Geflüchtete am BER - Wie eine Familie den Flughafengewahrsam erlebte

Sa 26.03.22 | 15:51 Uhr | Von Anna Bordel
  4
Geflüchtete (Quelle: rbb/Anna Bordel)
Bild: rbb/Anna Bordel

Im Sommer 2021 flieht eine kurdische Familie vor Verfolgung in der Türkei nach Deutschland. Doch die Bundespolizei verweigert ihnen die Einreise. Vier Wochen sitzen sie mit Kindern im Flughafengewahrsam des BER. Von Anna Bordel

Anisa lächelt, es ist das einzige Mal an diesem Tag. Sie zeigt ihre Finger der linken Hand. Auf jedem ist ein Buchstabe des Vornamens ihres Mannes tätowiert. "Das habe ich gemacht, nachdem er 2006 in Istanbul fast zu Tode misshandelt wurde, aber zu mir zurückkam", sagt Anisa.

Sie und ihre Familie waren in der kurdischen Partei HDP politisch aktiv. Nachdem die Bedrohung durch die türkische Polizei immer mehr zunahm, haben sie im Juli 2021 die Türkei verlassen und sind am BER in Brandenburg angekommen. Zunächst kamen sie für vier Wochen im Flughafengewahrsam.

Gegen ihre geplante Abschiebung, reichte ihre Anwältin Klage ein, das Urteil steht noch aus. Mittlerweile ist die Familie in Berlin im Kirchenasyl. Anisas wirklicher Name und ihr Aufenthaltsort sind der Redaktion bekannt, werden aber zum Schutz der Familie nicht veröffentlicht. Die Informationen dieser Geschichte beruhen auf den Erzählungen Anisas und konnten zum größten Teil nicht unabhängig überprüft werden.

Anisa und ihre Familie reisen ohne gültige Papiere an

Am geplanten Ein- und Ausreisezentrum des Flughafens BER soll sich die Zahl der Plätze im Flughafengewahrsam verdreifachen. Das teilte Olaf Jansen, Leiter der Zentralen Ausländerbehörde in Eisenhüttenstadt dem rbb unlängst mit. Im Flughafengewahrsam befinden sich jene Menschen, die keine oder falsche Ausweisdokumente vorzeigen. Anisa und ihre Familie sind im Sommer ohne gültige Papiere angereist, wie auch Jansen bestätigte.

Im Flughafengewahrsam bleiben die Menschen so lange, bis ein Gericht geprüft hat, ob ihre Asylabsicht berechtigt ist. Im Fall von Anisa und ihrer Familie hielt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ihre Absicht für unbegründet.

Anisa, ihr Mann und ihre fünf Kinder - ein siebenjähriger Junge und vier Teenager - fassten im Frühsommer 2021 in Istanbul mit einem Schleuser den Plan, mit dem Flugzeug über Odessa, dann über Kiew in der Ukraine weiter nach Deutschland zu reisen.

"Die Polizei wollte uns direkt wieder in die Türkei schicken, als wir aus dem Flugzeug gestiegen sind. Obwohl ich ihnen gesagt habe, dass wir politisch Verfolgte sind. Dass ich es nicht schaffen würde zurück", erzählt Anisa. Ihre Stimme ist beim Erzählen klar und energisch, ihre Hände sind unruhig, sie knibbelt an ihrer Nagelhaut, die gelb ist vom Tabakdrehen.

Anisa: "Vier Wochen fühlten sich an wie 10 Jahre"

Das Personal habe sie und ihre Familie während ihrer Zeit im Flughafengewahrsam schlecht behandelt. Das Essen sei ein Problem gewesen: die Lebensmittel hätten schlecht gerochen und schienen wie abgelaufene Produkte zu sein, die "keiner essen könne". Der jüngste Sohn sei von dem Essen krank geworden.

Als sie nach Toast für ihren Sohn fragten, sei ihnen der noch gefrorene Toast entgegen geschleudert worden, erzählt Anisa. Sie habe sich mit der ständig drohenden Abschiebung sehr unter Druck gesetzt gefühlt. "Die vier Wochen fühlten sich an wie 10 Jahre". Doch einen Menschen gab es, der ihnen geholfen habe. "Emanuel von der Kirche kam, hat extra Essen gebracht und uns eine Anwältin organisiert", erzählt Anisa. Emanuel ist ehrenamtliches Mitglied des Jesuit Refugee Service, auch sein Name wurde geändert, ist der Redaktion aber bekannt.

