Eine Frau spaziert vor der Kulisse eines abgerissenen Plattenbaus in Schwedt / Oder (Quelle: rbb online / Schneider).

Schwedts Bürgermeister im Interview - "Mut zu radikalen Lösungen"

Während Berlin wächst, sinken in weiten Teilen Brandenburgs die Bevölkerungszahlen seit Jahren kontinuierlich. Extrembeispiel für diesen Schrumpfkurs ist das uckermärkische Schwedt: 20.000 Einwohner hat die Stadt seit der Wende verloren. Als Bürgermeister hat Jürgen Polzehl (SPD) vor allem eine Aufgabe: Der Stadt beim Schrumpfen zu helfen - und die Einwohnerzahlen fallen noch weiter.

rbb online: Herr Polzehl, wenn Sie im Urlaub sind: Wie erklären Sie in Westdeutschland oder im Ausland, was das für eine Stadt ist, aus der Sie kommen?

Jürgen Polzehl: Erstmal sage ich: 100 Kilometer nordöstlich von Berlin, in Richtung der polnischen Stadt Sczeczin (Stettin), also Richtung Ostsee, an der Oder. Und dann kann ich immer stolz berichten, dass diese Stadt etwas Besonderes ist: Sie hat ja in den letzten 20 Jahren der Planwirtschaft rund 50.000 Einwohner Zuzug gehabt und in den jetzt zurückliegenden 20 Jahren diese Einwohnerschaft wieder um halbiert – also sozusagen damals eingeatmet, jetzt ausgeatmet. Und das Ganze hat eine gewaltige Dynamik, die haben wir durchlebt und den Prozess organisiert.

Jürgen Polzehl (dpa, Archivbild)
Jürgen Polzehl (SPD), Bürgermeister von Schwedt | Bild: dpa/Bernd Settnik

Dann bleiben wir gleich mal beim Ausatmen: Schwedt gilt als Modell im Schrumpfen, Sie sprechen von der "Kunst des Schrumpfens". Die interessiert auch anderswo: Westdeutsche Städte haben sich schon Rat bei Ihnen geholt und auch internationale Delegationen zum Beispiel aus Japan waren da. Was können die von Schwedt lernen?

Wir können vermitteln, dass man Mut zu radikalen Lösungen haben muss. Wir haben zum Beispiel einen ganzen Stadtteil rückgebaut, also inklusive Straßen und technischer Infrastruktur. Das ist schon eine mutige Entscheidung: Sie müssen mit der Bevölkerung diskutieren und die Bürger mitnehmen. Der Aufwand ist enorm, aber der Lohn dafür, dass man sich von Plattenbauten trennt, aber gleichzeitig das Stadtbild mit dem Zentrum unserer 750 Jahre alten Stadt erhält, ist das alle mal wert.

Parallel zum Prozess des Schrumpfens müssen aber auch neue Strukturen aufgebaut werden. Wir haben 6.000 Wohnungen abgerissen, aber auf der anderen Seite sind 4.000 neue Eigenheime nach der Wende entstanden.

Aber für die Bürger, deren Wohnungen abgerissen wurden und die zwangsweise umziehen mussten, war das oft ein schmerzhafter Prozess. Wie geht man als Bürgermeister damit um? Was sagen Sie denen, die das bis heute nicht verwunden haben?

Der Bevölkerung sage ich zuerst mal danke, es war eine schwere Zeit. Ohne ihre Akzeptanz wäre das, was wir heute erreicht haben, nicht möglich gewesen. Das Gute ist, dass man heute gar nicht mehr so viel sagen muss, weil das aktuelle Stadtbild von Schwedt und das Lebensgefühl überzeugen. Wir haben uns da Vertrauen erarbeitet und können darauf weiter aufbauen. Als die Umbaupläne in den 90er-Jahren in Sporthallen vorgestellt wurden, da ging es schon mal ziemlich laut zu. Wir haben die Stadt eingeteilt in Erhaltungsgebiete und Abrissgebiete. Und wer will schon im Abrissgebiet wohnen?!

