Ein Mann liegt auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof in einer Hängematte (Bild dpa)
Abendschau | 17.05.2014 | Dorit Knieling | Bild: dpa

Diskussion über fehlende Wohnungen nach THF-Entscheidung - Wer nicht baut, der nicht wohnt?

Es war eines der Hauptargumente des Senats: Ohne das Bauland auf dem Tempelhofer Feld fehlt der Stadt der Platz, um die Nachfrage nach Wohnraum zu befriedigen. Nach dem erfolgreichen Volksentscheid schlägt die Wohnungsbaubranche nun genau in diese Kerbe. Innerhalb des S-Bahn-Rings seien bezahlbare neue Wohnungen nicht drin, heißt es. Auch der Mieterverein ist nicht glücklich mit der Entscheidung.

Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen sieht keine Möglichkeiten mehr, in der Berliner Innenstadt ausreichend neuen Wohnraum zu schaffen. Verbands-Vorstand Maren Kern sagte am Dienstag im rbb, nach dem Erfolg der Bürgerinitiative "100% Tempelhofer Feld" gebe es innerhalb des S-Bahn Ringes nur noch städtische Flächen für 3.800 Wohnungen. "Da fehlt uns natürlich die Möglichkeit, für breite Schichten der Bevölkerung Wohnraum zukünftig anzubieten." Insbesondere wenn neue, günstige Quartiere geschaffen werden sollten, müsse nun in Bezirke außerhalb des S-Bahn Rings ausgewichen werden, betonte Kern.

Bestand sei zwar da, aber gerade im Bereich des S-Bahn-Ringes nicht in ausreichendem Umfang, so Kern. "Jedes Jahr zieht eine Stadt wie Görlitz oder Schweinfurt nach Berlin, 50.000 Personen." 4.700 Wohnungen sollten nach dem Masterplan des Senats in Tempelhof entstehen, doch jetzt sei auf landeseigenen städtischen Flächen nur noch ein Potential für 3.800 Wohnungen gegeben.

Also blieben nun nur noch die Stadtteile, die weiter vom Zentrum entfernt liegen, sagt Kern. Das klinge zunächst nicht sehr attraktiv, doch: "Man muss auch sagen, dass Berlin viele lebenswerte Stadtteile hat, polyzentral aufgestellt ist. Insofern ist es auch an anderen Stellen in dieser Stadt lebenswert."

Mieterverein sieht Möglichkeiten des sozialen Bauens

Der Berliner Mieterverein hat sich zunächst überrascht über die Tempelhofentscheidung gezeigt. Nach Ansicht von Reiner Wild, Chef des Berliner Mietervereins sei ein Kompromiss zwischen einer Bebauung mit Wohnraum und einer Freifläche möglich gewesen.

Dies hätte aber einer stärkeren Beteiligung der Bürger bei der Planung erfordert, so Wild im rbb. Unklar sei zudem gewesen, wieviel Wohnungen wirklich gebaut worden wären.

Der Senat müsse nun private Grundstücksbesitzer und Investoren zwingen, sozialverträglichen Wohnraum zu schaffen, sagte Wild weiter. Dazu gäbe es das Instrument der städtebaulichen Verträge, dass schon lange auf eine Umsetzung warte.

Bürgerinitiative glaubte Senatsversprechungen nicht

Die Initiative "100% Tempelhofer Feld" wies  die Wohnungsbau-Argumente des Senats stets zurück. Vor allem, weil das Areal zunächst teuer erschlossen werden müsste. Das würde rund 400 Millionen Euro kosten. In Berlin gebe es aber bereits 972 Hektar erschlossene innerstädtische Baulandreserven, auf denen man erheblich billiger bauen könnte. Diese bereits erschlossenen Baufelder seien 13 Mal so groß wie die geplanten Bauflächen auf dem Tempelhofer Feld.

Zudem zweifelten die Initiatoren daran, dass auf dem ehemaligen Flugfeld tatsächlich preiswerter Wohnraum entstehen würde. Von den 4.700 Wohnungen, die der Senat errichten wollte, wären nur 850 Wohnungen mit einer gedeckelte Nettokaltmiete von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter entstanden. Zudem hätte es keine Garantie gegeben, dass diese Mieten auch so niedrig bleiben.

Auch hatten die Unterstützer der Initiative immer wieder daran erinnert, dass der Senat in der Vergangenheit landeseigene Wohnungen an Investoren verkauft hatte, was oft zu drastischen Mietsteigerungen in den Objekten geführt hatte.

Evers spricht von "Rückschlag" für Wohnpolitik

CDU-Stadtentwicklungspolitiker Stefan Evers sprach am Dienstag im rbb hingegen ebenfalls von einem "herben Rückschlag" für die Wohnungsbauentwicklung in Berlin. Dass der Gesetzentwurf des Senats unterlegen war, schob Evers aber vor allem auf den geplanten Neubau der Zentral- und Landesbibliothek. An diesem Projekt hatte die SPD auch dann noch festgehalten, als schon längst klar war, dass viele Menschen in Berlin dagegen sind.

Der Berliner Senat befasst sich am Dienstag mit Konsequenzen aus seiner Niederlage beim Tempelhof-Volksentscheid. Unter anderem wird darüber dikutiert, wie mit der geplanten neuen Zentral- und Landesbibiothek weiter verfahren werden soll. Sie sollte ursprünglich auf dem Tempelhofer Gelände entstehen.