Neues Förderstunden-System - Hürden bei Inklusion an Berliner Schulen im neuen Schuljahr erwartet

Do. 05.06.25 | 20:18 Uhr | Von Kirsten Buchmann
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Eine Schülerin zeigt im Unterricht für Gebärdensprache das Zeichen für "I love you". (Quelle: dpa/Evelyn Denich)
dpa/Evelyn Denich
Video: rbb24 Abendschau | 05.06.2025 | Laurence Thio | Bild: dpa/Evelyn Denich

Um Kinder mit besonderem Förderbedarf an Regelschulen zu unterrichten, braucht es genügend Unterstützung. Deren Umfang berechnet die Bildungsverwaltung allerdings nach einem neuen System. Einige Schulen fürchten Einschnitte. Von Kirsten Buchmann

Rund 600 Kinder lernen an der Christian-Morgenstern-Grundschule in Berlin-Spandau, einer Schule in einem sozialen Brennpunkt. 66 der Kinder haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Für das kommende Schuljahr rechnet Schulleiterin Karina Jehniche durch ein neues Stundenzumessungssystem allerdings mit weniger Lehrerstellen, um sie zu unterstützen.

Die genaue Zahl kann sie momentan noch nicht beziffern. Sie sagt aber, jede Kraft weniger, "das hat Auswirkungen, die habe ich erst mal nicht zur Verfügung, um die Kinder optimal zu fördern". Den Regelunterricht werde sie im kommenden Schuljahr gut abdecken können. Ansonsten müsse sie aber schauen, "dass wir die zusätzlichen und gerade die individuellen Förderangebote so organisiert kriegen, dass für alle Kinder immer noch was Gutes rauskommt".

Zusätzliche Förderstunden auf Antrag

Nach der UN-Behindertenrechtskonvention haben Kinder und Jugendliche das Recht auf inklusive Bildung. Wie die inklusive Schule in Berlin funktioniert, damit hat sich am Donnerstag der Bildungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses beschäftigt. Die neue Förderstundenzumessung an den Schulen stößt dort auf Kritik.

Bisher wurde die Unterstützung so berechnet, dass Schulen mit vielen sozial benachteiligten Kindern mehr Förderstunden bekamen, weil sie mehr Förderbedarf haben. Ab Sommer sollen die Schulen dagegen eine Grundausstattung für die Unterstützung von Inklusionskindern erhalten. Wenn sie darüber hinaus mehr Stunden brauchen, müssen sie sie beantragen.

Opposition kritisiert Rückschritt

Franziska Brychcy von der Linken ist skeptisch. Denn die Fachbeiräte und andere Beteiligte hätten deutlich gemacht, "dass sie es nicht gut finden, bei der Sonderpädagogik-Zumessung mit dem Rasenmäher vorzugehen, sondern wirklich nach dem individuellen Bedarf zu gucken". Auch die Grünen werten die Senatspolitik als Rückschritt für die inklusive Bildung.

Kritik kommt aber nicht nur von Seiten der Opposition, sondern auch aus den Reihen der schwarz-roten Koalition. Der SPD-Abgeordnete Marcel Hopp pocht darauf, die Unterstützung müsse sich auch in einer Mangelsituation an den konkreten Bedarfen an den Schulen orientieren.

Akuter Fachkräftemangel

Die Bildungsverwaltung wiederum verteidigt ihr Vorgehen. Das neue Zumessungssystem sei zielgenauer. Die Schulen hätten eine verlässliche Grundausstattung plus ihre individuell beantragten Stunden für die sonderpädagogische Unterstützung. Laut Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) mangelt es auch nicht an Ressourcen, sprich am Geld, für die inklusive Schule, sondern sie sagt: "Wir haben einen akuten Fachkräftemangel." Die Zahl der Kinder mit Förderbedarf dagegen steige, gerade im Bereich des Förderbedarfs "Geistige Entwicklung" und "Emotional-soziale Entwicklung".

Trotz ihrer Personalsituation versucht die Spandauer Schulleiterin Karina Jehniche optimistisch zu bleiben, wenn es darum geht, die Kinder individuell zu fördern: "Wir werden es irgendwie hinkriegen für das nächste Jahr. Aber es wird schwieriger werden."Sie werde Klassen mit besonders vielen Kindern mit Förderbedarf durch insgesamt fünf pädagogische Unterrichtshilfen ihrer Schule unterstützen.

Sendung: rbb24 Abendschau, 05.06.2025, 19:30 Uhr

Beitrag von Kirsten Buchmann

22 Kommentare

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  1. 22.

    Den Eindruck habe ich auch....Warum ist das so?

  2. 21.

