Kinder fahren mit dem Rad vor der Grundschule Niederheide in Hohen Neuendorf (Brandenburg) (Quelle: dpa-Zentralbild/Bernd Settnik)
Audio: Inforadio | 14.10.2016 | Dominik Lenz | Bild: dpa-Zentralbild/Bernd Settnik

Reportage | Mehr als die "grüne Vorstadt" - Berliner zieht es nach Hohen Neuendorf

Gut 41.000 Berlinerinnen und Berliner sind in den vergangenen zehn Jahren aus Berlin nach Oberhavel gezogen, darunter viele gut situierte junge Familien. Doch wie sieht für sie dort das Leben aus? Eine Reportage aus Hohen Neuendorf. Von Dominik Lenz

Hohen Neuendorf, 7 Uhr früh: gut gekleidete Menschen mittleren Alters kommen aus Einfamilienhäusern, besteigen Mittelklassewagen oder strömen zum S-Bahnhof. Sie alle haben eine Richtung: ab zur Arbeit nach Berlin.

Dichtes Gedränge auch auf dem Parkplatz der Grundschule Niederheide: Eltern bringen ihre Kinder zum Unterricht. Mindestens die Hälfte der PKW hat ein B auf dem Nummernschild. Thomas, Vater von drei Kindern, zog vor zehn Jahren aus Steglitz nach Hohen Neuendorf. Zurück will er nicht mehr. "Man gewöhnt sich eben an den Komfort hier", sagt er, "an das Grün und den Garten vor der Tür".

Grüne Großstadtnähe ist auch das schlagende Argument für Iris, zwei Kinder, ursprünglich aus Hermsdorf. "Es ist so ruhig, man ist trotzdem nah an der Stadt", zählt sie auf, "die Landschaft ist schön, die Schulen sind toll, die Kita ist toll – alles super."

Grundschule lockt mit offenen Unterrichtsformen

Die Grundschule Niederheide ist ein lichter Flachbau und nennt sich selbst "energetisch modernste Grundschule Deutschlands". Sie bietet Flex, die flexible Eingangsphase, wo Kinder jahrgangsübergreifend lernen. Schulleiterin Ilona Petrausch glaubt, dass dieses Konzept die vielen Zugezogenen überzeugt. "Wenn wir unser Schulkonzept erklären, bekommen wir viel Akzeptanz von den Eltern, die gerade diese vielen offenen Unterrichtsformen wünschen", sagt sie.

Viele junge Familien sind in den vergangenen Jahren in die Gegend gezogen. Sie wohnen in renovierten oder neu gebauten Eigenheimen und sind nach Beobachtung der Schulleiterin ganz besonders engagiert: Eltern, die ihre Kinder bewusst fördern, die wissen wollen, was im Unterricht passiert, das sei eigentlich positiv, nur "einige wenige nerven", sagt sie und lacht.

Ja, es gebe eine gewisse Anspruchshaltung: Mitunter ziehen Eltern mitten im Schuljahr um und möchten ihr Kind dann sofort eingeschult wissen, nach dem Motto: Hier ist Brandenburg, hier ist Platz. "Manche Eltern kommen wirklich und sagen: 'Ich bin jetzt hierher gezogen, ich will jetzt hier an die Schule' – und sind völlig verblüfft, dass es nicht geht, weil die Klassen ausgelastet sind", sagt Petrausch.

Jeder vierte Einwohner pendelt

Zwei Drittel der Zuzügler nach Hohen Neuendorf kamen in den vergangenen Jahren aus Berlin, erzählt Bürgermeister Steffen Apelt von der CDU. Viele wohnen hier und pendeln zur Arbeit in die Hauptstadt. Insgesamt 6.500 Pendler hat Hohen Neuendorf, das ist ein Viertel der Einwohner.

So schnell werde sich das auch nicht ändern, sagt Apelt, denn in Hohen Neuendorf und Umgebung gebe es niemals genug Arbeitsmöglichkeiten für die oft hoch qualifizierten Neubürger. Trotzdem: Es kommt Geld in die Stadtkasse und es kommen Kinder. Der demografische Wandel - eigentlich eine Drohkulisse für Brandenburg - ist kein Thema in Hohen Neuendorf und den Speckgürtel insgesamt. Eher schaue man, wie der Andrang in die gewünschte Richtung gelenkt werden kann. "Wenn wir die Schleusen öffnen würden, würden wir innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre sicherlich noch mal einen Bevölkerungsboom bekommen - der dann aber unsere Infrastruktur stark überlasten würde", sagt Apelt. "Deshalb versuchen wir schon, über Bauleitplanungen den Zuzug zu steuern."

Nicht jedes freie Feld soll mit Einfamilienhäusern, schon gar nicht mit Wohnblocks bebaut werden. Man investiert in Schulen, Kindergärten und Sporteinrichtungen. Vor allem aber soll der Charakter erhalten bleiben, der derzeit so viele Menschen in den Speckgürtel zieht: das Gefühl in einer Kleinstadt zu wohnen, mit Einfamilienhäusern, Vorgärten und viel Natur. "In Gesprächen stellen wir immer wieder fest, dass Hohen Neuendorf als grüne Vorstadt von Berlin mit der Havel vor der Haustür ein attraktives Umfeld bietet", sagt der Bürgermeister.

