Flughafen Tempelhof (Quelle: Tempelhof Projekt GmbH, www.tempelhoferfreiheit.de)

Neue Standort-Diskussion nach dem Volksentscheid - Bibliothek sucht neue Bleibe

Auf dem Tempelhofer Feld wird also nichts gebaut - weder Wohnungen noch die neue Landesbibliothek. Am Tag nach dem entsprechenden Volksentscheid bringt SPD-Fraktionschef Raed Saleh nun alternative Standorte für die Bibliothek ins Gespräch: das Terminalgebäude des früheren Flughafens oder das ICC. Darin ist er sich überraschend einig mit CDU und Grünen.

Mit dem Sieg der Initiative "100 % Prozent Tempelhofer Feld" ist auch der geplante Neubau einer Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) hinfällig. Nach dem Volksentscheid erlärten Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und weitere Mitglieder des Senats, die Planungen würden eingestellt. "Es wird nichts bebaut", sagte Stadtentwicklungssenator Michael Müller noch am Sonntagabend im rbb. "Das gilt selbstverständlich auch für den Neubau einer Landesbibliothek", ergänzte SPD-Fraktionschef Raed Saleh (SPD) am Montag.

Saleh aber brachte am Montag bereits neue Vorschläge für einen Standort der ZLB vor. Im rbb sagte er, die jetzigen Teilstandorte der Landesbibliothek seien dringend sanierungsbedürftig und zu klein. "Deshalb will ich an dieser Stelle keine Denkverbote. Neben einer vorstellbaren Sanierung der Teilstandorte haben wir mit dem Flughafengebäude in Tempelhof, aber auch mit dem ICC Alternativen." Hier könne er sich eine öffentliche Nutzung "gut vorstellen".

Allerdings seien sowohl das Flughafengebäude als auch das alte Messegebäude dringend sanierungsbedürftig, warnte Saleh und betonte: "Klar ist aber auch: Wir wollen kein Fass ohne Boden."

Der Flughafen in Tempelhof wurde 2008 offiziell geschlossen. Das 1941 fertiggestellte und heute denkmalgeschützte Flughafengebäude steht seitdem größtenteils leer.

Auch das ICC und Amerika-Gedenkbibliothek im Gespräch

Während Grüne und SPD vor dem Volksentscheid noch über Kreuz gelegen hatten, zeigten sie sich am Montag überraschend einmütig: Auch Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek warf die Frage auf, ob das gewaltige denkmalgeschützte Flughafengebäude nicht für die Zentral- und Landesbibliothek genutzt werden könne. Aus dem ehemaligen Flughafen könne ein Kulturhafen mit Museen, Events und Kreativwirtschaft entstehen, sagte Kapek.

Saleh sendet mit seinen Äußerungen zudem Signale in Richtung CDU: Vereinzelte Christdemokraten hatten unlängst ebenfalls das ICC als Bibliotheksstandort ins Gespräch gebracht. CDU-Fraktionschef Florian Graf wies am Montag im rbb darauf hin, die CDU habe sich im Vorfeld tatsächlich "nicht automatisch für sein [Wowereits] Lieblingsprojekt der Zentral- und Landesbibliothek eingesetzt".

Der kulturpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Stefan Schlede, schlug am Montag zudem die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg als Standort, um die ZLB zu erweitern.

Wowereit will Denkpause bei Bibliotheksplanung

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Kulturstaatssekretär Tim Renner sprachen sich dagegen in Sachen Landesbibliothek erst einmal für eine Denkpause aus. Im rbb sagte Wowereit, das laufende Verfahren um die ZLB müsse beendet werden, der Architektenwettbewerb mache jetzt keinen Sinn mehr. Deshalb sei er persönlich für ein Moratorium. "Da sollte man in Ruhe jetzt erstmal nachdenken, wie es da weitergehen kann. Was waren die Gründe für die Ablehnung? Das muss man auswerten."

Volker Heller, Vorstand der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek, bezeichnete die Situation jedoch als "desperat". Die Amerika-Gedenkbibliothek sei völlig überfüllt, weil sie  für lediglich 500 Besucher pro Tag konzipiert wurde. Heute kämen täglich bis zu 3.500 Menschen. Zudem müssten Nutzer zu den verschiedenen ZLB-Standorten pendeln. Die ZLB wolle sich daher weiter für einen Bibliotheksneubau an einem Standort engagieren.

Auch Wolfgang Brauer von der Linksfraktion forderte schnelles Handeln. "Ich fürchte es wird Bestrebungen geben, dieses für mich wichtigste kultur- und bildungspolitische Investitionsprojekt der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts endgültig zu torpedieren", sagte Brauer dem rbb. "Ich hoffe, dass sich der Senat jetzt schleunigst auf die Socken macht, und einen Ersatzstandort realisiert."

Von den Nationalsozialisten zur Modenschau

77 Prozent Zustimmung in Friedrichshain-Kreuzberg

Am Sonntag hatten 64,3 Prozent der Teilnehmer des Volksentscheids für den Gesetzentwurf der Initiative "100% Tempelhofer Feld" gestimmt. Auch die nötige Mindestzahl von 25 Prozent Ja-Stimmen aller Wahlberechtigten (Quorum) wurde erreicht. Hier finden Sie die Ergebnisse im Detail

Der gescheiterte Masterplan des Senats sah vor, bis zu 4.700 neue Wohnungen auf dem ehemaligen Flughafengelände zu errichten, ein Drittel davon mit Mieten zwischen sechs und acht Euro. Außerdem sollten Kindergärten, eine Schule, Sport- und Gewerbeflächen sowie die umstrittene neue Zentral- und Landesbibliothek gebaut werden.

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