Psychischer Druck und Drohgebaren - Ex-Mitarbeiter werfen Intendanten der Berliner Festspiele schlechte Führung vor

Do 16.12.21 | 15:20 Uhr | Von Nathalie Daiber und Tina Friedrich
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Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, steht am 09.02.2021 im Haus der Kulturen der Welt. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Video: Abendschau | 16.12.2021 | Nathalie Daiber, Tina Friedrich | Bild: dpa/Jens Kalaene

Thomas Oberender ist seit zehn Jahren Intendant der Berliner Festspiele. Kurz vor seinem Abgang sprechen Mitarbeitende jetzt von psychischem Druck bis Burn-out. Oberender streitet die Vorwürfe ab. Von Nathalie Daiber und Tina Friedrich

Thomas Oberender, der langjährige Intendant der Berliner Festspiele, gehört international zu den renommierten Kulturmanagern. Doch Mitte Juni gaben die Berliner Festspiele überraschend bekannt: Oberender hört zum Jahresende auf, um sich neu zu orientieren, obwohl sein Vertrag erst kurz vorher verlängert worden war.

Zu diesem Zeitpunkt sind bei den Festspielen gerade zwei Stellen in der Intendanz ausgeschrieben. Eine Mitarbeiterin hatte sich kurz zuvor mit Burn-out krankschreiben lassen. Die Personalfluktuation unter Oberender ist auffallend hoch: In den zehn Jahren seiner Intendanz haben bereits zwölf Frauen in seinem Büro aufgehört.

Einige von ihnen geben nun Einblick hinter die Kulissen des Festspielapparats.

Anrufe im Krankenstand

"Ich entwickelte aufgrund der Belastung Schlafstörungen und einen Tinnitus", erzählt eine ehemalige Mitarbeiterin. Ihr Arzt verschreibt ihr Schlaftabletten. "Er hat auch vorgeschlagen, dass ich über Kündigung nachdenken sollte." Manchmal ist sie so erschöpft, dass sie sich in der Mittagspause in einem Sanitätsraum hinlegt, statt zu essen, erzählt sie. "Ich habe viel Gewicht verloren."

"Oberender hat es als persönlichen Affront gesehen, dass ich krank geworden bin." So empfindet es eine andere frühere Mitarbeiterin in ihrem Wiedereingliederungsgespräch nach einem monatelangen Burn-out. Eine Ex-Mitarbeiterin sagt, dass der Intendant selbst noch, als sie krankgeschrieben war, angerufen, oder SMS und E-Mails mit dienstlichen Fragen und Aufträgen verschickt habe. Krankenstand soll Oberender als Illoyalität aufgefasst haben.

Mindestens drei Frauen mit Burn-out-Symptomen

Für diese Recherche haben zahlreiche Menschen, die ihn aus verschiedenen Phasen seiner Intendanz kennen, von ihren Erfahrungen mit Oberender erzählt. Sie werfen ihm psychischen Druck, geringe bis gar keine Wertschätzung, Drohgebaren und mangelnde Kritikfähigkeit vor. Frauen berichten von zermürbendem Dauerstress, Abwertung, die zu starken Selbstzweifeln führte, dazu innerhalb weniger Monate Überstunden im dreistelligen Bereich.

Zu vielen Vorwürfen äußert sich Thomas Oberender auf Anfrage nicht. Er beruft sich auf eine Vertraulichkeitsverpflichtung in der Vereinbarung mit der Kulturveranstaltungen des Bundes GmbH (KBB), zu der die Berliner Festspiele gehören. Er sagt, dass er in seiner gesamten Intendanz zu keiner Zeit mit Beschwerden konfrontiert worden sei.

Überstunden gehören dazu

Gesellschaftlich gilt es in Deutschland immer noch als ambitioniert, wenn man regelmäßig Überstunden macht, sich überarbeitet und wenig schläft. So soll auch Oberender einer Mitarbeiterin zu verstehen gegeben haben, dass sie fehl am Platze seien, wenn sie nicht bereit sind, regelmäßig zwölf Stunden zu arbeiten. Er bestreitet das. Mindestens drei seiner Mitarbeiterinnen sind teilweise monatelang mit Burn-out-Symptomen im Krankenstand gewesen.

