Junge Ukraine-Flüchtlinge in Berlin - "Ich hatte Kinder, die zeitweise betreuungsfrei waren"

Mi 06.07.22 | 06:03 Uhr | Von Roberto Jurkschat
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Geflüchtete Menschen aus der Ukraine kommen im Aufnahmezentrum in Berlin-Tegel an. (Quelle: dpa/Uwe Koch)
Video: rbb24 Abendschau | 06.07.2022 | Andrea Everwien | Bild: dpa/Uwe Koch

Hilfsorganisationen in Berlin kritisieren die Wohnbedingungen für Kinder und Jugendliche aus der Ukraine in Berlin. Der Vorwurf: Einige Träger der Einrichtungen hätten für Inobhutnahmen junger Geflüchteter gar keine Betriebserlaubnis. Von Roberto Jurkschat

Hilfsorganisationen in Berlin haben Kritik an den Zuständen bei der Unterbringung junger Flüchtlinge aus der Ukraine geübt.

Einige Einrichtungen erfüllten nicht die gesetzlich vorgeschriebenen Mindeststandards für eine vorläufige Inobhutnahme, erklärte Daniel Jasch, Projektkoordinator des Berliner Beratungs- und Betreuungszentrums (BBZ) in Berlin-Moabit.

Helfer kritisiert mangelnde Betreuung

Minderjährige, die nach ihrer Ankunft in Berlin zur Beratung in die Sprechstunden des BBZ kämen, hätten von schlechten Wohnbedingungen, Problemen bei der medizinischen Versorgung und fehlenden Betreuern in den Einrichtungen berichtet.

Ein Jugendlicher habe dem BBZ gesagt, dass er nicht die notwendigen medizinischen Leistungen erhielt und es zum Teil kaum Personal gebe, das sich für die Minderjährigen zuständig fühle.

"Ich hatte Kinder, die zeitweise betreuungsfrei waren", sagt Jasch. "Eine Tante rief mich an, weil sie wissen wollte, was mit dem Kind los sei. Die sagte, in der Unterkunft gebe es keine Betreuer und das Kind sei nachts immer unterwegs."

346 unbegleitete Minderjährige in der Obhut des Landes

Nach der Ankunft unbegleiteter Minderjähriger nimmt das Landesjugendamt die Kinder und Jugendlichen vorläufig in Obhut. Anschließend erfolgt ein Clearing, in dem geprüft wird, ob Minderjährige Angehörige haben, bei denen sie leben könnten, oder ob sie unter Vormundschaft gestellt werden müssen. Geprüft wird außerdem, ob ein besonderer medizinischer Versorgungsbedarf besteht. Erst danach werden die Kinder und Jugendlichen in Gemeinschaftsunterkünfte der Bezirke vermittelt. Insgesamt befinden sich in Berlin derzeit 346 Minderjährige in der Obhut der Senatsjugendverwaltung.

Besondere Voraussetzungen für Träger

Das Gesetz schreibt der Senatsjugendverwaltung vor, nur Träger mit der vorläufigen Inobhutnahme zu beauftragen, die den festgelegten Betreuungsschlüssel einhalten, die vorgeschriebene Wohnfläche pro Person anbieten, die geltenden Taschengeldsätze auszahlen und eine vollumfängliche Krankenversorgung anbieten.

Die Hilfsorganisationen BBZ, der Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und der Berliner Flüchtlingsrat werfen der Senatsverwaltung für Jugend vor, rechtliche Vorgaben zu missachten, da die Träger, die die Verwaltung beauftrage, nicht über die notwendige Betriebserlaubnis verfügten.

Senatsverwaltung weist Vorwürfe zurück

Ein Sprecher der Senatsverwaltung für Jugend wies diesen Vorwürfe zurück: Alle Träger hätten eine Betriebserlaubnis, die sozialpädagogische Betreuung in den Unterkünften sei rund um die Uhr gesichert. "Selbst soweit Gebäude angemietet werden um kurzfristig in Krisensituation Platzkontingente zu erweitern, wird die pädagogische Betreuung durch einen anerkannten Träger der Jugendhilfe durchgängig sichergestellt", hieß es.

Projektkoordinatorin Helen Sundermeyer vom BumF fragt sich aber, ob auch alle Träger wirklich die passende Betriebserlaubnis haben. "Wenn ich solche sensiblen Aufgaben wahrnehmen will, brauche ich natürlich auch eine Betriebserlaubnis für die Inobhutnahme unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge und nicht nur für die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe", sagt Sundermeyer.

Gerade während der ersten Zeit in einer neuen Stadt müssten Jugendliche eine gute Betreuung und geschulte Ansprechpartner haben. "Das hat auch etwas damit zu tun, Minderjährige vor schlechten Dingen, wie Drogenhandel oder Prostitution zu schützen."

