Neubau der Zentral- und Landesbibliothek (Quell: dpa)
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Wohin kommt die Landesbibliothek? - Das Kreuz mit dem Standort

Schon jetzt deutet sich eine Kostenspirale an und auch der Standort ist mehr als umstritten: Die Zentral- und Landesbibliothek, ein Lieblingsprojekt des Senats, sorgt für heftige Debatten. Ob sie nicht vielleicht doch lieber anderswo hin soll? Ute Schuhmacher hat die ZLB besucht und sich die Standorte angesehen, die auch in der Diskussion sind.

Es ist das Geräusch schlechthin bei meiner Besichtigung der Zentral- und Landesbibliothek  am Standort Breite Straße in Mitte: das Klackern, wenn ein Schlüssel in ein Schloss geschoben und umgedreht wird. Immer wieder schließt ZLB-Chef Volker Heller schwere Stahltüren auf und wieder zu auf unserem langen Weg durch die verschiedenen Gebäudeteile der Bibliothek und der Magazinräume. Aus insgesamt acht verschiedenen Häusern setzt er sich zusammen, erklärt Heller, und zeigt aus dem Fenster."Das ist der Kopfbau, Musikhochschule Hans Eissler. Und der ganze Rest, dieser Gebäudekomplex ist Zentral- und Landesbibliothek. Hier zwei Neubauten, DDR-Moderne Mitte der 60er Jahre, sehr, sehr schön." Der Rest: "Altbauten. Älteste Renissance-Gebäude. Alter Marstall, wo die Kutschen drin standen." Und gerade der sei eben für ganz andere Zwecke gebaut worden. "Man sieht hier wenig kompakte, funktionale Flächennutzung für Bibliotheksfläche", fasst Heller zusammen.

Der Vorstand und Managementdirektor der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Volker Heller (Quelle: dpa)
Volker Heller leitete die Kulturabteilung des Berliner Senats, bevor er ZLB-Chef wurde. | Bild: dpa-Zentralbild

Wie wir laufen seine Mitarbeiter täglich lange Wege durch das verschachtelte Gebäude, um Bücher zu den Lesern zu bringen. Das kostet Zeit und damit auch Geld, beklagt Heller. Auch deshalb will er raus aus dem Provisorium, das nun schon seit rund 100 Jahren besteht. "Der Marstall war die Übergangslösung für die Zentral- und Landesbibliothek, nach dem der geplante Neubau 1914 wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges gescheitert war. Seitdem hat sich dieses Provisorium immer weiter ausgebreitet über all die Häuser."

Selbst all die Häuser zusammen bieten weniger Fläche als der geplante Neubau der ZLB. Heute kommen rund tausend Nutzer täglich in die ZLB Breite Straße. Weil Arbeitsplätze und Computer knapp sind, hat sich eine Studentin ihren eigenen Laptop mitgebracht. Sie sitzt im kleinen Innenhof der Bibliothek an einem runden Bistrotisch in der Sonne und brütet mit ihrer Freundin über Arbeitspapieren. Sie kämen gern hierher, erzählt die Studentin, weil es so zentral sei. Ob sie auch in eine neue ZLB am Tempelhofer Feld gehen würde, frage ich. "Oh Gott, nee", winkt sie ab. "Da würde ich wahrscheinlich nicht extra hinfahren. Das wäre mir dann zu weit."

Heller schwärmt für den Neubau

Ein paar Meter weiter treffe ich einen Wirtschaftsinformatiker, der das ganz anders sieht. "Am Tempelhofer Feld wäre sehr viel besser für mich, weil es bei mir in der Nähe ist", sagt er. "Hier habe ich immer sehr weite Wege und die Anbindung ist nicht so gut."

Klar ist: Der Standort spielt eine entscheidende Rolle. "Super angebunden" findet der ZLB-Chef den geplanten Bibliotheksneubau am S-Bahnring, auch wenn der nicht ganz zentral in der Innenstadt liegt. Volker Heller wird nicht müde, für den Neubau zu werben, wo dann alle 3,5 Millionen Medien der ZLB an einem einzigen Ort für die Berlinerinnen und Berliner zur Verfügung stünden. Ein Bau, der komplett auf die Bedürfnisse einer Bibliothek zugeschnitten sei, mit Platz für doppelt so viele Nutzer wie bisher, schwärmt Heller und zeigt auf eine Modellzeichnung.

"Im Wesentlichen geht es darum, für die Benutzerinnen und Benutzer die Publikumsflächen zu erweitern", erklärt er. "Die Magazinflächen bleiben im Grunde in der Größe, weil wir die optimieren können. Wobei wir natürlich auch viel mehr in Freihand den Nutzern anbieten können als im Magazin aufzubewahren." Erheblich kleiner würden dagegen Büros und Hintergrundflächen. "Die werden fast halbiert."

