Eigentümer dulden Obdachlose - Schlüsselübergabe für Bewohner von Haus in Habersaathstraße offenbar aufgeschoben

Do 02.06.22 | 16:27 Uhr
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Protesttransparente hängen an dem Wohnblock in der Habersaatstraße (Bild: imago images/Stefan Boness)
Video: Abendschau | 02.06.2022 | Rainer Unruh | Bild: imago images/Stefan Boness

Zuerst besetzten sie es, dann zogen sie regulär ein: 50 ehemals obdachlose Menschen wohnen seit Dezember in einem leerstehenden Haus in Berlin-Mitte. Der Eigentümer will nun schnell die Schlüssel wiederhaben, der Bezirk konnte den Auszug aber offenbar aufschieben.

Die 50 ehemals obdachlosen Anwohner der Berliner Habersaathstraße 40-48 sollten am Donnerstag die Schlüssel zu ihren Wohnungen der Hausverwaltung übergeben. Das teilte die Initiative "Leerstand-Hab-ich-Saath" am Mittwoch mit. Nach den Informationen eines rbb-Reporters wird es am Donnerstag nun aber keine Schlüsselübergabe geben. Der Bezirk Mitte geht wohl zunächst davon aus, dass sich der Auszug verschiebt.

Am Dienstagnachmittag war ein Brief der Eigentümerfirma Arcadia Estates GmbH, der dem rbb vorliegt, bei den Bewohnern eingegangen. Darin werden sie aufgefordert, die Wohnungen bis zum 31. Mai zu verlassen, die Schlüssel sollten am 2. Juni bis 15 Uhr abgegeben werden. Die Bewohner entschieden sich laut Initiative aber zu bleiben. "Wie gehen nicht raus, wir bleiben", sagte Valentina Hauser, Vertreterin der Obdachloseninitiative, dem rbb.

Bewohner haben keine Mietverträge

Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) soll nach Angaben von Initiativen-Sprecherin Hauser den Geschäftsführer von Arcadia Estates, Andreas Pichotta gebeten haben, die Schlüsselübergabe auf den 30. Juni zu verschieben. An Hauser soll Von Dassel per SMS dann geschrieben haben: "Ich habe an die Eigentümer geschrieben, dass wir vom 30.6. ausgehen und bisher nichts Gegenteiliges gehört". Vertreter von Arcadia Estates wollen sich dazu dem rbb gegenüber nicht äußern.

Den jahrelang leerstehenden Wohnkomplex in der Habersaathstraße hatten Aktivisten der Initiative und rund 50 Obdachlose im vergangenen Winter besetzt. Von Dassel kündigte damals an, dass die Wohnungslosen zumindest vorübergehend in dem Gebäude bleiben dürften. Einen Mietvertrag hätten sie allerdings nicht, daher könne der Bezirk nicht mehr tun, als die Eigentümer bitten, die Schlüsselübergabe zu vertagen.

Bezirksamt für Verbleib der Obdachlosen

Die Initiative sagt, dass es nach der Besetzung im Dezember 2021 die Vereinbarung zwischen dem Bezirk und den Eigentümern gegeben hätte, dass die obdachlosen Menschen bis zum eventuellen Abriss darin wohnen könnten.

Es sei "nie ein Versprechen geäußert" worden, teilte das Bezirksamt Berlin-Mitte dem rbb am Mittwoch auf Nachfrage mit. Das Amt setze sich aber weiter "sehr engagiert dafür ein, dass ein möglichst langer Verbleib der obdachlosen Menschen im Objekt möglich ist", hieß es weiter. Die Gespräche "dauern noch an und gestalten sich als schwierig, da hierfür das Entgegenkommen des Eigentümers Voraussetzung ist." Dafür müssten sich allerdings auch die regulären Mieter auf Angebote des Eigentümers einlassen.

Aus dem vorliegenden Schreiben geht hervor, dass die Bewohner schon im April aufgefordert worden waren, ihre Wohnungen zu verlassen. Die Hausverwaltung hatte erklärt, dass die Räume für Geflüchtete aus der Ukraine zur Verfügung gestellt werden sollten. Demnach sei auch auf Bitten von von Dassel die Frist für den Auszug auf Ende Mai verlängert worden.