Thomas Oberender gibt auf Anfrage zu bedenken, dass die Organisation von Kulturveranstaltungen nicht immer mit Arbeitszeiten zwischen 9 und 17 Uhr zu vereinbaren sei. Überstunden seien bezahlt oder abgebaut worden. "Wenn ich den Eindruck hatte, dass eine dauerhafte Überlastung drohte, habe ich versucht, diese in Zusammenarbeit mit der Personalabteilung zu lösen."

Verbale Übergriffe durch Intendanten weit verbreitet

Vorwürfe des verbalen und psychischen Machtmissbrauchs sind ein grundlegendes Problem der Kulturbranche. Thomas Schmidt, Professor für Theater- und Orchestermanagement in Frankfurt am Main, hat 2019 die erste und bisher einzige Studie zum Thema Macht und Struktur am Theater verfasst. 55 Prozent der fast 2.000 Befragten schilderten damals übergriffiges oder missbräuchliches Verhalten, in zwei Dritteln der Fälle ausgeübt durch den Intendanten.

Entgegen der landläufigen Meinung, Machtmissbrauch fange bei körperlichen Übergriffen an und gehe bis hin zu sexualisierter Gewalt, hat seine Forschung ergeben, dass die häufigsten Formen von Machtmissbrauch im Kulturbetrieb psychische und verbale Übergriffe sind. "Die psychische Macht entsteht eher subtil. Man wird einfach geghostet, ignoriert. Man wird nicht mehr gegrüßt, man wird nicht mehr besetzt, man wird unsichtbar gemacht", beschreibt er die häufigsten Verhaltensweisen. "Bei der verbalen Macht geht es darum, die andere Person klein zu halten, um ihr zu zeigen, wie stark sie von mir abhängig ist. Das heißt also, der Umgangston ist verschärft, von der Nicht-Kommunikation bis hin zum Schreien auf den Fluren."

Wenige äußern sich offen

Auch die Vorwürfe gegen Thomas Oberender beziehen sich explizit nicht auf sexualisierte Übergriffe. Männer wie Frauen sollen unter ihm gelitten haben.

Matthias Osterwold leitete von 2001 bis 2014 das Musikfestival "MaerzMusik". Manchmal habe er hinter den Bürotüren der Intendanz Geräusche wie Weinen oder lautes Anschreien gehört, sagt er. Oberenders Führungsstil empfand er als "machiavellistisch". "Damit meine ich das Ausüben von Macht und die Darstellung von Macht: Ich bin der Kommandant. Ich will mich in jedem Fall durchsetzen, egal wie." Osterwold gehört zu den wenigen, die sich offen äußern.

Uwe Gössel leitete von 2005 bis 2014 das Internationale Forum des Theatertreffens, eine Talentschmiede für junge Theaterschaffende aus aller Welt. 2014 erfuhr er kurz vor dem Ablauf seines befristeten Vertrags, dass er in diesem Jahr anders als üblich nicht verlängert werden sollte. Gerüchte machten die Runde, dass in diesem Zusammenhang auch das Programm abgeschafft werden könnte. Gössel erinnert sich an einen Abend während des Festivals. "Oberender vermutete offenbar, dass ich die Quelle der Gerüchte war. Er kam auf mich zu, hielt mir den Zeigefinger vor mein Gesicht und zischte: 'Wenn du nicht aufhörst, zu erzählen, ich hätte vor, das Forum zu beenden, dann sorge ich dafür, dass du beruflich keinen Fuß mehr auf den Boden bekommst!'"

Thomas Oberender teilte auf Anfrage dazu mit, dies weder wörtlich noch sinngemäß gesagt zu haben.

