Prozess gegen Polizisten wegen Geheimnisverrats - Opfer von Neuköllner Anschlagsserie: "Ich musste hier weg"

Mi 02.02.22 | 06:14 Uhr | Von Jo Goll und Torsten Mandalka
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Die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz am 08.03.2021. (Quelle: dpa/Joko)
Video: Abendschau | 02.02.2022 | Joachim Goll | Bild: dpa/Joko

Christiane Schott lebte elf Jahre lang in der Neuköllner Hufeisensiedlung. Im Sommer zog sie einen Schlussstrich und verkaufte ihr Haus. Einer der Gründe: Ein Polizist, der mutmaßlich Kontakte in die rechte Szene hat und jetzt vor Gericht steht. Von Jo Goll und Torsten Mandalka

Vor dem Berliner Amtsgericht Tiergarten wird am Mittwoch gegen einen Polizisten verhandelt (Update, 11:30 Uhr: Der Prozess wurde zunächst vertragt). Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Geheimnisverrat vor.

In einer AfD-Chatgruppe, zu der auch Rechtsextremisten gehörten, soll er kurz nach dem Terror-Anschlag auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016 Ermittlungsdetails über den Attentäter Anis Amri weitergegeben haben. Zu der Chatgruppe gehörte auch ein stadtbekannter Neonazi, der für die rechtsextreme Anschlagsserie im Berliner Bezirk Neukölln mitverantwortlich sein soll.

Christiane Schott schaut sich immer wieder um, als sie mit uns nochmal durch die Hufeisensiedlung geht. Irgendwie scheint ihr alles vertraut zu sein – und doch ist ihr inzwischen vieles fremd. "Die Ruhe ist schon irgendwie merkwürdig", sagt die Sozialarbeiterin. "Wo wir jetzt wohnen, gibt's Läden und jede Menge Cafés und Kneipen. Da ist ständig was los. Vieles ist wieder so wie früher, als wir in Kreuzberg gelebt haben."

Viel los war für sie und ihren Mann in den vergangenen Jahren auch in der beschaulichen Hufeisensiedlung in Berlin-Neukölln. Doch es geschah nicht immer das, was die beiden sich gewünscht hatten.

Steine durchs Fenster

Ab 2011 geriet das Ehepaar Schott mit ihren beiden Töchtern ins Visier von Neonazis. Ein gesprengter Briefkasten, Drohungen an den Häuserwänden, Steine durch die Fensterscheiben – insgesamt zehn Mal attackierten die Rechtsextremisten das Haus der Schotts. Und alles nur, weil Christiane Schott bei der Gartenarbeit beobachtete, wie NPD-Aktivisten im August 2011 ihr Wahlwerbung in den Briefkasten steckten.

"Als ich denen gesagt habe, sie sollen mir nie wieder ihre Flyer in den Briefkasten stecken, war es schon passiert." Die Neonazis entfachen in der Folgezeit eine regelrechte Welle von Attacken im Südosten Berlins: Autos brennen, rechte Parolen werden gesprüht. Und immer wieder gerät Christiane Schott mit ihrer Familie ins Visier der Rechtsradikalen.

Vorkämpferin gegen Rechts

Christiane Schott will diesem Treiben nicht nur zuschauen. Sie schließt sich mit anderen Betroffenen zusammen, organisiert Mahnwachen und Demonstrationen gegen den Terror im Kiez, gründet die Bürgerinitiative "Hufeisern gegen Rechts". Aus einer eher unpolitischen Sozialarbeiterin wird im Laufe der Jahre eine engagierte Kämpferin gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Ihr Engagement kostet Zeit und Kraft. Doch ihr Mut und ihre Zivilcourage finden große Beachtung.