    „auch Möglichkeiten auf Augenhöhe zu bieten für jene, die sonst chancenlos bleiben und ja, da muss man mehr investieren, denn viele Lehrer sehen Inklusion als Belastung an, nicht als Aufgabe, selbst erlebt, … .“
    Natürlich stellt Inklusion im aktuellen Bildungssystem eine Belastung dar. Sich zeitgleich um völlig unterschiedliche Bedürfnisse und Ansätze inkludierter/nicht inkludierter SuS zu kümmern, führt momentan keinesfalls zum Gesamtziel. Mit Bequemlichkeit, Vorurteilen und Ablehnung hat es wohl meist wenig zu tun. Eher mit nicht ausreichend vorhandenen und unterstützenden Kräften. Von Fachkräften schreibe ich hier nichtmal. Wunschtraum.
    Die gesellschaftliche Komponente nicht zu vergessen. Sichtbarkeit und Akzeptanz von Beeinträchtigungen verhindert Chancenlosigkeit.

  3. 20.

    Erneut zeigt sich, dass die Besetzungscouch von Wegner nicht die beste Auswahlmöglichkeit für einen Senatorenposten ist.

  4. 19.

    ...das übernehmen die Erzieherinnen, die weder von Frau Wünsch noch im Bericht erwähnt werden. Aber warum auch.

  5. 18.

    Die Lehrerschaft ist doch auch diverser (und manchmal ungeeigneter) geworden, da kann so manches als Belastung empfunden werden, was andere als "Bequemlichkeit" einordnen. Es ist auch oft die Menge an Belastung die den Unterschied macht. Gilt übrigens auch für Schüler. Leichte Störungen und Probleme können zb von Autisten mit allerlei Mechanismen kompensiert werden, irgendwann gehts dann eben aber nicht mehr.

  6. 17.

    Welche "Entscheidung" trifft man Ihrer Meinung nach denn, wenn man ein Inklusionskind hat oder dieses eins wird? Unsere Gesellschaft tut neben vielen Eltern und ein paar Engagierten übrigens so gut wie nichts für unsere Kinder.

  7. 16.

    Sind doch bloß Kinder... guckt euch die Entwicklung in Brandenburg an. Das ist alles einfach eine unfassbare Schande.

  8. 15.

    Über 10 % der Schüler haben an einer Spandauer Schule an einem sozialen Brennpunkt einen "Sonderbedarf" ist hier zu lesen. Ist das eine Steigerung, und wenn ja, gibt es eine Erklärung für den Grund für den gesteigerten Sonderbedarf?

  9. 14.

    Wie konnte ich nur gut gebildet die Schule verlassen? Wir hatten Hilfslehrer ohne pädagogische Ausbildung, wir hatten kaputte Bänke, marode Räume, wenig Schulmaterial und viele Ausfälle, wir froren, weil die Heizung kaputt war und wir hatten trotzdem Spaß beim Lernen. Das ist an jene gerichtet, die Schulbildung mit finanziellen Mitteln komplett verwechseln. Viel Geld=mein Kind ist „jetzt klüger“ ist Unsinn.

    Allerdings wurden damals Kinder mit Behinderungen im Alltag gar nicht sichtbar, eingesperrt in irgendwelchen Einrichtungen. Weg, weit weg. Unsere Errungenschaft ist es doch, auch Möglichkeiten auf Augenhöhe zu bieten für jene, die sonst chancenlos bleiben und ja, da muss man mehr investieren, denn viele Lehrer sehen Inklusion als Belastung an, nicht als Aufgabe, selbst erlebt, wie man es als lästig empfindet, sich einem solchen Schüler bewusst zu werden und auf ihn anders einzugehen. Vorurteile und Ablehnung, weil unbequem, so sage ich es mal.

  10. 13.

    Das ist Unsinn, es machen unheimlich viele Schüler aus dem ASS ihr Abitur. Eine neurologische Entwicklungsstörung.

    Klartext, Sie haben keine Ahnung aber viele Vorurteile.

  11. 12.

    Zunächst natürlich meine Hochachtung für die Lehrer, die jeden Tag die Probleme der Gesellschaft (inklusive der fehlenden Erziehung durch Eltern) zu "managen" haben! HInzu kommen politische Entscheidungen.

    Wer plant denn für Schulen? Die Schulleiter? Mit den Fachlehrern zusammen?
    Wenn diese Planungen nicht "stimmen", kann daraus auch keine gelungene Schule erwachsen.
    Lehrermangel kenne ich seit 60 Jahren? Alle Kultusminister der Länder, egal welcher Partei, haben das Problem nicht gelöst? Mehrere Experimente hin/her, der Mangel ist geblieben (gewachsen durch unvorhersehbare Kriege.)
    Besonders großer Lehrermangel - suprise - lt. Kultusministerkonferenz Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen und tlw. auch Berlin. Warum?
    Fehlende Verbeamtung, kein Gehalt in Ferien f. angest. Lehrer?
    Wäre ein Thema zur Studie der Bildungssenatorin für den zuk. Bedarf. Ebenso ob Inklusion die inkludierten KInder sozial u. schulisch tatsächlich besser voranbringt?

  12. 11.