Gewinnerentwürfe für die Zentral- und Landesbibliothek

So geht es nach Hellers Ansicht nur mit einem Neubau. Der Architekt Frank Arnold vom Büro Arnold und Gladisch sieht das mit Blick auf die beiden Siegerentwürfe für die neue ZLB anders. "Einer ist 30 Meter hoch, einer 50. Unser Bausenator Müller hat sich jetzt entschieden, dass der 30 Meter hohe besser nach Tempelhof passt", sagt er. 2010 hat er mit seinem Team einen Entwurf für die ZLB im alten Tempelhofer Flughafenhauptgebäude ausgearbeitet. Und den vergleicht er nun mit den Planungen für den Neubau: 260 Meter lang soll der werden. Und vergleicht er das mit den Abmessungen von im Kern 250 mal 100 Metern für seinen damaligen Bibliotheksentwurf, kommt er zu einem klaren Ergebnis: "Das Argument der langen Wege ist für mich entkräftet."

Mit leuchtenden Augen erzählt er mir von der historischen Haupthalle für die Ausleihe mit anschließender großer Freitreppe raus auf das ehemalige Flugfeld. Da wo früher mal Flugsteige waren, könnte alles verglast werden – von den Nutzerarbeitsplätzen hätte jeder einen freien Blick aufs Feld.  Dumm nur, dass der Senat ganz andere Pläne für das Tempelhofer Flughafengebäude mit angeschlossenen Hangars hat. Es soll weiter für Veranstaltungen und Events etabliert werden. Die Bread and Butter lässt grüßen.

Amerika-Gedenkbibliothek (Quelle: dpa)Die Amerika-Gedenkbibliothek war ein Geschenk der USA an die Berliner nach der Berlin-Blockade von 1948/49.

Grüne plädiert für Sanierung statt Neubau

Ich fahre weiter zur Amerika Gedenkbibliothek am Halleschen Tor. Sie ist auch wieder in der Diskussion für die fusionierte ZLB. Ein Teil der Bibliothek ist dort schlließlich heute schon und erfüllt auch eine wichtige Aufgabe im sozialen Brennpunkt. Sie liegt sehr zentral in der Stadt und ist über die U-Bahn hervorragend angebunden. Der Standort könnte noch erweitert werden. Genügend Platz gäbe es, allerdings müsste dafür die Grünfläche nebenan komplett zugebaut werden.

Der ZLB-Chef warnt vor den hohen Sanierungskosten für den Altbau. Für die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Grünen, Antje Kapek, ist das kein Argument. Sie erklärt mir, dass hier bei der AGB genauso falsch gerechnet werde wie bei der Frage, ob ein Umbau des Tempelhofer Flughafenhauptgebäudes zur ZLB bezahlbar wäre. "Was man da nicht miteinechnet, ist dass Bestandsgebäude sowieso kosten", argumentiert sie. "Wenn man in diese Gebäude investiert, schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen bekommt man die Sanierung eines Gebäudes und zum anderen bekommt man eine Bibliothek. Der Euro würde also zweifach sinnvoll eingesetzt werden, anders als bei einem Neubau."

Koalitionspartner CDU geht auf Distanz

Die Kostenfrage: An ihr entzündete sich im Grunde die aktuelle Standortdebatte um den besten Platz für die Zentral- und Landesbibliothek. Gemeinsam mit dem Landesrechnungshof fordern CDU und Opposition im Abgeordentenhaus endlich eine Wirtschaftlichkeitsprüfung, die rechtlich vorgeschrieben ist. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) meint, das geht nicht. "Sie können eine Wirtschaftlichkeitsberechnung verlässlich erst machen, wenn Sie auch einen Architekten haben, wenn Sie überhaupt wissen, was gebaut wird", sagt er. "Und dann müsste man, theoretisch jetzt, bei mehreren Standorten ja Architekten haben, die Baupläne vorlegen. Solche detaillierten Baupläne würden nach Ansicht Wowereits Millionen kosten. Nachdem die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher vor Wochen finanzielle Risiken bei den 270 Millionen Euro für den ZLB Neubau eingeräumt hat, wollen sich die anderen Parteien damit aber nicht abspeisen lassen. So streiten sie weiter.

Dabei geht auch der Koalitionspartner der SPD immer mehr auf Distanz zum ZLB-Neubau. "Wenn es so ist, was ich persönlich annehme, dass der Kostenrahmen von 270 Millionen nicht zu halten ist", sagt der stellvertretende CDU-Fraktionschef Stefan Evers, "dann muss man über Alternativstandorte nachdenken."

Weniger als die 270 Millionen Euro würde eine neue Zentral- und Landesbibliothek an einem anderen Standort aber voraussichtlich auch nicht kosten, wenn es bei der Größe bleiben soll. Stellt sich also auch die Frage, ob der Neubau der ZLB durch die Diskussion lediglich weiter verschoben wird – wie schon seit 100 Jahren.

Beitrag von Ute Schuhmacher