Stadtverträglichkeit und Nachhaltigkeit sind in Berlins Tourismuskonzept als Grundprinzipien festgelegt. Wie passt ein Meerwasseraquarium in die Marketingstrategie der Stadt? Wenn der Investor diese Kriterien nicht erfüllen kann, sollte es aus der Politik auch keine weitere Unterstützung geben, sonst geben Stadt und Bezirk schlicht die Steuerung über die Tourismus- und Stadtentwicklung auf und all die Konzepte sind letztlich das Papier nicht wert.

  11. 8.

    Naja, es liegt wohl auf der Hand, dass Investoren dieser Größenordnung wenig Interesse an Stadtentwicklung zeigen, sie sind auf ihr Projekt fokussiert und werden Maximalertrag anstreben. "Irgendetwas" zu bauen nur um irgendetwas zu bauen, halte ich für nicht klug. Dieses Aquarium wird den Charakter der Gegend dominieren, mir wäre es lieber, dort würden neue, soziale Wohnideen umgesetzt. Etwa wie Wien es macht. Aber so läuft das nicht.

  12. 7.

    Warum bauen die nicht in der Mitte des SEEs mit Rücklaufanschluss (warmes Wasser) an das KW Klingenberg

    Scheiss Bucht

  13. 6.

    "...als das weiterhin ein Gelände mitten in der Stadt völlig verwahrlost, von dubiosesten Gestalten 'genutzt' wird und einfach nur einen Angstraum mit Wasserblick darstellt."

    Sie meinen doch nicht etwa einen "Herrn" Gijora P.? Da stimme ich mit ihnen und "dubios" überein.

    https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2021/04/gefluechtete-miethaeuser-ausbeutung-berlin-padovicz-werttax.html

  14. 5.

    Es ist keine 15 Jahre her, da konnte man, wenn man Erholung brauchte, diese mitten in Berlin an der Rummelsburger Bucht finden. Man konnte sich hinsetzen Vögel und Tiere im Schilf, am Ufer oder im Wasser beobachten. Schade, dass dort die heimische Natur durch eine exotische Natur in einem Betonklotz ausgetauscht werden soll. Die Rummelsburger Bucht war ein Ort, an dem die Berliner kostenfrei abschalten konnten, fast als wäre man irgendwo außerhalb am Wasser.

  15. 4.

    Sicherlich gibt es völlig berechtigte Bedenken hinsichtlich dieses Investors sowie zum tatsächlichen Nutzen / Bedarf an so einer Attraktion. Aber die jahrelange, völlig verwahrloste Situation zuvor - durchgängig beklatscht und schöngerdet durch allseits bekannte Gruppen - war nun keinesfalls besser.
    Lieber wird dort etwas erschaffen (auch wenn es nicht jedem zusagt), als das weiterhin ein Gelände mitten in der Stadt völlig verwahrlost, von dubiosesten Gestalten 'genutzt' wird und einfach nur einen Angstraum mit Wasserblick darstellt.

  16. 3.

    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1156679.rummelsburger-bucht-am-ufer-der-verdraengung.html

    https://padowatch.noblogs.org/rummelsbucht-leaks-investorinnen-veraengstigt-ehm-finanzstaatssekretaerin-im-dienste-von-coral-world/

    https://www.peta.de/themen/coral-world-berlin/

  17. 2.

    Ich habe bei dem Vorhaben ein mullmiges Gefühl. Wenn jemand ein solches Projekt bauen und installieren möchte, lege ich dem für das Gelände Verantwortlichen ein Projekt bzw. ein Modell vor. Wenn man das liest:
    "Das Unternehmen hat dafür Befreiungen beim Bezirk beantragt. So soll das Gebäude 1,50 Meter höher, die Geschossfläche um etwa sieben Prozent überschritten werden. Zudem sollen Gebäudeteile an bestimmten Stellen über die Baulinien hinausragen, um wie viele Meter bleibt unklar."
    habe ich den Eindruck, dass hier was nicht richtig läuft. Die Bedenken der zuständigen Politik finde ich vollkommen gerechtfertigt.

  18. 1.

    Ich bin pessimistisch, was die Anträge angeht. Also ich fürchte, dass das bewilligt wird. Schließlich geht es um viel Geld. Und welcher Politiker ist da abgeneigt? Immer mehr Freiflächen werden in Berlin zugebaut. Sehr schade. Die Umwelt geht kaputt. Das Klima zeigt es uns. Regen wird auf Beton nicht abfließen können. Wo sollen die Kinder spielen.

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