Flughafen in Finanznot - Warum der BER unter seinem eigenen Geschäftskonzept leidet

Mo 30.05.22 | 20:05 Uhr | Von René Althammer
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Ein vom Flughafen Berlin Brandenburg (BER) gestartetes Flugzeug. (Quelle: imago/Manngold)
Video: rbb24 Brandenburg aktuell | 30.05.2022 | T. Majerowitsch und Gespräch mit R. Althammer | Bild: imago/Manngold

Der Teilrückzug von Easyjet dürfte die Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg Millionen kosten. Das erhoffte dauerhafte Wachstum bleibt bislang aus. Der BER kann nun immerhin mit 2,4 Milliarden Euro rechnen. Von René Althammer, rbb24 Recherche

Allzu groß dürfte der Schreck bei der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB) in der vergangenen Woche angesichts der Nachrichten von Easyjet und Ryanair nicht gewesen sein. Denn die beiden Fluggesellschaften hatten schon vor einigen Monaten verkündet, dass sie die Gebühren am BER für zu hoch halten. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie machen den Airlines zu schaffen. Mit der aktuellen Ankündigung von Easyjet, sieben Flieger vom BER abzuziehen, machte das Unternehmen die Drohung wahr. Und offen ist, wie Ryanair sich nun verhält.

Ob der Flughafengesellschaft wirklich, wie nach Bekanntwerden einer internen Mail berichtet, 30 Millionen Euro entgehen werden, scheint derzeit noch nicht sicher. Auf Anfrage von rbb24 Recherche teilte die FBB mit: "Ein möglicher Einnahmeverlust kann nicht genauer beziffert werden. In der Information an den Aufsichtsrat ging es darum, eine Vorstellung von der Größenordnung zu vermitteln." Denkbar ist, dass andere Gesellschaften einspringen, wenn das Geschäft wieder in Gang kommt und mehr Menschen nach Berlin fliegen wollen und können.

Eine Gebührenabsenkung, wie von Easyjet und Ryanair gefordert, ist schlicht nicht möglich. Die EU-Kommission, die im Februar einer staatlichen Beihilfe von 1,7 Milliarden Euro zugestimmt hatte, hat dies ausdrücklich untersagt. Die Hilfen dürfen dem Unternehmen keinen Wettbewerbsvorteil verschaffen, sondern dienen nur zum Ausgleich der Corona-bedingten Verluste.

Wachstumshoffnung als Problem

Die aktuellen Ereignisse machen deutlich: Die FBB und ihr BER leiden dauerhaft an ihren Geburtsfehlern - überteuerte Baukosten und ein auf dauerhaftes Wachstum basierendes Geschäftsmodell. Über sechs Milliarden Euro wurden mit Zustimmung der politisch Verantwortlichen in Berlin, Brandenburg und im Bund verbaut. Anderswo hätte man dafür zwei Flughäfen bekommen.

Um die enormen Kosten zu refinanzieren, sahen die Businesspläne des Unternehmens nur einen Weg: Wachstum durch ständig steigende Passagierzahlen. Darauf baut auch die Gebührenordnung des BER auf: Je mehr Passagiere pro Flugzeug die Airlines über den BER bewegen, um so günstiger die Kosten pro Passagier. Im Gebührendeutsch sind das zum einen die passagierunabhängigen Fixkosten und die Kosten pro Passagier, nach denen abgerechnet wird.

Im aktuellen Businessplan geht die FBB im sogenannten Management-Case ab 2025/26 von einem jährlichen Wachstum von gut zwei Prozent aus, wenn sich der Luftverkehr bis dahin soweit erholt hat, dass der Stand von 2019 (35,65 Mio Passagiere) wieder erreicht ist. In früheren Plänen ging man von 2,3 Prozent aus, wollte 2022 gar mehr als 38 Millionen Passagiere abfertigen. Der BER als Erfolgsmodell. Doch dann kam Corona. Aber kam wirklich nur Corona?

Der Traum vom BER als internationalem Knotenpunkt ist ausgeträumt

Die mögliche Refinanzierung des BER trotz steigender Kosten lebte lange von der Hoffnung, dass der BER ein internationaler Knotenpunkt wird. Doch dieser Traum ist lange ausgeträumt. Was blieb, ist die Attraktivität des Standorts Berlin für Touristen. Millionen Passagiere, die dank billiger Tickets die Stadt besuchen, damit verdient der BER vor allem. Bleiben sie aus und ziehen sich die Lowcost-Carrier zurück, dann trifft es das Unternehmen besonders hart.

Doch veränderte Urlaubsgewohnheiten, Krisensituationen, die den Menschen ans Portemonnaie gehen, der bewusstere Umgang mit den natürlichen Ressourcen und die Erfahrung, dass nicht jedes Meeting vor Ort stattfinden muss, all diese Faktoren wirken sich auf die Zukunft der Luftverkehrs aus – und schlagen sich in den Einnahmen des BER deutlicher nieder als bei anderen Flughäfen.

