Interview | Illegale Drogen im Labor untersuchen lassen - "Durch Drug Checking können wir die erreichen, die sonst kaum zu erreichen sind"

So 08.05.22 | 08:14 Uhr
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Ein Mann testet in einem mobilen Labor Drogen auf ihre Inhaltsstoffe (Bild: dpa/Martin Schutt)
Audio: Fritz | 06.05.2022| Interview mit Helena Daehler | Bild: dpa/Martin Schutt

Kostenlos, anonym und legal Drogen testen lassen: Das könnte Konsumenten helfen, um lebensgefährliche Risiken zu minimieren. Tibor Harrach ist pharmazeutischer Koordinator des Berliner Drug-Checking-Projekts. Im Interview erklärt er, wie die Analyse abläuft.

Berlin gilt mit seinen vielen Clubs und Technoparties als einer der Party-Hotspots in Europa. Die ersten Versuche, das kostenlose Testen von Partydrogen anzubieten, gab es in Berlin Mitte der 90er Jahre, als die Love Parade Tausende Feiernde anzog. Damals war es der Verein Eve&Rave, dem auch Tibor Harrach angehörte, der in einem ersten Versuch Partydrogen testete. Konsumierende sollen durch die Analyse der Substanzen und die damit verbundene Konsumberatung bewusstere Entscheidungen treffen und das Risiko, das immer mit einem Konsum einhergeht, minimieren. Dieses Testverfahren wurde dann aber verboten. Pläne, Drug-Checking wieder einzuführen, gab es bereits im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag von 2016. Nun steht es kurz vor dem Start.

rbb24: Herr Harrach, warum braucht es Ihrer Meinung nach Drug-Checking?

Tibor Harrach: Zum einen ist es so, dass Drogen keinen qualitätssichernden Maßnahmen unterliegen – weder in der Produktion noch im Vertrieb. Dadurch sind die Substanzen zum Teil stark verunreinigt mit zum Teil hochgefährlichen Stoffen. Zum anderen schwankt auch der Wirkstoffgehalt stark, also die Konzentration der wirksamen Substanzen. Durch Drug-Checking können wir außerdem Konsument*innen erreichen, die sonst vom Drogenhilfesystem kaum zu erreichen sind.

Zur Person

Tibor Harrach

Pharmazeutischer Koordinator des Berliner Drug-Checking-Projekts. Er kämpft seit den 90er Jahren für die Analyse illegaler Drogen.

Wie wichtig ist die Datenerhebung beim Drug Checking?

Datenerhebung ist wichtig auf zwei Ebenen. Zum einen versuchen wir in anonymisierter Form soziodemografische Daten zu erheben: Gibt es neue Trends bei den Konsumierenden? Werden sie immer jünger? Werden bestimmte Gruppen schwerpunktmäßig mit problematischem Drogengebrauch in Verbindung gebracht? Zum anderen führen wir auch Substanzmonitoring beim Checking durch. Das heißt: Wir erfahren, was überhaupt auf den Drogenmärkten verfügbar ist: Gibt es neue Substanzen? Gibt es Veränderungen im Wirkstoffgehalt? Das zu erfassen, ist uns sehr wichtig. Wenn wir das wissen, können wir als Drogenhilfesystem entsprechend reagieren und Angebote schaffen. Ein Rückbezug der Daten zu den Nutzer*innen ist ausgeschlossen.

Wie wird der Ablauf der Analyse und der Beratungsgespräche in Berlin sein?

Wir haben uns für ein stationäres Angebot entschieden. Wir haben drei soziale Träger, die beim Drug Checking beteiligt sind: Fixpunkt, die Schwulenberatung Berlin und Vista. Jeder dieser drei Träger wird eine Sprechstunde anbieten. Zu dieser Sprechstunde können die Konsumierenden insgesamt drei Proben mitbringen und es gibt ein kleines Gespräch. Da wird das ganze Verfahren erläutert und die Konsumierenden haben die Möglichkeit, mit einem erfahrenen Sozialpädagogen eine Konsumreflektion zu machen. Das läuft anonym ab und ist natürlich kostenfrei. Wir bringen am Ende der Sprechstunde die Proben gesammelt in ein gerichtsmedizinisches Institut. Dort werden sie analysiert.

Die Ergebnisse werden an uns zurückgemeldet und die Konsumierenden haben dann nach zwei, drei Tagen die Möglichkeit, bei uns anzurufen oder persönlich vorbeizukommen. Bei diesem Zweitkontakt mit uns gibt es auch wieder die Möglichkeit, Beratung entgegenzunehmen. Da können wir den Konsumierenden erklären, was es für sie bedeutet, wenn eine problematische Substanz gefunden wurde. Und wir erklären, wie sie darauf im Sinne von Schadensminimierung reagieren können.

Wann ist Drug Checking erfolgreich?

Drug Checking ist erfolgreich, wenn wir möglichst viele Konsumierende aus sehr unterschiedlichen Gruppen erreichen und mit Informationen versehen können, die für sie wichtig sind. Und es ist erfolgreich, wenn wir Substanzen finden, die bisher vielleicht noch nicht aufgetaucht sind. Dann können wir nach der Identifikation dieser Substanzen die Öffentlichkeit über diese Substanzen aufklären.

Wie viele Proben werden Sie in der Anfangsphase testen können?

