Großinvestitionen für den Klimaschutz - So soll der Öffentliche Nahverkehr bis 2030 ausgebaut werden

Mi 23.02.22 | 06:15 Uhr
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Viele Menschen steigen am Alexanderplatz in eine S-Bahn ein und aus. Bild: dpa/Christoph Soeder
Audio: Inforadio | 23.02.2022 | Sylvia Tiegs | Bild: dpa/Christoph Soeder

Das Auto ist immer noch das Haupt-Fortbewegungsmittel in Deutschland. Die Verkehrsminister der Länder wollen das ändern, um die Klimaschutzziele einzuhalten. Der öffentliche Nahverkehr spielt dabei eine besondere Rolle. Vor allem eine teure. Von Sylvia Tiegs

Deutschlands öffentliche Verkehrsbetriebe organisieren im Jahr buchstäblich Milliarden Fahrten mit Bussen, Bahnen und Regionalzügen. Allein in Berlin und Brandenburg stiegen 2019, also vor Corona, täglich mehr als vier Millionen Menschen in den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Dieser Rekord an Fahrgästen war in der Pandemie nicht mehr zu halten. Viele Arbeitnehmer sitzen bis heute im Homeoffice, Menschen meiden die "Öffis" aus Angst vor Ansteckung - und fahren weiter oder wieder Auto.

Besseres Angebot im öffentlichen Nahverkehr notwendig

Die Zahl der ÖPNV-Nutzer aber muss wieder steigen – und zwar gewaltig, sagt Jan Schilling. Er ist Geschäftsführer für Öffentlichen Nahverkehr beim Verband deutscher Verkehrsunternehmen, VDV: "Es ist schade, dass wir bei der Verkehrswende immer über Wien, Stockholm, Kopenhagen, Paris sprechen. Aber eigentlich nicht über deutsche Städte. Wenn wir die Klimaschutzziele ernst nehmen, dann müssen wir jetzt ins Machen kommen."

Unter "ins Machen kommen" versteht man beim Verband deutscher Verkehrsunternehmen ein erheblich besseres Angebot: Mehr Fahrzeuge auf Straßen und Schiene, mehr Halte, engere Takte. "Wenn wir wollen, dass Leute im ÖPNV mitfahren, dann wird das nur darüber gelingen, wenn wir ihr Mobilitätsbedürfnis gut befriedigen können", meint Jan Schilling. Niemand steige freiwillig vom Auto auf die Bahn um, wenn er im Winter eine Viertelstunde auf dem Bahnhof warte oder die Anschlüsse zum Bus nicht stimmten. "Ich will ja nicht von Bahnhof zu Bahnhof. Sondern ich will von zu Hause an meinen Arbeitsplatz, und auch sicher wieder zurück – und zwar nach meinen Bedürfnissen: dass ich mein Kita-Kind abholen oder mit Kollegen noch was trinken gehen kann. Dafür brauchen wir ein qualitativ hohes Angebot."

Dieser Einschätzung wird wohl niemand widersprechen unter den mehr als 630 Mitgliedern im Verband deutscher Verkehrsunternehmen – von den kleinen Harzer Schmalspurbahnen bis hin zum großen Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Beim VBB ist man schon mitten in den Planungen für mehr ÖPNV.

Mehr Schienenverkehr bis 2030 in der Hauptstadtregion geplant

Bis zum Jahr 2030 werden in Berlin und Brandenburg 380.000 Menschen täglich pendeln, schätzt die Bundesagentur für Arbeit. Das wären 70.000 mehr als heute. Der Verkehrsverbund plant deshalb vor allem im regionalen Zugverkehr, seine Kunden bald schneller und öfter zu transportieren. Gemeinsam mit den beiden Landesregierungen und der Deutschen Bahn wurde das Ausbauprojekt "i2030" aufgelegt: ein "gigantisches Investitionsprogramm", so der VBB.

Tatsächlich sollen in den kommenden acht Jahren fast 100 regionale Bahnhöfe neu-, um- und ausgebaut oder reaktiviert werden. Für die S-Bahnlinien 1, 2, 5 und 25 ist ein zehn-Minuten-Takt geplant, der Regionalexpress RE1 zwischen Brandenburg (Havel) und Frankfurt (Oder) soll alle 20 Minuten kommen. Neuruppin und Cottbus würden dann alle 30 Minuten angesteuert. Kostenpunkt für alles zusammen: fünf bis sechs Milliarden Euro.