Wirtschaftsprüfer benennen Risiken

Wirft man einen Blick in den Geschäftsbericht der FBB so wird im schnell klar: Die Zukunft der FBB hängt unter den derzeitigen Voraussetzungen am "seidenen Faden", wie es im Konzernanhang für das Geschäftsjahr 2021 heißt. Zur "Unternehmensfortführungsprognose" stellen die Wirtschaftsprüfer fest: "Nach vorliegender Planung wird der Liquiditätsbedarf bis zum Ende des Prognosezeitraums durch vorhandene und erwirtschaftete Mittel gedeckt sein. Dies erfordert jedoch, dass die der Planung zugrunde liegenden Annahmen auch eintreten, insbesondere: Erholung des Flugverkehrs und damit einhergehend eine Erhöhung der Passagierauslastung (...)."

Wenn jedoch weniger Passagiere als geplant nach Berlin kommen, dann ist eine der Voraussetzungen hinfällig und es stellt sich die Frage: Wie weiter? Die Berliner CDU sieht den Ausweg in "privaten Partnern", wie Christian Gräff, der wirtschaftspolitische Sprecher der Fraktion im Abgeordnetenhaus am Montag sagte. Ein von der CDU vorgeschlagenes "Konzessionsmodell für den Flugbetrieb gegen eine jährliche Abgabe von 200 Millionen Euro könnte mehr unternehmerisches Knowhow und vor allem Entlastung der öffentlichen Hand bringen".

Die Umsatzerlöse der FBB im Jahr 2021 betrugen 271 Millionen Euro. Ob ein privater Partner, der mittel- oder langfristig kalkuliert, wirklich dazu bereit ist, bei der FBB einzusteigen – und damit auch für die Schulden miteinzustehen – bleibt fraglich.

Hunderte Millionen zusätzlich sind sicher

Sicher ist hingegen: Bis 2026 wird die FBB nach Informationen von rbb24 Recherche mit bis zu 2,4 Milliarden Euro von den drei Gesellschaftern rechnen können. Diesen Finanzbedarf hat die FBB seit längerem angemeldet. 1,7 Milliarden Euro hat die EU-Kommission bereits genehmigt.

Weitere Mittel sollen, so teilt die Berliner Senatsverwaltung für Finanzen dem rbb auf Nachfrage mit, "nach aktueller Planung im Jahr 2026" zur Verfügung gestellt werden. Die FBB müsse jedoch noch einen sogenannten Market Economy Operator Test (MEOT) bestehen, der voraussichtlich Ende 2024 erfolgen soll. Dieser Test soll für Unternehmen in öffentlicher Hand sicherstellen, dass staatliche Finanzhilfen nicht wettbewerbsverzerrend wirken und private Investoren aufgrund der zukünftigen Unternehmensentwicklung ebenso weitere Millionen in das Unternehmen pumpen würden.

Ob damit dann die FBB auf Dauer finanziell saniert ist, wird sich zeigen.

Korrekturhinweis, 31.05.2022, 13:15 Uhr: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, der MEOT sei bereits erfolgreich absolviert. Die Senatsverwaltung für Finanzen wies jedoch am Dienstagvormittag darauf hin, dass der Test noch aussteht.

Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 30.05.2022, 19:30 Uhr

19 Kommentare

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  1. 19.

    Die zukünftige Nutzung von Tegel ist deutlich attraktiver und menschenfreundlicher. Der BER hat nur viel zu lange gebraucht, um fertig zu werden und in Coronazeiten eröffnet.

  2. 18.

    Mal bitte ganz ruhig bleiben.
    1. die Passagierzahlen am BER werden weiter steigen, - Berlin ist nicht verloren....das Angebot folgt der Nachfrage und die ist perspektivisch sehr gut
    2. Ryanair und Co fahren die gleiche Nummer auch am Frankfurter Flughafen,

    Auch in Frankfurt spielt Ryanair Hardball und kommt dann doch wieder zurück. Die Sau wurde schon öfter durchs Dorf getrieben, nun ist es eben mal am BER....

  3. 17.

    Hier sollte man auch ein Logistik-Drehkreuz gen Osten mittelfristig schaffen, dadurch könnte auch Halle/Leipzig entlastet werden. Platz genug für einen guten Logistikstandort haben wir am BER ja noch. Die Logistiker sollten diese Chance nutzen.

  4. 16.

    Endlich mal ein etwas ausführlicherer Artikel. Allerdings fehlt mir weiterhin die Unterscheidung zwischen laufendem Geschäftsbetrieb und Schuldenstand. Viele denken ja,dass die ganzen Milliarden für den Betrieb drauf gehen,dabei wird der Großteil für die Umschuldung verwendet.

    Die einzige Option ist Wachstum. Den Flughafen schließen ist keine und Privatisierung ebenso.

  5. 15.

