Flur im alten Landtag (Bild Alex Krämer/rbb)

Abschied vom alten Landtag - "Das versiffteste Landtagsgebäude zwischen Atlantik und Ural"

Nach dem Umzug des Brandenburger Parlaments in das wiederaufgebaute Schloss in der Potsdamer Stadtmitte bleibt das Haus am Brauhausberg zurück. Es ist ein Provisorium, dass mehr als 20 Jahre gehalten hat - und die Trauer zum Abschied hält sich dann auch in Grenzen. Von Alex Krämer

Repräsentativen Glanz sucht man vergeblich auf den Landtagsfluren. Typischer für das Ambiente ist die Ecke im dritten Stock, ganz in der Nähe der CDU-Fraktion: Grauer zerschlissener Teppichboden, wellige Rauhfasertapeten, die schon mindestens fünfmal überstrichen wurden, ein Heizkörper, von dem der Lack abblättert und auf riesigen Rostflecken fällt. Hier wurde schon seit vielen Jahren nichts renoviert, erzählt Holger Nitzsche. Er ist in der Landtagsverwaltung zuständig für Bauen und Technik. "Wenn jetzt eine Tapete runterfällt, wird die natürlich nochmal erneuert. Aber ansonsten haben wir nichts mehr gemacht."

Blick vom Turm auf dem Brauhausberg über Potsdam. (Quelle: rbb/Alex Krämer)Eine beeindruckende Aussicht auf die Potsdamer Innenstadt - und den neuen Landtag.

Das einzig Erhebende ist der Blick aus den Fenstern. Deren Rahmen sind zwar verwittert, aber die Aussicht quer über die gesamte Potsdamer Innenstadt ist beeindruckend. Beim Rundgang durchs Haus stößt man auf mindestens acht verschiedene Fußbodenbeläge: Teppich, Laminat, Terrazzo, Fließen, Parkett, PVC (das riecht wie früher die Waggons der deutschen Reichsbahn). Man findet bröckelnden Putz, über den sich Leitungen legen, und großflächig abblätternde Farbe. Der CDU-Abgeordnete Ludwig Burkhard war ziemlich entsetzt, als er 2009 zum ersten Mal in den Landtag kam. "Ich habe das in einer Mail geschrieben: Das ist für mich das versiffteste Landtagsgebäude zwischen Atlantik und Ural. Unvorstellbar - obwohl ich es vorher wusste."

Das Tauwasser kam fast bis in den Plenarsaal

Das denkmalgeschützte Haus auf dem Brauhausberg hat aber nicht nur Schönheitsfehler, sondern echte Baumängel. Holger Nitzsche führt durch ein Seitentreppenhaus hinauf auf den Dachboden über dem Plenarsaal. Hier liegt alles voller Staub und Vogelkot, der Wind zieht hindurch und der Boden ist großflächig mit Plastikfolien ausgelegt. Hebt man sie hoch, stößt man auf Dämmmaterial. Der Blick fällt plötzlich auf einen toten Vogel. Er hat hier wohl Schutz gesucht und dann nicht mehr hinausgefunden. Warum aber die viele Folie? "Wir sind ja unmittelbar über dem Plenarsaal", erklärt Nitzsche. "Und hier hat es durchgeschneit. Hier lag vor zwei oder drei Jahren zehn Zentimeter Schnee. Und die drohten, durchzufeuchten."

Winterlicher Regen im Plenarsaal, soweit kam es nicht. Der Schnee wurde rausgeschaufelt, anschließend kamen die Folien auf den Dachboden. Ein weiteres Provisorium im provisorischen Landtag, weil sich eine ordentliche Dachisolierung nicht mehr lohnte. Doch die Tage im Provisorium sind gezählt, denn die Umzugsvorbereitungen laufen längst. Nach 21 Jahren eine super Gelegenheit zum Entrümpeln, meint Ingo Senftleben, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion. Die alten Möbel bleiben ohnehin da, die Akten nach Möglichkeit auch. "Ziel muss es sein, dass jeder nur eine Kiste mitnimmt", sagt Senftleben und lacht. "Das Ausmisten war wirklich dringend notwendig. Vor den Büros standen schon stapelweise alte Papiere, Unterlagen, Drucksachen, Dokumente, bunte Papiere und Bücher. Das ist alles schon weg. Ziel ist jetzt wirklich, dass im neuen Büro neu angefangen wird."

Haustechniker Holger Faber vor der Heinzanlage des alten Landtages Potsdam (Quelle: rbb/Alex Krämer)
Haustechniker Holger Faber mit "seiner" Heizung.

