Ein abgerissener Plattenbau in Schwedt / Oder (Quelle: rbb online / Schneider).

Stadtumbau - Schwedt schrumpft sich schön

In Schwedt wurde nach der Wende schon plattenweise abgerissen, als im Rest Brandenburgs noch niemand daran dachte, die Probleme von Abwanderung und Leerstand auf diese Weise zu lösen. Nach dem gröbsten Kahlschlag schrumpft die Stadt heute deutlich langsamer – und sie verändert sich vor allem in ihrer Struktur. Aber auch das ist eine Herausforderung. Von Bettina Rehmann

Wo früher ein Zuhause war, gibt es heute nicht einmal mehr eine Adresse oder Hausnummer:  In den vergangenen 16 Jahren ist in Schwedt ein knappes Drittel der Wohnungen verschwunden – und es wird weiter abgerissen und saniert, auch in den kommenden Jahren. Doch während kurz nach der Jahrtausendwende der gröbste Kahlschlag vorgenommen, und in wenigen Jahren tausende Plattenbauwohnungen abgerissen wurden, befindet sich Schwedt heute in einer zweiten Phase des Schrumpfens – und zwar in Richtung Innenstadt. Die "Evolution" Schwedts ist nicht mehr nur von Abriss, sondern von Veränderung geprägt.

Zuerst war geplantes Wachstum

Bis 1989 war Schwedt noch eine der jüngsten Städte in Brandenburg – der Altersdurchschnitt lag bei unter 30 Jahren. Mehr als 50.000 Menschen lebten hier  in mehr als 25.000 Wohnungen. Dann kam die Wende und nur ein Jahrzehnt später standen bereits tausende Wohnungen leer. Der Bedarf an Arbeitskräften ging zurück und immer mehr Schwedter zog es aus den Plattenbausiedlungen in Richtung Innenstadt, oder gleich ganz weg: Schwedt verlor ein Fünftel seiner Einwohner – vor allem junge Menschen verließen die Oderstadt.

Nach der Wende fielen vor allem Wohnungen in der Ende der 1960er Jahre entstandenen "zweiten Stadt" auf der Oberen Talsandterasse der Abrissbirne zum Opfer. Hier, nordwestlich des ursprünglichen Zentrums von Schwedt, hatte die DDR eine sozialistische Planstadt angelegt. Nach dem Beschluss, die Stadt in der Uckermark zum Zentrum der Papier- und später der Petrolindustrie zu machen, mussten in der Kleinstadt Wohnungen für die jungen Familien der Arbeitskräfte her.

Bis 1965 entstanden Wohnkomplexe rund um die Altstadt – als der Platz auf der Unteren Talsandterasse knapp wurde, kamen die Wohngebiete auf der Oberen dazu. Die Wohngebiete "Am Waldrand", "Talsand" und "Kastanienallee" bildeten mit rund 11.000 Wohnungen eine Art eigenständige Stadt. Der Anteil industriell gefertigter Wohnungen – in Plattenbauten – lag später, zur Zeit der Wende bei über 90 Prozent.

Archivfoto aus dem Jahr 2000: Plattenbau-Abriss in Schwedt (Quelle: dpa)
Foto aus dem Jahr 2000: Plattenbau-Abriss in der Rosa-Luxemburg-Straße | Bild: dpa

Menschen und Häuser verschwanden

Ende der 1990er Jahre wurden als erste die Plattenbauwohnungen auf der Oberen Talsandterasse abgerissen oder saniert. Bis 2001 verschwanden so schon knapp 1.000 Wohnungen – den Anfang machten Platten an der Leverkusener Straße. Dann flossen ab 2002 Bundeshilfen aus dem Stadtumbau-Ost-Programm und der Höhepunkt der Rückbauwelle wurde erreicht: Zwischen 2002 und 2006 wurden mehr als 4.000 Wohnungen abgerissen.

Bis Ende Dezember 2013 verschwanden in Schwedt insgesamt mehr als 6.000 Wohnungen und mit ihnen Infrastruktur, Schulen und Kitas. Wo etwa "Am Waldrand" im Nordwesten der Stadt einst die Platte stand, ist es heute grün. Aus der "Stadt" auf der Oberen Talsandterasse wurden Siedlungen.

