Annemarie Görne wollte ihre 4-Zimmer-Wohnung im Thälmannpark gegen eine kleinere tauschen (Quelle: rbb/Jana Göbel)
Video: was! | 12.10.2016 | Jana Göbel | Bild: rbb/Jana Göbel

Große gegen kleine Wohnung - Wohnungstausch in Berlin lohnt sich oft nicht

Die Kinder sind aus dem Haus, die Wohnung ist viel zu groß. Warum also nicht einfach mit einer Familie tauschen, die eine zu kleine Wohnung hat? Innerhalb Berliner Wohnungsbaugesellschaften scheitert das häufig am Finanziellen. Von Jana Göbel

Annemarie Görne wohnt allein in vier Zimmern im Thälmannpark, 9. Stock, Balkon-Blick ins Grüne. Nachdem ihr Mann starb, wollte sie sich verkleinern. Sie öffnet die Tür in ein aufgeräumtes Zimmer mit Tisch, Sofa und Hellerau-Schrankwand. "Das Zimmer von meinem Mann nutze ich kaum noch", sagt sie, "und auch die Gästetoilette brauche ich nicht."

Doch aus dem Wohnungstausch wurde nichts. Die Wohnungsbaugesellschaft Gewobag hatte ihr zwar eine kleinere Wohnung angeboten, aber Annemarie Görne hätte dadurch gerade mal 40 Euro monatlich gespart. "Wissen Sie, was ein Umzug kostet", fragt sie aufgebracht. Das lohne sich doch nicht.

Zimmer stehen ungenutzt leer

So wie ihr geht es vielen Älteren, nicht nur im Thälmannpark im Prenzlauer Berg. Wenn die Kinder ausgeflogen sind, bleiben sie allein in den großen Familien-Wohnungen. Manche erzählen, dass sie die nicht genutzten Zimmer nicht mehr heizen. Andere funktionieren sie zum Abstellraum um. Wieder andere vermieten unter. Da kommt Leben rein - und auch etwas Geld.

Dabei gibt es Menschen wir Petra Blatnik, die dringend eine größere Wohnung brauchen. Die junge Frau wohnt mit ihrem Mann und der 15-jährigen Tochter in einer 2-Zimmer-Wohnung, ebenfalls im Thälmannpark. Sie ist Krankenschwester, ihr Mann Kraftfahrer, beide arbeiten Schicht. "Wenn mein Mann nachts gearbeitet hat, muss er tagsüber schlafen", erzählt sie. "Dann gehe ich entweder raus oder sitze in der Küche, bis er wach ist." Immer wieder fragte Petra Blatnik bei der Wohnungsbaugesellschaft nach einer größeren Wohnung, vergebens.

Keine spezielle Seite für Tauschpartner

Ältere suchen kleinere Wohnungen, Jüngere große Wohnungen. Ein Tausch könnte so einfach sein. Bereits 2012 hatte der Senat dieses Problem erkannt und mit den Wohnungsbaugesellschaften vereinbart, dass es einen Tauschpool geben soll. Zwar gibt es seit Juni 2016 das Online-Suchportal inberlinwohnen.de, doch eine spezielle Seite für Tauschpartner gibt es nicht.

David Eberhart, Sprecher des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) sagt, dass sich so ein Tauschportal nicht lohne. Erfahrungen hätten gezeigt, dass die Menschen ungern umziehen. "Sie wollen ihren Kiez nicht verlassen. Vor allem Senioren reagieren sehr sensibel, und fühlen sich nicht willkommen, wenn wir ihnen Angebote machen."