Seelsorge im Flughafengewahrsam

Das Büro in Berlin hat die Vereinbarung mit der Zentralen Ausländerbehörde, für Menschen im Flughafen- und Abschiebegewahrsam Seelsorge zu leisten. Ein paar Mal im Quartal seien sie im Moment vor Ort, sagt Stephan Keßler, stellvertretender Direktor des Refugee Services. Die Menschen dort seien "oft irrsinnig hilflos", sie hätten "überhaupt keinen Plan, was passiert, wer da was macht" und eine wahnsinnige Angst vor Abschiebung.

Für Familien sei das besonders schwer, da eben auch die Kinder eingesperrt seien und die Eltern versuchen müssten, ihre Hilflosigkeit vor ihnen zu verbergen. Mitarbeiter des Jesuit Refugee Services würden in erster Linie zuhören. Anisa und ihrer Familie habe man im Sommer auch Essen gebracht, bestätigt Keßler. Das hatte seines Erachtens aber nichts mit der Menge oder der Qualität des Essens in der Unterkunft zu tun, sondern vielmehr damit, dass für kurdische Menschen deutsches Essen nicht vertraut ist.

Anwältin muss durch einen Zaun mit ihrer Mandantin sprechen

Als der Tag für die Abschiebung feststand, hielt Anisa dem Druck nicht mehr stand. "Am Abend davor habe ich neun Tabletten Olanzapin genommen", erzählt sie - Medikamente, die ihr Mann wegen psychischer Probleme einnimmt. Danach ist sie in einem Krankenhaus aufgewacht. "Die Polizei kam zu mir und hat gesagt, ich müsse mitkommen, wieder zurück in den Abschiebegewahrsam. Ich wollte nicht, ich habe mich zu schwach gefühlt. Als sie mir sagten, wir schieben deinen Mann und deine Kinder ab, bin ich mitgekommen".

Cana Mungan ist die Anwältin, die Anisa und ihre Familie im Flughafengewahrsam begleitet hat. Flughafenverfahren seien "sehr kräftezehrende und emotionsgeladene Verfahren – sowohl für die Betroffenen im Gewahrsam, als auch für ihren rechtlichen Beistand", sagt sie.

Erschwert wird die Arbeit der Rechtsanwältin durch den begrenzten Zugang zu den betroffenen Menschen. "Um mit ihnen persönlich sprechen zu können, musste ich vorher einen Termin machen", so Mungan. Ein Mal hat sie das Personal für eine Terminvereinbarung nicht erreicht und musste sich deswegen durch den Sicherheitszaun hindruch mit der Familie besprechen.

Anwältin muss durch Sicherheitszaun mit Mandantin sprechen

Die Anwältin stellte mehrere Eilanträge an das Verwaltungsgericht in Potsdam. Diese Schriftsätze liegen rbb|24 vor. Darin ist mehr über die Fluchtgründe der Familie zu erfahren. Anisas Mann hatte sich bis zur seiner Misshandlung 2006 in den kurdischen Vorgängerparteien der HDP engagiert. Als er das Parteibüro an einem Abend verließ, wurde er von der Polizei angehalten und brutal zusammengeschlagen, heißt es in dem Antrag. Nach diesem Vorfall sei er schwer traumatisiert gewesen, "ein anderer Mensch", so erzählt es Anisa.

Als auch Anisas älteste Tochter mehrfach von der türkischen Polizei bedroht wird, entschließt sich die Familie schließlich das Land zu verlassen. "Wann immer meine Kinder, besonders meine älteste Tochter, in Istanbul das Haus verließen war ich in großer Angst um ihr Leben. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie ein anderes Leben haben als ich. Und dass mein Mann wieder stabil wird. Für mich habe ich keine Wünsche", sagt Anisa, die bereits in ihrer Kindheit die Verfolgung ihrer Eltern durch türkisches Militär erlebt hat, wie sie erzählt.

Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie ein anderes Leben haben als ich. Und dass mein Mann wieder stabil wird. Für mich habe ich keine Wünsche.

Anisa

Berliner Gemeinde nimmt Familie in Kirchenasyl auf

Nach 30 Tagen Aufenthalt im Flughafengewahrsam benötigt die Bundespolizei eine richterliche Anordnung, um die Familie länger dort zu behalten. Das Amtsgericht Königs Wusterhausen erteilte diese nicht. In dem Beschluss, der rbb|24 ebenfalls vorliegt, heißt es, dass der weitere Verbleib der Familie im Flughafengewahrsam nicht "verhältnismäßig" sei. Grund dafür sei vor allem die psychische Verfassung des Ehepaares und dass eine Kindeswohl gerechte Unterbringung im Transitgewahrsam nicht gewährleistet sei. Somit reiste die Familie am 13. August schließlich nach Brandenburg ein.

Nur wenige Wochen später gewährte eine Berliner Gemeinde der Familie im Kirchenasyl Schutz. Kirchenasyl ist der Versuch einer Gemeinde, Geflüchteten Zeit zu verschaffen, dass ihre Situation von Ämtern und Gerichten erneut überprüft wird, bevor sie abgeschoben werden. Das Kirchenasyl richtet sich an jene Menschen, denen durch eine Abschiebung Gefahren für ihr Leben oder ihre Freiheit drohen oder für die mit einer Abschiebung nicht hinnehmbare Härten verbunden sind. Für die Gemeinde in Berlin, die Anisa aufnahm, war sofort klar, dass dies bei ihrer Familie der Fall ist.

Urteil über Bleiberecht fällt vermutlich erst in zwei Jahren

Ob Anisa und ihre Familie bleiben dürfen entscheidet das Gericht laut des aktuellen Anwalts der Familie, Adrian Furtwängler, voraussichtlich erst in zwei Jahren. "Die Bleibeperspektiven sind allerdings nicht sehr gut", sagt er. Einzig "eine Neubeurteilung der psychischen Gesundheit und die Gefahr der Retraumatisierung bei einer Rückkehr in Türkei" hätten noch die Chance, an der Abschiebeentscheidung etwas zu drehen. Das Gutachten dafür wird gerade erstellt.

Maßgeblich für die Bleibeperspektiven ist auch die Entwicklung der Kinder. Eine nachhaltige Integration kann Grundlage einer Aufenthaltserlaubnis sein, so Furtwängler. Der jüngste Sohn wurde im vergangenen November eingeschult. Auch die Teenager gehen seit einigen Wochen in die Willkommensklasse eines Oberstufenzentrums.

Die Erinnerungen an das Flughafengewahrsam sind der Familie noch sehr präsent. Die Wohnung im Kirchenasyl und die ersten Integrationsschritte der Kinder lassen sie aber seit einige Monaten etwas zur Ruhe kommen und Hoffnung für die Zukunft schöpfen - zumindest kurzfristig.

Beitrag von Anna Bordel

4 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 4.

    Warum sind die jetzt nicht gleich wieder abgeschoben worden, wenn kein Anspruch besteht. Dann hätte man sich das alles sparen können. Die Art und Weise am Flughafen geht absolut nicht in Ordnung, aber begründete Ablehnung innerhalb von 48 Stunden und diese Entscheidung muss dann auch durchgesetzt werden.

  2. 3.

    Nur gut, dass die Kirche helfen konnte. Sonst kann man sich nur für Deutschland schämen.

  3. 2.

    Was in Deutschland möglich ist, was man sonst nur aus 3. Welt Ländern kennt, ist wirklich erbärmlich.

  4. 1.

    Abgesehen von dem Schicksal der Familie im Speziellen...
    30 Tage in Flughafengewahrsam sind anscheinend kein Problem für das Kindeswohl... Unfassbar, ich schäme mich dafür, dass Kinder auf einem Flughafen eingesperrt werden... Was für eine kranke Sache...

    Liebe Grüße aus der stationären Kinder- und Jugendhilfe, Sicherung von Kindeswohl ist meine tägliche Arbeit.

Nächster Artikel