Ich schätze, dass wir pro Sprechstunde etwa zehn bis 15 Proben entgegennehmen werden. Das Ganze kann man mal drei rechnen, weil wir drei Träger haben. Dann sind wir im Bereich 30 bis 45 Proben pro Woche. Vermutlich werden wir, wenn wir denn endlich beginnen können, zunächst mit einer geringeren Probenmenge starten, um die Abläufe (vor allem das Zusammenspiel mit dem Labor) erst einmal auszuprobieren.

Ist geplant, dass man sehen kann, welche Pillen das Drug-Checking-Projekt in Berlin getestet hat und welche Warnungen es ausgibt?

Ja. Wir werden bei Proben, die wir als besonders problematisch erachten, Warnungen aussprechen. Perspektivisch werden wir Fotos von diesen Pillen zum Beispiel auf unserer Website veröffentlichen, sodass sie dann von überall eingesehen werden können. Wir planen auch, in Berlin die Drogenhilfen zu informieren, damit sie das dann auch weitergeben können. Außerdem sind wir im Gespräch mit nationalen und internationalen Gruppen, die sich mit Drug Checking beschäftigen.

Können Sie etwas zur rechtlichen Lage sagen? Warum ist es möglich, dass Drug Checking in Berlin diesen Sommer an den Start gehen kann?

Wir haben den Rechtswissenschaftler Professor Nestler damit beauftragt, unser Projekt nach rechtlichen Vorgaben zu prüfen. Professor Nestler ist in seinem Gutachten zu dem Ergebnis gekommen, dass es legal ist, wie Berlin es machen will, und dass es keinen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz darstellt. Wichtig war dann, dass die Institutionen, die daran beteiligt sind, das auch anerkennen. Das sind die Senatsverwaltungen für Gesundheit, für Inneres und Justiz sowie die Polizei und die Staatsanwaltschaft. Die haben gesagt, das akzeptieren wir so und wir können da eine Kooperationsvereinbarung daraus entwickeln. Und dann ist das rechtlich einwandfrei.

Wenn ich als Konsument*in mit meiner Substanz zu einem Träger gehe, bin ich in dieser Zeit Besitzer*in einer illegalen Substanz. Wer garantiert, dass da keine Zivilpolizisten auf mich warten?

Es gehört auch zu der Kooperationsvereinbarung, dass in unmittelbarer Nähe von Projekten solche Kontrollen nicht durchgeführt werden. Es gilt auch, dass die Konsumierenden sich Einrichtungen nähern können, ohne dass sie mit strafrechtlichen Ermittlungen rechnen müssen. So etwas gibt es ja auch schon in Berlin und in anderen Städten in Deutschland, und zwar im Umfeld von Drogenkonsumräumen. Auch da gibt es eine entsprechende Kooperationsvereinbarung, nach der Polizei und Staatsanwaltschaft da nicht eingreifen und wir haben in Berlin damit beste Erfahrungen gemacht.

Auch im bundesweiten Koalitionsvertrag steht, dass Drug-Checking-Modelle auf den Weg gebracht werden sollen. Können Sie erklären, was passieren müsste, damit es eine bundesweite Regelung geben könnte?

Eine Achillesferse beim Drug Checking ist das Labor. Ein Labor braucht in der Regel die Erlaubnis von der zuständigen Bundesbehörde. Das ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Wir in Berlin haben ein Labor, das einer solchen Erlaubnis nicht bedarf, weil es eine öffentliche Behörde ist. Die sind nach Paragraph vier des Betäubungsmittelgesetzes von dieser Erlaubnispflicht ausgenommen. Man könnte mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sprechen – das müsste der Bundesminister für Gesundheit machen – und sagen, es ist politisch gewollt, ihr könnt den Laboren die Erlaubnis erteilen. Eine andere Möglichkeit wäre, im Betäubungsmittelgesetz klarzustellen, dass man Drug Checking möchte. Und dass man parallel zu dem Modell, wie man es bei Drogenkonsumräumen hat, eine Rechtsverordnung legitimiert, die die Länder erlassen können, um auf Landesebene ihr Drug-Checking-Programm zu regulieren.

Sie haben das Thema seit den Neunzigern begleitet. Was ist das für ein Gefühl, dass es dieses Jahr tatsächlich so weit sein könnte?

Also ich glaube, wenn wir dann tatsächlich beginnen, würde das in mir eine große Erleichterung und auch eine große Freude auslösen. Weil ich fest davon überzeugt bin und auch schon miterlebt habe, wie wichtig – zum Teil auch überlebenswichtig – es für bestimmte Konsumentengruppen sein kann, solche Angebote zu schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Helena Daehler

Sendung: Fritz, 06.05.2022, 07:25 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Absolut absurd- mit Steuergeldern noch die Drogensucht zu finanzieren. Das ist typisch für Bürokratie. Jeden Mist mitmachen ohne nachzudenken. Man sollte Grad einfach legalisieren und der Rest bleibt verboten. Jeder der Drogen nimmt muss selber dafür gerade stehen auch wenn er süchtig geworden ist ! Lieber mehr für die Entzugsarbeit und Prävention ausgeben statt Drogen noch testen zu lassen kostenlos. Ganz ehrlich jeder Mensch ist auch für sich selber verantwortlich.

  2. 1.

    Eine Achillesferse ist vor allem der rechtliche Aspekt. Die Polizei müsste die illegalen Drogen normalerweise sofort beschlagnahmen. Sie macht sich sonst strafbar. Aber dass der Herr direkt von Qualitätssicherungen Maßnahmen bei illegalen Drogen spricht, ist schon ziemlich absurd.

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