Aufsichtsrat verlängerte Oberender zwei Mal

"Ein Intendant hat größere Freiräume als beispielsweise ein Chef in der Wirtschaft", sagt Thomas Schmidt. Intendanten könnten oft "durchregieren". Dadurch entstehe aber auch mehr Raum für Manipulation und Missbrauch. Er sieht die Politik in der Verantwortung, dieses Strukturproblem anzugehen. Jedoch: "Es passiert nur sehr selten, dass eine Intendantin oder ein Intendant tatsächlich auch von der Politik von seinen Aufgaben entbunden wird, weil diese beispielsweise mit den Medien und auch anderen Kulturverantwortlichen gut vernetzt sind."

Kulturpolitiker:innen sind maßgeblich an der Auswahl der Intendanten beteiligt. Im Fall Oberender war das zunächst Bernd Neumann (CDU), dann Monika Grütters als Bundesbeauftragte für Kultur und Medien. Sie positioniert sich seit Jahren gegen Machtmissbrauch. Mit ihrem Amt verbunden ist der Aufsichtsratsvorsitz der KBB, zu denen die Festspiele gehören. Der Aufsichtsrat verlängerte Oberender zweimal für jeweils fünf Jahre, zuletzt im Herbst 2020.

Koordinierte Aktion

Im Frühjahr 2021 meldet sich wieder eine Mitarbeiterin krank. Burn-out. Daraufhin soll die kaufmännische Geschäftsführerin der KBB, Charlotte Sieben, ehemalige Mitarbeiter:innen kontaktiert und zu Oberenders Verhalten befragt haben. Das berichten mehrere Frauen übereinstimmend. In der Folge soll es ein größeres Online-Meeting gegeben haben. "Darin wurde uns mitgeteilt, dass beabsichtigt wird, dass Herr Oberender seine Verlängerung nicht antritt. Dass alles daran gesetzt wird, dass es zu einer Absetzung kommt", sagt eine, die dabei war.

Die Erfahrungsberichte mehrerer betroffener Frauen sollten offenbar in einem persönlichen Gespräch Monika Grütters vorgelegt werden. Das ARD-Politikmagazin Kontraste und der rbb konnten die E-Mailkorrespondenz einiger Frauen einsehen, in denen diese ihre Protokolle mit Charlotte Sieben abstimmten.

Wenige Wochen später kam es zu der überraschenden Pressemitteilung: Thomas Oberender werde seine Verlängerung als Intendant der Berliner Festspiele nicht antreten. Er wolle sich "neuen Aufgaben und Herausforderungen zuwenden".

Schweigen als Antwort

Zu den Umständen seines Rückzugs äußert sich Thomas Oberender auf Anfrage nicht. Er beruft sich auf eine Vertraulichkeitsverpflichtung in der Vereinbarung mit der KBB. Charlotte Sieben antwortete auf eine detaillierte Anfrage zu den Vorgängen nicht. Auch die Bitte um ein Gespräch, um ihre Sicht darzulegen, blieb ohne Antwort.

Monika Grütters antwortete auf eine persönliche Anfrage nicht. Ein Sprecher der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gab an, Thomas Oberender habe im Aufsichtsrat der KBB ausführlich erklärt, warum er seine Verlängerung nicht antreten wolle. Oberender erhalte weder eine Abfindung noch eine Lohnfortzahlung über die Amtszeit hinaus. Ob Monika Grütters die Protokolle der Frauen vorgelegt bekam, und daraufhin entschied, Oberender einen gesichtswahrenden Rückzug zu ermöglichen, wurde nicht beantwortet.

Angst verhindert Aufklärung

Für Thomas Schmidt ist das Intendantenmodell, wonach eine Person alle Aufgaben - künstlerische wie organisatorische - erfüllen und beherrschen muss, nicht mehr zeitgemäß. Viele Intendanten wüssten gar nicht, wie umfangreich ihre nicht-künstlerischen Aufgaben sind. Für ihn eine Frage der Ausbildung oder der Aufteilung. "An die Spitze eines Theaters gehört entweder ein Team oder ein gut ausgebildeter Manager."

