Ein Windsurfer auf einem Board ist auf dem Tempelhofer Feld in Berlin unterwegs (Quelle: dpa)
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Vor dem Volksentscheid zum Tempelhofer Feld - Berlins letztes unfertiges Refugium?

Bebauen oder belassen: Was soll aus dem ehemaligen Flugfeld in Berlin-Tempelhof werden? Die Berliner haben beim Volksentscheid am Sonntag die Wahl zwischen zwei Gesetzentwürfen - dem der Initiative "100 Prozent Tempelhofer Feld" und dem der Regierungsfraktionen SPD und CDU. Beide Seiten erklären das Tempelhofer Feld zu einem Ort, an dem sich die Zukunft der ganzen Stadt entscheiden soll. Von Susanne Gugel

Vielleicht ist man dem Himmel über Berlin auf dem Tempelhofer Feld ein Stückchen näher. Drei Frauen trommeln sich in Trance, ein junger Mann sitzt mit seiner Gitarre unter einem Baum, Menschen aus aller Welt ziehen auf den ausrangierten Rollbahnen ihrer Wege. Und wen man auch fragt, der ist berührt von diesem Ort.

"Das ist so schön, dass es in Berlin solche Räume gibt", sagt eine Feld-Besucherin aus Frankreich. "Es ist einfach so eine Flucht aus der Großstadt, mal so in die Weite gucken zu können. Das ist magisch."

Menschen spielen am 02.05.2014 Kunst-Minigolf auf dem Tempelhofer Feld in Berlin (Quelle: rbb/Franziska Weigelt)
Ob zum Grillen, Skaten oder Minigolfen- viele Berliner zieht es bei gutem Wetter auf das Feld.Bild:

Wo Berlin noch nicht erwachsen ist

Auch in der politischen Debatte um das Feld steckt Leidenschaft. Für die einen sind die 300 Hektar weite Wiese einer der letzten Orte, an denen Berlin noch nicht erwachsen ist, wo es das noch gibt: Unfertigkeit. "Berlin ist so eine kreative Stadt. Die Freifläche für die kreative Entwicklung zu erhalten und zu sichern, das ist unser Ziel", sagt Julius Dahms von der Initiative "100 Prozent Tempelhofer Feld".

Für die anderen ist das Feld ein Ort, an dem sich weisen soll, ob Berlin Zuhause sein kann für alle. "Berlin lebt davon, dass wir uns soziale Durchmischung erhalten. Das ist das lebendige und lebenswerte Berlin und zwar in der ganzen Stadt. Und wenn uns das wichtig ist, dann gehört Tempelhof dazu", sagt Stadtentwicklungssenator Michael Müller.

Wohnungen, Gewerbeflächen, Sportanlagen - und eine umstrittene Bibliothek

Seit der letzten Wahl haben die Regierenden auch offiziell entdeckt, dass die Mieten in der Stadt steigen. Deshalb, so das Argument, müssten auch auf dem Tempelhofer Feld neue Wohnungen gebaut werden. "Es wird nur an den äußeren Rändern des Feldes eine Bebauung geben", erklärt Martin Pallgen, Sprecher der Tempelhof Projekt Gesellschaft, die das Feld für das Land entwickeln soll: "Und zwar im südwestlichen Bereich, im südlichen Bereich und im östlichen Bereich des Feldes, also am Tempelhofer Damm, am Südring entlang der Autobahn und an dem existierenden Wohnviertel in Neukölln, am Schillerkiez.

Insgesamt sollen 4.700 neue Wohnungen entstehen, so plant es die Koalition bislang. Außerdem reichlich Gewerbefläche, eine umstrittene neue Zentral- und Landesbibliothek, eine Sportanlage, eine Schule und drei Kitas. Am konkretesten sind die Pläne für den Kiez am Tempelhofer Damm. Hier sollen zwei städtische Wohnungsbaugesellschaften und eine Baugenossenschaft zusammen bis zu 1.700 Wohnungen bauen. Die Hälfte der Wohnungen soll zu Nettokaltmieten von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter vermietet werden, so das Versprechen. Die andere Hälfte - zur Finanzierung - wird deutlich teurer sein. Ob es so auch am Neuköllner Rand und entlang der Autobahn kommen soll, steht noch nicht genau fest.

In welcher Größe zum Beispiel landeseigene Wohnungsbaugesellschaften dort tätig werden und inwieweit Baugruppen und Genossenschaften eingebunden werden können, ist noch Teil des Verfahrens. Ein Verfahren, das die Initiative "100 Prozent Tempelhofer Feld" stoppen will.

"Es gibt anderswo genügend Platz."

Am Hermannplatz in Berlin-Neukölln verteilt Justina Hajda das Flugblatt der Tempelhof-Initiative. Vor anderthalb Jahren ist die 46-jährige Filmemacherin unter die Feldaktivisten gegangen. "Ganz am Anfang, als ich eingestiegen bin, war es wirklich tatsächlich Sorge um meinen Lebensraum, um das Feld. Inzwischen hat sich das allerdings ein bisschen geändert, weil ich jetzt größer denke: Ich denke, dass die Stadt falsch regiert wird, und ich möchte mich für mehr Demokratie einsetzen", sagt Hajda.

