150. Geburtstag Alice Salomon - "Sie hat den Grundstein für die Soziale Arbeit gelegt"

Di 19.04.22 | 09:13 Uhr | Von Anna Hanke
  2
Alice Salomon. Gründerin der ersten Sozialen Frauenschule in Berlin. (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio| 19.04.2022 | Anna Hanke | Bild: IMAGNO/dpa

Sie bezeichnete sich selbst als Reformerin, Frauenrechtlerin und Pazifistin. Alice Salomon sorgte für eine Professionalisierung der sozialen Arbeit. Nicht nur das Thema ihrer Doktorarbeit ist noch heute aktuell. Von Anna Hanke

Wer in Hellersdorf aus der U-Bahn steigt, steht direkt vor einem mehrstöckigen Gebäude der Alice-Salomon-Hochschule. Die 4.300 Studierenden haben dort kaum noch Platz, die Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung soll deshalb weiter wachsen und erweitert werden.

Aus der "Sozialen Frauenschule", die Alice Salomon (geboren am 19. April 1872 in Berlin) 1908 in Schöneberg gründete, ist gut hundert Jahre später laut Eigenwerbung die größte staatliche Hochschule dieser Art geworden.

150. Geburtstag

Alice Salomon wird am 19. April 1872 in Berlin als fünftes von sieben Kindern einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren. Sie besucht die Zimmermannsche höhere Töchterschule, eine protestantische Schule, die sie nach neun Jahren ohne Abitur verlässt. Sie engagiert sich einige Jahre in Mädchen- und Frauengruppen, unterrichtet und beginnt schließlich 1902 ein Studium der Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Als Voraussetzung für den Besuch der Universität werden ihre Publikationen anerkannt.
1933 verliert Alice Salomon alle öffentlichen Ämter in Deutschland. Sie emigriert über England in die USA, 1939 werden ihr die Staatsbürgerschaft sowie ihre Doktortitel (1906 Dr. phil., 1932 Dr. med. h.c. der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität) aberkannt, die Aberkennung wird erst 1998 widerrufen. Sie stirbt 1948 im Alter von 76 Jahren zurückgezogen in New York.

"Eine der bekanntesten Sozialarbeiterinnen im letzten Jahrhundert"

Zu den größten Leistungen Salomons gehörte es, die Soziale Arbeit zu professionalisieren. Pflege und Betreuung fanden zu Beginn des letzten Jahrhunderts ehrenamtlich durch Frauen statt.

Die Soziale Frauenschule sollte das beenden. Zur Gründung schreibt Salomon: "Diese soll der Aufgabe dienen, den Mädchen und Frauen unserer Stadt, unseres Landes Arbeit zu geben. Eine Tätigkeit, die nicht nur ihre Zeit, sondern auch ihre Gedanken, ihr Interesse in Interesse in Anspruch nimmt. Arbeit, die sie mit hinausnehmen, wenn sie die Schule verlassen."

"Sie hat den Grundstein gelegt für die Soziale Arbeit"

Für die heutige Rektorin der Alice-Salomon-Hochschule, Bettina Völter, hat die Sozialreformerin damit Pionierarbeit geleistet. Salomon habe erkannt, dass Pflege und Betreuung sehr hochwertige Tätigkeiten sind: "Die müssen zum einen bezahlt werden und die müssen zum anderen eine Bildung genießen - und damit hat sie eigentlich den Grundstein gelegt für die Soziale Arbeit in erster Linie aber auch für alle anderen sozialen, Gesundheits- und Bildungsberufe, die wir an den Hochschulen angewandter Wissenschaften heute haben”.

Studium gegen Widerstände

Alice Salomon, die aus einer wohlhabenden jüdischen Familie stammte, musste 1887 selbst die Schule schon nach neun Jahren verlassen. Mehr Bildung war damals für Mädchen nicht vorgesehen. Wenige Jahre später, 1893, wird sie Mitglied der neu gegründeten "Mädchen und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit" und arbeitet in einem Mädchenhort. In den folgenden Jahren engagiert sie sich zunehmen in dem Bereich und nimmt auch an Kongressen in England teil.

