Interview | Schwangerschaftsabbrüche - "Der Paragraf 218 sollte auch endlich fallen"

So 13.03.22 | 11:08 Uhr | Von Josefine Janert
Archivbild: Protest gegen 150 Jahre Paragraph 218 im Strafgesetzbuch. (Quelle: imago images/C. Ditsch)
Bild: imago images/C. Ditsch

Der Paragraf 219a, der Werbung für Schwangerschaftsabbrüche verbietet, soll abgeschafft werden. Doch für die Psychologin Sabrina Odebrecht ist es damit nicht getan. Sie sagt: Paragraf 218 muss ebenfalls weg. Von Josefine Janert

Die Bundesregierung will einen Paragrafen streichen, der Werbung für Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellt: § 219a. Die Berliner Psychologin und Beraterin Sabrina Odebrecht arbeitet in der Schwangerschaftsberatungsstelle "Balance" in Berlin-Lichtenberg. Sie fordert einen stärkeren Schutz der Frauen und lenkt den Blick auf weitere fragliche strafgesetzliche Einschränkungen für Schwangerschaftsabbrüche.

rbb24: Frau Odebrecht, das Kabinett hat am 9. März einem Gesetzesentwurf von Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) zugestimmt. Er will den Paragrafen 219a, der Werbung für Schwangerschaftsabbrüche verbietet, aus dem Strafgesetzbuch streichen. Jetzt müssen noch Bundesrat und Bundestag zustimmen. Was sagen Sie dazu?

Sabrina Odebrecht: Ich bin erfreut. Der Paragraf 219a verhindert bislang, dass sich Frauen auf den Websites von Gynäkolog:innen darüber informieren können, mit welcher Methode diese eine Abtreibung vornehmen. Und wie so ein Schwangerschaftsabbruch abläuft. Unsere Beratungen zeigen, dass viele Klientinnen das nicht wissen oder sogar falsch informiert sind.

Der Paragraf 219a ist doch erst 2019 reformiert worden. Ärzte durften seitdem zum Beispiel auf ihre Homepages schreiben, dass sie den Eingriff überhaupt anbieten. Warum reichte das nicht?

Schon 2018 hatte die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung eine Liste mit den Namen von Ärzt:innen veröffentlicht, die Abtreibungen durchführen. Ein mutiger Schritt, für den die damalige Senatorin Dilek Kalayci (SPD) massiv angefeindet wurde. Doch diese Liste ist bis heute unvollständig und nicht nutzerinnenfreundlich. Und so müssen die Frauen mühsam nach einer passenden Praxis suchen.

Viele Ärzt:innen trauen sich nicht öffentlich zu machen, dass sie auch zu Abtreibungen bereit sind. Sie fürchten, verklagt zu werden oder Besuch von sogenannten Lebensschützern zu bekommen. Diese Leute sprechen die Patientinnen auf dem Gehweg vor den Praxen an, drücken ihnen ungebeten Zettel und religiöse Schriften in die Hände. Während Ärzt:innen auf ihren Homepages nicht ausführlich informieren dürfen, verbreiten die sogenannten Lebensschützer:innen Angaben über den Eingriff, die auch nicht immer stimmen. Auch deshalb muss der Paragraf 219a weg.

Waren die sogenannten Lebensschützer:innen auch mal bei Ihnen?

Leider ja, im vergangenen Jahr sogar an drei Tagen. Ich finde es unerträglich, dass Frauen in dieser schwierigen Situation mit Bildern von Föten belästigt und unter Druck gesetzt werden. Und nicht nur sie. In unsere Beratung kommen ja auch viele Frauen, die schwanger bleiben wollen und die ebenfalls angesprochen wurden. Wir beraten auch zu sozialen und finanziellen Fragen, zu Elternschaft und vielem mehr. Rund 40 Prozent unserer Klient:innen haben übrigens einen Migrationshintergrund. Viele bringen eine Freundin mit, zur Unterstützung und zum Übersetzen.

Warum wollen die Frauen, die zu Ihnen kommen, überhaupt ihre Schwangerschaft abbrechen lassen?

Häufig nennen sie als Grund Probleme in der Partnerschaft. Sie leben in Trennung, der Partner ist gewalttätig. Der Mann war ein One-Night-Stand, von dem sie auf keinen Fall ein Kind möchten. Oder sie stecken in einer schwierigen Lebenssituation, haben Geldsorgen oder beides: Können sie mit einem Säugling ihren derzeitigen Job weiter ausüben? Sie haben schon ein Kind, sind alleinerziehend – reicht das Geld noch für ein weiteres? Würden sie mit dem Baby eine größere Wohnung finden?

Es gibt noch viele weitere Überlegungen – etwa bei Frauen, die mit 42 Jahren ihre Familiengründungsphase längst abgeschlossen hatten, die Frage der Gesundheit des Fötus oder eine Erkrankung der Frau. Andere wollen zwar ein Kind, aber nicht jetzt, da sie mitten in der Ausbildung stecken.

Wie läuft so eine Beratung ab?

Der Schwangerschaftsabbruch ist ja laut Paragraph 218 nach wie vor rechtswidrig, aber nicht strafbar, wenn die Frau zuvor eine anerkannte Beratungsstelle aufgesucht hat. Das sind wir. Mit mir beraten vier Kolleginnen. Wir sind weder weltanschaulich noch religiös gebunden, so dass die Frauen mit uns offen über alles sprechen können, auch anonym. Das Gespräch ist ergebnisoffen. Dann stellen wir eine Bescheinigung aus, dass die Frauen die gesetzlich vorgeschriebene Beratung in Anspruch genommen haben. Nach einer Wartezeit von drei Tagen dürfen sie den Eingriff vornehmen lassen. Ob sie sich letztlich dafür entscheiden, erfahren wir nicht.

Portrait Sabrina Oderbrecht. (Quelle: privat)
Sabrina Odebrecht | Bild: privat

Die sogenannten Lebensschützer und einige Kirchenvertreter behaupten, dass Frauen leichtfertig abtreiben würden, wenn auch der Paragraf 218 gestrichen werden würde. Was sagen Sie dazu?

Unsinn! Dass Frauen nicht mehr verhüten würden, wenn über Schwangerschaftsabbrüche mehr informiert würde oder diese nicht mehr strafrechtlich bewehrt wären, das stimmt so nicht. Die medizinischen Prozeduren, die sie bei einem Schwangerschaftsabbruch auf sich nehmen müssen, sind kein Zuckerschlecken. Das zeigt sich schon daran, dass selten eine Klientin ein zweites Mal mit einer ungewollten Schwangerschaft bei uns anruft.

Ich finde es übrigens richtig, Frauen vor einem Abbruch eine Beratung anzubieten. Allerdings sollten sie selbst entscheiden dürfen, ob sie das annehmen. Den Eingriff prinzipiell unter Strafe zu stellen, Frauen und Ärztinnen zu kriminalisieren und zu ängstigen – das halte ich für falsch. Deshalb sollte endlich auch der Paragraf 218 fallen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Josefine Janert für den rbb. Bei diesem Text handelt es sich um eine gekürzte und redigierte Fassung.

Beitrag von Josefine Janert

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