Kommentar - Eigentor Neun-Euro-Ticket

So 05.06.22 | 15:29 Uhr | Von Lisa Steger
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Volle Regionalbahn am Bahnhof Gesundbrunnen, Linie RE3 nach Stralsund. (Quelle: dpa/J. Carstensen)
Audio: Inforadio | 05.06.2022 | Lisa Steger | Bild: dpa/J. Carstensen

Seit dem 1. Juni gilt das Neun-Euro-Ticket. Doch die Bahn ist dem Andrang vor allem an Wochenenden nicht gewachsen. Wenn sich nichts verbessert, wird das Neun-Euro-Ticket sogar zu mehr Autoverkehr führen. Ein Kommentar von Lisa Steger

Pfingstsonntag in der Regionalbahn RE1. 10:03 Uhr, Abfahrt vom Alexanderplatz. Kurz darauf folgt ein langer Halt im Hauptbahnhof und eine Durchsage: Eine Tür oder mehrere Türen - das bleibt unklar - gehen nicht mehr zu: "Die Weiterfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit". Etwa zehn Minuten später: Weiterfahrt, allerdings nur bis Charlottenburg.

Wieder lassen sich wegen Überfüllung des Zuges einzelne Türen nicht mehr schließen. Eine neue Durchsage ertönt: Wer nach Potsdam wolle, solle den Zug verlassen. Die Bundespolizei sei schon unterwegs und werde die Waggons notfalls räumen. Viele steigen aus - auch ich. Zehn Minuten später rollt auf dem Gleis gegenüber ein neuer Zug ein. Alle quetschen sich hinein.

Es herrscht ein Gedränge wie im Viehtransporter. Wenig überraschend: Auch dieser Zug kann wegen zu vieler Passagiere zunächst nicht weiterfahren. Die gesamte Verspätung beträgt am Ende 40 Minuten. Eigentlich das, was ich häufig im ICE erlebe - nur handelt es sich hier um Nahverkehr.

Unterdessen rieten die die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) gegen Mittag im Internet, einen der RE1-Züge am Sonntagnachmittag nicht zu benutzen - er sei zu voll. Der folgende Zug, so teilte man mit, falle aus. Grund sei eine Fahrzeugreparatur in Fürstenwalde.

Probleme bereits am Samstag vor Pfingsten

Am Tag zuvor war ich mit dem RE 1 - bitte nicht lachen - im Stau gelandet, so jedenfalls die Durchsage. Der Zug konnte deshalb in den Berliner Hauptbahnhof nicht einfahren. In Werder an der Havel traf ich auf eine Menschenmenge, die vom Zug nach Berlin einfach stehengelassen worden war: Man hatte den Menschen gesagt, sie dürften nicht hinein und sollten einfach eine halbe Stunde auf die nächste Bahn warten.

Am späten Samstagnachmittag wieder am Alexanderplatz angekommen, studierte ich die Anzeigetafel. Ein Zug der Linie RE 7 zum BER hatte volle 80 Minuten Verspätung! Reine Glückssache für die Reisewilligen, ihren Flieger dennoch zu erreichen.

Bei meinen Fahrten bin ich mit vielen Passagieren ins Gespräch gekommen. Alle waren sich einig: Nie wieder Deutsche Bahn. Jedenfalls nicht am Wochenende. Ein 19-jähriger Este teilte mir mit, in seiner Heimat gebe es diese Probleme nicht.

Meine Gesprächspartner erklärten überwiegend, dass sie wieder mehr Auto fahren möchten. Sieht so etwa die Verkehrswende aus? Das Neun-Euro-Ticket läuft Gefahr, seinen Zweck zu verfehlen, gar das Gegenteil des Beabsichtigten zu erreichen.

Pannenstart mit Folgeproblemen

Die Bahn, die schon im Berufsverkehr ihre Fahrgäste, mich beispielsweise, auf eine harte Geduldsprobe stellt, hat den doppelten Stresstest - Neun-Euro-Ticket und Urlaubszeit - nicht bestanden. Doch dafür ist das Unternehmen nicht allein verantwortlich.

Es war ein schwerer Fehler der Ampel, auf einen Schlag Millionen neue Kunden auf die Bahn loszulassen, die dafür nicht gerüstet ist. Und es war unüberlegt von Bundestag und Bundesrat, diesen Aktionismus mitzutragen.

