Unterbringung und Betreuung in Berlin - Wie Rot-Grün-Rot den Bürokratie-Wettlauf für Flüchtlinge vererbt

Mo 13.03.23 | 06:02 Uhr | Von Sebastian Schöbel
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Archivbild: Das Willkommenszentrum in Berlin am 28.12.2017. (Quelle: Imago Images/Stefan Zeitz)
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Der Umgang mit Flüchtlingen wird auch die neue Berliner Regierung fordern. Betroffene könnten schneller integriert werden, wenn der Gang durch die Behörden nicht so lang wäre. Doch in einem wichtigen Punkt ist Rot-Grün-Rot gescheitert. Von Sebastian Schöbel

Es gibt Herausforderungen in der Berliner Politik, für die auch eine neue Regierung keine 100 Tage Schonfrist bekommt. Die Unterbringung Tausender Flüchtlinge vor allem aus der Ukraine, gehört dazu. Denn auch wenn die Zahl der Flüchtlinge, die Berlin erreichen, zuletzt gesunken ist: Die rund 32.500 Unterkunftsplätze in Berlin sind so gut wie alle belegt.

Die derzeit noch zuständige Sozialsenatorin Katja Kipping warnte bereits: 10.000 weitere Plätze würden in diesem Jahr benötigt. Den potentiellen Koalitionspartnern SPD und CDU bot Kipping die Expertise ihrer Verwaltung während der Gespräche an. "Der Handlungsdruck ist einfach viel zu groß, als dass man wochenlangen Stillstand ermöglichen könnte."

Katja Kipping (Die Linke), Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales in Berlin, spricht am 27.07.2022 auf einer Pressekonferenz zu den Folgen des Rückzugs anderer Bundesländer aus dem EASY-Verteilsystem für Asylantragsstellende. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Bild: dpa/Britta Pedersen

Wobei die Suche nach immer neuen Unterkünften inzwischen ziemlich eingespielt ist. Ein anderes ungelöstes Problem aber vererbt der rot-grün-rote Senat: Noch immer sind die bürokratischen Hürden für Geflüchtete in Berlin recht groß. Vom Antrag eines Aufenthaltstitels bis zur Erteilung eines Wohnberechtigungsscheins dauere es zum Teil sehr lange, kritisiert der Berliner Flüchtlingsrat. Betroffene müssten den Umweg über die Sozialämter der Bezirke machen, um irgendwann beim Jobcenter zu landen und alle ihnen zustehenden Sozialleistungen nutzen zu können.

Rot-Grün-Rot kann sich nicht auf zentrale Anlaufstelle einigen

Eine Lösung wäre eine zentrale Anlaufstelle direkt am Ankunftszentrum auf dem ehemaligen Flughafen Tegel. Doch diese "One-Stop-Agency", wie es in Fachkreisen heißt, gibt es auch ein Jahr nach Ausbruch des Krieges gegen die Ukraine nicht. "Das ist schon seit vielen Monaten nicht einigungsfähig gewesen", räumte Kipping zuletzt ein.

Dabei müsste Berlin wohl gar keine neue Behörde gründen, um Flüchtlingen aus der Ukraine schnellen Zugang zu Sozialleistungen und vor allem Aufenthaltstiteln zu ermöglichen: Der Flüchtlingsrat plädiert schon sehr lange dafür, das Landesamt für Einwanderung (LEA) im Ankunftszentrum Tegel einzubeziehen. "Würde das LEA in TXL die Aufenthaltstitel oder auch nur eine Fiktionsbescheinigung sofort erteilen, könnten die Geflüchteten direkt die ihnen eigentlich gesetzlich zustehenden Leistungen der Jobcenter einschließlich der Vermittlung in Arbeit und Sprachkurse, einer regulären Krankenversicherung, einen Wohnberechtigungsschein und Kindergeld erhalten", so der Flüchtlingsrat auf rbb-Nachfrage.