"Oberhavel ist mehr als der Vorort von Berlin"

"Grüne Vorstadt von Berlin" - damit wirbt, ein wenig abgeändert, ganz Oberhavel für sich. "Direkt drüber" so lautet der Slogan des Landkreises. Nach eigener Identität klingt das nicht. Deshalb will Landrat Ludger Weskamp (SPD) das auch dringend ändern. "Oberhavel ist mehr als der Vorort von Berlin", sagt er, "und das ist auch der eigene Anspruch und das eigene Bewusstsein".

Ziel sei das Motto "Leben in Oberhavel", nicht "Leben in der Nähe von Berlin". Weskamp nimmt sich selbst als Beispiel erfolgreicher Integration: Auch er ist ein Zugezogener, kam aus Westfalen über Berlin vor 17 Jahren nach Hohen Neuendorf. Der Start im Einfamilienhaus sei furchtbar gewesen, sagt er: Nebel, Einsamkeit, das Gefühl, abgeschnitten zu sein. Doch er machte das, was typisch ist für die Zugezogenen: Er knüpfte schnell Kontakte, engagierte sich und richtete sich ein. "Wenn Menschen umziehen, bringen sie ihre eigene Identität natürlich mit und versuchen auch, ihr Umfeld so zu gestalten, wie sie es gern haben wollen", sagt Weskamp. "Das ist etwas Positives, nervt aber manchmal auch, weil die Menschen mit der Erwartungshaltung kommen: Hier soll es genau so sein wie da, wo ich vorher war."

Landrat des Landkreises Oberhavel Ludger Weskamp am 07.10.2016 in seinem Büro (Quelle: rbb/Dominik Lenz)
Ludger Westkamp wurde im Mai 2015 zum Landrat von Oberhavel gewählt. | Bild: rbb/Dominik Lenz

Die Kunst besteht darin, Berührungsängste bei Alteingesessenen zu minimieren, gleichzeitig aber übermäßigen Gestaltungswillen und Erwartungen der Zuzügler zu bremsen. Und natürlich geht es auch um Verdrängung. Mit steigender Nachfrage nach Wohnraum in Stadtnähe, vor allem durch Familien mit gutem Einkommen, steigen auch die Mieten und Grundstückspreise im Speckgürtel. "Das ist auch einer der Gründe, warum wir als Landkreis in ein Wohnungsbauprogramm einsteigen", sagt Weskamp, "um gerade auch im Berlin-nahen Bereich, sprich in den S-Bahn-Gemeinden, Oranienburg und Hennigsdorf, auch bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, um diese Effekte zu mindern."

Prenzlauer Berg in Hohen Neuendorf?

Ein Beispiel, wie das Miteinander gelebt werden kann, liegt auf dem Weg zurück zum Bahnhof: das Café "Cup and Cake". In der Vitrine knallbunte Küchlein, in einer Kreativecke sitzen Kinder an Nähmaschinen. 2014 wurde das Kreativ-Café eröffnet, erzählt Mitgründerin Annika Frenz-Funk. "Wir denken, so etwas hat hier einfach gefehlt", sagt sie, "etwas für Familien und ein Treffpunkt für alle".

Kreativ-Café erinnert irgendwie an Berlin-Prenzlauer Berg und tatsächlich: Die Idee stammt genau von dort. "Ja, ich komme aus Berlin", sagt Frenz-Funk und lacht.

Annika Frenz-Funk, Mitgründerin des Kreativcafé "Cup & Cake" in Hohen Neuendorf am 06.10.2016 (Quelle: rbb/Dominik Lenz)
Annika Frenz-Funk an der Theke ihres Cafés "Cup and Cake" | Bild: rbb/Dominik Lenz

Wie sagte der Landrat? Bei aller Sehnsucht nach Natur und Ruhe als Gegenentwurf zur hektischen Großstadt gestalten sich die Zugezogenen ihre Umgebung dann doch wieder so, wie sie sie aus Berlin kennen. Unter ihren Gästen seien viele Berliner, sagt Frenz-Funk, "aber es mischt sich durch. Auf dem Land dauert es ja immer eine Weile, bis neue Dinge angenommen werden."

Ein bisschen mehr Prenzlauer Berg wäre fürs Geschäft nicht schlecht, aber hier ist eben Hohen Neuendorf: Die Menschen sind tagsüber in Berlin oder in ihrem Eigenheim, weniger auf dem Spielplatz oder im Café.

Inzwischen ist es später Nachmittag und der Bahnhof Hohen Neuendorf ist erneut stark frequentiert. Die 6.500 Hohen Neuendorfer Pendler kommen zurück aus der hektischen Großstadt, ins beschauliche Oberhavel.

Beitrag von Dominik Lenz

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