Doch die Bevölkerung geht weiter zurück: Bis 2030 soll es Prognosen zufolge nur noch rund 25.000 Schwedter geben. Um den Leerstand auch nur konstant zu halten, muss der Wohnungsbestand also weiter angepasst werden. Bis 2020 werden knapp 1.400 weitere Wohnungen verschwinden, das ist bereits geplant und mit den beiden Wohnungsunternehmen abgestimmt. Basis hierfür ist der sogenannte "Masterplan Wohnen 2025+".

Schwedt befindet sich, so Frank Hein, Leiter des Fachbereichs Stadtentwicklung bei der Stadt, derzeit in einer Phase der "Evolution". Ziel sei es, nicht mehr ganze Quartiere abzureißen, sondern in bestimmten Stadtteilen  die Zahl der Gebäude um die Hälfte zu reduzieren. Schwedt befindet sich quasi in der zweiten Phase des Schrumpfens. "Idee war und ist, dass wir von außen nach innen schrumpfen, von den Rändern her. Parallel läuft die zweite Phase an: Im Quartier wird ausgedünnt." Gewünscht seien zudem "andere Wohnungs- und Gebäudezuschnitte."

Quartiere von Grund auf verändern: Beispiel Regenbogensiedlung

Dass man sich in Schwedt nur mit zwei Immobilien-Firmen auseinandersetzen muss, den Wohnbauten GmbH und der Wohnungsbaugenossenschaft Schwedt, und nicht noch mehr Eigentümer am Tisch sitzen, sei ein Glücksfall, so Hein. Die Wohnungsunternehmen prägen den Stadtumbau mit. Manfred Wilke, technischer Geschäftsführer der Wohnbauten GmbH betont: "Wir werden auch künftig noch Leerstand und Einwohnerrückgang haben. Das bedingt sich gegenseitig." Daher wolle man intensiv umbauen und zusätzlich weiter "Wohnraum vom Markt nehmen und attraktiveren, besser gestalteten, angemessenen Wohnraum entwickeln."

Regenbogensiedlung Schwedt (Quelle: Architekturbüro Fohmann, Schwedt)

Am Projekt "Regenbogensiedlung" kann man die Veränderung Schwedts ganz deutlich spüren: Eine Plattenbausiedlung soll hier bis 2018 neuen Gebäuden weichen: In der Mitte ein Mehrgenerationenhaus, drumherum barrierefreie Stadthäuser, Reihenhäuser und betreutes Wohnen – somit werde, so Wilke, der Charakter des Quartiers komplett geändert. "Wir werden die Altstadt in das Neubaugebiet hineinwachsen lassen."

"Innenstadt merkt nichts vom Schrumpfen"

Doch da der Abriss heute nicht mehr wohnblockweise vonstatten geht, sondern eher punktuell, leben die Menschen "außen" länger in Übergangssituationen. Das ist schwierig, sagt die Berliner Stadtforscherin Ingeborg Beer. "Am Anfang ging es ziemlich schnell. In der ersten Phase hatten alle vor Augen, dass es dieses Quartier bald nicht mehr geben wird." Innerhalb weniger Jahre verschwanden ganze Straßenzüge und mit ihnen Infrastruktur – heute, etwa im Stadtteil "Kastanienallee", findet der Prozess schleichend statt. "Der Stadtteil wird noch mindestens zehn oder 15 Jahre existieren – vielleicht auch noch länger."

Daher sind aus Sicht der Wissenschaftlerin in den "Quartieren auf Zeit", wie sie diese nennt, weiter Investitionen notwendig. "Die Stadt muss auch noch da lebenswert sein, wo die Leute die Leute die Auswirkungen des Schrumpfens konzentriert erleben, das sind nicht die in der Innenstadt, sondern die Stadtteile, die von außen nach Innen zurückgebaut werden."

