Interview | Berliner Journalistin in der Ukraine - "Die Menschen in dieser Stadt haben schon 2014 erfahren, was Krieg bedeutet"

Do 24.02.22 | 10:22 Uhr
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Menschen in der ukrainischen Stadt Lviv stehen vor einem Bankautomaten schlange. (Quelle: dpa/Shimbun)
Audio: Inforadio | 24.02.2022 | Interview mit Rebecca Barth | | Bild: dpa/Shimbun

Das russische Militär hat in den Morgenstunden die Ukraine angegriffen. Im ganzen Land gibt es Explosionen, das russische Militär beschießt nach eigenen Angaben ukrainische militärische Einrichtungen. rbb|24-Journalistin Rebecca Barth berichtet aus der Ostukraine.

rbb: Sie halten sich in der Ostukraine, in der Stadt Kramatorsk, auf. Wo genau ist das?

Rebecca Barth: Kramatorsk lag gestern noch etwa 60 Kilometer von der Front entfernt, die nächstgrößere Stadt ist Slawjansk. Da hat der Krieg vor etwa acht Jahren begonnen. Heute Morgen um 5:00 Uhr sind wir hier von zwei großen Explosionen geweckt worden. Seitdem ist die Situation relativ unübersichtlich.

Wie ist die Lage bei Ihnen vor Ort?

Ungefähr fünf bis sechs Kilometer entfernt von dem Hotel, in dem ich mich gerade befinde, liegt wohl ein Flughafen, auf dem sich auch Teile der ukrainischen Armee befinden. Der scheint derzeit angegriffen zu werden. Wir haben auch später noch mal einige einzelne Explosion gehört.

Derzeit ist es jedoch ruhig auf den Straßen. Die Menschen fahren teilweise zur Arbeit, aber gegenüber von meinem Hotel bildet sich gerade eine lange Schlange vor einem Geldautomaten. Da scheint es so zu sein, dass dieser Automat nicht mehr allzu viel Geld hat.

Zur Person

Die freie Journalistin Rebecca Barth, momentan in Kiew, beim Interview mit rbb|24. (Bild: rbb)
rbb

Rebecca Barth hat in Berlin Slawistik und Osteuropa-Studien studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin für den rbb sowie andere Medien, darunter Deutschlandradio und der "Tagesspiegel".

Sehen Sie denn ukrainische oder russische Soldaten?

Aktuell noch nicht. Wir hören aber ab und an Detonationen oder auch Flugzeuge. Wir können aber nicht sagen, ob das russische Flugzeuge oder ukrainische Flugzeuge sind. Hier, in der Stadt vor dem Hotel, sehe ich haufenweise Kollegen, Journalisten und eben ganz normale Anwohner. Es scheint derzeit so zu sein, dass militärische Ziele attackiert werden, aber eben keine Wohngebiete oder zivilen Ziele.

Machen sich die Menschen vor dem Geldautomaten zur Flucht bereit?

Ich kann hier aktuell noch keine großen Fluchtbewegungen erkennen. Die Menschen haben hier in dieser Stadt schon 2014 erfahren, was Krieg bedeutet. Sie sind dementsprechend ruhiger und krisenfester als vielleicht Ausländer, die hier das erste Mal sind, so wie ich zum Beispiel.

Heute Morgen haben einige Menschen gesagt, sie würden die Stadt verlassen, wenn wirklich heftige Kämpfe um die Stadt ausbrechen. Wir können allerdings derzeit überhaupt nicht sagen, ob es dazu kommt und wie sich die Situation entwickeln wird.

Haben die Menschen denn mit einem Angriff gerechnet?

Sie haben sich durchaus große Sorgen gemacht, das stimmt. Manche gingen einfach davon aus, dass es nicht zu einem Krieg kommt, auch bis gestern. Aber jede Person ist anders, manche sind sehr religiös und glaubten einfach fest daran, dass nicht passiert.

Andere schauen schon seit Wochen keine Nachrichten mehr, sie können sich das nicht mehr antun. Die letzten Wochen waren sehr stressig für die ukrainische Bevölkerung.

Wie sind die Menschen von Kramatorsk Russland gegenüber eingestellt?

Die Menschen allgemein, auch in der Ostukraine, wollen nicht zu Russland gehören. Sie sind Ukrainer. Sie wollen keinen Krieg. Sie wollen Frieden. Mir hat gestern eine Frau gesagt, Putin solle sich doch die Territorien nehmen - damit meinte sie die Volksrepubliken in der Ostukraine - und uns doch einfach nur bitte in Ruhe lassen.

Das bedeutet aber nicht, dass hier unbedingt der große Widerstand ausbrechen könnte, wenn jetzt wirklich die Stadt von russischen oder separatistischen Truppen besetzt wird. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Wir müssen abwarten, wie sich die Situation entwickelt.

Das Interview mit Rebecca Barth führte Sabine Dahl für Inforadio. Dieser Text ist eine redigierte und gekürzte Form des Interviews, das Sie oben im Beitrag im Audio hören können.

Sendung: Inforadio, 24.02.2022, 07:46 Uhr

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ja, fast alle wollen Frieden. Das zeigte sich bereits bei Friedenskonferenzen mit Menschen aus allen Landesteilen im Sommer 2014 in Kiev. Dort sprachen sich alle für eine friedliche Klärung der Konflikte aus, zum Beispiel durch eine neue Verfassung mit der Stärkung von regionalen Entscheidungsprozessen und einer weitreichenden Autonomie einzelner Regionen. Leider wurde ihrem Willen und ihren Empfehlungen nur ungenügend gefolgt.
    Mögen sie von weiteren bewaffneten Konflikten verschont bleiben. Stop the war.

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