Die Bürger nach so einer Information nicht alleine zu lassen, sondern sie zum Beispiel durch Umzugsprämien und Hilfestellungen dafür zu begeistern, ihren neuen Lebensmittelpunkt in der Stadt zu wählen, das war - denke ich - eine sehr gute Pionierarbeit.

Die Fußgängerzone in der Altstadt von Schwedt / Oder (Quelle: rbb online / Schneider).
Die Fußgängerzone in der Schwedter Altstadt. | Bild:

Schwedt schrumpft seit Jahren nicht nur bei den Wohnungen, sondern auch bei Einrichtungen wie Schwimmbädern, Schulen oder Bibliotheken. Durch die weiter abnehmende Bevölkerungszahl sinken die Steuereinnahmen und die Infrastruktur pro Kopf wird teurer. Worauf müssen die Schwedter angesichts der klammer werdenden Stadtkasse in Zukunft verzichten?

Es geht ja nicht nur um Schrumpfen, es geht auch um Wachsen und Erhalten. Wachsen wollen wir in der Wirtschaft, schrumpfen müssen wir noch im Wohnungsbau, und erhalten wollen wir alle Funktionen, die so eine Stadt lebenswert machen. Und bevor man etwas schließt, muss man prüfen, ob man mehrere Funktionen unter ein Dach bekommt. Das ist uns zum Beispiel mit dem Haus der Bildung ganz gut gelungen: Wirtschaftsförderung, die Volkshochschule, die Kinderuni - alle unter einem Dach. Und so eine Stadt muss sich auch für die Region öffnen. In die Uckermärkischen Bühnen Schwedt kommen zum Beispiel immer mehr Besucher aus dem Nachbarkreis Barnim. So muss die Region zusammenrücken, um die Pfunde, die die sie hat zu erhalten.

Die Stadt hat seit 1990 rund 20.000 Einwohner verloren, bis 2030 sollen es noch einmal rund 6.000 weniger sein. Die Zahl der Kinder sinkt um knapp 40 Prozent. Können da wirklich alle öffentlichen Einrichtungen aufrecht erhalten werden?

Unsere Planungen gehen bis 2025 und ich kann im Moment nicht erkennen, dass wir da weiteren Rückbau brauchen. Wir haben im Moment die Tendenz, dass sich die Einwohnerzahl bei 25.000 einpendeln könnte. Bis 2025 sind wir damit soweit angepasst, auch bei den Schulen. Es könnte höchstens noch eine Kindertagesstätte zurückgebaut werden. Aber in den nächsten Jahren setzen wir auf Erhalt aller Einrichtungen und auf Impulse aus der Region.

Wir haben im Schwimmbad steigende Besucherzahlen, wir haben in unseren Uckermärkischen Bühnen Schwedt steigende Besucherzahlen. Aber natürlich kann man da nicht einfach drauf warten, sondern muss aktiv ins Marketing gehen und vor allen Dingen den grenzüberschreitenden Ansatz mit bedienen.

Die Nähe zur polnischen Grenze birgt einerseits die Chance, mit Stücken auf Polnisch Zuschauer für die Uckermärkischen Bühnen zu gewinnen. Andererseits siedeln sich Arbeitgeber oft auch gleich jenseits der Grenze in Polen an. Auch bei Dienstleistungen sind polnische Betriebe häufig eine günstige Konkurrenz. Ist die Lage an der Grenze für Schwedt mehr Fluch oder Segen?

Ganz klar: Segen. Und mit realen Zukunftschancen. Wir haben drei polnische Partnerstädte, arbeiten sehr intensiv mit der polnischen Seite zusammen. Schwedt strebt eine Entwicklungsachse Berlin – Stettin an. Zum Speckgürtel von Berlin gehören wir nicht mehr, aber wir wollen zum Speckgürtel von Stettin gehören - das übrigens 400.000 Einwohner hat. Diesen Speckgürtel gibt es bisher allerdings noch nicht, hier besteht also noch Entwicklungspotenzial. Dafür brauchen wir Unterstützung und einen langen Atem. Denn die Grenze stellt bisher auch noch eine gewisse Hürde dar.

