Unterrichtsausfall und geschlossene Schulen - Mehr als 2.000 Berliner Lehrkräfte streiken für bessere Bedingungen

Do 07.04.22 | 16:47 Uhr
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Lehrer und Mitarbeiter des öffentlichen Dienst demonstrieren für mehr Gehalt. (Quelle: dpa/Jens Büttner)
Video: rbb24 Abendschau | 07.04.2022 | Laurence Thio | Studiogast Tom Erdmann | Bild: dpa/Jens Büttner

Wegen eines Warnstreiks zahlreicher Lehrer in Berlin sind an vielen Schulen am Donnerstag Unterrichtsstunden ausgefallen. Manche Schulen schlossen den ganzen Tag.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sprach von mehr als 2.500 Streikenden, die am Vormittag in Berlin-Mitte demonstrierten. Eigentlich sollten am Donnerstag an vielen Schulen die mündlichen Abiturprüfungen stattfinden.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte zu dem eintägigen Warnstreik aufgerufen, um ihre Forderung nach kleineren Klassen zu unterstreichen. Sie erwartete, dass mehrere Tausend Lehrer streiken würden. Wie groß die Beteiligung tatsächlich war, stand am Morgen noch nicht fest. Im Verlauf des Vormittags soll am Potsdamer Platz eine Demonstration stattfinden.

Anders als in anderen Bundesländern sind in Berlin knapp 70 Prozent der 34.000 Lehrer und Lehrerinnen Angestellte und keine Beamten und dürfen daher streiken.

GEW rechnet mit Zuwanderung von Fachkräften

Die GEW will mit dem Warnstreik ihre Forderung nach einer Verkleinerung der Klassen unterstreichen. An Grundschulen solle die Klassengröße auf 19 Schüler begrenzt werden. Bisher sind bis zu 26 Kinder erlaubt. Außerdem soll ab einer Schulgröße von 2.000 Schülerinnen und Schülern eine Schulpsychologenstelle eingerichtet werden und pro 150 Schüler eine Sozialpädagogenstelle.

Kleinere Klassen verringerten die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte und steigerten die individuelle Förderung der Kinder, sagte Anne Albers, Leiterin des Vorstandsbereichs Tarifpolitik bei der Berliner GEW. Außerdem könnte sich eine Reduzierung der Klassengröße auch positiv auf den Lehrermangel auswirken.

"Wenn Lehrkräfte wissen, in Berlin sind die Klassen kleiner, da ist die Belastung niedriger, dann könnte es vielleicht zu einer Zuwanderung der Fachkräfte kommen", sagte Albers. Nach ihren Angaben arbeiten derzeit rund 30 Prozent der Berliner Lehrkräfte in Teilzeit. Es sei vorstellbar, dass einige von ihnen zur Vollzeit zurückkehrten, wenn die Klassen kleiner würden.

Giffey äußerte sich ablehnend

Über die Bezahlung von angestellten Lehrkräften wird üblicherweise im Rahmen von bundesweiten Tarifverhandlungen diskutiert. Darüber entscheiden dann alle Länder gemeinsam als Mitglieder der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL). Die GEW will mit ihrem Vorhaben ein bundesweites Novum schaffen und auch eine Arbeitsentlastung in die Verträge einbringen.

Die Aufnahme von Tarifverhandlungen habe der Senat abgelehnt, weil Berlin als Mitglied der TdL an die Beschlüsse gebunden sei und keinen Alleingang anstrebe, sagte der Sprecher der Finanzverwaltung. Die TdL habe sich auch früher dagegen positioniert, Tarifverhandlungen zur Personalbemessung zu führen und sie auch in diesem Fall abgelehnt, hieß es weiter.

Die Berliner Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) hatte zwar eingeräumt, kleinere Klassen seien grundsätzlich zu befürworten. Allerdings gebe es immer noch deutlichen Lehrermangel. Außerdem habe Berlin bereits fast 2.000 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine an den Schulen aufgenommen. Daher könne es derzeit nicht um kleinere Klassen gehen.

Sendung: rbb24 Inforadio, 7. April 2022, 7 Uhr

29 Kommentare

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  1. 29.

    Es wirkt nur einfach so und oft fühlen sich Leute benachteiligt, wenn sie mit wenig Anstrengung nicht das gleiche erreichen wie andere mit mehr Anstrengung. Sie wissen schon, dass kleinere Klassen bessere Ergebnisse bringen? Sie wissen schon das die Schule keine "Verwahranstalt" ist? Sie wissen um den "Ehrenkodex" von Lehrern und Erziehern gegenüber den ihnen Anvertrauten? Sie wissen um die Mühen und Zeit, die dahinter stecken, um diesen zu erfüllen? Sie haben das Streikziel verstanden? Sie wissen das die Verhandlungen nichts gebracht haben? Und schließlich, Sie verunglimpfen....