Personalmangel verhindert Einbindung des LEA in Tegel

Das LEA untersteht nicht der Sozial-, sondern der Innenverwaltung. Die verweist zunächst auf das Online-Antragsverfahren für Aufenthaltstitel: Flüchtlingen werde damit unmittelbar eine Bescheinigung ausgestellt, die als Arbeitserlaubnis gilt. Vier bis fünf Wochen später könne man dann beim LEA persönlich vorsprechen und einen Aufenthaltstitel bekommen.

Alles in einem Aufwasch in Tegel nach der Registrierung zu erledigen, sei aber nicht möglich, so die Innenverwaltung: Das LEA habe schlicht nicht genug Personal, um auch im Ankunftszentrum eine Außenstelle zu betreiben. "Es wäre zudem kaum vermittelbar, dass Geflüchtete, die in einer One-Stop-Agency vorsprechen, früher bedient werden als diejenigen, die bereits Wochen zuvor einen Antrag beim LEA gestellt haben und auf einen Termin zur Vorsprache warten." Auch gegenüber anderen Geflüchteten und Asylbewerbenden, die zunächst wie bisher beim Landesamt für Flüchtlinge in Reinickendorf registriert werden, wäre eine Vorzugsbehandlung "exklusiv für Geflüchtete aus der Ukraine eine schwer vermittelbare Bevorzugung", so die Innenverwaltung.

Dass beim LEA schlicht das Personal nicht ausreicht, um auch in Tegel präsent zu sein, räumt die Sozialverwaltung ein. Dabei ist man auch dort davon überzeugt, dass "damit mittelbar etwa auch die Entlastung der bezirklichen Sozialämter" möglich wäre. Trotzdem gehe es in Berlin im Vergleich zu anderen Bundesländern noch relativ schnell, Menschen durch die bundesdeutsche Bürokratie zu schleusen. In Tegel stünden den Geflüchteten zudem umfangreiche Beratungsangebote zur Verfügung.

Wohnungsnot überschattet bürokratischen Hindernislauf

Viel größer ist inzwischen aber ohnehin das Problem, dass viele Geflüchtete länger in den Leichtbauhallen auf dem Tegeler Ex-Flughafen ausharren müssen, als geplant – weil es schlicht keine Unterkünfte mehr für sie gibt. "Ein Aufenthalt im Ankunftszentrum kann daher derzeit bis zu drei Monate dauern", räumt die Sozialverwaltung ein.

Die scheidende Sozialsenatorin Katja Kipping hat die Verlängerung des Ankunftszentrums in Tegel bis Juni bereits auf den Weg gebracht. Gehe es nach ihr, so die Linken-Politikerin, werde die Massenunterkunft noch bis mindestens 2024 benötigt. CDU und SPD sollten in ihren Koalitionsverhandlungen deswegen auch darüber sprechen, schnell weitere Modulare Unterkünfte, sogenannte MUFs, zu bauen. "Ich werbe sehr dafür, dass es eine gerechte Verteilung über alle Bezirke gibt." Denn bisher, so Kipping, würden die Bezirke im Osten die Hauptlast tragen, "während sich andere einen schlanken Fuß machen".

Beitrag von Sebastian Schöbel

34 Kommentare

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  1. 34.

    "Es war von "ein Radfahrer" erkennbar gemeint, dass von denjenigen, die nach Europa geflüchtet sind, die meisten nach Deutschland wollen. "

    Auch das stimmt nicht.

  2. 33.

    "Möglicherweise wird ein "Europäischer Flüchtlingsfonds" zur Finanzierung der EU-Flüchtlingspolitik erforderlich sein."
    Sehen sie ich verstehe ja ihren guten Willen all diesen Menschen helfen zu wollen aber mit Geld allein kann man die Probleme nicht lösen. Es fehlt, und das nicht nur in unserem Land, die nötige Infrastruktur dazu. In #5 wurden einige Probleme schon erwähnt, dazu kommt das sich Flüchtlinge nicht in einem Land "festsetzen" lassen.....siehe Calais-Dover. Die Menschen ziehen einfach weiter, ob es Regierungen gefällt oder nicht.
    Wie das ganze Thema bewältigt werden soll dürfte die 100 Millionen Euro Frage sein die zZt. niemand beantworten kann.