1902 setzt sie durch, dass sie an der Berliner Universität unter anderem Nationalökonomie studieren kann. Das Thema ihrer Promotion von 1906 klingt heute so aktuell wie vor über 100 Jahren: "Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit".

Auch in den folgenden Jahren ist Salomon im Internationalen Frauenbund aktiv, hält Reden, etwa zum Thema "Heimarbeit und die Lohnfrage". Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt jedoch weiter in Berlin, bei ihrer Schule. Zu ihrem 60. Geburtstag wird die Soziale Frauenschule in "Alice-Salomon-Schule" umbenannt.

Zeit ihres Lebens forscht Salomon und habe damit Grundlagen in ihrem Bereich geschaffen, so die heutige Rektorin der Hochschule, Völter. Mit ihren 28 Büchern und mehreren hundert Artikeln habe sie sehr viel beigetragen zur Fundierung und Verwissenschaftlichung der Berufe der sozialen Arbeit: “Insofern gäbe es wahrscheinlich auch eine Akademie oder eine Hochschule angewandter Wissenschaften ohne Alice Salomon, aber es ist kaum vorstellbar.”

Prof. Dr. Bettina Völter (Quelle: rbb)
Prof. Dr. Bettina Völter | Bild: rbb

Von den Nazis aus dem Land getrieben

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, verliert Salomon alle ihre öffentlichen Ämter in Deutschland, vier Jahre später, 1937, wird sie nach einem mehrstündigen Verhör durch die Gestapo zur Emigration gezwungen. Sie stirbt 1948 in New York.

Auch wenn sie vor allem als Sozialreformerin bekannt ist, engagiert sich Salomon in vielen Bereichen, wie sie auch in ihren Lebenserinnerungen schreibt:

War ich vorwiegend eine Erzieherin und Lehrerin oder eine Sozialarbeiterin und Reformerin? Eine Dozentin und Schriftstellerin? Oder eine Bürgerin mit Gemeinsinn und feministischen und pazifistischen Tendenzen? Tatsächlich habe ich all diese Tätigkeiten vereinigt, obwohl ich für keine davon ausgebildet worden war.

Festveranstaltungen

Die Alice-Salomon-Hochschule in Hellersdorf wird den 150. Geburtstag ihrer Namensgeberin Anfang Mai mit einer ganzen Festwoche feiern. Zum zentralen Festakt werden neben der Regierenden Bürgermeisterin auch Verwandte Salomons aus Israel, den USA und England erwartet.

Noch bis zum 2. Mai gibt es in der Wandelhalle des Berliner Abgeordnetenhauses eine Ausstellung der Künstlerin Dessa zum Geburtstag der Feministin sehen: “DESSA: The Art of Remembrance”.

Ausbildung in der Pflege noch heute ein Thema

Was würde die Pazifistin Salomon wohl heute beschäftigen? Sicher der Krieg in der Ukraine und die Frage einer feministischen Außenpolitik, meint Hochschulrektorin Völter.

Und natürlich wäre die Akademisierung der Pflege ein Thema für Salomon, denn da läge sehr viel im Argen: "Im Moment werden Studiengänge bundesweit in allen Hochschulen angeboten, die als nicht studierbar oder schwer studierbar erfahren werden von Studierenden." Das Studium hat einen hohen Praxisanteil, der in auf Station geleistet wird – in der Regel unentgeltlich. Zum extra jobben bleibt da keine Zeit. "Alle Hochschulen plädieren dafür, dass es eine Studierendenvergütung gibt, genau in diesem Bachelor Pflege, der ja gesellschaftlich derartig gebraucht wird und relevant ist" Völter ist sich sicher, dass sich Salomon bei dem Thema politisch einsetzen würde.

Auch nach mehr als 100 Jahren bleibt die Wertschätzung der Arbeit im sozialen Bereich ein Thema.

Sendung: rbb24 Inforadio, 19.04.2022, 07:15 Uhr

Beitrag von Anna Hanke

2 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 2.

    Die Alice-Salomon-Hochschule liegt am U Bahnhof Hellersdorf, nicht S-Bahn.

  2. 1.

    Kleine Korrektur!
    In Hellersdorf steigt man aus der U- Bahn nicht aus der S -Bahn!
    Ansonsonsten interessanter Artikel!
    MfG

Nächster Artikel