Aber die Uckermärkischen Bühnen übernehmen zum Beispiel im Bereich Kultur eine Vorreiterrolle. Auch das Asklepios-Klinikum in Schwedt, das Lehrkrankenhaus einer Stettiner Medizinakademie ist, ist hier sehr aktiv. Und wir haben noch weitere Baustellen in dieser Richtung bei Bildung und Tourismus. Zum Beispiel wäre es für mich ein Traum, eine Dependance der Stettiner Uni in die Stadt zu holen. Ich denke, die Chancen dafür stehen gut. Momentan wird in einer Studie geprüft, wie realistisch das ist.

Blick auf das Gelände der PCK-Raffinerie in Schwedt / Oder (Quelle: rbb online / S. Schneider).Das PCK ist der größte Arbeitgeber in Schwedt.

Zum Thema Wirtschaft: Das PCK Schwedt, die Erdölraffinerie, ist der größte Arbeitgeber in der Stadt, hat aber zu kämpfen: Sinkende Ölnachfrage, steigende Energiekosten, schlechte Verkehrsanbindung. Wenn das PCK schließt, gehen dann in Schwedt die Lichter aus?

Das wäre katastrophal, um es auf den Punkt zu bringen. Als Schwedter Bürgermeister werte ich es als positives Signal, dass die Eigner der PCK Schwedt dreistellige Millionenbeträge in die Hand nehmen, um die Anlagen technologisch und umweltschutzmäßig auf den neuesten Stand zu bringen. Diese Signale stärken den Standort.

Außerdem haben wir neben der Raffinerie einen Industriepark entwickelt, wo sich alternative Energien, Bioethanol, Biodiesel, Biogas und auch Holzpellets-Produktionen angesiedelt haben. Damit geht auch ein Strukturwandel einher.

Ich denke, wir sind gut beraten, nicht auf die Dunkelheit hinzuarbeiten und uns weiterhin am Licht zu orientieren. Standorte brauchen Rahmenbedingungen. Und dazu gehören in erster Linie auch Straßenanbindungen. Hier ist uns seit zehn Jahren eine Überholspur beim Autobahnzubringer versprochen.

Aber vorerst sind die Ausbaupläne für den Autobahnzubringer geplatzt: Dem Bund ist es zu teuer. Sie setzen trotzdem darauf?

Wir setzen darauf. Und es läuft momentan eine konzertierte Aktion, um uns da Gehör zu verschaffen und nicht abgekoppelt zu werden.

Blick auf die Oder nahe dem brandenburgischen Hohensaaten (Quelle: dpa)
Der Nationalpark "Unteres Odertal" in Schwedt. | Bild: dpa-Zentralbild

Wie sieht es mit den Alternativen in der Wirtschaft aus? Sie haben es ja schon angesprochen: regenerative Energien und Biotechnologie zum Beispiel. Außerdem setzt Schwedt auf den Tourismus im Nationalpark Unteres Odertal, trägt jetzt den Titel "Nationalparkstadt". Können diese Branchen tatsächlich ein Ersatz sein, wenn ein Arbeitgeber wie das PCK wegbricht?

Ich denke, Tourismus ist keine Alternative zum Wirtschaftskern. Aber es ist eine mögliche Ergänzung, um neue Jobs zu schaffen. Das Vermarktungspotenzial des Unteren Odertals, dem einzigen Flussauen-Nationalpark der Bundesrepublik, ist längst noch nicht ausgeschöpft. Der Tourismusverein hat da schon einige gute Produkte entwickelt: Flussauenwoche, Singschwantage, Nationalparklauf, auch der Oder-Neiße-Radweg führt direkt zu uns. Diese Sachen muss man noch weiter etablieren.

Im übrigen suchen wir Anschlussbranchen an unseren Industriekomplex, die Raffinerie und die Papierverarbeitung. Wir können Energie, Stickstoff oder andere Medien bereitstellen, die bestimmte Firmen brauchen. Im Rahmen des regionalen Wachstumskernkonzeptes werben wir um weitere Ansiedlungen. Aber das ist schwierig.