  3. 32.

    "Abwarten" ist wohl auch keine Lösung. In den "unwilligen" EU-Staaten wächst zunehmend die Erkenntnis, dass das Flüchtlingsproblem mehr und mehr ein EU-Problem ist. Deutschland allein wird das Problem zwar lösen wollen, aber nicht können. Vgl. auch die aktuellen Stellungnamen des Deutschen Städtetages, des Deutschen Landtages, zahlreicher Bürgermeister und Landräte.

    Der Druck auf die bisher "unwilligen" EU-Staaten wird sicherlich nur in dem Maße zunehmen, in dem das vermeintlich "reiche" Deutschland glaubwürdig nachweist, dass es nicht die Infrastruktur hat, um noch mehr Flüchtlinge als bisher menschengerecht aufnehmen, betreuen, fördern und integrieren zu können. Insofern stimme ich federabwartenden bis skeptischen Grundhaltung zu. Doch "die Hoffnung stirbt zuletzt".

    Möglicherweise wird ein "Europäischer Flüchtlingsfonds" zur Finanzierung der EU-Flüchtlingspolitik erforderlich sein.
    Vgl. auch die aktuellen Bestrebungen der EU-Grenzstaaten (Italien, Griechenland etc.)

  4. 31.

    Es war von "ein Radfahrer" erkennbar gemeint, dass von denjenigen, die nach Europa geflüchtet sind, die meisten nach Deutschland wollen.
    Der Verweis auf Binnenflüchtlinge bei dieser Frage ist doch lediglich ein Ablenkungsmanöver von Ihnen.

  5. 30.

    Moin, na dann warten wir mal ab wieviele Länder sich an der Regelung beteiligen. Bisher sind alle Versuche seit 2015 an den Ländern gescheitert. Schaun mer mal......

  6. 29.

    Es ging bei #22 Demokrat um Flüchtlinge in die EU und nicht um weltweite Fluchtbewegungen.
    Sie haben das Thema verfehlt, aber das ist ja bei ihnen nix neues!

  7. 28.

    Die vorgeschlagene „Kontingent-Regelung“ wird zurzeit von der größten Fraktion des EU-Parlament forciert (!) auf die aktuelle Tagesordnung der EU gesetzt. Auch die derzeitige Führung der CDU unterstützt diese Kontingent-Regelung.

    Grund: Die Anzahl der Flüchtlinge, die aus politischen, wirtschaftlichen, klimatischen oder sonstigen Gründen in der EU leben wollen/müssen, wird in einem derartigen Umfang zunehmen, dass es den wenigen „willigen“ EU-Staaten (primär Deutschland) nicht mehr möglich sein wird, alle Flüchtlinge aufzunehmen und nach humanitären zu betreuen bzw. zu fördern. Diese Erkenntnis reift nunmehr auch in den EU-Staaten, die sich bisher auf Deutschlands Bereitschaft und Fähigkeit zur Aufnahme von Flüchtlingen gern verlassen haben.







  8. 27.

    Problem: Was machen sie mit denen, die nach Erreichung der 0,4% -Grenze vor der Tür stehen? Auf den nächsten 1.Januar vertrösten?

  9. 26.

    "Hinzu kommt noch das die meisten Flüchtlinge nach Deutschland wollen."

    Fake News von rechts. Die meisten Flüchtlinge sind Binnenflüchtlinge, gefolgt von Flüchtlingen in die unmittelbaren Nachbarländer. Kann man alles auf den Seiten der UNHCR nachlesen aber mit Fakten haben sie es ja nicht so.

  10. 25.

    So unschön es ist, ist m.E. "Irgendwann" zu spät.
    Die Probleme müssen in Angriff genommen werden, bevor die "Stimmung kippt".

  11. 24.

