Interview | Tag der Roma - "Antiziganismus ist jetzt stark salonfähig geworden"

Fr 08.04.22 | 14:10 Uhr
Besucher:innen stehen an dem Teich auf dem Gelände der Gedenkstätte für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Tiergarten (Bild: dpa/Paul Zinken)
Bild: dpa/Paul Zinken

Übergriffe gegen Sinti und Roma in Berlin nehmen zu. Ein Grund dafür ist die Corona-Pandemie, wie Valerie Laukat von Amaro Foro sagt. Der Berliner Jugendverband setzt sich nicht nur am Tag der Roma (8. April) für gleichberechtigte Teilhabe ein.

Der sogenannte Tag der Roma am 8. April erinnert an den ersten Welt-Roma Kongress vor über 50 Jahren. Seither kämpfen Sinti und Roma weltweit – für soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Dieses Interview mit Valerie Laukat vom Jugendverband Amaro Foro hatten wir zuerst Ende März dieses Jahres veröffentlicht.

rbb|24: Hallo Frau Laukat, Berlin verzeichnet mehr antiziganistische Übergriffe. Was genau ist Antiziganismus?

Valerie Laukat: Wir von Amaro Foro [Berliner Jugendverband für Roma und Nicht-Roma] definieren Antiziganismus als Rassismus gegen Sinti:zze und Rom:nja, beziehungsweise gegen Menschen, die als solche gelesen werden. Es passiert nämlich auch, dass Nicht-Rom:nja und Sinti:zze von Antiziganismus betroffen sind. Antiziganismus baut auf sehr stereotypisierenden, menschenfeindlichen Klischees auf. Da steckt ja auch das "Z"-Wort, das die rassistische Fremdbezeichnung spiegelt, drin. Vielfach geht es beim Antiziganismus um negative Zuschreibungen wie Armut und Kriminalität.

Es reicht also, dass Angreifer jemanden als Roma interpretieren?

Genau. Da geht es um die spannende Frage, wie Außenstehende andere Menschen "lesen". Nicht jeder sagt ja immerzu, welcher ethnischen Minderheit er oder sie angehört. In unsere Anlaufstelle kommen viele Menschen, die aus Rumänien und Bulgarien zugewandert sind. Ob sie sich der Minderheit zugehörig fühlen, ist für unsere Arbeit nicht relevant. Wir haben aber auch Fälle dokumentiert, in denen Menschen aus Ägypten oder der Türkei antiziganistische Anfeindungen erlebt haben. Das passiert zum Beispiel aufgrund äußerer Erscheinungsmerkmale.

Um welche Art von Übergriffen handelt es sich?

Wir unterteilen die Vorfälle in verschiedene Lebensbereiche. Da gibt es die Rubriken Alltag und öffentlicher Raum, Kontakt zu Leistungsbehörden, Bildung, Arbeitswelt, Zugang zu Wohnraum und Zugang zu medizinischer Versorgung. Es geht also um institutionelle Ausgrenzung und um Bereiche des öffentlichen Lebens.

Seit 2014, seit unser Projekt besteht, haben wir die meisten Fälle im Bereich Kontakt zu Leistungsbehörden dokumentiert. Das hängt auch damit zusammen, dass unsere Sozialarbeiter:innen in der Anlaufstelle in Charlottenburg Betroffene beispielsweise bei der Antragstellung unterstützen. Es sind also auch viele Fälle aus unserer eigenen Arbeit in der Dokumentation.

2021 war aber neu, dass wir noch mehr Fälle im Bereich Alltag und öffentlicher Raum hatten – da fällt auch Antiziganismus im Internet darunter. Denn die Corona-Pandemie hat nicht nur unsere Arbeit erschwert, sondern insgesamt die gesellschaftliche Stimmung gegen marginalisierte Gruppen feindseliger gemacht.

Bei der NS-Relativierung der Querdenker:innen wurden immer wieder Sinti:zze und Rom:nja instrumentalisiert. Da haben sich Ungeimpfte als Opfer dargestellt und die rassistische Fremdbezeichnung, also das Z-Wort, für sich selbst benutzt. Das finden wir absolut besorgniserregend. Das gab es zwar schon vor der Pandemie, aber jetzt ist es stark salonfähig geworden.

Bei der NS-Relativierung der Querdenker wurden immer wieder Sinti:zze und Rom:nja instrumentalisiert.

Valerie Laukat

Ist Antiziganismus vergleichbar mit dem, was Schwarzen Menschen entgegenschlägt?

Auch bei Antiziganismus kommt es zu körperlicher Gewalt. Wir haben schon öfter solche Fälle dokumentiert. Ich habe wenig Expertise zu Anti-Schwarzem-Rassismus, kann mir aber vorstellen, dass sich institutioneller Rassismus hier sehr ähnlich auswirkt.

Aber es gibt auch gegen Sinti:zze und Rom:nja antiziganistisches Mobbing bis hin zu existenzbedrohlicheren Ausgrenzungen. Also wenn Leistungsbehörden zu Ungunsten der Antragsteller:innen handeln, obwohl das überhaupt nicht notwendig wäre. Manchmal werden irrelevante Dokumente angefordert, die für den Bearbeitungsprozess gar nicht benötigt werden. So geraten Menschen schnell in existenzielle Notlagen.