Schenker: Räumung sofort stoppen

Nun wurden die Bewohnerinnen und Bewohner erneut aufgefordert, die Wohnungen zu räumen. Das müsse sofort gestoppt werden, forderte Niklas Schenker, Sprecher der Berliner Linke-Fraktion für Mieten und Wohnen, am Mittwoch vom zuständigen Bezirksamt. Die Habersaathstraße sei zu einem echten Vorzeigeprojekt geworden, sagte er dem rbb. Der Eigentümer habe jahrelang etwa 100 Wohnungen aus spekulativen Gründen leerstehen lassen. "In Zeiten der Wohnungsnot ist das alles andere als ein Kavaliersdelikt", so Schenker.

Die Eigentümerfirma Arcadia Estates plant, den gesamten Block für einen großen Neubau abzureißen. Der Bezirk knüpft seine Baugenehmigung unter anderem daran, dass 30 Prozent der Wohnungen zu günstigen Mietpreisen angeboten werden. Würde die Genehmigung erteilt, wäre dies wie eine Belohnung für die langjährige Spekulation, so Schenker.

Sendung: rbb24 Abendschau, 02.06.2022, 19:30 Uhr

 

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45 Kommentare

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  1. 45.

    Man hört oder liest gar nicht, wie die Organisationen für die Obdachlosen dazu stehen. Das wäre doch eine gute Basis zur Resozialisierung - hat jemand Infos darüber?

  2. 44.

    Außerdem: 105 Wohnungen, davon 15 vermietet, bleiben 90, die werden ja kaum von 50 ehem. Obdachlosen bewohnt.... Die Idee mit den Geflüchteten, war nur Mittel zum Zweck, gut, dass hier die Bürokratie das verhindert hat.

  3. 43.

    Ich gehöre noch der Generation an, die die Wohnungen im Osten Berlin aus der Wegezeit kennt. Schön billig war es ja. Dass die SED dafür den Bürgern der DDR vieles andere vorenthielt, vergessen die Kommunisten aber gerne schnell. Ein WC auf halber Etage war damals in den Altbauten dort oft Luxus. Die Plattenbauten wurden billig zusammen geschustert. Selbst bei den Neubauzahlen haben die SEDler das Volk belogen. Danach nannten die sich PDS und jetzt Linke. Die Ideologie ist die gleiche geblieben. Wegen des Verfassungsschutzes mussten die aber viel Kreide fressen.

  4. 42.

    "Das Dringlichkeitsinteresse in Bezug auf Flüchtlinge mit Kindern überzeugt und ist unter Abwegung der Interessen m. E. hier vollumfänglich moralisch vertretbar."

    Vor allem lässt es sich mit Flüchtlingen so richtig geil abzocken und nur darum geht es.

    "Die Ankündigung, das Haus aus gutem Willen für Geflüchtete frei zu machen, hält sie für vorgeschoben. "Der Eigentümer gibt sich in dem Schreiben als guter Samariter, der großzügig Wohnraum, Mobiliar und Sanitäranlagen für eine Obdachlosen-Winterhilfe bereitgestellt hat", sagt die Bewohnerin. "Aus unserer Sicht ist aber klar, dass die Arcadia Estates einfach mit Geflüchteten mehr Geld verdienen will."

    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2022/04/arcadia-estates-gmbh-habersaathstrasse-berlin-mitte-obdachlose-gefluechtete-ukraine.html

  5. 41.

    "Das Dringlichkeitsinteresse in Bezug auf Flüchtlinge mit Kindern überzeugt und ist unter Abwegung der Interessen m. E. hier vollumfänglich moralisch vertretbar."

    Vor allem lässt es sich mit Flüchtlingen so richtig geil abzocken und nur darum geht es.

    "Die Ankündigung, das Haus aus gutem Willen für Geflüchtete frei zu machen, hält sie für vorgeschoben. "Der Eigentümer gibt sich in dem Schreiben als guter Samariter, der großzügig Wohnraum, Mobiliar und Sanitäranlagen für eine Obdachlosen-Winterhilfe bereitgestellt hat", sagt die Bewohnerin. "Aus unserer Sicht ist aber klar, dass die Arcadia Estates einfach mit Geflüchteten mehr Geld verdienen will."

    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2022/04/arcadia-estates-gmbh-habersaathstrasse-berlin-mitte-obdachlose-gefluechtete-ukraine.html

  6. 40.

    Das verstehe ich, aber es gibt auch Interessen Dritter, denen das nicht reicht.

    Da schließt sich dann der Kreis, den Rest entscheidet die Rechtssprechung.