Justina Hajda von der Initiative "100 Prozent Tempelhofer Feld" (Quelle: rbb / Susanne Gugel)
Justina Hajda von der Tempelhof-Initiative verteilt Flugblätter am Hermannplatz.

Der Volksentscheid als ein Misstrauensvotum gegen die parlamentarische Demokratie im Allgemeinen und gegen die rot-schwarze Politik im Speziellen. Justina Hajda ist gegen Bagger auf dem Feld. Sie glaubt dem Versprechen der Koalition nicht, dass dort günstige Wohnungen entstehen können. "Es ist einfach so teuer, weil es ein Feld ist. Es ist ein nicht angeschlossenes Gebiet. Und es gibt noch dazu genügend Platz anderswo, wo man viel billiger bauen könnte", so Hajda.

Misstrauen, Vorwürfe und Unterstellungen

Es ist ein Wahlkampf geprägt von Misstrauen, Vorwürfen und Unterstellungen. Umgekehrt werfen die Koalition und ihr Unterstützerbündnis der Initiative vor, für Stillstand auf dem Feld zu sein. Kein Baum dürfe gepflanzt, keine Bank aufgestellt werden - was die Aktivisten von sich weisen. Erlaubt sind im Gesetzentwurf Bäume und Bänke am Feldesrand.

Mit derlei Details hält sich der Gesetzentwurf des Abgeordnetenhauses nicht auf. Drei Paragrafen umfasst der Text, den die Koalitionsfraktionen alternativ zu dem der Initiative zur Abstimmung stellen. Er soll vor allem eines: Den Berlinern die Angst nehmen, das Tempelhofer Feld könne eines Tages komplett zugebaut sein, wenn sie jetzt nicht "Stopp" rufen. "Diese Fläche ist eine riesige Bereicherung für die Stadt. Die Berlinerinnen und Berliner genießen sie. Wir wollen das erhalten. Diese 230 Hektar in der Mitte werden nicht angeknabbert", betont Stadtentwicklungssenator Michael Müller.

Der Spagat der drei Oppositionsparteien

230 Hektar des Feldes will die Koalition als Grünfläche schützen. An den Rändern aber eine "behutsame Entwicklung" ermöglichen. Konkreter wird der Text nicht. Ein Grund, warum im Berliner Abgeordnetenhaus der Versuch scheiterte, Regierung und Opposition gemeinsam dahinter zu vereinen.

Trommler am Tempelhofer Feld (Quelle: rbb / Susanne Gugel)
Befürworter und Gegner der Bebauung trommeln seit Wochen gleichermaßen.

Zwar sind sich alle fünf Fraktionen einig im großen Ganzen, aber uneins in den Details. Grüne, Linke und Piraten finden die Wohnungsbaupläne der Koalition überdimensioniert und nicht sozial genug. Auch die Bürgerbeteiligung kommt ihnen zu kurz. Und so versuchen die drei Oppositionsparteien nun den Spagat: Sie unterstützen den Gesetzentwurf der Initiative, der Wohnungsbau verhindern will, den sie eigentlich wollen. Lieber erstmal nichts als das Falsche bauen, argumentieren sie.

Kritiker sehen Überarbeitungsbedarf beim Masterplan

Hinter die bisherigen Koalitionspläne machen auch noch andere ein Fragezeichen. Einer der Kritiker ist Tilmann Heuser, Berliner Landesgeschäftsführer des Bunds für Umwelt und Naturschutz BUND. "Auf der Neuköllner Seite ist vollkommen ungeklärt, wie die verkehrliche Erschließung erfolgen soll", sagt Heuser.

Auch Frank Bielka, Chef der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft degewo, die den Großteil der geplanten Wohnungen am Tempelhofer Damm bauen soll, sieht Überarbeitungsbedarf. "Wir hatten sehr schnell erkannt, dass der bestehende Masterplan viel zu kompakt ist", sagt Bielka. "Man hat deshalb auch ein neues Verfahren aufgelegt, um - sagen wir mal - eine für den Menschen geeignetere Form der Bebauung zu finden."

Wie das Quartier am Tempelhofer Damm dann aussehen soll, will der Senat erst nach dem Volksentscheid präsentieren - wenn die Baupläne dort nicht ganz abgewählt werden. Stimmen rund 625.000 Berliner für den Gesetzentwurf der Tempelhof-Initiative und nicht noch mehr für den der Koalition, müsste der Bausenator seine Pläne zum Altpapier legen und die SPD, die mit dem Wohnungsbau punkten will, hätte ein Problem. Verfehlt die Initiative ihr Ziel, könnte die Koalition bauen. Doch angesichts des Gegenwinds spricht vieles dafür, dass es auch dann noch viele Diskussionen darüber geben wird, wie das Tempelhofer Feld am besten zu bestellen ist.

Der Masterplan des Senats

  • Bebauungsplan am Südring

  • Bebauungsplan am Tempelhofer Damm

  • Quartiere Oderstraße und Columbiadamm

Beitrag von Susanne Gugel

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