Auch der Zugang zu Wohnraum ist schwierig. Da gibt es sicherlich Parallelen zur Ausgrenzung Schwarzer Menschen. Ich glaube, darunter leiden alle von Rassismus betroffenen Gruppen gleichermaßen. Gerade in einer Stadt in der der Wohnungsmarkt so angespannt ist wie in Berlin.

Zur Person

Politikwissenschaftlerin Valerie Laukat (Bild: Privat)
Privat

Amaro Foro - Valerie Laukat

Die Politikwissenschaftlerin Valerie Laukat ist Projektmitarbeiterin bei DOSTA, der Dokumentationsstelle Antiziganismus, beim Verein Amaro Foro e.V. Der Verein vertritt die Interessen von Rom*nja in Berlin.

Profitieren Rom:nja von #blacklivesmatter?

Es gab im vergangenen Jahr in Tschechien einen Mord an dem Rom Stanislav Tomáš, der durch Polizeigewalt getötet wurde. Im Zuge dessen kam #romalivesmatter auf. Doch Antiziganismus ist eben einfach insgesamt sehr salonfähig. Er ist sehr unsichtbar in der deutschen Gesellschaft.

Natürlich ist es wichtig und längst überfällig, dass unter anderem durch #blacklivesmatter mehr über Rassismus gesprochen wird und wir sind solidarisch mit allen antirassistischen Kämpfen. Aber es ist für viele Menschen noch total normal, das Z-Wort zu benutzen. Ich denke, dass es noch ein unfassbar langer Weg ist, diese Strukturen von Antiziganismus zu brechen.

Vielen Menschen in der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist beispielsweise überhaupt nicht bewusst, dass Sinti:zze und Rom:nja eine Opfergruppe im Nationalsozialismus waren. Das ist bei einer derartigen Völkermordgeschichte natürlich wirklich problematisch. Es wäre einfach gut, wenn über Sinti:zze und Rom:nja mehr und vielfältiger berichtet würde – auch in den Medien. Damit sie sichtbarer werden in der Gesellschaft.

Aber natürlich sollte man auch von Rom:nja nicht nur als Opfergruppe sprechen.

Ihr Verein will ermöglichen, dass junge Rom:nja besser empowert werden. Wie kann man das erreichen?

Wir hatten vor allem in der Vergangenheit viele Jugendarbeit-Projekte. Die sind ganz wichtig, damit junge Menschen, Rom:nja und Nicht-Rom:nja zusammenkommen. Es wäre einfach gut, wenn auch die Lebensrealität von Rom:nja stärker ein Thema wäre. Wenn man ihnen zuhören würde, wie sie ihren Alltag in Deutschland erleben. Und es wäre gut, nicht immer passiv über Rom:nja zu berichten, sondern sie zu Wort kommen lassen würde.

Jetzt gibt es ja auch die Unabhängige Kommission Antiziganismus, die der neuen Bundesregierung zuarbeitet. Darüber freue ich mich sehr. Man muss zwar in der Praxis schauen, wie sich das entwickelt, aber das ist ein Fortschritt.

Sie haben die eine Krise, die Corona-Pandemie, ja schon angesprochen. Wie ist es mit der aktuellen Situation - in der Ukraine leben ja auch Rom:nja. Erfahren sie auf ihrer Flucht auch Diskriminierung?

Das ist ein riesiges Thema. Einerseits geht es darum, dass es plötzlich Geflüchtete erster und zweiter Klasse zu geben scheint. Da sind ja auch Schwarze Menschen betroffen. Für die Minderheit der Rom:nja ist das ähnlich problematisch. Sie sind in der Ukraine sehr stark diskriminiert und segregiert – was natürlich ihren ganzen Fluchtprozess enorm erschwert.

Ich finde es toll, dass hier eine Solidaritätswelle für die Geflüchteten zu spüren ist. Für viele Rom:nja war es dann aber leider doch so, dass, wenn sie hier in Berlin ankommen, die Solidarität für sie nur eingeschränkt gilt. Auch da kommen starke antiziganistische Vorurteile ins Spiel. Da bekommen diese Menschen nicht direkt einen Schlafplatz, weil andere Geflüchtete vielleicht bevorzugt werden. Aber auch die Rom:nja kommen aus der Kriegssituation und brauchen Hilfe, wie alle anderen Menschen.

Was müsste sich ändern?

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre das viel mehr Solidarität und weniger Feindseligkeit.

Für unser DOSTA-Projekt, wo wir ja auch die Zahlen der Übergriffe abbilden, würde ich mir auch wünschen, dass mehr Menschen Antiziganismus nicht nur erkennen, sondern auch problematisieren und melden. Dann könnten wir realistischere Zahlen abbilden, denn es gibt eine hohe Dunkelziffer der Übergriffe. Dann könnten wir sicher noch größeren politischen Druck ausüben.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

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