Lothar Köster vor der Gartenkolonie auf dem Tempelhofer Feld (Foto: rbb/Friederike Schröter)

Initiative-Gründer Köster im Gespräch - "Das Tempelhofer Feld ist nicht sicher"

Im Sommer 2011 hängte Lothar Köster in seiner Nachbarschaft einige Zettel auf und lud zu einem Gespräch über das Tempelhofer Feld ein. Es kamen etwa 50 Personen. Aus diesem Treffen entwickelte sich die Initiative "100 Prozent Tempelhofer Feld", die letztlich den erfolgreichen Volksentscheid organisierte. Köster erzählt im rbb-Interview von dreieinhalb Jahren kräfte- und zeitfressender Arbeit und die ständig notwendige Kontrolle der Bürger.

Herr Köster, Sie haben gewonnen: 30 Prozent aller stimmberechtigten Berliner stimmten für den vollständigen Erhalt des Tempelhofer Feldes. Wie fühlt sich das an?

Mein Verdienst ist nur die utopische Idee und meine Losung "100 Prozent", mit der ich die Menschen für das Feld begeistern wollte. Das Ergebnis des Volksentscheids war natürlich mein Ziel, insofern bin ich schon ein bisschen stolz.

Was bedeutet Ihnen das Tempelhofer Feld?

Das Tempelhofer Feld bedeutet Freiheit. Man tritt aus der eng bebauten Stadt und ist ohne großen Aufwand quasi auf dem Land. Hier spürt man den Wind, sieht den weiten Himmel. Hier können 50.000 Menschen herumlaufen oder -fahren und ihre Liedchen singen und trotzdem stören sie sich gegenseitig nicht. Das Feld bedeutet auch Transparenz: Weil das Feld offen ist, herrscht eine dezente soziale Kontrolle. Niemand würde hier sein ausrangiertes Sofa abstellen, weil er dabei gesehen würde.

Wie begann die Beziehung zwischen Ihnen und dem Tempelhofer Feld?

Meine Frau und ich wohnen seit 15 Jahren in der Nähe des Flughafengeländes. Schon damals standen wir vor dem Zaun und hielten es für einen ganz besonderen Ort. Nach der Öffnung im Jahr 2010 war uns klar: Das hier ist ein idealer Park, ein Bürger-Freiraum, ein Technik- und ein Flächendenkmal für das ungeteilte Berlin. Wir müssen dafür sorgen, dass es genauso bleibt.

Was haben Sie unternommen?

Bereits im Frühjahr 2011 habe ich ein-, zweimal auf dem Feld Zettelchen verteilt, improvisierte Unterschriftenlisten. Die habe ich noch Jahre später ausgefüllt zurückbekommen, als schon längst das Volksbegehren im Gang war. Das Interesse war also groß. Im Sommer 2011 habe ich dann einige wenige Aushänge im Viertel gemacht und zu einem Treffen eingeladen. Und plötzlich saßen da knapp 50 Leute. Offenbar hatte ich einen wunden Punkt getroffen.

Liegt es in Ihrer Natur, sich für Bürgerinteressen zu engagieren?

Ich bin nicht der geborene Revoluzzer oder gelernte "Bürgerinitiativler". Doch ich empfinde es als selbstverständlich, wenn man an einem Gemeinwesen teilnimmt und Nutzen davon hat, auch ein bisschen darauf zu achten. Nun kann man sich nicht für alles in seiner Stadt engagieren. Doch vom Tempelhofer Feld war ich so überwältigt, dass ich dachte: Wenn sich Engagement jemals lohnt, dann jetzt.

Und so kam es schließlich bis zum Volksentscheid...

Ja, damit hat der Senat nicht gerechnet. Doch dann setzte er sich auf den Hosenboden und feilte an einer Strategie. Dabei setzte er an dem Punkt an, an dem die größten Ängste kleben - die Mietsorge. Er fokussierte sich auf die Drohung: Wenn wir nicht genau hier bauen, dann kollabiert der Wohnungsmarkt. Wenn man in die Details geht, sieht man, dass das meiste frech gelogen ist. Doch die Zeitungen waren voll mit dieser Senatspropaganda.

Brauchen die Berliner denn wirklich 386 Hektar? Nach den Plänen des Senats wäre tatsächlich noch eine große Fläche übriggeblieben.

Ja, das kann man solange sagen, bis die Fläche doch weg ist. Der Sinn der Parole "100 Prozent" ist, das Ganze zu schützen. Es geht nicht darum, von dem ganz vielen ein bisschen viel übrig zu behalten. Das Feld ist eine Gesamtgestalt, ein alter begehbarer Flughafen, von dem nach den Anfangsbauplänen des Senats nichts mehr erkennbar gewesen wäre.

Wie sehr ging es den Berlinern um das Feld und wie sehr darum, dem Senat eins auszuwischen?

Es ging ihnen möglicherweise auch darum, die Berliner Politik abzustrafen, doch immer mit dem konkreten Bezug auf das Tempelhofer Feld. Es ging sicher nicht gleichzeitig um eine Kritik am BER oder anderen Entscheidungen, sondern um die Berliner Politik am konkreten Fall des Tempelhofer Feldes.

Brauchen wir in Zukunft mehr Bürgerinitiativen?

Wir brauchen vor allem Kontrolle. Wir Bürger müssen, während wir unserer Arbeit nachgehen und uns über die gute Infrastruktur freuen, auch etwas ehrenamtliche Arbeit investieren und nachsehen, ob alles noch rechtens ist. Dafür brauchen wir natürlich Transparenz. Der Bürger muss offiziell das Recht haben zu kontrollieren, doch dann muss er es auch wahrnehmen. Dann würde es oft nicht so weit kommen wie im Fall des Tempelhofer Felds. Und Parteipolitiker wären nicht völlig entsetzt, weil sie die ganze Zeit gedacht hatten, im Sinne der Bürger zu handeln.

Lothar Köster auf dem Tempelhofer Feld (Foto: rbb/Friederike Schröter)Köster: "Die Zeitungen waren voll mit dieser Senatspropaganda."

Wie geht es jetzt weiter mit dem Tempelhofer Feld?

Das Feld ist nicht sicher. Ich rate allen Menschen, die jetzt zurück aufs Sofa gesprungen sind und denken 'Ha, da haben wir was geschafft', verflucht aufzupassen. Denn mit viel Klein-Klein kann man das Feld immer noch kaputt machen. Es reicht schon, dass man anfängt, drumherum Golfplätze zu bauen, was laut neuem Gesetz erlaubt wäre. Die Bürger müssen beobachten, was da jetzt passiert. Man muss dem nicht 100 Prozent Aufmerksamkeit schenken, man geht ja seinem Leben nach, doch schon ein Prozent Aufmerksamkeit eines jeden Bürgers würde reichen.

Was wäre Ihr persönlicher Wunsch für die Zukunft des Feldes?

Ich würde eine Satzung darüber legen, die besagt: Dieses Feld ist ein ewig nutzbares Flächendenkmal. Es gibt allein die Vorschrift, dass es frei bleibt. Jeder kann darauf machen, was er will, wenn er es zum Winter hin wieder wegräumt. So kann jede Generation darauf das tun, was ihr Spaß macht: ihr Theater, ihre Kunstaktion, ihre Sportfeste, was auch immer. Doch die Basis gehört allen, für immer.

Das Interview führte Friederike Schröter.

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