  7. 39.

    Diese ewigen Schwarzseher... Vielleicht sollten sich die Menschen einfach mal überlegen, dass wenn Sie in Berlin keine Wohnung finden, sie sich andernorts in Deutschland ansiedeln... Alternativen sind genug da: Frankfurt/Oder, Lauchhammer etc. - aber lieber über alles meckern statt selbst Verantwortung für seine Lage zu übernehmen. Nee, ist schon klar.

  8. 38.

    ""Ich habe daher für die Betroffenen wenig Emphatie." Welch Überraschung. Gleich und gleich gesellt sich gern...

    Abzocke auf Kosten der Ärmsten... ein weiterer Grund mehr alle privaten Vermieter zu enteignen. Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum und keine teueren Spekulationsobjekte!"

  9. 37.

    Vielleicht ein wenig sehr polemisch, oder? Es gibt doch u.a. in Lauchhammer wie der RBB berichtete viel Leerstand, somit scheint das Leid nicht so groß zu sein, dass man hier lieber weiter auf der Strasse wohnt anstatt dort hinzugehen, wo Wohnraum verfügbar ist.

  10. 36.

    ... dann befürchte ich wird Kommentator Hagen immer noch nicht aufwachen. Sein Vermieter kann einem echt Leid tun.

  11. 35.

    Das geht schon aus dem Namen "Leerstand-Hab-ich-Saath" hervor.... Googeln Sie mal die Adresse, da gibt's endlos Berichte.

  12. 34.

    Werden Sie selbst Vermieter, dann haben Sie wenigstens eigene Erfahrung statt hier so einen aufhetzenden, unrichtigen Kram zusammenzutippen. Praxis sollte stets vor Theorie gehen.

  13. 33.

    Ja, natürlich, in den von Ihnen genannten Städten möchte ich nicht tot über'm Zaun hängen! Nun habe ich aber meine Arbeit hier und Kinder in Schule und Kita und kein Geld für'n Umzug - also kämpfe ich!

  14. 32.

    Und warum wohnen dann da noch 15 Mieter und möchten dort auch bleiben?? Wenn ich eine bezahl- und bewohnbare Wohnung habe oder bekommen kann ist mir das Äußere schnurz! Aus einem schönen Topf kann man nix essen, wenn er leer ist!

  15. 31.

    Der lange Leerstand ist vom Bezirk künstlich verlängert, auch wenn Ihnen das nicht passt.

    Der Eigentümer hätte bereits abgerissen und gebaut.

    Der Bezirk ist leider schuld an dem langen Leerstand, zum geldwerten Vorteil des Eigentümers.

    Ich sagte ja, das ist Berlin.

    Hier wird alles verschlimmbessert.

  16. 30.

    "dieser ist eben nicht zwingend durch den Eigentümer gewollt." Doch, der ist gewollt, um aus 105 modernisierungsfähigen Wohnungen 93 Luxuswohnungen zu machen....dieser Schwachsinn geht mir über die Hutschnur.

  17. 29.

    Geht es der Initiative "Leerstand-Hab-ich-Saath" um Arbeit, um sich Ansprüche erfüllen zu können oder geht es um "auf Kosten anderer zu wohnen"?

  18. 28.

    Gut dass der RBB auch solche Probleme erwähnt. Die Schwächsten können sich nicht wehren. Und jetzt kann son Ding leichter gedreht werden, weil andere Themen/Probleme up-to-date sind. Zum Kotzen diese Ungerehtigkeit.

  19. 27.

    Bei den Flüchtlingen handelt es sich aber doch oftmals um Frauen mit Minderjährigen Kindern.

    Bei den Obdachlosen werden Sie keine minderjährigen Kinder in Obhut finden.

    Das Dringlichkeitsinteresse in Bezug auf Flüchtlinge mit Kindern überzeugt und ist unter Abwegung der Interessen m. E. hier vollumfänglich moralisch vertretbar.

  20. 26.

    Die Initiative Initiative "Leerstand-Hab-ich-Saath" sollte wirklich mal zum Wohle der Menschen auch andere Standorte in Deutschland ins Auge fassen. Dieses gilt übrigens ebenso für Flüchtlinge. Und als Erntehelfer würden alle sogar im Sommer Arbeit finden! Kein Scherz, die Landwirtschaft sucht händeringend z.B. Spargelstecher aber auch in anderen Bereichen.

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