Wenn in Kulturbetrieben eine einzige Person über Engagements, Produktionen und Personal entscheidet, bleibt Angst ein Faktor, ist er überzeugt. "Angst um den Arbeitsplatz, Angst um die Zukunft, Angst, aufgrund der hohen Vernetzung der Intendanten keine weiteren Anschlüsse zu finden, Angst, nicht selbst aufsteigen zu dürfen." Deshalb sei es immer noch selten, dass Machtmissbrauch im Kulturbereich öffentlich gemacht wird. "Es gibt mindestens noch ein Dutzend weitere solcher Fälle, die eben nicht gelöst werden können, weil sich dort die Mitarbeiterinnen nicht trauen."

Hinweis:

Nach Veröffentlichung dieses Artikels hat sich ein Anwalt von Thomas Oberender gemeldet. Er teilt zum Vorwurf von Matthias Osterwold mit, dass es während der Tätigkeit seines Mandanten als Intendant der Berliner Festspiele keinen Vorfall gegeben habe, bei dem jemand aufgrund von Oberenders Verhalten in seinem Büro geweint habe oder bei dem dieser jemanden in seinem Büro angeschrien habe. Zum Vorwurf von Uwe Gössel teilt Oberenders Anwalt mit, dieser sei nicht zutreffend - der Intendant habe Gössel nicht gedroht. Vielmehr habe Oberender Herrn Gössel sinngemäß gesagt, dass der sich lächerlich mache, sollte er das Gerücht weiterverbreiten, Oberender wolle das internationale Forum des Theatertreffens nicht fortführen. Zu den beiden betreffenden Sachverhalten war Thomas Oberender im Vorfeld selbstverständlich vom rbb befragt worden.

Sendung: 16.12.2021, Radioeines, 12.10 Uhrr

6 Kommentare

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  1. 6.

    12 Menschen in 10 Jahren ist absolut nicht normal. Wir hatten in unserem Theater eine ähnliche Situation. Wissen Sie, wieviel Leid vor einem Burnout schon passiert ist? Interne wissen Bescheid. Es ist genau so wie im Artikel beschrieben.

  2. 5.

    Mmmhh...was ist denn der Vergleichswert? 12 Frauen in 10 Jahren...ok. Aber was ist denn "normal"? Und was ist mit den Männern?

    Ich finde es schon merkwürdig, dass die Frauen erst jetzt den Mund aufmachen. Es scheint doch in diesem Bereich auch "Kontrollinstanzen" zu geben. Inwiefern waren Politik und Personalvertretung informiert? Es scheint zuvor ja nichts an die entsprechenden Stellen gelangt zu sein.

    Ich bin ein bisschen perplex und wünsche den Damen eine gute Besserung. Vielleicht hilft es ja, eine weitere Stelle zu schaffen. Arbeit genug scheint es ja zu geben...oder?

  3. 4.

    Machtmissbrauch und autoritären Führungsstil gibt es nicht nur im kulturellen Bereich. Bin froh, dass ich mich darüber nicht mehr ärgern muss, bin Rentner.

  4. 3.

    und wieder zeigt sich, was toxisches Führungsverhalten mit Menchen macht. Man spürt die Angst der Betroffenen.
    Der eigentliche Skandal ist doch aber, dass anscheinend vreschleiert wurde, warum der Typ seine Verlängerung nicht antritt. Weil er abgesetzt wurde und nicht weil er freiwilig geht! Und um einen solchen Narzisten zu schützen, erfindet man einfach was Positives. Warum wird nicht gesagt, dass die Verlängerunng zurückgezogen wurde?

  5. 2.

    Ich bin die unsägliche Kultur des Abstreitens leid.

  6. 1.

    Vielen scheint ihre Macht zu überfordern, oder sie nutzen es einfach aus - solche Menschen gibt es leider überall in jeder Branche. Habe ich auch schon erlebt. Schlimm!

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