  2. 28.

    Ahh, ich meine mich zu erinner, dass insbesondere die Sozialdemokraten wenn einer besser Bildungspolitik unbedingt gewählt werden wollten. Hmm Giffey, Bildung, SPD - der Zusammenhang ist schwer erklärbar.

    Also, die Plapperbacken, die hier meinen, man solle für einen Streik einen schöneren Zeitpunkt wählen - bravo tolle Storry, nur blöd.

    Also, liebe GEW'ler weiter den Druck aufbauen. Das passt schon und die Forderungen sind mehr als berechtigt.

  3. 27.

    Ich kann die Gründe für den Streik gut nachvollziehen.
    Nur ist der Zeitpunkt schlecht gewählt.
    In diesen Tagen treffen die streikenden Lehrer damit viele Abiturienten.
    Die Zeit im Abi ist auch ohne solche Störungen schon belastend genug.

  4. 26.

    In einer 1. Klasse sind im Durchschnitt 22-24 Kinder. 3 mit I-Status,7 mit Sprachkenntnissen im A0-1 Niveau und mindestens 3 Kinder mit Problemen in der psychosozialen Entwicklung. Es wird mindestens in 3 Niveaustufen unterrichtet und dementsprechend vorbereitet. Es finden im Durchschnitt 1-2 Elterngespräche oder andere klassenspezifische Beratungen in der Woche statt, des Weiteren noch die Online-Kommunikation. Dazu der allgemeine Bürokratie Teil und natürlich die Schulinternen Veranstaltungen. Dies mal zur Info warum der Streik Sinn hat.

  5. 25.

    Hallo Chris,
    wo finden Sie denn in meinem Post NEIDDEBATTEN !!!
    Auf was sollte ich neidisch sein??

  6. 24.

    Was soll den ihrer Meinung nach festgeschrieben werden? Die Schulbauoffensive ist lange beschlossen, es tut sich allerdings kaum etwas. Kein Material, zu wenig Fachkräfte, Planungen müssen wegen gestiegenen Kosten überarbeitet werden, Berlin kann nicht bauen, also gibts keine neuen Schulen und somit auch keine neuen Klassenräume in den nächsten Jahren. Von daher, Forderung theoretisch gut, praktisch in den nächsten 10-15 Jahren nicht mal im Ansatz durchsetzbar. Da scheint die Forderung nach mehr Lehrerpersonal das kleinste Übel zu sein.

  7. 23.

    Hallo,Sternchen.Kann dir nur beipflichten.Als ich zur Schule gegangen bin,waren 30 in einer Klasse,bei Respekt vor der Lehrerschaft und disziplinierten Schülern hat das auch gut geklappt.Unsete ach so gestressten sollten Mal an ihren sicheren Arbeitsplatz denken und an ausgiebig Ferien,Ich habe selbst Lehrer in der Familie und im Freundeskreis.Jeder macht sich dein Stress selbst.Als Lohn gibt es ja auch bald dicke Pensionen,die ja bekanntlich sehr stattlich sind ,natürlich bei Verbeamtung.

  8. 22.

    Aufgepasst bei der Berufswahl!!! Ich bin kein lehrer und finde diese Neiddebatten furchtbar.

  9. 21.

    Hallo AB,
    das mit den Pflegekräften war nur ein Beispiel (vielleicht ein wenig an den Haaren herbeigezogen, das gebe ich zu).
    Aber als Lehrer jetzt zu streiken bringt auch nichts, solange die Finanzverwaltung keine neuen Lehrer einstellt.
    Es gab schon zu meiner Zeit eine Klassenstärke, die man heute für unmöglich halten würde aber wir haben - wie Sie netterweise - auch nicht gestreikt. Aber ich muss sagen, dass wir nicht so viele Schüler hatten, die keine Lust hatten zu lernen.

  10. 20.

    Den Streikenden weiterhin viel Erfolg! Macht gerne mehr Druck! Bin voll dafür mehr Geld für bessere Schulen zu investieren. Allemal besser als 100 Milliarden für Kriegsvorbereitungen.

  11. 19.

    Nur weil Lehrer seit jeher circa 40% im "Homeoffice" arbeiten, haben sie Ihrer Meinung nach offenbar zu viel Freizeit.
    Während viele Arbeitnehmer während der Pandemie zu Hause waren, haben die Brandenburger Lehrer die Abschluss-Klassen die ganze Zeit in der Schule unterrichtet.
    Und was ist mit den Arbeitnehmern, die nach wie vor zu fast 100% im Homeoffice sind? Arbeiten die alle nicht, oder setzen Sie unterschiedliche Maßstäbe?

  12. 18.