2014 bekommen Christiane Schott und ihre Bürgerinitiative "Hufeisern gegen Rechts" das Band für Mut und Verständigung verliehen. Der rbb dreht die Dokumentation "Terror im Kiez", die auch in der ARD ausgestrahlt wird. Sämtliche große Tageszeitungen berichten aus der Hufeisensiedlung, auch internationale Medien interessieren sich für den Widerstand engagierter Bürgerinnen und Bürger gegen den Nazi-Terror. Vieles in dieser Geschichte klingt nach Gemeinschaftssinn, Solidarität. Warum zieht die Familie im Sommer 2021 weg? Haben die Neonazis die engagierten Bürger mürbe gemacht und verjagt?

Schott: Polizist hat mir den Rest gegeben

Im Frühjahr 2020 bringen Recherchen des ARD-Magazins Kontraste eine Geschichte ans Tageslicht, die Christiane Schott bis heute tief bewegt. Demnach soll der Polizist Detlef M., aktives AfD-Mitglied, in einer Telegram-Chatgruppe mit Gleichgesinnten kurz nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz Ende Dezember 2016 polizeiinterne Details über den Attentäter Anis Amri verraten haben, als diese noch nicht bekannt waren. Deshalb muss sich Polizeihauptkommissar Detlef M. heute vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten. Pikant: Teilnehmer des besagten AfD-Chats ist auch Tilo P., der als einer der drei Hauptverdächtigen der Neuköllner Anschlagsserie gilt.

"Für mich ist es bis heute unfassbar, dass ein Polizist gemeinsam mit jemandem, der mutmaßlich für Terroranschläge im Süden Neuköllns verantwortlich ist, in der AfD aktiv ist. Wem soll ich denn noch vertrauen?", fragt sich Christiane Schott und schüttelt den Kopf. Hinzu kommt: Detlef M. lebt selbst in der Hufeisensiedlung, war bis vor kurzem mehr oder weniger direkter Nachbar der Familie Schott. "Der konnte von seinem Balkon aus in unseren Garten schauen, der konnte sehen, ob wir da sind oder nicht."

Christiane Schott fühlte sich fortan nicht mehr wohl in ihrem Zuhause. Ihre beiden erwachsenen Töchter sind schon vor Jahren zu Hause ausgezogen und meiden die Hufeisensiedlung seither. "Wir haben uns über Jahre fast nur noch in Cafés mit unseren Töchtern getroffen. Die beiden hatten keine Lust mehr auf diese Siedlung."

Kampf gegen Rechtsextremismus geht weiter

Christiane Schott betont aber, dass sie mit ihrem Engagement gegen Rechtsextremismus weitermachen wird. "Der Kampf gegen Rechts geht weiter, wir haben jetzt mal Luft geholt und fühlen uns gut", sagt sie mit einem Zwinkern in den Augen. Mit der Bürgerinitiative Basta demonstriert sie seit knapp drei Jahren jeden Donnerstag vor dem Berliner Landeskriminalamt (LKA) für die Aufklärung der Neuköllner Anschlagsserie und die Offenlegung möglicher rechter Strukturen innerhalb der Berliner Polizei.

Auslöser für die wöchentliche Dauer-Demo war eine rbb-Recherche [tagesschau.de], wonach der Neuköllner Neonazi Sebastian T., ebenfalls ein Hauptverdächtiger der Anschlagsserie, mutmaßlich bei einem Treffen mit einem LKA-Beamten in einer Neuköllner Fußball-Kneipe von Beamten des Berliner Verfassungsschutzes beobachtet wurde. Seither ist Christiane Schott fest davon überzeugt, "dass staatliche Behörden da in einer Weise mit drinhängen, die unbedingt vertuscht werden soll."

Detlef M. wurde versetzt

Im Fall Detlef M. hat die Berliner Polizei reagiert. Wie rbb24 Recherche aus Sicherheitskreisen erfahren hat, wurde der Polizeihauptkommissar vorübergehend vom Dienst enthoben und mit einem Disziplinarverfahren belegt. Da die strafrechtliche Verfolgung des mutmaßlichen Geheimnisverrats noch nicht abgeschlossen ist, musste das polizeiinterne Disziplinarverfahren allerdings ausgesetzt werden. Es wird erst nach dem Richterspruch fortgesetzt.