Das Neun-Euro-Ticket soll vor allem Pendlern zugutekommen, also Leuten wie mir. Aus meiner Sicht ist es allerdings eine überflüssige Subvention, denn ich kann meine Fahrten zur Arbeit ohnehin von der Steuer absetzen - Stichwort "Pendlerpauschale".

Zweieinhalb Milliarden Euro hat der Bund für das neue Ticket von Juni bis August eingeplant. Geld, das man sinnvoller ausgeben könnte und müsste. Zum Beispiel für mehr Waggons, eine engere Taktung, mehr Lokführer. Dann würden die Leute vielleicht auch freiwillig vom Auto auf die Bahn umsteigen. Sogar, wenn sie dafür den bisher üblichen Preis bezahlen müssten.

Sendung: Inforadio, 05.06.2022, 18:00 Uhr

Beitrag von Lisa Steger

132 Kommentare

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  1. 132.

    Das Problem ist, das in Berlin Radfahrer von der Regierung für Heilig gehalten werden. Und denen was zu verbieten ist somit nicht möglich. :(

  2. 131.

    "nun quetscht man alle Menschen wieder näher als nah zusammen???" Nö, die Menschen quetschen sich selbst zusammen! Um zu beweisen, dass sie erwachsen, mündig und fähig sind, selbst zu entscheiden. Tatsächlich wird durch dieses Verhalten nur bestätigt, dass die Einschränkungen während der Pandemie richtig waren, Appelle auf freiwilliger Basis hatten nichts genützt.

  3. 130.

    Na Sie sind ja wieder mal besonders neunmalschlau. Es lief trotzdem auch in Niedersachsen nicht glatt.

    "Schon am Freitagnachmittag meldete die Bahn für mehrere Verbindungen, dass sie nicht garantieren kann, alle Fahrgäste, die mit wollen, auch mitzunehmen... Heißt: Die Regionalzüge in Niedersachsen sind rappelvoll!" https://www.news38.de/niedersachsen/article235527245/9-Euro-Ticket-Niedersachsen-Bahn-Braunschweig-Harz-Hannover-Norddeich.html

  4. 129.

    Was versteht man denn nicht unter Deutschlandweit??
    "ob er auf seinen Strechen bis grenznahe Bahnhöfe nach Polen das 9 Eur Ticket gelten lässt." Nach Den kommt man mit dem Tickt nicht, allerdings kann man nach FFO fahren, mit der Straßenbahn bis an die Oderbrücke und den Rest laufen.

  5. 128.

    Zum dreitausendsten Mal:
    Es gibt in BB keine flächendeckenden ÖPNV.
    Eine Fahrt mit ÖPNV zur Arbeit/Arzt/Einkauf/Kita/Sportverein/Restaurant...., mit anderen Worten ÜBERALLHIN, ist ohne privaten PKW NICHT MÖGLICH.
    Und eAutos kommen auch nicht in Betracht da zu teuer, zu geringe Reichweite und fehlende Ladeinfrastruktur.
    Hast du das jetzt endlich geschnallt? Dein Ticket ist ein Wahlversprechen der Grünen an und für Berlin, also nur für dich.

  6. 127.

    In Niedersachsen war man schlauer als im ach so grünen Berlin. Radfahrer wurden von vorn herein über Pfingsten nicht mitgenommen. So war mehr Platz für normale Menschen.

  7. 126.

    Wer es sich leisten kann, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, kann es sich erst Recht leisten, dafür ein ÖPNV-Abo abzuschließen.

  8. 125.

    Ich besitze kein Auto und fahre im Ruhrgebiet nur ÖPNV. Da lernt man sehr schnell, daß der eine riesige Zumutung ist. Will ich von Lünen nach Schwerte geht der direkte Weg über Dortmund. Da fährt man aber über eine Verbundgrenze und zahlt 6,10 Euro pro Strecke. Fahre ich einen deutlichen Umweg über Unna bleibe ich im Kreis und kann für 6,80 euro ein 9-Uhr-Tagesticket für hin- und zurücknehmen. Längere Strecke, längere Fahrzeit, viel niedrigerer Preis. Aber man muss das erstmal herausfinden. Viel schlimmer: kauft man das teurere Ticket im Bus beim Einsteigen buchen manche Fahrer das billigere Ticket welches nicht gültig ist. Der Passagier erklärt dem Fahrer das komplizierte Preissystem. Prima. Berliner seid über das ABC-TICKET froh. Übrigens kosten die 5 Stationen von meiner Wohnung zum Bahnhof 3 Euro. Das lockt zur Nutzung des ÖPNV. Ich war schon seit Jahren nicht in Münster. Der Zug fährt einmal pro Stunde und kostet fast so viel wie ein Flug von Dortmund nach London vor Corona.

