Zwangsprostitution und illegale Einschleusung - "Ich habe mich so geschämt"

Do 13.01.22 | 16:27 Uhr | Von Jan Wiese, rbb24 Recherche
Eine Bundespolizistin geht bei einer Razzia in Berlin-Lichtenberg in ein Wohnhaus. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Bild: dpa/Paul Zinken

Stundenlang sagt eine Vietnamesin vor dem Berliner Landgericht gegen mutmaßliche Menschenhändler und Zuhälter aus. Sie beschuldigt die Angeklagten schwer und gibt Einblick in eine Schattenwelt mitten in der Hauptstadt. Von Jan Wiese

"Vorn gab es in der Bar Alkohol, dahinter waren die Zimmer für uns. Da haben wir die Kunden bedient." Die 35-jährige Zeugin H. spricht langsam, oft leise, sucht nach Worten. "Bedient?", wird sie später einer der fünf Verteidiger der Angeklagten fragen. "Wir mussten mit ihnen schlafen," präzisiert sie. Und hält dabei ihr Baby auf dem Arm, um es zu beruhigen. "Mussten?" hakt der Verteidiger nach. "Ja, das war nach Aufforderung von T."

T. ist die Hauptangeklagte in dem Prozess gegen zwei Vietnamesinnen und einen Deutschen. Sie sollen vietnamesische Frauen nach Deutschland eingeschleust und einen Teil von ihnen zur Prostitution gezwungen und ausgebeutet haben. In vermeintlichen Massagesalons, Bars und in Wohnungen, die von der Bundespolizei in mehreren Großrazzien 2021 ausgehoben wurden - auch in Berlin. Am mittwoch trafen sich die Zeugin H. und die Angeklagte T. im prunkvollen Saal 500 des Amtsgerichts Tiergarten wieder.

T. und die anderen Angeklagten umgeben von fünf Verteidigern, H. hat als Beistand eine Anwältin mitgebracht, sie sitzt links von ihr. Auf ihrer rechten Seite steht ein Kinderwagen. H. fällt es schwer, ihre Erlebnisse auf Deutsch zu schildern, deshalb übersetzt eine Dolmetscherin jedes gesprochene Wort simultan.

Dass H. umfangreich aussagt, ist eine kleine Sensation. Denn normalerweise schweigen vietnamesische Frauen und Männer, die in Deutschland Opfer ihrer eigenen Landsleute geworden sind. Aus Scham, Misstrauen und Angst vor ihren Peinigern, denen sie Geld schulden und deren Netzwerke bis nach Vietnam reichen. Und aus Angst davor, Deutschland verlassen zu müssen, ohne die Hoffnungen auf ein besseres Leben für sie und ihre Familie erfüllt zu haben.

Es beginnt mit einer Facebook-Nachricht

Drei Stunden setzt der Richter anfangs für die Befragung der Zeugin an, die dann sechs Stunden dauert. Mit einer Facebook-Nachricht habe alles angefangen schildert H. dem Richter zu Beginn der Befragung. Die Angeklagte T. habe dort mit einer Arbeit als Babysitterin oder Dienstmädchen in Deutschland geworben. Die Kosten für die Schleusung, 18.000 US-Dollar, würde T. als Darlehen vorstrecken, sie müssten später beglichen werden. Für H., die in Vietnam in sehr ärmlichen Verhältnissen gelebt habe, ein verlockendes Angebot. Sie lässt, so erzählt sie, ihre zwei Kinder bei ihrer Mutter und fliegt von Hanoi nach Moskau. Von Russland aus sei es 15 Tage zu Fuß "durch den Wald" gegangen, geführt "von Europäern". "Ich dachte, nicht die Kraft für diesen Weg zu haben, ich dachte daran, aufzugeben." Es ist das erste, aber nicht das letzte Mal an diesem Tag, dass sie weint. Nachdem "die Europäer" sie eine Nacht ausruhen ließen, sei sie mit dem Auto weiter über Polen nach Berlin gebracht worden.

