Holocaust-Überlebender Peter Gardosch - Mit 13 durch die Hölle von Auschwitz

Do 27.01.22 | 12:43 Uhr
Peter Gardoesch überlebte den Holocaust. (Quelle: rbb)
Video: Brandenburg Aktuell | 27.01.2022 | Markus Woller | Bild: rbb

Als Jungen verschleppten die Nazis Peter Gardosch ins Vernichtungslager Auschwitz. Fast seine komplette Familie wurde dort ermordet. Heute lebt Gardosch in Brandenburg. Anlässlich des Holocaust-Gedenktages hat er seine Geschichte erzählt. Von Markus Woller

An die Ankunft in Birkenau erinnert sich Peter Gardosch genau. 13 Jahre alt war der Ungar aus Siebenbürgen damals, im Juni 1944. Während auf der anderen Seite des Deutschen Reiches bereits die alliierten Truppen in der Normandie landeten, rollte Gardosch zusammen mit seiner Familie - Mutter, Vater, Schwester, Großmutter - eingepfercht mit 70 anderen Menschen im Viehwaggon durch das Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.

Der Blick durch den Spalt in der Tür, ein Blick auf die Maschinerie der Hölle: "Das war wie eine andere Welt. Alles grau. Riesige Flächen, Säulen und Lampen nebeneinander, bis zum Horizont", erzählt der heute 91-Jährige. Dann öffneten sich unter lautem Gebrüll von außen die Rolltüren des Waggons.

Landtagspräsidentin führt Zeitzeugen-Interview

Peter Gardosch erzählt mit fester Stimme von diesen schlimmsten Wochen seines damals noch jungen Lebens. Ihm gegenüber sitzt Ulrike Liedtke. Die Brandenburger Landtagspräsidentin ist zu ihm nach Borkwalde (Potsdam-Mittelmark) gefahren, um anlässlich des Holocaust-Gedenktages ein Zeitzeugengespräch [youtube.de] aufzuzeichnen, das nun als Youtube-Video auf den Seiten des Landtages abrufbar ist.

Durch Zufall hatte SPD-Politikerin Liedtke erfahren, dass einer der wenigen noch lebenden Auschwitz-Überlebenden gerade mal eine gute halbe Stunde von Potsdam entfernt seinen Alterssitz gefunden hat. Weil eine persönliche Einladung in den Landtag für Gardosch unter Corona-Bedingungen zu gefährlich wäre, entschloss sich Liedtke zum Interview vor Ort. Gardosch erzählt der Landtagspräsidentin auch von den Tagen vor der Deportation, dem Moment, als es für die jüdische Familie Gardosch die Chance gegeben hatte, dem Morden im Lager noch zu entkommen.

Gardoschs Mutter unterschätzt die Gefahr

Am Abend bevor ungarische Soldaten sie mit einem Pferdewagen aus ihrem gutbürgerlichen Haus in Neumarkt am Miresch Richtung Vernichtungslager bringen würden, hatte ein Freund der Familie ihnen ein Angebot gemacht: Eine Waldhütte sollte ihnen Schutz bieten, abgelegen aber sicher. Doch Peter Gardoschs Mutter lehnte ab. "Wir werden doch in ein zivilisiertes Land deportiert", habe sie gesagt. Landarbeit, so glaubte sie, müssten die Gefangenen verrichten. Einfache Arbeiten, um die Deutschen zu entlasten, die selbst in der Rüstungsindustrie gebraucht würden. "Sie müssen sich die Naivität vorstellten", sagt Gardosch. Seine Mutter habe sich extra noch einen Hut gegen die Sonne auf den Feldern gekauft.

Mutter, Schwester und Großmutter sterben in der Gaskammer

Mit diesem entstieg sie in der Nacht der Ankunft in Auschwitz dann auch dem Waggon des Deportationszuges. "Es war ein unglaubliches Geschrei. Das waren die sogenannten Funktionshäftlinge. Die hatten die Aufgabe uns aus den Waggons zu treiben", erinnert sich Peter Gardosch. Noch an der Rampe wurden die Häftlinge selektiert. Links Männer und Jugendliche, die arbeitsfähig waren. Rechts Frauen mit Kindern sowie Alte und Kranke. "Ich habe noch gesehen, wie sich meine Mutter langsam in der Kolonne entfernt hat, mit ihrem Sonnenhut. Das waren drei Generationen: meine Mutter, meine Großmutter, meine Schwester." Später erfuhr Peter Gardosch, dass alle drei noch am selben Tag in den Gaskammern ermordet wurden.

Peter Gardoesch zeigt seiner Frau ein Buch über seine Lebensgeschichte. (Quelle: rbb)Peter Gardosch zeigt seiner Frau ein Buch, in dem seine Lebensgeschichte festgehalten wurde.