Deutlicher mehr unbegleitete Minderjährige in Berlin

Die Berliner Verwaltung musste seit Ausbruch des Ukraine Krieges deutlich mehr ankommende Kinder und Jugendliche unterbringen, allein im März wurden 385 unbegleitete Minderjährige registriert, mehr als halb so viele wie im gesamten Jahr 2021.

Die Kapazitäten zur Unterbringung junger Flüchtlinge wurden seither bereits deutlich erhöht, von 80 Plätzen im August 2021 auf 400 Plätze im April. "In den Jahren zuvor wurden bereits Plätze in landeseigenen Immobilien geschaffen, um auf ein plötzliches Ansteigen der Zahlen reagieren zu können", teilte ein Sprecher der Senatsverwaltung dem rbb mit. "Allerdings waren die Kapazitäten nicht darauf ausgelegt, vollständig die Folgen eines überraschenden Angriffskriegs in Europa mit einer entsprechend massiven Fluchtbewegung abzudecken."

Rechnungshof stellte 2017 "erhebliche Rechtsbrüche" fest

Projektkoordinator Daniel Jasch kritisiert, dass der Berliner Senat aus der Vergangenheit mehr hätte lernen müssen.

Tatsächlich hat der Landesrechnungshof in seinem Jahresbericht 2017 bereits "erhebliche Rechtsbrüche" bei der vorläufigen Unterbringung geflüchteter Kinder und Jugendlicher in Berlin festgestellt. "Die ambulante sozialpädagogische Betreuung in diesen Unterkünften liegt weit unter dem gesetzlichen Standard für Inobhutnahmen", hieß es. "Die Senatsverwaltung hat bei der vertraglichen Einbindung von freien Trägern der Jugendhilfe systematisch vertragsrechtliche Grundsätze genauso unbeachtet gelassen wie die Vorschriften der Landeshaushaltsordnung." Auch der Rechnungshof kritisierte damals, dass die Senatsverwaltung für Jugend Minderjährige in Einrichtungen verteilt habe, deren Träger für die Inobhutnahme keine Betriebserlaubnis hätten.

Nach Aussage Jaschs sollen Mitarbeiter der Jugendverwaltung nach dem Bericht des Rechnungshofes gegenüber Hilfsorganisationen einen Notfallplan angekündigt haben, mit dem kurzfristig größere Kapazitäten für junge Geflüchtete aufgebaut werden können. "Davon war irgendwann aber keine Rede mehr. Jetzt stehen wir wieder vor demselben Problem."

Sendung: Inforadio, 05.07.2022, 9:00 Uhr

Beitrag von Roberto Jurkschat

28 Kommentare

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  1. 28.

    Ja, es mußte viel besser laufen. Aber auch hier wird die Behörde für so einen Ansturm keine Leute haben.
    D.h. sie können nicht kontrollieren ob ein Träger überhaupt die Vorgaben, besonders beim Personal einhält.
    Dies ist doch überall so, Jugendhilfe, Altenheime, Hortbetreuung Schule, Kita. Vielleicht sollte man alle Neuankömmlinge aufklären, dass wir einfach personell nicht aufgestellt sind, auch nicht für die eigene Bevölkerung. (Besonders die den Laden mit ihren Steuern bezahlen.)
    Alle schreien nach Dolmetschern in den Behörden, nach Wohnungen und Schul-und Kitaplätzen. Es gibt sie auch für uns Berliner NICHT!!! Das ist die bittere Wahrheit.

  2. 27.

    Ich habe selbst einige Minderjährige mental auf ihrer Reise begleitet bis sie in der Obhut beim Jugendamt waren. Teilweise konnten die Mütter nicht mit, weil sie ältere Geschwister (ab 18 durften sie nicht ausreisen)oder die Eltern nicht allein lassen wollten/ konnten. Oder sie waren 17 und hatten Angst bald mitkämpfen zu müssen. Es ist doch egal warum sie allein auf Reise gehen mussten. Wichtig ist dass sie hier echte Hilfe bekommen.

  3. 25.

    Dann alle die jetzt taschengeld für diese Leute fordern dann bitte auch selbst beteiligen und bezahlen das ganze und nicht immer von allen verlangen das mitzutragen !
    Langsam reicht es.

  4. 24.

    "Ich dachte immer das wichtigste ist,das man ein Dach über dem Kopf hat und zu Essen bekommt." Im normalen Leben ist es das auch, ein bissi Gesundheit war's noch schön.... Aber diese Kinder sind traumatisiert, ohne vertraute Menschen in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen..... Beschämend, dass es offenbar Einrichtungen gibt, die das Geld einstreichen und sich ansonsten nicht kümmern. Das Taschengeld bekommen m. W. auch die Einrichtungen und sollten es weiterleiten, das ist keine Forderung der Geflüchteten, sondern ihr gutes Recht.

  5. 23.