Prostitution statt Babysitting

Doch in Berlin gab es die versprochene Stelle gar nicht. Stattdessen habe sie ein Mann, den sie im Dong-Xuan-Center in Lichtenberg traf, direkt in eine Bar in der nahe gelegenen Landsberger Allee gebracht. Dort wartete T. bereits auf sie und soll H. mitgeteilt haben, wie sie die Schulden abzuarbeiten habe: mit Prostitution. An sieben Tagen in der Woche, das ganze Jahr, videoüberwacht. Anfangs ohne die Bar verlassen zu dürfen. Nahrungsmittel und Kondome habe T. in die Bar gebracht. "Wir haben dort geschlafen, gekocht, gegessen, und mussten die Kunden bedienen. Das waren mehrere Kunden pro Nacht." Die Kunden hätten dafür immer 60 Euro bezahlt, wovon H. 30 Euro behalten durfte, um davon ihre Schulden zu bezahlen. Nach ein paar Monaten sei sie in einen Massagesalon in der Scharnweberstraße in Friedrichshain versetzt worden, "um für neue Kunden interessant zu sein". Die Lebensumstände seien die gleichen geblieben. Nur manchmal durfte sie den Salon verlassen, dafür musste sie aber bezahlen. 50 bis 100 Euro soll die Hauptangeklagte T. dafür zusätzlich verlangt haben.

Schuldschein belastet Angeklagte

Dann kommt die Sprache auf einen Schuldschein, den die Zeugin unterzeichnen musste. Er liegt dem Richter vor. Datiert auf den 25.9.2018 wird dort festgehalten, dass H. noch 10.000 US-Dollar Schulden habe. Zuvor hatte die Familie der Zeugin bereits 8.000 Dollar in Vietnam aufgetrieben. Und dass H. direkt bei T. arbeiten müsse, um die Schulden zu begleichen. Sollte H. irgendwo anders Arbeit aufnehmen, müsse sie 5.000 Dollar Strafe zusätzlich zahlen. Ob es auch eine andere Arbeit als Prostitution bei T. zum Begleichen der Schulden gegeben habe, fragt der Richter. „Nein“, antwortet H., aber immerhin seien nach gut einem Jahr die Schulden zuzüglich 360 Euro Zinsen beglichen gewesen und sie konnte gehen.

"Arbeiten" - was hat das mit Prostitution zu tun?

Der Schuldschein ist ein wichtiges Beweismittel, belegt er doch schwarz auf weiß, was Staatsanwälte und Ermittler sonst nur schwer nachweisen können: Wie ausgeliefert die Opfer ihren Landsleuten sind. Doch die Verteidiger der Hauptangeklagten scheinen diesen Schuldschein nicht zu kennen. Einer von ihnen lässt ihn sich aushändigen, legt ihn vor H. auf den Tisch und geht ihn - etwas theatralisch deklamierend - Zeile für Zeile mit ihr durch. Beim Wort "arbeiten" verharrt der Verteidiger. "Arbeiten!", da sei von Prostitution doch gar keine Rede. Zeugin H. scheint gar nicht zu verstehen, was der Verteidiger meint, bis er später ganz direkt wird: "Warum sind Sie nicht geflüchtet? Oder fanden Sie es gut da? Hatten sie wirklich Sex oder nur massiert?"

Diese Fragen lassen H. zunehmend verzweifeln. Immer wieder beginnt sie zu weinen, sucht nach Worten. Sie wird auf ihren Asylantrag angesprochen, auf widersprüchliche Angaben darin zu Daten und ihrer Arbeit. Sie rechtfertigt sich: "Ich habe mich so geschämt dafür, als Prostituierte gearbeitet zu haben, deshalb habe ich dort gesagt, ich arbeite als Dienstmädchen." Sie zittert am ganzen Körper und als es um ihr Heimatdorf geht, gibt es kein Halten mehr: "Alle in meinem Dorf wussten, dass ich als Prostituierte arbeite, das war mir so peinlich. Ich wollte nur noch ein normales Leben." Immer wieder muss die Sitzung unterbrochen werden. Zwischendurch kümmert sich wiederholt eine Bekannte aus dem Zuschauerbereich um das Baby.

Kurz vor Schluss der Verhandlung stellt einer der Verteidiger eine versöhnliche Frage: "Haben Sie keinen Verdacht geschöpft in Vietnam?" Die Antwort von H.: "In Vietnam dachte ich, sowas geht in Deutschland nicht." Am Tag vor ihrer Aussage hat die Anwältin von H. eine Nebenklägerschaft für sie beantragt. Diesem Antrag gab das Gericht am Ende des Verhandlungstages statt.

Sendung: Inforadio, 03.01.2022, 18:00 Uhr

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