Der Thälmannpark im Prenzlauer Berg ist wegen der zentralen Lage und der Ruhe bei Wohnungssuchenden begehrt (Quelle: rbb/Jana Göbel)
Beliebte Lage: Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg | Bild: rbb/Jana Göbel

Keine Prämie für Annemarie Görne

Eberhart erklärt, was die Wohnungsbaugesellschaften anbieten könnten, wenn sich jemand verkleinern möchte. Für sozial Schwache gebe es eine Umzugsprämie, zwischen 1.500 und 2.500 Euro, wenn die neue Wohnung mindestens 10 Prozent kleiner ist. Zudem sei festgelegt, dass die kleinere Tauschwohnung günstiger sein sollte. Um wieviel günstiger, blieb allerdings offen.

Und so kommt es zu solchen Wohnungsangeboten wie bei Annemarie Görne, die bei einem Tausch nur 40 Euro einsparen würde. Sie habe auf ein finanzielles Plus von etwa 100 Euro monatlich gehofft, sagt sie. Das wäre für sie ein Anreiz gewesen, umzuziehen. Eine Prämie bekäme sie nicht, weil sie nach einem langen Arbeitsleben eine ausreichende Rente erhält und damit nicht bedürftig ist.

Neuvermietungen bringen mehr Geld

Die Wohnungsbaugesellschaften bekunden zwar offiziell ihren Willen, doch ihr tatsächliches Engagement bleibt verhalten. Denn wenn Ältere in deutlich günstigere Wohnung tauschen, würde ihnen das häufig finanzielle Einbußen bescheren. Die Berliner Mieten sind in den zurückliegenden Jahren so stark gestiegen, dass die kleinen Wohnungen wesentlich mehr Geld einspielen, wenn sie ganz neu vermietet werden.

David Eberhart vom BBU erklärt dann auch: "Die Wohnungsbaugesellschaften können ihr Geld nicht drucken. Unter dem Strich muss bei ihnen eine schwarze Null herauskommen, damit sie die Neubauvorhaben finanzieren können."

Wien als Vorbild?

In Wien ist man einen anderen Weg gegangen. "Wiener Wohnen" verwaltet mehr als 200.000 Gemeindewohnungen in der österreichischen Hauptstadt. Hier gibt es seit vielen Jahren eine Online-Tauschbörse, bei der sich Interessenten mit Biete/Suche-Inseraten finden können. Die Tauschpartner treten direkt in die Mietverträge des anderen ein. "Wiener Wohnen" muss zustimmen, sofern keine Mietschulden bestehen. Im Unterschied zu Deutschland gibt es in Österreich nämlich ein gesetzliches Recht auf Wohnungstausch. Für Rentner gibt es in Wien seit 2015 zudem die "Aktion 65Plus". Wer in eine kleinere Wohnung zieht, zahlt unter bestimmten Voraussetzungen – zum Beispiel muss die größere Wohnung mindestens 65 m² groß sein - künftig 35 Prozent weniger Kaltmiete.

Das wäre ein Angebot, das Annemarie Görne interessieren würde. Auch eine Tauschbörse fände sie gut. Die Rentnerin könnte sich in Ruhe zu Hause die Angebote ansehen oder sogar selbst ihre Wünsche inserieren. Im Netz würde sie zum Beispiel auf Suchende wie Petra Blatnik treffen. Und am Ende hätten vielleicht beide etwas davon – die eine eine größere Wohnung, die andere eine kleinere Miete.

Zumindest die 300.000 städtischen Wohnungen in Berlin könnten dadurch viel besser genutzt werden. Doch entsprechende Pläne gibt es bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung derzeit nicht.

Beitrag von Jana Göbel

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Hallo,
    ein dickes Lob für Sie, dass Sie dieses leidige Thema ansprechen!

  2. 1.

    Die Grünen haben schon im Jahr 2000 ein gesetzliches Recht auf Wohnungstausch gefordert: "Ältere Menschen mit zu großen Wohnungen sollen so mit Familien in zu kleinen Wohnungen tauschen können. Dabei behalten sie ihre alten Mietverträge", bestätigte die baupolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Franziska Eichstädt-Bohlig. Es könnten aber nur Wohnungen getauscht werden, die dem selben Eigentümer gehören, schränkte sie ein.

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