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Beitrag von Jo Goll und Torsten Mandalka

23 Kommentare

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  1. 23.

    Es ist immer konstruktiv, wenn man diese Themen aufgreift und sie öffentlich macht, sie laut werden lässt und sich auch wagt, Rechtsextreme als das zu sehen, was sie tatsächlich sind. Die „Freie Presse“ ist da wesentlich unmutiger, Sachsen eben. Es gibt jede Menge mutige Bürger gegen Rechts und das gibt uns Hoffnung.

  2. 22.

    Dann liegt es eher an Ihrem Gedächtnis wennn Sie sich nur an zwei Taten erinnern können

  3. 21.

    Und da ist es wieder, das Hufeisen. Bitte informieren und idealerweise verstehen, dass diese Theorie längst widerlegt worden ist.

  4. 20.

    Es sollte Anzeige erstattet werden."
    Na dann mal los.

  5. 19.

    Nein, das macht vielen Angst. Ich kenne viele, die vom Bekanntwerden des NSU schockiert, aber nicht überrascht waren. Der zunehmend gewalttätige Rassismus in West und Ost nach dem Mauerfall hat über die Jahrzehnte zum Abstumpfen beigetragen. Doch Solingen, Rostock, Mannheim .... zu viele Orte, um sie hier aufzuzählen - ein Ende ist leider nicht in Sicht, München, Halle, Hanau ... ?!
    Manche sorgen wieder vor, indem sie sich anderenorts eine Existenzgrundlage schaffen durch Erwerb von Wohnungen, Häusern oder Grundstücken u.a. wieder im "Ausland".
    Viel Glück der Familie Schott und allen anderen Angegriffenen.
    @rbb Danke für die Recherche und Danke an alle, die das nicht schweigend hinnehmen.

  6. 18.

    Ist das Ihr ernst, man kann über die Pressestelle der Polizei Personalinterna abfragen? Das ist erstaunlich, gibt es da gar keinen Datenschutz? Oh ha.

  7. 17.

    Die Herausgabe solcher Interna stellt nicht nuch eine Dienstpflichtsverletzung sondern u.U. sogar einen Straftatbestand dar. Keine Polizeipressestelle, nicht mal die von "Oberammergau" (sofern die eine haben sollten), würde sich wagen dagegen zu verstossen. Es sollte Anzeige erstattet werden.

  8. 16.

    Das nennt sich journalistische Recherche und ist Teil des Auftrages der freien Presse in einer Demokratie. Wie man sieht wurde hier auch vorbildlich die Persönlichkeitsrechte der mutmaßlichen Täter gewahrt.

  9. 15.

    Ja klar, alle Verbindungen zwischen Rechtsextremen und Polizei sind ja nur tausende Einzeltäter. Immer schön das rechte Auge geschlossen halten, wir wissen ja, wo das hinführt...

  10. 14.

    Vielleicht sollten Sie sich einfach mal besser informieren, bevor Sie hier solche Behauptungen aufstellen.

  11. 13.

    Nicht nur das, auch die Qualität des Berichts lässt zu wünschen übrig. Die nervigen Wiederholungen, ohne neuen Inhalt, lassen auf „Copy and Paste“ schließen. Aber da hat man schon gelesen und ärgert sich. Und die Familie? Schadenersatz/Wiedergutmachung usw? Zuviel (rechtliche) Recherche, wo man nicht abkopieren kann?

  12. 12.

    Können Sie lesen?

    Dann lesen Sie einfach mal den Artikel, statt hier direkt das relativieren anzufangen....

  13. 11.

    Es liegt wohl im öffentlichen Interesse uns jedes aufrechten Bürgers, dass solch ein "Beamter" erst einmal keinen weiteren Schaden anrichten kann. Das sind übliche Presseinformationen.