    Nun es gab vor einiger Zeit im Fernsehen eine Doku über die Wolfskinder (deutsche Kinder aus Ostpreußen die in die baltischen Staaten flüchteten). Dann gibt es noch genügend Bericht von Zeitzeugen die Rahmen der Flucht aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches ihre Eltern verloren haben. Hier ist interessant, dass sie genau schildern welche psychischen und physischen Probleme sie tat immer noch haben!

  6. 22.

    Das kann man wohl nur beurteilen, wenn man selbst in so einer Situation steckt. Vielleicht hat die Familie noch Mitglieder, die nicht reisen können oder dürfen, vielleicht hat man die Kinder mit einer Gruppe geschickt und sich unterwegs verloren - es gibt viele Möglichkeiten....

  7. 21.

    Guten Morgen Berlin. ....und die zuständige Senatsverwaltung weist alle Vorwürfe zurück. Standdartsatz von gewissenlosen und unfähigen Senatspolitikern. Fehler die nicht sein dürfen sind nicht .... selbst wenn es um das Wohn von Kindern geht. Ich empfinde tiefe Verachtung ....

  8. 20.

    Nein , ich würde mein Kind nicht allein losschicken !

  9. 19.

    Traumatisierte Kinder und Jugendliche ohne Begleitung, unter mangelhafter Betreung mit kaum Taschengeld in Berlin, dass das die hiesige Regierung fertig bringt ist beschämend, um so mehr als sie sich als "Patronin" der Bedürftigen ausgibt.

  10. 18.

    Genau so ist es sie haben völlig Recht es wird nur verlangt statt mal die Probleme versuchen selbst zu lösen.

  11. 17.

    Ich finde manche Kommentare auch mehr als befremdlich. Dass Eltern ihre Kinder allein auf die Flucht schicken, hat es schon immer gegeben, siehe Hinweis von Teachermom.

    Den Eltern fällt dieser Entschluss nicht leicht, auch wenn sie ihre Kinder in Sicherheit wissen.

    Diejenigen, die hier Gift und Galle spucken, sollten vielleicht mal daran denken, dass es auch ihre eigenen Kinder sein könnten.

    Die Helfer haben Recht. Der Staat wälzt alles, wozu er verpflichtet wäre, auf die Ehrenamtlichen ab.

  12. 16.

    Ich finde einige Kommentare hier mehr als befremdlich. Es geht hier um Kinder- die Wesen, die am wenigsten für ihre Situation können und gleichzeitig am meisten Schutz benötigen. Eine angemessene Betreuung ist wichtig- ins besondere wenn man gerade aus einem Kriegsgebiet kommt. Allen die aus Missgunst geflüchteten Kindern Hilfe aberkennen wollen, empfehle ich aktuelle Kriegsberichterstattungen zu konsumieren und an die eigenen Kinder/ Enkel zu denken. Danke.

  13. 15.

    Ich dachte immer das wichtigste ist,das man ein Dach über dem Kopf hat und zu Essen bekommt. Übrigens ich musste meinem Kind auch schon das Taschengeld kürzen,da alles immer teurer wird.

  14. 13.

    "Und wer schickt denn seine(minderjährigen) Kinder alleine über die Grenzen in fremde Länder?" Leute, die keine Wahl haben? Die vielleicht als Vater gar nicht das Land verlassen dürfen? Die als Mutter vielleicht noch reiseunfähige Alte versorgen, aber das Kind vor Bomben geschützt wissen wollen?

    Zur Erinnerung: aus Deutschland sind 1938/39 ca. 10.000 jüdische Kinder ohne Eltern geflohen, größtenteils nach England - Stichwort Kindertransport.

  15. 12.

    „Wer schickt seine Kinder über die Grenze in andere Länder“

    Sorry, wahrscheinlich sind Sie kinderlos, aber ich würde alles tun, um meine Kinder in Sicherheit zu wissen und dazu gehört auch das Suchen nach Sicherheit in anderen Ländern. Nicholas Winton rettete im Word War Il fast 700 jüdische Kinder aus Osteuropa und brachte diese nach England, wo sie adoptiert wurden. Das ist menschliche Größe, ein humanistischer Zeitgenosse. Diese Kinder sahen ihre Eltern übrigens nie wieder.

  16. 11.

    Ich finde es auch befremdlich, dass manche nur Forderungen aufstellen können. Man kann doch nicht, dass ganze Personal und die Fläche bereithalten, weil mal irgendwo auf der Welt was passieren könnte. Jetzt meckern, dass nix da ist und würde man es vorhalten, würde wieder über die Geldverschwendung gemeckert werden. Ich kann es nicht mehr hören.

  17. 10.

    Altes Thema im neuen Gewand. Wer schickt seine Kinder um die halbe Welt? Unverantwortlich ist das. Dieses Muster ist hinlänglich bekannt. Als Eltern versucht man doch, gerade in diesen Zeiten, gemeinsam als Familie in sichere Gefilde zu kommen. Ich ahne da schon wieder was..sollte ich etwa irren?

  18. 9.

    ich habe die Befürchtung,daß das viele fordern die Solidarität nicht förderlich ist

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