ÖPNV ist derzeit ein teures Zuschussgeschäft

Angesichts solcher Summen mag man sich fragen: Wo fließt denn all dieses Geld bloß hin? Man fängt schließlich nicht bei null an; Schienen und Züge sind ja grundsätzlich vorhanden. Die Antwort ist sehr grundsätzlich, sagt Jan Schilling vom Verband deutscher Verkehrsunternehmen: "ÖPNV ist ein sehr personalintensives Geschäft. Steigende Löhne schlagen sich auf der Kostenseite nieder. Steigende Energiepreise spielen natürlich auch eine Rolle. Und wenn man mehr Angebote umsetzen möchte, braucht man noch mehr Personal, mehr Energie, aber auch, vor allem, Fahrzeuge und Infrastruktur." All das will finanziert werden. Die Fahrpreise allerdings spielen die Kosten nur zur Hälfte wieder rein.

So hatte der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg 2019 1,5 Milliarden Euro Einnahmen. Das entsprach aber nur 47 Prozent der Ausgaben. Der Rest, 53 Prozent, waren staatliche Zuschüsse. Im deutschen ÖPNV ist das eine übliche Mischkalkulation. Andere europäische Länder lassen sich ihren Nahverkehr sogar noch viel mehr kosten. Der Bund gibt an sich schon sehr viel Geld für den öffentlichen Nahverkehr hinzu: jedes Jahr bekommen die 16 Bundesländer rund 9 Milliarden Euro, mit einer jährlich verabredeten Steigerung von 1,8 Prozent. Hinzu kommen die sogenannten "Regionalisierungsmittel", sie sind allein für den Schienenverkehr. Allein in Jahr 2021 waren das insgesamt 10 Milliarden Euro.

Der Bund muss wohl die Taschen weiter auf machen

Dennoch werden die Verkehrsminister der Länder für den Ausbau ihres Schienenangebots zusätzliches Geld vom Bund verlangen, das haben sie schon vor Wochen angekündigt. Beim Verband deutscher Verkehrsunternehmen heißt es dazu: Deutschland müsse in der Tat die Taschen weiter aufmachen. ÖPNV-Geschäftsführer Jan Schilling rechnet vor: "Wir geben heute insgesamt etwa 120 Euro pro Einwohner und Jahr für den ÖPNV aus. Die Schweiz gibt allein 400 Euro pro Einwohner nur für die Schieneninfrastruktur im Eisenbahnverkehr aus."

Deutschland also ist zurückgefallen, meint der Fachmann vom VDV. Ohne mehr Geld und Anstrengungen könne der deutsche ÖPNV aber nicht mehr Fahrgäste anlocken – und Deutschland insgesamt seine Klimaschutzziele nicht erfüllen.

 

Sendung: Inforadio, 23.02.2022, 6 Uhr

112 Kommentare

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  1. 112.

    Ich wusste noch gar nicht, dass das Durchschnittseinkommen der Schweiz mehr als drei Mal so hoch ist wie in Deutschland. Ich dachte immer, dass BIP/Kopf (KKP) in der Schweiz etwas über $70.000 und in Deutschland etwas über $50.000 ist, also nichtmal 50% mehr, statt mehr als das Dreifache Auch ist mir neu, dass Botswana für seinen gut funktionierenden ÖPNV bekannt ist.

  2. 111.

    Da haben Sie den Artikel vom RBB wohl nicht aufmerksam genug gelesen. Radfahren hat einen positiven Effekt für die Volkswirtschaft, steht da drin. Mit anderen Worten: Jeder Radelkilometer spart der Gesellschaft aktiv Geld. Nach einer Fahrradsteuer zur "fairen" Kostenverteilung zu rufen ist widersinnig, weil die Steuer mehr Kosten verursacht als sie Einnahmen generiert. Eher sollte den Radfahrern Geld gezahlt werden, damit mehr Menschen aufs Rad umsteigen.

  3. 110.

    " es wäre an der Zeit eine Fahrradsteuer einzuführen "

    Ich habe von Ihnen auch schon mal Sinnvollere Kommentare gelesen aber das ist doch wohl nicht Ihr ernst oder !!??

  4. 109.

    Sie wissen gar nichts...und das Sie ein Hasser von Autos sind ist mir bekannt. Aber vielleicht sollten Sie mal Kommentare nicht nur überfliegen sondern auch lesen.
    In diesem Sinne auch Ihnen einen schönen Abend:-)

  5. 108.

    Immer diese dummen Vergleiche mit nicht vergleichbaren Ländern. 400 Euro kann auch hier von jedem ausgegeben werden, das Einkommen ist halt nicht annähernd wie in der Schweiz um dies zu realisieren.
    Wie sieht es denn eigentlich in Botswana oder Bangla Desh aus? Nur so zum Vergleich. Mann oh Mann!

  6. 107.

    Mein nächster Supermarkt ist leider 12 km entfernt. Super erreichbar ohne Auto.

  7. 106.

    Hahaha, noch so ein allwissender Weltverbesserer:-)

  8. 105.

