Gedenkstätte Sachsenhausen - Wie man anderen das Grauen erklärt

Do 27.01.22 | 08:01 Uhr | Von Wolf Siebert
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Besucher:innen betreten das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen (Bild: imago images/Jürgen Ritter)
Video: rbb|24 | 27.01.2022 | Material: Brandenburg aktuell | Bild: imago images/Jürgen Ritter

Es ist eine große Aufgabe, Jugendlichen die Gräuel des Holocaust begreifbar zu machen. Arne Pannen kennt sich damit aus, er leitet die Bildungsabteilung der Gedenkstätte Sachsenhausen - und findet oft überraschende Zugänge zum Thema. Von Wolf Siebert

Manchmal sind es die überraschenden Fragen, die hängenbleiben. Zum Beispiel diese: Warum lernt ein Ukrainer norwegisch? Und das in einem deutschen Konzentrationslager? "Weil es überlebenswichtig war, sich mit den Häftlingen anzufreunden, die vielleicht bessere Überlebenschancen hatten, die mehr Nahrung hatten und davon vielleicht auch was abgegeben haben", erklärt Arne Pannen.

Pannen leitet die Bildungsabteilung der Gedenkstätte Sachsenhausen und hat hier schon viele Besucher durchgeführt. Vor allem Schulklassen will er die Bedeutung dieses Orts erlebbar machen. Und die 15- bis 17-Jährigen seien trotz Youtube, Instagram und Tiktok fasziniert von konkreten Objekten aus der Welt der KZ-Gefangenen – wie eben diesem ukrainisch-norwegischen Wörterbuch, das in der Gedenkstätte zu sehen ist.

Zur Person

Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen. (Quelle: M. Kirchhoff)
M. Kirchhoff

Arne Pannen, 40 Jahre alt, studierte Politologie und Erwachsenenpädagogik an der FU Berlin und an der Humboldt-Universität, arbeitete auch im Bundestag, entschied sich aber früh für die Gedenkstättenarbeit.

Konkrete Anknüpfungspunkte seien wichtig, sagt Pannen. Jugendliche hätten heute meistens keine familiären Verbindungen zur NS-Zeit mehr: keinen Opa, der in der Wehrmacht gedient hat, keine Mutter, die im "Dritten Reich" groß geworden ist.

Seit neun Jahren in Sachsenhausen

Neun Jahre arbeitet Pannen nun schon in der Gedenkstätte, und für ihn ist das immer noch ein besonderer Arbeitsplatz: "Das ist nicht vergleichbar mit der Arbeit in einem Betrieb, der etwas produziert, was mich nicht interessiert. Wir alle wollen genau hier arbeiten, weil uns diese Arbeit extrem wichtig ist: Sie ist nicht austauschbar."

Dem heute 40-Jährigen war schon früh klar, dass er historisches Wissen über die NS-Zeit vermitteln will. "Der Holocaust war das größte aller Verbrechen, und er hat auch heute nichts von seiner Relevanz verloren."

Nach dem Studium arbeitete Pannen im Berliner "NS-Dokumentationszentrum Zwangsarbeit" in Schöneweide – dort hat er auch Führungen gemacht. Im ehemaligen KZ-Sachsenhausen fing er als pädagogischer Mitarbeiter an.

Zwischenfall mit Rechten

Bei den Führungen zeigt der Besucherdienst oft auch die Rußspuren in Baracke 36, der sogenannten "Judenbaracke": Sie erinnern an einen Brandanschlag von Rechtsradikalen vor bald 30 Jahren.

Zwischenfälle mit Rechten gebe es bis heute, so Pannen. 2018 relativierten Mitglieder einer AfD-Besuchergruppe die NS-Verbrechen, zogen historische Fakten in Zweifel. Aber das sei ein Einzelfall, sagt Pannen, ein "Ausreißer", der sich aber nicht wiederholen soll: "Meine persönliche Grenze liegt da, wo das Andenken und die Würde der Häftlinge und ihr Leiden infrage gestellt werden."

Alle im Team hätten inzwischen Schulungen gemacht, unter anderem bei der "Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus", dabei würden Fragen behandelt wie: Wie erkenne ich Codes und Kleidung der rechten Szene, wann lohnt es sich, zu argumentieren und wann nicht?

"Viele in Oranienburg wussten, was geschah"

In den Büros der Gedenkstättenmitarbeiter war früher die Waffenkammer der SS-Kommandantur – hier wurden Waffen gelagert, mit denen Tausende getötet wurden. Insgesamt kamen in Sachsenhausen Zehntausende Menschen ums Leben, eine genaue Zahl gibt es nicht.

"Ich denke manchmal daran", sagt Pannen. "Aber in der Regel ist es so, dass ich hier mit meinen Kollegen zusammensitze und wir uns normal unterhalten. Wir sind nicht jeden Tag traurig und denken auch nicht täglich an den Tod."

Was er gelernt hat? Dass das KZ sehr stark mit Oranienburg und mit der Bevölkerung verbunden war. Es war kein abgeschlossener Ort, das KZ hatte Geschäftsbeziehungen zu Firmen, zur Post, zum Standesamt. "Viele haben gewusst, was geschah", sagt Pannen.

Virtueller Rundgang ist in Arbeit

Bis zur Pandemie sei das Interesse an der Gedenkstätte sehr groß gewesen, sagt Pannen, im letzten Jahr aber hatte der Besucherdienst dann 75 Prozent weniger Gäste. Deshalb verstärkt die Gedenkstätte nun ihre Arbeit im Netz. Zurzeit arbeitet Pannen an einem Online-Rundgang – damit weiterhin möglichst viele Menschen die Gedenkstätte besuchen können.

Sendung: Inforadio, 27.01.2022, 07:45 Uhr

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