Der Stadtumbau, so Beer, sei noch immer stark auf die Leerstandsbeseitigung konzentriert – "aber Stadtumbau heißt ja auch, eine Stadt dahin zu entwickeln wo sie zukunftsfähig ist. Das ist ein Prozess, und darin hat die "Soziale Stadt" eine wichtige Rolle."

"Eine Stadt braucht Zuzug"

Die Förderung von Projekten und das Aufrechterhalten der sozialen Infrastruktur sei für das Leben in den äußeren Stadtteilen wichtig, sagt Beer. "Es ziehen alle weg, die, sich teurere Wohnungen leisten können oder Alternativen haben. Innen wird es differenzierter, während es außen einseitiger wird." Menschen mit geringem Einkommen und Alleinerziehende konzentrierten sich in den äußeren Teilen, die Vereine knapsten am fehlenden Nachwuchs, Kitas wanderten in die Innenstadt.

Beer glaubt, in Schwedt funktioniert der Prozess der Veränderung insgesamt gut. Die "Soziale Stadt" stärke die Infrastruktur, viele Bewohner würden in den Stadtumbau einbezogen.

Auch Stadtentwickler Hein betont, in Schwedt habe der Umbau bisher gut funktioniert. Auf Schwedt schauen Experten nicht nur wegen seiner Pionierrolle beim Einsatz mit der Abrissbirne. Dennoch weiß er: "Eine Stadt braucht Zuzug".

Veränderung der Stadt aus der Vogelperspektive

Luftbild der Stadt aus dem Jahr 2014: Eingerahmte Bereiche zeigen Rückbau oder Umbaumaßnahmen an (Quelle: Stadt Schwedt)

(1) Am Waldrand: Flächenhafter Rückbau von 2000-2007. Nachnutzung Aufforstung: im Wesentlichen erfolgt. (2) Am Waldrand: Punktueller Rückbau der Gebäude von 2003-2005 Rückbauflächen-Gestaltung und Einbeziehung Wohnumfeld (3) Kastanienallee: Punktueller Rückbau von 2009-2016, spätere bauliche bedarfsgerechte Neubebauung möglich (4) Regenbogensiedlung im Zentrum: Kompletter Quartiersumbau von 2014-2018, Rückbau von ca. 500 Whg, bedarfsgerchter Neubau von ca. 250 Whg. (5) Zentrum: Mix von Bestandserhaltung, Sanierung, Umbau, Rückbau und Neubau ab 2018 (6) Neue Zeit und Zentrum: Bedarfsgerechter Neubau von Mietwohnungen

Finanzierung des Stadtumbaus

Insgesamt finanzieren drei Töpfe die Umgestaltung Schwedts: "Rückbau", "Aufwertung" und "Soziale Stadt". In den Jahren 2002 bis 2006 wurde deutlich mehr Geld in den Rückbau investiert – seitdem geht ein Gros der Gelder aus dem Stadtumbau in die Aufwertung. Zuletzt, für 2014 stand mit knapp 2 Millionen Euro fast vier Mal soviel Geld für die Aufwertung von Gebäuden zur Verfügung als für den Rückbau. Am geringsten ausgestattet ist die "Soziale Stadt".

In den Jahren 2002 bis 2014 standen für die drei Programme insgesamt 37,4 Millionen Euro zur Verfügung, davon entfallen 6,37 Millionen auf die "Soziale Stadt".

Was wird finanziert? – Unter den Posten "Rückbau" fällt der Abriss dauerhaft leerstehender Wohnungen und der Rückbau technischer Infrastruktur, wie Leitungen. "Aufwertung" ist nicht gleich Sanierung – das übernehmen die Wohnungsbauunternehmen. Es geht um die Aufwertung von Straßen, Wegen, Plätzen, kommunale Aufgaben, Parkanlagen oder Bushaltestellen. Mit dem Programm "Soziale Stadt" werden Kitas, Schulen, Spielplätze etc. finanziert – alles, so Stadtentwickler Hein, das zur "Stabilisation und Verbesserung der Lebenssituation" beiträgt – auch das Stadtteilmanagement und Kümmerer werden hierüber finanziert.

Beitrag von Bettina Rehmann