  9. 124.

    Wenn das so ist dann stimmt meine Aussage wohl nicht. Falls ihr Nachbar seit Pandemiebeginn nicht mehr raucht gibt es wohl weniger Raucher ist D. Läuft so ihre Logik? Nur was ich sehe stimmt?

  10. 122.

    Wer ist "Ihr"? Solche Fragen beantwortet am besten Google oder der entsprechende Betreiber der Bahn.

  11. 121.

    Eigentor Lisa Steger, da sieht´se mal wo die Nachfrage "preisbereinigt" am höchsten ist, wo und wann Probleme sich ergeben, aber da erzählt sie lieber etwas aus dem 5mal größeren Estland das halb so vielen Einwohner wie Berlin hat und dann obendrauf das neuneuroticket würde ihr persönlich wegen der Pendlerpauschale garnicht zu gute kommen und alle anderen sollen gefälligst den Preis bezahlen der ihr einen Platz an der feudalen Sonne garantiert.

  12. 120.

    Ich arbeite im Niedriglohnbereich und da ist das Ticket eine riesige Entlastung. Es geht nicht nur um Fahrten mit dem Regio an die Küste. Die Bahn ist allerdings auf so etwas nicht vorbereitet. Das Auto wird seine Daseinsberechtigung behalten.

  13. 119.

    Das ist ein Bundes-Ticket!
    Nicht alle leben in Berlin...
    Attraktiver muss es werden, ja. Aber nur im VRR würden 9 Euro 178 gegenüber stehen.
    Und wehe ich wollte bis Köln.
    Also nein, nicht wenn ich den üblichen Preis zahlen müsste!

  14. 118.

    Wenn es nicht so traurig wäre könnte man darüber nur lachen. Das ganze Ding ist ein Rohkrepierer mir tun nur die Fahrgäste leid. Ich werde meinem Auto treu bleiben kein Gedränge und auch nicht unpünktlich.

  15. 117.

    "Fahrräder über Fahrräder beim Einsteigen in die U-Bahn selbst gesehen. Mein Kommentar zeigt das Verhalten mit dem Umgang des 9 Euro Ticket auf."

    Nein, eben nicht. Ihre Worte: "Wenn ich das o.g.foto schon sehe. Horror." Da helfen auch keine unbewiesenen Behauptungen.

  16. 116.

    Wer sagt das? Es ist Teil des Entlastungsprogramm und soll Bürger bei ihren Ausgaben entlasten, die in allen Bereichen des Lebens entstehen.

  17. 115.

    Ich kann mich dem Artikel nur anschließen. Menschen die aufgrund des günstigen Tickets erstmals Bahn fahren sind nachhaltig abgeschreckt. Um mehr Leute auf die Schiene zu bekommen, muss das Angebot attraktiver werden, sprich Zugverbindungen ausgebaut Züge enger getaktet und kapazitär aufgestockt werden. Der Nahverkehr bringt besondere Tücken in der Planung, die man im Fernverkehr nicht hat, dennoch glaube ich, dass man aus diesem Modellversuch sehr viel lernen kann. Hoffentlich wird evaluiert!

  18. 114.

    O.K. dann haben Sie etwas klargestellt und nicht gemeckert.
    Trotzdem ist Ihr Kommentar eine Milchmädchenrechnung.
    Ist auch egal das 9€ Ticket ist gut aber nicht zu Ende gedacht worden.
    Ich schwinge mich jetzt in mein 500 Fiat Cabrio die BS sind so schön leer.

  19. 113.

    Das ist eine gute Frage an den VBB. Das hat er noch gar nicht kommuniziert, ob er auf seinen Strechen bis grenznahe Bahnhöfe nach Polen das 9 Eur Ticket gelten lässt. Im Zweifelsfall würde ich die 2,40 Eur Kurzstrecke bis über die Grenze bereithalten.

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