    Hallo Siggi,
    dieses Problem mit der starken Klassenfrequenz ist doch nicht neu. Das gab es schon zu meiner Zeit.
    Aber momentan ist es doch eine Ausnahmesituation u.a. wegen der Pandemie und den Zuzug der Flüchtlinge.
    Dazu kommen die Einsparungen durch die Finanzverwaltung und - leider - die teilweise Lustlosigkeit einiger Lehrer und die Faulheit vieler Schüler.

  13. 17.

    Hallo Thomas, ja ja die armen Lehrer. Sie sind soooo belastet aber vergessen Sie nicht die vielen arbeitsfreien Tage nämlich die Ferien.
    Jetzt kommt sicher Ihr Argument, die Ferien - bis auf den regulären Urlaub - nutzt ein Lehrer großenteils zur Fortbildung.
    Ha ha, den Einwurf kenne ich von früher, wenn das Kollegium versucht hat sich gegen Mehrarbeit zu wehren.
    Wir befinden uns z.Z. in einer Ausnahmesituation und dafür sollten auch Lehrer ihren Beitrag leisten.

  14. 16.

    Aber dann sollte es doch gerade jetzt, im Vorfeld, festgeschrieben werden. Keiner verlangt eine Umsetzung der Forderung bis nach den Ferien.
    Wenn es dann wieder genug Lehrkräfte gibt, werden sie nicht eingestellt, weil man hat ja dann genug, oder wie?

  15. 15.

    Null Ahnung - und Sie kennen da bestimmt 'nen konkrete Lehrer,der..., stimmt's!? Schon mal vor 'ner 9. Klasse mit 30 Schülern gestanden und innerhalb von 90 Minuten mindestens 50 spontane, auf Schülerreaktionen basierende angemessene Entscheidungen getroffen?
    Wenn Lehrer so wenig arbeiten, dann werden Sie doch Seiteneinsteiger.... fettes Gehalt gibt's auch noch dazu!

  16. 14.

    GEW: "Wenn Lehrkräfte wissen, in Berlin sind die Klassen kleiner, da ist die Belastung niedriger, dann könnte es vielleicht zu einer Zuwanderung der Fachkräfte kommen" und "Teilzeit wird zu Vollzeit"
    Giffey: "Lehrermangel und Ukraine Kinder" verhindern kleinere Klassen.

    Was stimmt jetzt? Wer hat die Deutungshoheit? Wer klärt auf?

    P.S. Dieses Forum ist nicht dafür geeignet, falsche Behauptungen (wie "Standpunkt") zu verbreiten. Hier mal eine pauschale Arbeitszeitberechnung für Lehrer außerhalb der Ferien: Anzahl Unterrichtsstunden x 2 = ? Da sind schnell 50-60 Wochenstunden zusammen, geleistet an 7 Tagen/Woche. Schule ist keine Verwahranstalt, um Eltern es einfacher zu machen, nicht war "Sternchen"?

  17. 13.

    Es streiken Ärzte an 460 Kliniken, der Marburger Bund hat Ende März dazu aufgerufen, inmitten der Pandemie. Erst informieren, dann reagieren. Der Feind der Wahrheit ist immer Desinformation. Das Streikrecht kann man keiner Gruppe absprechen.

  18. 12.

    Es gibt weder genügend Lehrer und Erzieher, keine neuen Schulen und demzufolge auch keine zusätzlichen Klassenräume. Das weiß auch die GEW und zettelt trotzdem solch sinnlose Streiks mit völlig unrealistischen Forderungen an. Die Sache an sich ist ja völlig richtig, aber ist derzeit, und wohl auch in den nächsten Jahren, nicht realisierbar.

  19. 11.

    Ich habe für die Pflege(Fach)Kräfte vollstes Verständnis. Aber der Vergleich hinkt. In der Pandemie ging es um eine akute Notsituation, bei der es um das Leben oder den Tod von Menschen ging. Meine Schüler werden nicht sterben, solange ich Sie unterrichte.

    Kleinere Klassen bringen nichts. Hierzu braucht man zusätzliche Lehrer, aber auch Räume. Deswegen streike ich nicht.

  20. 10.

    Offenbar haben Sie keine Ahnung, wovon Sie reden. Die meisten LehrerInnen, die ich kenne, arbeiten sogar mehr als 40 Stunden die Woche. Denn zum Unterricht kommen noch viele Stunden Vor- und Nachbereitung zuhause, dazu Elterngespräche, Konferenzen etc. Die Arbeit endet nicht mit dem Schulunterricht! Fakt ist, dass ein großer Teil des Lehrpersonals sich ziemlich aufopfert und verheizt. Viele gehen dann in Teilzeit, weil sie so alles noch eingermaßen schaffen, aber verdienen dann eben merklich weniger.

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