    Sollte er verurteilt werden, bitte aus dem Dienst entfernen, der Grund sollte gegeben sein.

    (Bei Dresdner AFD Maier wohl schwieriger, bei Linken ging das früher doch viel einfacher)

  14. 10.

    Welche Anschlagserie gemeint ist, steht im Beitrag. Die Mühe, den Beitrag zu lesen, sollte man schon aufwenden. Kein Grund also reflexhaft um die Ausgewogenheit besorgt zu sein.

  15. 9.

    Unglaublich.

    Einfach nur beschämend, dass der Staat so lange bewusst weggeschaut hat bei rechtem Terror. Extra doof, dass staatliche Organe (Polizisten, Militärs, LKA und sonstige Beamte in sicherheitspositionen -Maaßen lässt grüßen) auch noch bunt mitmischen.

    AFD Mitglieder, Bekannte Rechtsextremisten und Sicherheitsbehörden in staatszersetzenden Telegramm Chats vereint. Macht nur mir das Angst?

    AFD Wähler wollen danach dann mal wieder von nix gewusst haben....

  16. 8.

    Kampf gegen Rechts?
    Eine gefährliche Abkürzung. Es ist nicht gut wenn Kampfparolen einer politischen Richtung von Redakteuren unreflektiert übernommen werden. Rechts zu sein ist nach der geltenden Gesetzeslage kein Straftatbestand. Genauso wie es nicht verwerflich ist links zu sein oder konservativ oder liberal oder heimatverbunden bzw. öko.
    Gefährlich und dumm ist hingegen extreme und mit demokratischen Grundsätzen nicht vereinbare Positionen zu vertreten.
    Wer zum Terror greift ist ein gefährlicher Extremist und gehört verurteilt. Und zwar unabhängig davon ob er eine rechte oder linke Gesinnung für sich reklamiert.
    Oder würde sich die Autoren Jo Goll und Torsten Mandalka lieber von einem linken als von einem Rechten das PkW (falls vorhanden) anzünden lassen?

  17. 7.

    Nette Verharmlosung von jahrelanger Belästigung durch bekannte Faschisten.

  18. 6.

    Man könnte meinen, dass brennende Autos doch kein Thema bei Linksextremisten (oder Grünextremisten) ist. "Man kann alt werden wie 'ne Kuh und lernt immer noch dazu."

  19. 5.

    frage ich mich wie der RBB an solche Interna kommt?"
    Die Polizei hat eine Pressestelle, die Ihnen bei solchen Fragen hw gerne weiterhilft.

  20. 4.

    Da sollten doch gleich die nächsten Ermittlungen der "Internen" der Polizeipräsidentin beginnen.

  21. 3.

    Da braucht sich die hiesige Polizei auch nicht wundern, dass Ihnen in der heutigen Zeit so wenig Respekt entgegengebracht wird.
    Wer solche Leute aufnimmt, toleriert oder sogar verteidigt hat auch keinen Respekt mehr verdient.
    Natürlich weiß ich auch, dass der Großteil der Polizei nicht aus solch fanatischen Spinnern besteht und gute und wichtige Arbeit verrichtet.
    Aber da ich selber ein paar Polizisten als Bekannte/Freunde habe weiß ich auch, dass sowas heutzutage keine Seltenheit mehr ist.

  22. 2.

    Neuköllner Anschlagserie"? Ich erinnere mich nur an 2 (zwei )Autos vor vor drei Jahren. Einem linken Buchhändler und einem linken Lokalpolitiker. I426 waren es in Berlin im vergangenen Jahr.Mir scheint, hier fehlt die Ausgewogenheit der Berichterstattung.

  23. 1.

    Wenn der RBB "von Sicherheitskreisen" erfahren hat, dass der Polizeihauptkommisar vorübergehend vom Dienst enthoben wurde und ein Disziplinarverfahren anhängig ist, frage ich mich wie der RBB an solche Interna kommt?

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