Mit Biodiesel, Bioethanol und Holzpellets sind wichtige Strukturinvestitionen im Bereich der erneuerbaren Energien unmittelbar neben der Raffinerie entstanden. Die Entwicklung ist in vollem Gang, aber es könnte natürlich noch mehr sein, um die Arbeitsplatzsituation in der Stadt zu verbessern.

Der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz vom ifo-Institut in Dresden schlägt als Alternative für Gegenden wie die Uckermark vor, sich vom Konzept Arbeitsstandort zu verabschieden und vor allem Wohnstandort zu werden für Menschen, die lieber Natur als Shopping haben und nur einige Tage pro Woche zum Beispiel in Berlin oder Stettin arbeiten oder von zu Hause aus. Könnte Schwedt als Schlaf- und Freizeitstadt funktionieren?

Das Konzept einer Schlafstadt hat sich schon in der Planwirtschaft nicht bewährt. 1989 gingen die Einwohner auch in unserer Stadt auf die Straße und forderten kommunale Einrichtungen wie ein Kino und ein Schwimmbad. Und jetzt - wo alles da ist - zu sagen, es gibt keine Arbeit mehr, ist für mich schwer vorstellbar. Die Stadt hat sich ja auch mit als Arbeits- und Wohnstandort neu erfunden. Wir profitieren davon, dass wir genauso viele Arbeitsplätze im Gewerbe haben wie in der Dienstleistung, also ganz stabile Säulen, die für die Fortführung dieses Konzeptes sprechen.

Trotzdem kann ich dem Forscher beipflichten. Wer die Natur liebt, soll gerne nach Schwedt kommen. Er kann hier per Datenbahn arbeiten. Am besten wäre es, wenn sich Forschung und Entwicklung oder Software hier ansiedeln. Einen Slogan hätte ich auch schon: Leben und arbeiten mit Technologie und Natur.

Schwedter Jugendliche sagen, sie wünschen sich mehr Clubs und mehr Freizeitmöglichkeiten. Wenn man nicht selbst Party mache, sei nichts los. Womit kann Schwedt junge Leute, die es ja auch als Fachkräfte braucht, halten oder vielleicht sogar anlocken?

Zuallererst durch Arbeitsplätze. Wir haben momentan eine erfreuliche Rückkehrer-Bewegung, ohne, dass die jetzt ganz dominant ist. Aber es gibt eben Leute, die zurückkommen. Durch den Generationswechsel in der Wirtschaft stehen die Chancen nicht so schlecht, dass wir hier ein gewisses Potenzial wieder zurückbekommen können. Wir haben eine eigene Ausbildungsmesse, unsere Raffinerie macht eine Lange Nacht der Ausbildung und wir sind mit mehreren Jugendforen in Diskussion, was noch zu tun ist. Jugendclubs haben wir, ein eigenes Theater haben wir, Kunst- und Musikschule haben wir. Also es ist schon eine ganze Menge da. Es ist unstrittig, dass junge Menschen fasziniert sind von Angeboten, die eine Metropole zu bieten hat. Aber für eine Stadt mit 30.000 Einwohnern bieten wir hervorragende Bedingungen.

Lassen Sie uns zum Schluss nochmal einen Blick in die Zukunft werfen: Wenn Sie einmal nicht mehr Bürgermeister sind in Schwedt, werden Sie dann als Schrumpfberater durch die Welt jetten?

Denke ich nicht. Weil, jede Stadt muss erst mal ihren Weg finden. Man kann ja die vielen Spezifika, die auch teilweise schon in Eigentumsfragen begründet sind, nicht überall über einen Kamm scheren. Aber wir können schon Hilfestellung geben, wie man den Prozess organisiert. Und wir können davon ausgehen, dass man Schrumpfen nicht als gottgegeben hinnehmen muss, sondern es parallel dazu immer noch eine Zukunft geben muss und man den Wandel gestalten kann.

Das Interview führte Annette Bräunlein

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