Das Tempelhofer Feld im Mai 2014 (Quelle: rbb online/ Manuel Tanner)

Volksentscheid über Tempelhofer Feld - Stadtplanerin: Feld-Entscheidung kommt zu früh

Nach Ansicht der TU-Stadtplanerin Polinna kam die Entscheidung zu früh, weil die Konzepte sowohl vom Senat als auch von der Gegenseite nicht ausgereift genug sind.

Der Volksentscheid zum Tempelhofer Feld wird spannend. Bislang lässt sich noch nicht absehen, wer am Sonntag die Nase vor haben wird - niemand wagt Prognosen. Es geht um die Frage, ob Wohnungen am Rand gebaut werden oder nicht. Eine Frage, die zu diesem Zeitpunkt noch objektiv beantwortet werden könne, sagte Stadtplanerin Cornelia Polinna vom Center for Metropolitan Studies an der Technischen Universität Berlin am Montag im rbb.

Polinnas Ansicht nach kommt die Entscheidung über die Bebauung des Tempelhofer Feldes zu früh. Sie hat sich seit der Schließung des Flughafens mit der Frage beschäftigt, was mit dem Gelände geschehen kann, das aus stadtplanerischer Sicht wegen seiner Weite "ein herrlicher Ort" sei. Man könne toll Fahrrad fahren und den Horizont an der Grenze des Geländes sehen. Nur ein bisschen mehr Schatten wäre schön, meint Polinna.

Die Frage, ob das Areal eine Randbebauung an drei Seiten vertragen kann, wie der Senat das will, ist laut Polinna nicht nur schwierig zu beantworten - dafür sei es auch noch zu früh. Eigentlich müsste nochmal gesamtstädtisch gesucht werden, ob nicht andernorts gebaut werden könne, meint die Stadtplanerin: "Erst dann kann die Frage beantwortet werden, ob uns das Tempelhofer Feld so wichtig ist, dass wir es freihalten wollen."

Viele unbeantwortete Fragen

Ohnehin kann die Entscheidung nach Ansicht der Stadtplanmerin nur fallen, wenn beide Seiten gute Konzepte haben. "Gerade der Masterplan, der jetzt vom Senat vorgelegt wurde, springt noch deutlich zu kurz". Der Plan sei weder in Bezug auf die städtebauliche Qualität noch auf die Verkehrskonzepte innovativ genug. Nach wie vor sei die Frage nicht beantwortet, wie man dort eine aktive Nutzungsmischung erhalten wolle. Und wie ein Quartier erschaffen, das das Leben im 21. Jahrhundert verdeutliche? Erst wenn hier Klarheit herrsche, könne man objektiv über die Zukunft des Feldes abstimmen.

Der Chefredakteur des Deutsches Architektenblatts Roland Stimpel hatte die Bebauungspläne des Senats als langweilig bezeichnet. Seiner Ansicht nach sollte Kreuzberg langsam auf das Tempelhofer Feld wachsen - als gemischtes Quartier. Auf dessen Idee angesprochen, zeigte sich TU-Stadtplanerin Polinna allerdings skeptisch. Für eine Umsetzung müssten viele wichtige Voraussetzungen stimmen: Beispielsweise müsse man garantieren, dass es auch wirklich viele kleine Bauherren und Akteure gebe - damit die Architektur auch wirklich vielfältig werde. Das sei natürlich etwas anderes, "als die Senatspläne mit den großen Wohnungsbaugesellschaften. Aber ohne Masterplan geht das auch nicht".

Berliner vollkommen überrumpelt

Zwar habe sich der Senat im Vorfeld der Baupläne mit Stadtplanern beraten, aber das Kind sei schon vor längerer Zeit in den Brunnen gefallen, so Polinna. Die Berliner hätten inzwischen das Gefühl, nie richtig beteiligt worden zu sein. Sie hätten weder mitentscheiden noch mitplanen können.

Fans beim "Ärztival 2013" feiern auf dem Tempelhofer Feld (Bild dpa)
Konzert der Berliner Band "Die Ärzte" auf dem Tempelhofer Feld

Auch Polinna will keine Prognose zum Ausgang des Volksentscheids am Sonntag abgeben.  Das werde vermutlich ganz emotional im Wahllokal entschieden, so Polinna.

Nach dem aktuellen BerlinTrend wächst der Widerstand gegen die Bebauung des Feldes: Nach der Umfrage von infratest dimap im Auftrag der rbb-Abendschau und der Berliner Morgenpost sind 54 Prozent der Befragten dagegen, auf dem ehemaligen Flughafengelände zu bauen.

Vor allem die jungen Berliner lehnen demnach eine Bebauung ab. Nach Polinnas Auffassung  liegt das vor allem am großen Freizeitwert des Areals, auf dem auch Konzerte stattfinden. Besonders das könnte mit einer Bebauung schwierig werden, weil die Anwohner natürlich auf ihre Sonntagsruhe pochen würden.

"Am besten noch mal bei Null anfangen"

Aus stadtplanerischer Sicht wäre es das Beste noch mal bei Null anzufangen, meint Polinna. In Berlin gebe es ein großes Potenzial an Wohnungsbauflächen über die ganze Stadt verteilt. Nach Schätzungen zögen in naher Zukunft weitere 250.000 Menschen zu. Dass gegen Neubauten protestiert werde, sei ja nicht nur ein Problem beim Tempelhofer Feld, sondern auch beim Mauerpark oder bei vielen Gartenkolonien, meint Polinna: "Aber es geht natürlich nicht, dass nirgendwo irgendwas gebaut wird".

Am Sonntag wird über die Randbebauung des Tempelhofer Feldes entschieden. Am Wochenende hatte sich die Berliner SPD zu den Bauplänen bekannt und stimmten auf dem Landesparteitag die Errichtung von 4.700 Wohnungen am Rand des Geländes. Mindestens die Hälfte soll zu sechs bis acht Euro pro Quadratmeter vermietet werden. Landeschef Stöß verteidigte die Entscheidung. Im rbb sagte er, wenn dies nicht gelinge, dann werde man große Schwierigkeiten haben, so etwas irgendwo sonst in der Stadt durchzusetzen.

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