"Eigentlich eine Museumsheizung"

Um rauszufinden, warum das so ist, muss man hinuntersteigen in den Heizungskeller. Dort wummern zwei Gasbrenner vor sich hin. Es ist das Reich von Holger Faber. Ein freundlicher Mann Anfang 50 im Blaumann, der sich als Haustechniker bestens auskennt mit dem zum Teil 111 Jahre alten Heizkörpern. Keiner kennt das Haus so gut wie er. Und keiner kennt die Heizung so gut, durch deren Rohre nicht heißes Wasser strömt, sondern 100 Grad heißer Dampf. Die Erklärung für das Problem mit der Hitze. "Hier heißt es immer: volle Leistung oder kein Dampf, Kessel aus." Das war vor 111 Jahren mal modern. Heute aber laufen weltweit gerade mal noch drei oder vier Anlagen dieses Typs. "Es ist eigentlich eine Museumsheizung", meint Faber. Jetzt wird sie abgeschaltet. Holger Faber macht das ein bisschen wehmütig. "Vor allem, weil man diese Anlage so gut kennt, dass man mit ihr spielend fertig wird. So wie ein Lokführer, der seit 30 Jahren auf seiner Dampflok sitzt, der würde die auch nicht gerne hergeben."

Senftleben ist seit 14 Jahren Abgeordneter, das bedeutet auch 14 Jahre Brauhausberg. Melancholisch wird er beim Gedanken an den bevorstehenden Umzug trotzdem nicht. Endlich ordentliche Arbeitsbedingungen, meint er. Bisher haust die CDU im vermutlich einzigen Fraktionssaal Deutschlands, der wegen fehlender Fluchtwege für die Öffentlichkeit gesperrt ist.
Und erst die Heizung: "Entweder sie machen die Heizung an, oder nicht. Es gibt keine Stufe 1, 2 oder 3. Entweder die Heizung läuft volle Pulle, dann müssen sie aber ab und zu das Fenster aufmachen, sonst können sie hier drin Saunagänge vollführen. Oder sie machen die Heizung aus - dann ist es kalt." Jeden Winter das Gleiche: Der Landtag ist überheizt, die Luft trocken, die Heizkörper so heiß, dass man sie nicht anfassen kann, und ab November riecht es überall nach verbranntem Staub.

Beim Essen waren alle gleich

Abschied nimmt in diesen Tagen auch Elke Hintz - sie und ihr Mann betreiben seit 21 Jahren die Landtagskantine. Noch so ein Raum, dem man die Jahre ansieht - abgenutztes Parkett, Tische mit braunen Kunststoff-Oberflächen, Neonröhren an der Decke. Elke Hintz sitzt hier jeden Mittag an der Kasse. Deshalb weiß sie: Brandenburgische Abgeordnete mögens gern deftig. "Bulette, Schnitzel geht in allen Variationen, Steak auch, die ganzen Eintöpfe gehen auch immer." Drängelnde Minister oder andere wichtige Menschen hat Hintz in 21 Jahren nicht beobachtet. In ihrer Kantine stellt sich jeder an. Und wer gerade mit wem regierte, rot-schwarz, rot rot, Ampel oder absolute SPD-Mehrheit - an der Essens-Ausgabe war's egal.

Mitte Dezember gingen die Lichter aus

Im neuen Landtag wird Elke Hintz in der Cafeteria arbeiten. Mitte Dezember kommen die Möbelpacker auf den Brauhausberg, in nur dreieinhalb Tagen soll der Umzug über die Bühne gehen. Ein langes Wochenende Hektik, dann ist alles vorbei. Moderner, funktionaler und schöner wird der neue Landtag garantiert. Aber längst nicht so geheimnisvoll. Holger Faber, der Heizungstechniker, der sein ganzes Berufsleben auf dem Brauhausberg verbracht hat, steigt noch einmal ganz nach oben, vorbei an den Dachböden, immer weiter, auf den Turm. Darf er eigentlich gar nicht, den der ist baupolizeilich gesperrt, über schmale steile, Metalltreppen geht es hinauf, vorbei an schon lange verlassenen Büros. Auf einem Treppenabsatz steht eine Winde mit Elektromotor - damit konnten Arbeiter am Turm herabgelassen werden, um das SED-Parteilogo zu reinigen, das bis zur Wende hier hing. "Das Emblem war aus Polyester und war außen mit Flacheisen am Haus befestigt", erinnert er sich. Heute sieht man davon nur noch Spuren an der Fassaden, wie bei einem Sticker, der nicht ganz abgelöst wurde.

Die Zukunft der Falken ist gesichert

Dann, die allerletzte Tür - zum Balkon, hoch über den Dächern. Der Fernsehturm in Berlin ist zu sehen, das Belvedere auf dem Pfingstberg, der neue Landtag. Zurzeit sind Falken die einzigen, die diesen Turm nutzen. Die Zukunft der Turmfalken ist wohl gesichert, der Turm bleibt stehen, so wie der Rest des alten Landtags - sie können weiter hier brüten. Vorausgesetzt, Baulärm verschreckt sie nicht. Das Land will das Haus verkaufen, wahrscheinlich werden irgendwann Wohnungen daraus - aber erst nach einer äußerst aufwändigen Komplett-Sanierung.

 

Beitrag von Alex Krämer

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