Ein Mantel rettet sein Leben

Peter Gardosch selbst entging ebenfalls nur knapp dem Tod. Er log, er sei schon 17, als ein Offizier ihn nach seinem Alter fragte, machte sich durch einen schweren Mantel optisch kräftiger. Und wurde als arbeitsfähig eingestuft. In der Duschbaracke hatte sein Vater wohl schon mit dem Schlimmsten gerechnet. "Er muss etwas gewusst haben. Er hat immer nach oben zu den Duschköpfen geschaut", so Gardosch. Stattdessen: warmes Wasser, Häftlingskleidung. Sein Vater und er kamen in einer der Baracken unter. "Ich war fest davon überzeugt, dass ich da nicht lebendig rauskomme", erinnert er sich.

Verlegung nach Bayern

Dass ihn die Erinnerung heute noch aufwühlt, das merkt man Peter Gardosch im Interview mit der Landtagspräsidentin nicht an. Bis er aber so weit war, über sein Schicksal öffentlich reden zu können, hat es lange gedauert. Selbst seiner heutigen Ehefrau Ramona hat er zunächst nichts erzählt. Ganze sieben Jahre lang nicht. Erst als er schon in seinen 60ern ist, fasst er sich ein Herz. Ramona ermutigt ihn, seine Erinnerungen in ein Buch zu fassen.

19 Tage waren Peter Gardosch und sein Vater im Vernichtungslager. Schnell wurde ihnen klar, dass der Tod dort nur eine Frage von Wochen sein würde. So meldeten sie sich kurzerhand zum Arbeitseinsatz und hatten so etwas wie Glück: Sie wurden noch am selben Tag von Auschwitz ins Dachauer KZ-Außenlager Kaufering-III gebracht. Dort zwangen die Nazis ihre Gefangenen, ein unterirdisches Werk für Flugzeuge zu bauen. Der 13-Jährige war für diese Arbeit zu schwach. Erneut rettete der Zufall ihm das Leben. Ein SS-Offizier wählte das Kind zu seinem Gehilfen, weil es Deutsch sprach. "Die Drecksarbeit - Putzen, Wischen, Blumen gießen", habe er machen müssen, so Gardosch. Es rettete ihm das Leben. Mehrere Monate lang überlebten die beiden unter widrigsten Bedingungen.

Auf dem Todesmarsch gelingt die Flucht

Als der Krieg für die Deutschen endgültig verloren war, kam es zum letzten perfiden Kapitel des Nazi-Terrors: Auch die Häftlinge aus Kaufering-III wurden auf einen sogenannten Todesmarsch geschickt. Ein SS-Mann hatte ihnen den Hinweis gegeben: Kein Gefangener solle laut Befehl Adolf Hitlers in die Hand der Alliierten fallen.

Gardosch und sein Vater wussten, was das heißt. Als sich die Gelegenheit bot, türmten sie, ständig unter der Gefahr entdeckt und doch noch ermordet zu werden. Eine Weile versteckten sie sich in einer Höhle, ein Pfarrer versorgte die insgesamt sechsköpfige Gruppe mit Essen und Wasser. Er war es auch, der sie an ein Kloster vermittelte, wo sie schlussendlich die Befreiung erlebten.

Nach dem Krieg ging Peter Gardosch zurück nach Ungarn, wanderte dann nach Israel aus, weil auch in seiner Heimat "der Antisemitismus nicht einfach aufhörte". Sein Vater konnte das Leid nie ganz verwinden und starb nur wenige Jahre nach Kriegsende. Peter Gardosch siedelte später nach Deutschland über, studierte und arbeitete als Unternehmensberater. Seinen Lebensabend verbringt er mit seiner Frau im brandenburgischen Borkwalde.

Keine Rachegefühle, aber Verantwortungsgefühl

Vergessen, was passiert ist, erzählt der 91-Jährige, könne er selbstverständlich nicht. "Rachegefühle habe ich aber keine", sagt er. Schon gar nicht gegen ein ganzes Land. So etwas habe er nie verspürt.

Dass er einer der letzten überlebenden der Vernichtungslager der Nationalsozialisten ist, das bewege ihn. "Ich spüre eine Verantwortung. Es gibt eine Tendenz, das alles in die Geschichtsbücher zu verweisen", so Gardosch. Die damit einhergehende Gleichmachung mache ihm Sorgen: "Und dann war Stalingrad, und dann war Auschwitz und dann war Napoleon. Das möchte ich nicht." Solange er noch lebe, wolle er Zeugnis vom Geschehen ablegen.

Sendung: Brandenburg aktuell, 27.01.2022, 19:30 Uhr

Nächster Artikel