    Die öffentliche Hand hat dieses völlig dysfunktionale Milliardengrab geschaffen, und jetzt sollen private dafür bezahlen ?
    Geht's noch ??

  6. 14.

    Ahnungslos? "Die Erfolgsgeschichte" geht weiter? Wohl besser: Genau auf den Punkt gebracht. Ein Gebaren von Ryanair ist genau so bekannt. Profis wissen wie man damit umgeht.

    Ahnungslos sind diejenigen die nicht sehen wollen, wer uns das alles eingebrockt hat: Standortwahl, Bau, Betreiber - Eine Kombination aus...

  7. 13.

    Wollten nicht Einige sowieso die Billigflieger reduzieren ? Wie kann ein Flughafen, welcher hauptsächlich von Steuergeldern finanziert wird, solch ein Geschäftsmodell haben ? Es ist die pure Geldverschwendung, ein politisches Pyramidenspiel auf unsere Kosten.

  8. 12.

    Weder noch! Ahnungslose Geschreibe! Zu einen ist Woidke kann nicht verantwortlich, zu anderen haben andere bereits angekündigt, die Lücke, die EasyJet hinterlässt, zu nutzen.

    Die Billigairlines spielen gerne die Flughäfen gegeneinander aus. Nur gehen die denen irgendwann aus. Geflogen wird trotzdem, dann aber halt weniger von pfennigfuchsenden Billitouristen.

  9. 11.

    Auf der einen Seite fehlt in Berlin und Brandenburg das Geld für Kitas und Schulen und gleichzeitig werden am Flughafen Milliarden versenkt. Der Stellenwert von Kindern in unserer Gesellschaft liegt bei Null. Hauptsache hirnlose Prestigeprojekte in die Landschaft knallen.

  10. 10.

    Endlich bleiben die Billigtouristen weg. Die machen nur die Stadt voll und tragen wenig zum Steueraufkommen bei. Die Reisenden haben ihr Vergnügen, die Einwohner leiden. Nicht jeder der es sich nicht leisten kann muss Berlin besuchen.

  11. 9.

    Hier wird ein totes Pferd munter weiter geritten. Eine Kalkulation, aufgebaut auf Träumen, wie "internationales Drehkreuz, ständig wachsender Gewinn" , würde von keinem seriösen Kreditunternehmen finanziert werden. Was für ein Glück, dass die Entscheidung durch die Verursacher getroffen wird, und die Finanzquelle Steuergeld heißt. Sonst wäre der Laden längst insolvent.

  12. 8.

    Da hätte man auch TXL offen lassen können, wenn sich die Passagierzahlen nach unten ändern.
    Aber bei der Ankunft ging es Recht zügig mit der Gepäckausgabe und der Passkontrolle, da war ich doch vom BER positiv überrascht, es hat knapp 25 Minuten gedauert bis ich draußen war.
    Aber da aufgrund des Krieges und das daraus entstandenen wirtschaftlichen Schadens halten die Menschen lieber ihr Geld fest anstatt zu vereisen.
    Bei den gallopierenden Preisen ist das verständlich, Corona und die Affen Pocken kommen noch dazu.

  13. 7.

    Aber ein nobler Schlitten im Wert von über 100.000€ für Herrn Andersson muss trotz Überschuldung und der Tatsache, dass die FBB am Tropf der Steuerzahler hängt trotzdem drin sein. Recherchiert doch mal für was die FBB die Euros ausgibt. Das ist krank!

  14. 6.

    Woidkes „Erfolgsmodell“ hängt nicht nur am seidenen Faden, es ist ein selbstverschuldetes Desaster. Es bleibt für ihn nur noch, seine großen „Forderungs-Gipfelerfahrungen“ und seine unglaublichen Netzwerke so zu bemühen, dass ein „Türklinkenputzen“ doch noch die eine oder andere Fluggesellschaft anlockt. Satire oder gelebte Wirklichkeit?

  15. 5.

    " Trocken, trockener, Berlin "

    gilt auch wohl für den BER

  16. 4.

    Hier wird die Hoffnung auf dauerhaftes Wachstum kritisiert, vor Corona noch die Melodie des zu klein geplanten Flughafens samt überlasteter Zufahrtswege in Dauerschleife gespeilt.

  17. 3.

    Was für eine Geldverschwendung hätte man mit den Milliarden nicht etwa Schulen sanieren können. Der FBB IST EINE GELDVERBRENNUNGSMASCHINE UND EIN FASS OHNE BODEN.

  18. 2.

    Durch Tesla wird auch Berlin profitieren. Bisher bestritten IAV, MBition, PTZ/Fraunhofer, Ferchau und BMW, nebst Mercedes den Automobilstandort Berlin. Jetzt kam Tesla hinzu.

  19. 1.

    Was im Bericht nicht erwähnt wurde ist, dass Eurowings bereits angekündigt hat die Crews der easyjet Flotte zu übernehmen. Das heißt ein anderer Anbieter wird die Lücke füllen. Die Nachfrage in der Region ist ja da.

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