    Sorry aber haben sie seit 2015 nicht mitbekommen dass die anderen EU Länder sich dagegen sperren? Die Länder teilen nicht die Meinung der deutschen Regierungen was eine Verteilung angeht. Hinzu kommt noch das die meisten Flüchtlinge nach Deutschland wollen. Irgendwann wird sich eine deutsche Regierung mit diesem Problem beschäftigen müssen.

  12. 23.

    Es bleibt der Spagat zwischen der verlangten umfassenden Sicherheit, dass nicht die vermeintlich "Falschen" in das Land kommen und einer schnellen, unbürokratischen Hilfe. Lebhaft kann ich mich noch entsinnen, weil es ja noch nicht all zu weit her ist, als es um die furchtbare Jesiden-Verfolgung ging. Wochenlang beherrschte das die Schlagzeilen. Alle redeten, eine aber handelte: Die Leiterin der Bremer Außenstelle des B A M F.

    Das war dann wieder nicht recht - weil sie an den eingeschliffenen extrem bürokratischen Verfahren vorbei handelte. Damit geriet sie republikweit zur Unperson, behaupteterweise wegen Bestechlichkeit.

    Solange persönliches Ermessen mit Willkür und Bestechung gleichgesetzt wird, wird es die Bürokratie, sprich: die Regelung des Eventualfalles des Eventualfalles des Eventualfalles in immer höherer Steigerungsform geben.

  13. 22.

    Vorschlag zur EU-Flüchtlingspolitik:
    Pro EU-Staat ein bestimmtes Jahres-Kontingent an Flüchtlingen: ca. 0,4 Prozent der Einwohnerzahl des EU-Staates.
    Auswahl der Flüchtlinge nach den humanitären Kriterien des UNHCR.

  14. 21.

    Diese Entwicklung richtet sich vor allem gegen die Berlin durch RRG

  15. 20.

    Auf dieser Karte gibt es ein Verteilungs-Problem.Politik Provoziert damit eine Unzufriedenheit. Eine Frage der Zeit .das sich Menschen Wehren, Politisch Gewollt . Dummheit und Egoismus, Hilflosigkeit sind das Versteck neuer sozialer Konfrontation.Arm gegen Arm mit Schwierigkeiten.Eine Demokratie ohne Grundgesetz des Paragraphen 1.Gleichheit.desMenschen.ist wie ein Stück Klopapier,zum Brille putzen.

  16. 19.

    Ich denke ,die Leute haben es immer noch nicht Kapiert.Berlin ist Gespalten .Ost .West . Politik ist nur Makulatur der Wahlen.Jetzt kommt die die Zeit .Die Verlierer ,die für wenig Lohn ihre Familie ernährt haben .Nach der Vereinigung 50%bis 80%Lohn erhalten haben.Immer noch Wird der Mindestlohn gefeiert,obwohl seit Jahren ..Es nur noch mehr eine Ohrfeige, für Menschen bei gleicher Arbeit ,als Spezialist der schnellen Ersetzbarkeit.Leiharbeiter müssten für ihre Flexibilität Doppelt verdienen.

  17. 17.

    Su Vali Da sind sie aber auf den falschen Dampfer, die Flüchtlinge können sehr wohl auf ländliche Gebieten untergebracht werden. Es nutzt ja nicht das sie nur in Berlin, Hamburg oder sonst wo leben.
    Gutes Beispiel ist ja Berlin Hauptstadt, und was haben wir hier?
    Genau was sie nicht möchten, nämlich Ghettos, Parallelwelten und mangelnde Integration!!
    Also es liegt nicht an einer Unterbringung sondern an den Menschen der sich interagieren möchte.
    Es ist also kein Wunschkonzert..

  18. 15.

    Bislang sind die Versuche daran gescheitert, dass eine 3-Teilung in Asylsuchende, Kriegsflüchtlinge und Arbeitsmigranten zT als rechte Politik eingestuft wurde, ebenso wie eine konsequente Abschiebung von Personen die keinen Anspruch auf Asyl haben. Eine Ausdiffernzierung in die oh Gruppen gäbe die Möglichkeit klare Regeln aufzustellen, der Geschichte gerecht zu werden und Anreize für Fachpersonal zu schaffen.

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