    Ein langer Artikel über "wir müssen" und "wir brauchen" und Verweisen auf ein ja offenbar schon längst beschlossenes und bekanntes Ausbauprojekt - und alles nur, damit die Verkehrsbetriebe zum Schluss ihre Forderung nach mehr Geld loswerden können.
    Und selbst dazu heißt es "das haben sie schon vor Wochen angekündigt".
    Ich bin also nach diesem langen Artikel eigentlich genauso schlau wie vorher...

  9. 104.

    Ich kann das mit dem Zuschußgeschäft ÖPNV nicht mehr hören. Was kostete z. B.der Abbruch der Tram in Westberlin zu Lasten der Fahrgäste, der Bilanz der BVG,zu Gunsten des Autoverkehrs.Was sind die Gesamtkosten einschließlich Umleitung auch bezüglich der Gesundheit der betroffenen Bevölkerung der einstürzenden Brücken im Sauerland weil man eben keine Güter auf der einst vorhandenen Schiene fährt sondern selbst DB Schenker auf der Straße selbst wo noch Schienen liegen..Da spielt Geld keine Rolle.

  10. 103.

    Warum kann man eigentlich bei jeden thread zum Thema Verkehr darauf warten, dass ein Radfahrerhasser auftaucht und die immer wieder gleiche dumme Forderung erhebt?

  11. 102.

    Die Leute die sowas behaupten sind keine Klimatologen, sondern Politiker und Aktivisten. Und selbst den unwahrscheinlichen Fall unterstellt sie hätten Recht, würde daraus nicht folgen dass man durch Bau einer S-Bahn schönes Wetter herstellen kann. Es wird immer Unwetter geben.

  12. 101.

    Ob es nun kontraproduktiv ist oder nicht, es war meinerseits ein Vorschlag die Kosten gerechter zu verteilen. Das es so nicht kommt und auch die KfZ Steuer nicht drastisch erhöht wird, ich glaube das wissen wir beide....:-)

  13. 100.

    Mehr wollte ich damit auch gar nicht sagen.
    m.M. bedarf es bei einer solchen Diskussion mehr als nur der Austausch persönlicher Erfahrungen, die dann als Beweis des Machbaren für Alle gelten sollen.
    Des Weiteren halte ich auch nichts davon die Leute mittels Verbote und Zwang zu einem Umdenken bewegen zu können.
    Nachhaltig wird sich nur was durch eine persönliche Überzeugung ändern und dafür bedarf es a) Aufklärung und b) die Schaffung von gewissen Strukturen/Voraussetzungen

  14. 99.

    Ja gut. Und wer schonmal von einem Auto angefahren wurde hat halt Angst auf der Straße. Das ist ganz natürlich, man darf aus persönlichen Erfahrungen keine Basis für Politik machen. Da müssen schon etwas belastbarere Datengrundlagen her.

  15. 98.

    Na wenn Sie den Bericht kennen und trotzdem eine Fahrradsteuer fordern lohnt es sich vielleicht doch nochmal drüberzulesen. Da wird ja erklärt warum eine Fahrradsteuer kontraproduktiv wäre.

  16. 97.

    Autsch.. zitieren Sie mich bitte, wo ich Ihnen das Recht abspreche Ihre eigene Meinung zu äußern.
    Ich traf lediglich die Aussage, dass man von einer persönlichen Erfahrung nicht auf die Allgemeinheit schließen sollte und habe dazu ein etwas überspitztes Bsp angebracht.

  17. 96.

    Au weia, ich darf also keine persönlichen Erfahrungen teilen, Sie aber schon. Alles klar. Im Übrigen habe ich niemandem das eigene Auto abgesprochen sondern mur gezeigt, dass es auch ohne geht.

  18. 95.

    Nein, eine selbst erfahrene Wahrheit.
    Mir ging es auch nicht um eine bewiesene Statistik, sondern um persönliche Erfahrungen.
    Und die reicht mir aus um mich in gewissen Situationen bewusst gegen die Öffis zu entscheiden.
    Wer damit bisher noch nie in Berührung gekommen ist, obwohl er täglich und insbesondere zu jeder Tages und Nachtzeit die Bahn nutzt, kann froh sein. Und das meine ich wirklich ernst.

  19. 94.

    Worauf ich hinaus möchte, vllt sollten Sie nicht immer von einer persönlichen Erfahrung auf andere schließen.
    Nur weil Sie alles mit der Bahn erledigen können, muss das nicht auch auf andere zutreffen.
    Es gibt auch Leute, die sich bewusst für ein Leben auf der Straße, Wildnis etc entscheiden oder sowas wie eine Wohnung/Haus und Besitz generell für nicht nötig empfinden.
    Dann müsste das ja auch für Sie machbar sein. Für die Umwelt und Klima wäre das das Beste

  20. 93.

    Ich habe nicht gefragt warum es keine Fahrradsteuer gibt, den Bericht kenne ich. Ich habe gesagt, es wäre an der Zeit eine Fahrradsteuer einzuführen.
    Dazu die KfZ Steuer und der ÖPNV ist gerettet.

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