    "Trotzdem sind unsere Politiker nicht bereit für eine umfassende Reform." Nun, Reformen gab es im Bildungsbereich in den letzten Jahren ja mehr als genug. Das Problem war aber, dass sie allesamt nicht hilfreich waren und die Sache noch verschlimmert haben, weil Politiker hier ihre Ideologie umgesetzt haben, statt wirkliche Fachleute die fundamentalen Probleme lösen zu lassen. Insofern bin ich leider skeptisch, ob weitere Reformen hier wirklich eine Lösung bieten werden. Ich glaube nicht mehr daran, dass Politiker hier den Fachleuten freie Hand lassen, um ein wirklich zielführendes Ergebnis zu erreichen.

  13. 10.

    "Beantragen können" was für Blödsinn. Bis das durch ist, ist das Schuljahr rum und dann gibt's kein Petsonal dafür. Das muss man vor dem Schuljahr klar haben, nicht danach.
    Seit Jahren werden Förderungen weggestrichen. Es gibt dann neue Modelle um zu vertuschen das was gestrichen wurde.
    Förderschulen wurden gestrichen als Sparmodell und nun die Stunden.
    Das betrifft auch nicht Förderkinder, denn sie stecken zurück wenn andere zurecht mehr Aufmerksamkeit brauchen.
    Eltern streikt doch endlich mal mit!!!! Es sind eure Kinder für die Lehrer*innen streiken!

  14. 9.

    Ich bin da vollkommen bei Ihnen. Eine Inklusion kann nur bei Kindern mit einer körperlichen Einschränkung überhaupt funktionieren und ist auch nur für diese Kinder sinnvoll und zugegebenermaßen auch zwingend notwendig. Kindern mit geistiger Einschränkung tut man dagegen keinen Gefallen, wenn man diese einfach mal so mit in die Regelschulen steckt, anstatt sie von speziell dafür ausgebildeten Lehrpersonal in entsprechend kleinen Klassen betreuen zu beschulen. In der Regelschule haben diese Kinder keine Chance und stören den Unterricht, worunter dann alle Beteiligten leiden und das Lernniveau entsprechend für alle sinkt. Es ist aber für den Staat billiger, als teure Förderschulen aufrecht zu erhalten. Natürlich muss man in jedem Einzelfall schauen, ob Kinder wirklich nicht für die Regelschule geeignet sind. Aber das Extrem, alle einfach zusammen lernen lassen zu wollen, egal wie die individuellen Voraussetzungen sind, ist undurchdacht.

  15. 8.

    Es ist richtig, dass ab Sommer die Schulen eine einheitliche Grundausstattung für die Unterstützung von Inklusionskindern erhalten. Wenn sie darüber hinaus mehr Stunden brauchen, müssen sie sie beantragen. Auch die Eltern müssen hier stärker zur Verantwortung gezogen werden, es darf nicht immer alles auf den Schultern der Gesellschaft abgeladen werden. Nach dem Motto "ich treffe eine Entscheidung, ein anderer bezahlt dafür" kann es nicht weitergehen.

  16. 7.

    Wenn mehr auf individuelle Förderung statt auf Pauschalen umgestellt wird, dann bedeutet das in erster Linie erstmal einen grossen bürokratischen Mehraufwand und einzelne Schulen/Eltern die damit wahrscheinlich alleine gelassen werden.

  17. 6.

    In Berlin liebt man es, sich "angesagte" Labels an die Brust zu heften, ohne die finanzielle und strukturelle Basis seriös bereitzustellen.
    Es soll alles "progressiv" klingen aber möglichst nichts kosten.
    Die Leidtragenden sind die Lehrkräfte (warum denn gibt es den von der Senatorin beschriebenen "akuten Fachkräftemangel"?) und leider auch die Schüler.

  18. 5.

    Egal wann und wo, unser Bildungssystem wird beklagt, ja es mangelt an allem. Trotzdem sind unsere Politiker nicht bereit für eine umfassende Reform. Man bleibt beim klein- klein der Länder und ist unfähig ein einheitliches Bildungssystem umzusetzen. Der Bildungsstand unserer Kinder sinkt immer weiter und die Verantwortlichen stehen tatenlos daneben. Inklusion ist sicherlich eine feine Sache, sie wird aber nicht funktionieren, zumal wenn es um geistig behinderte Kinder geht. Der von ihnen benötigte Zeitaufwand ist enorm und innerhalb der normalen Schule nicht zu schaffen. Es gab für diese Kinder spezielle Förderschulen und das war der richtige Weg.

  19. 4.

    Ich das gesamte Konzept für falsch und für nicht durchführbar.
    Wie sollen Lehrkräfte, die überhaupt keine spezielle Ausbildung haben, um behinderte Kinder unterrichten zu können, hier Positives bewirken? Zumal zusätzlich zu wenig Personal an den Schulen ist.
    Man tut mit dieser Art "Inklusion" niemandem einen Gefallen.
    Ganz besonders den Kindern nicht.

  20. 3.

    Es werden zum nächsten Jahr tatsächlich Stunden gekürzt. „80%sind die neuen 100%. Es lohnt sich daher für die Recherche mal unter anderem in Pankow nachzufragen.

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