Im Alter von 99 Jahren - Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron gestorben

Mi 09.03.22 | 14:04 Uhr | Von Sigrid Hoff
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Inge Deutschkron (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Video: Abendschau | 09.03.2022 | Heike Schüler | Bild: dpa/Paul Zinken

In ihrem Buch "Ich trug den gelben Stern" erzählte Inge Deutschkron vom Überleben in der Illegalität in Berlin. Sie wurde nie müde, junge Menschen zu ermuntern, gegen Aus- grenzung einzutreten. Jetzt ist sie im Alter von 99 Jahren gestorben. Von Sigrid Hoff

Die Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron ist tot. Die Berliner Ehrenbürgerin starb am Mittwoch im Alter von 99 Jahren, wie der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Dennis Buchner (SPD), mitteilte.

Wer Inge Deutschkron begegnete, war fasziniert: Ein wacher Geist, eine kräftige Portion Witz und Humor und vor allem ein unermüdliches Engagement gegen rechtes Gedankengut zeichneten sie aus.

Elegant gekleidet, sorgfältig frisiert und geschminkt – so trat sie bis ins hohe Alter auf. Wenn sie sprach, war unverkennbar, woher sie kam: "Ich ging in eine Berliner Schule und wurde richtig eine Berlinerin mit aller Frechheit, ne Jöre, wie man zu sagen pflegte." Ihre Mutter sei immer ganz unglücklich gewesen, sagte Deutschkron. Und mit ihrer Befürchtung, dass das Kind nie hochdeutsch lernen würde, habe sie ja auch Recht behalten.

Während der letzten drei Jahrzehnte, seit dem Erscheinen ihres Buches "Ich trug den gelben Stern", war Inge Deutschkron eine gefragte Zeitzeugin und Gesprächspartnerin. Niemand hat so lebendig und eindrücklich die anfänglichen Diffamierungen, die zunehmende Ausgrenzung und schließlich die Zeit des Überlebens in der Illegalität beschrieben wie sie.

Die Nazizeit überlebte sie in der Illegalität

Geboren als Tochter eines Studienrats 1922 in Finsterwalde in Brandenburg wuchs Inge Deutschkron am Prenzlauer Berg auf. Die Eltern waren als engagierte Sozialdemokraten schon damals Zielscheibe von Angriffen der Nazis. Lange glaubten sie, der braune Spuk würde bald verschwinden. Bis zum Novemberpogrom 1938. Als der Vater nur knapp der Verhaftung durch die Gestapo entging. Noch im Frühjahr 1939 gelang ihm die Flucht nach England. Frau und Tochter sollten folgen. Der Kriegsbeginn machte diese Pläne zunichte.

Als ihnen 1943 die Deportation drohte, musste Inge Deutschkron mit ihrer Mutter untertauchen. Elf Verstecke erinnert sie, rund 20 Menschen halfen, die Nazizeit in der Illegalität zu überleben. Sie wird nicht müde, ihre Namen zu nennen – allen voran den von Otto Weidt, einem Bürstenfabrikanten, bei dem sie Anfang der 40er Jahre Arbeit fand. Er war Pazifist und Nazigegner und half zahlreichen Juden zu überleben.

Sie nannten ihn "Papa Weidt"

Mit Sorgen und Problemen seien sie immer zu "Papa Weidt" gegangen, wie sie ihn nannten. Das Wichtigste aber sei die freundschaftliche und familiäre Atmosphäre gewesen, die Weidt geschaffen habe. Das sei großartig gewesen in dieser Zeit, in der man Juden wie Verbrecher und Kriminelle behandelt habe: "Das war sehr wichtig, das hat unsere Selbstachtung gestärkt. Das sage ich immer, und ich halte das auch für wahr. Das bedeutet etwas."

Inge Deutschkron sorgte dafür, dass Otto Weidt in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als ein Gerechter unter den Völkern geehrt wurde. In Berlin ließ sie Gedenktafeln für ihre stillen Helden anbringen und sorgte dafür, dass sie im Gedächtnis der Stadt bleiben.

In Berlin fühlte sie sich am meisten zu Hause

Berlin ist für Inge Deutschkron nach vielen Jahren in Israel erst spät wieder eine Heimat geworden. Häufig beobachtete sie in Deutschland Antisemitismus im Alltag. An der Spree fühlte sie sich dennoch am meisten zu Hause – bis zuletzt.

In keiner anderen Stadt seien damals so viele Juden gerettet worden, sagt sie: "Sie können immer noch sagen, es waren wenige, aber 1.700 ist schon nicht unerheblich. Und 1.700 Leute, die sich wirklich in Gefahr gebracht haben durch uns, das vergesse ich nicht. Und das ist der Geist, der mir hier entgegenkommt, und der mir auch entgegenkommt von den Schülern, von den Kindern, nicht wahr, die wissen wollen. Das haben wir in keiner anderen Stadt so wie hier."

Den Bundesverdienstorden wollte sie nicht

Inge Deutschkron wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, nur den Bundesverdienstorden, der ihr angetragen wurde, lehnte sie ab – weil ihn, so sagte sie, zu viele alte Nazis erhalten hätten.

2018 erhielt sie die Ehrenbürgerwürde der Stadt – als Dank für ihren unermüdlichen Kampf gegen das Vergessen. Mit dem Tod von Inge Deutschkron verliert Berlin eine mahnende Stimme, die immer wieder gegen Diskriminierungen eintrat. Und eine Zeitzeugin, die nach all dem Schrecklichen, das ihr widerfuhr, nie ihren Humor verlor und die Überzeugung, dass Solidarität mit Unterdrückten auch in schwierigen Zeiten möglich ist.

Beitrag von Sigrid Hoff

8 Kommentare

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  1. 8.

    Ich bin traurig wir drücken nicht vergessen

  2. 7.

    Meinen größten Respekt. Sie hat so viel Gutes getan, obwohl sie soviel schlechtes erfahren musste.
    Die Welt verliert eine große Persönlichkeit im Kampf gegen Hass, Rassismus und Antisemitismus. Ruhen Sie in Frieden Frau Deutschkron.

  3. 6.

    Frau Deutschkron war eine sehr herzliche und beeindruckende Person. Sie hat Berlin reicher gemacht.

  4. 5.

    Danke für Ihr Engagement gegen rechtes Gedankengut.

  5. 4.

    Ein großer Verlust nicht nur für Berlin. Sie war eine unermüdliche Kämpferin gegen Rechts und die gedankenlose Dummheit der Welt. Möge sie in Frieden ruhen.

  6. 3.

    Eine großartige Frau ist für immer gegangen. Bye, Bye und RIP

  7. 2.

    Schade, die 100 hätte sie noch knacken und es den Nazis zeigen können. Aufrecht, gebiLdet, gut gekLeidet....

  8. 1.

    Mit Inge Deutschkron ist eine wichtige Stimme gegen das Vergessen für immer verstummt. Leider mußte sie miterleben wie wieder Rechtsextremisten, Neonazis und Faschisten in deutschen Parlamenten sitzen.

    Ich habe Inge Deutschkron viel zu verdanken, nicht nur weil ich ihre Bücher lesen durfte. Auch wenn " Ich trug den gelben Stern" ihr bekanntestes Werk war hat mich persönlich " Sie blieben im Schatten: Ein Denkmal für „stille Helden“." am meisten beeindruckt.

    Es waren eben nicht alle Mitläufer, wie uns hier einige weismachen wollen.

    Danke Frau Deutschkron, ohne sie wäre die Welt ärmer gewesen.

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