Der Fotograf Martin Lengemann vor dem Queen-Besuch in Berlin (Quelle: dpa)
Audio: Radio Berlin 88,8 | 18.06.2015 | Interview mit Martin Lengemann | Bild: dpa-Zentralbild

Martin Lengemann vor seinem Treffen mit der Queen - "Wir schulden den Briten viel mehr, als wir es ihnen zugestehen"

Der Fotograf Martin Lengemann hat sich um die deutsch-britische Freundschaft verdient gemacht - mit einem Reportage-Projekt über Soldatenschicksale im Ersten Weltkrieg. Deshalb hat ihn die Britische Botschaft zur Gartenparty mit der Queen in Berlin-Grunewald eingeladen. Im rbb-Interview erzählt Lengemann, was er vom Treffen mit der Queen erwartet.

rbb: Sie sind einer der wenigen Berliner, die die Queen wirklich treffen werden. Eingeladen hat Sie die Britische Botschaft wegen Ihres Reportage-Projekts "Die Narbe". Worum geht es bei diesem Projekt?

Lengemann: Das Projekt heißt "Die Narbe" und erzählt anhand von Einzelschicksalen das Leiden in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Der Hauptprotagonist ist mein Urgroßvater, dessen Geschichte ich erzähle: Er trifft im Frühjahr 1918 in Nordfrankreich auf einer Patrouille einen britischen Soldaten. Und wie das eigentlich im Krieg so ist, müsste einer von beiden voraussichtlich sterben. Doch anstatt aufeinander zu schießen, springen sie in einen Granattrichter und sitzen sich nun dort gegenüber. Sie können sich nicht verständigen, weil der eine nicht die Sprache des anderen spricht. So rauchen sie zusammen und zeigen sich vielleicht Bilder ihrer Liebsten von daheim. Und als es dunkel wird, kriechen beide wieder in ihre Schützengraben zurück. Am nächsten Morgen kommt dann der Befehl zum Sturmangriff.

Mein Urgroßvater hat darüber 56 Jahre lang geschwiegen - bis sein kleiner Urenkel kam und ihn fragte, ob er eigentlich auch im Krieg war.

Dieses Projekt hat vermutlich auch die Britische Botschaft überzeugt, so dass Sie nun die Queen treffen werden. Woher kommt Ihre Liebe zu Großbritannien?

Mein Onkel war in den 1970er und 80er Jahren Lehrer an der Deutschen Schule in London, wohin ich als kleines Kind immer 'verschickt' worden bin. Das war zu Beginn der Thatcher-Ära, als es nur britische Autos gab und die Männer mit Melone, Nadelstreifen, Regenschirm und Aktentasche zur Arbeit gegangen sind. Das ganze Land wurde permanent bestreikt, es war ein bisschen wie Wild West. Für mich als Kind war es ein Abenteuerland, in das ich mich sofort verliebt habe. Und das ist bis heute so geblieben.

Haben Sie in Großbritannien auch mal negative Erfahrungen gemacht?

Nie. Ich bin als Deutscher nirgendwo angepöbelt oder beschimpft worden. Man muss vielleicht manchmal ein dickes Fell haben, um den Humor zu ertragen, auch dieses 'Don't mention the war'. Wenn man als Deutscher in einen Pub auf dem Land kommt, muss man sich auch schon mal irgendeinen Spruch anhören. Aber es nicht wirklich böse gemeint, sondern dieser ganz eigene Humor.

Sie haben sich um das deutsch-britische Verhältnis verdient gemacht. Wie beurteilen sie das Verhältnis von Großbritannien heute zu Deutschland und zur EU?

Ich glaube, es ist auf einem guten Weg. Ich glaube aber auch, dass das freie und demokratische Europa den Briten viel mehr schuldet, als wir heute oft bereit sind zuzugestehen. Die Briten haben im Sommer 1940 über 366 Tage als einziges Bollwerk gegen Nazideutschland gestanden. Wenn sie das nicht getan hätten, dann hätte es später die Wahl zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus gegeben. Ich sage den Menschen deshalb immer, dass sie nicht so viel Brimborium darum machen sollen, ob Großbritannien nun ein besonders engagiertes EU-Mitglied ist. Sie sollten eher anerkennen, dass die Briten eine ganz wichtige Rolle in Europa spielen und auch spielen müssen.

Verfolgen Sie eigentlich die Nachrichten rund um das Britische Königshaus?

Nur am Rande. Ich bekomme vielleicht etwas mehr mit als der durchschnittliche Deutsche, weil ich viel britisches Fernsehen schaue und britische Zeitungen lese. Gezielt verfolge ich die Royals jeodch nicht. Aber ich informiere mich darüber bei meinen Eltern, die sich sehr für das Königshaus interessieren und immer auf dem absolut neuesten Stand sind.

Aber die Queen zu treffen, ist schon etwas Besonderes, oder?

Die Queen ist neben dem Papst sicherlich die globalste Figur auf diesem Planeten. Ich freue mich, dass ich in Berlin so nah dabei sein kann. Ich habe viel mit berühmten Menschen zu tun, habe schon amerikanische Präsidenten und deutsche Kanzler porträtiert, aber die Queen ist etwas Besonderes. Ich bin deshalb auch ein bisschen aufgeregt.  

Wie wird das Treffen bei der Gartenparty mit der Queen ablaufen? Was werden Sie anziehen? Und werden Sie mit der Queen sprechen?

Die Kleiderfrage wird einem abgenommen. Mit der Einladung wurde mir das Protokoll zugeschickt, und da steht klar drin: Long suit, also Anzug. Ob ich mich mit der Queen tatsächlich unterhalten werde, weiß ich nicht. Wenn sich die Gelegenheit ergibt und sie mich anspricht, werde ich das sicher tun.

Und über welche Themen würden Sie mit ihr gern reden?

Auch da muss ich auf das Protokoll verweisen: Jedes Gespräch mit der Queen ist ein persönliches. Man macht also nichts öffentlich, worüber man mit ihr spricht. Selbst alle ehemaligen Premierminister in Großbritannien haben niemals ein Gespräch mit der Queen publiziert. Ich werde diese Regel sicherlich nicht durchbrechen.  

Das Interview führte rbb-Moderator Ingo Hoppe für Radio Berlin 88,8 und ist hier für eine gekürzte Fassung bearbeitet worden. Das komplette Gespräch können Sie oben im Audioplayer nachhören.  

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