Ralf Paniczek (Leiter Rechercheteam ZDFcheck17 ), Eva-Maria Lemke (Moderatorin, Reporterin, Autorin ZDF heuteplus), Claus Kleber (Jurist, Journalist, Buchautor und Fernsehmoderator beim ZDF heute-journal) (v.l.) bei der Diskussion "Fakes, Leaks und Desinformation - Verlässlicher Journalismus im Nachrichtensturm" am 08.05.2017 auf der re:publica (Foto: imago / Steffen Prößdorf)
Video: Abendschau | 10.05.2017 | Raphael Jung | Bild: imago / Steffen Prößdorf

Debattenthema auf der re:publica - Lasst uns lieber nicht über "Fake News" reden

Ein allgegenwärtiger Begriff auf der re:publica: "Fake News" - und das, obwohl ihn kaum jemand gern in den Mund nimmt. Aber wie umgehen mit dem Phänomen? Ein Lösungsansatz: andere Begriffe finden.Von Fabian Wallmeier

Dieser Text ist ein Problem – und Donald Trump ist schuld daran. Der Text befasst sich mit "Fake News" - und wenn Texte sich mit "Fake News" befassen, tragen sie dazu bei, dass dieser Begriff sich in den Köpfen verfestigt.

So in etwa argumentiert die Neurolinguistin Elisabeth Wehling von der Universität Berkeley, eine von vielen Rednerinnen, die sich auf der re:publica 2017 diesem Thema widmeten. Wehling befasste sich in ihrem Vortrag mit der "Macht der Sprachbilder" mit dem "politischen Framing" in der Kampagnenführung. Der US-Wahlkampf im vergangenen Jahr war voll von solchen Frames, die Dinge transportieren, die über die reine Wortbedeutung hinausgehen.

Clinton und die "Framing-Falle"

Hillary Clinton sei von Trump etwa als "nasty woman" gekennzeichnet worden. Im Amerikanischen, sagt Wehling, werde das Wort "nasty" eigentlich nur von Erwachsenen für Kinder genutzt: "You are a nasty child." Trump festigte, indem er Clinton als "nasty" brandmarkte, also bei den Amerikanern unterschwellig die Wahrnehmung, dass er der strafende Vater und sie das böse Kind ist.

Ein anderes Beispiel der Brandmarkung laut Wehling: Trump sagte mehrfach, Clinton spiele "the woman card" - es sei also nur ihrem Frauenbonus zu verdanken, dass sie überhaupt so weit gekommen sei im Rennen um die Präsidentschaft. Clinton versuchte das umzukehren, indem sie "woman cards" drucken und verteilen ließ, um klarzumachen, dass Frauen in Amerika für ihr Frausein nicht etwa einen Bonus verbuchen können, sondern an vielen Stellen noch benachteiligt werden. Damit, sagt Wehling, sei Clinton "in die Framing-Falle getappt", denn: "Wer Frames negiert, aktiviert und festigt sie."

Neurolinguistin Elisabeth Wehling von der Universität Berkeley spricht am 08.05.2017 auf der re:publica 2017 über das Thema "politisches Framing" (Foto: rbb / Fabian Wallmeier)
Neurolinguistin Elisabeth Wehling auf der re:publica 2017 | Bild: rbb / Fabian Wallmeier

Gutjahr reitet nicht nackt auf einem Einhorn

Und damit sind wir bei den "Fake News". Denn so ähnlich sei es auch mit ihnen, einer Zuschreibung, die Trump als Beschimpfung ihm unliebsamer Medien populär gemacht hat. Als etwa beim White House Correspondents Dinner, dem Trump fern blieb, mehrere Journalisten beteuert hätten, nicht "Fake News" zu sein, und darüber wiederum vielfach berichtet worden sei, habe das letztlich den Begriff verfestigt.

Der Journalist und Blogger Richard Gutjahr bringt das Problem des Umgangs mit den "Fake News" etwas flapsiger auf den Punkt: "Wenn ich sage: 'Ich reite nicht nackt auf einem Einhorn', ist das Bild trotzdem da", sagt er. Auf der re:publica sind "Fake News" jedenfalls allgegenwärtig - ebenso aber auch die Unzufriedenheit mit dem Begriff, bei manchen Rednern ist es sogar Abscheu. "Ich möchte das auf dieser re:publica nicht mehr hören", sagt etwa Niddal Salah-Eldin, Social-Media-Chefin der "Welt".

Mit Absicht verfälscht oder nicht?

Doch es gibt auf der re:publica nicht nur die Meta-Debatte über "Fake News". Neben dem problematischen Begriff ist auf den Podien auch die Auseinandersetzung darüber Thema, was er im Kern beinhaltet: Wie gehen Journalisten um mit Falschmeldungen? Wie sollen sie im Netz herumgeisternde "Fake News" richtigstellen?

Claus Kleber vom "heute-journal" des ZDF sieht darin eine große Schwierigkeit. "Wenn wir uns auf den Wettbewerb einlassen, 'Fake News' zu entkräften, haben wir schon verloren. Es dauert zwei Minuten, 'Fake News' zu generieren - und drei Tage, sie zu entkräften." Kleber liefert zudem eine hilfreiche Definition des Begriffs, auch in Abgrenzung zu Fehlern in Meldungen, wie sie im journalistischen Alltag manchmal vorkommen: "Fake News" seien "Nachrichten, die mit Absicht verfälscht wurden" – und das sei etwas ganz anderes als ein redaktioneller Fehler. Letztere gelte es unbedingt zu korrigieren. "Nur wer Fehler eingesteht, ist glaubwürdig", argumentiert Kleber.

Auf jede Kritik im Netz, man verbreite "Fake News" einzugehen, hält er aber für problematisch. "Warum sollte ich den Quatsch jetzt an meine 270.000 Follower verbreiten, indem ich eine Antwort schreibe", sagt er etwa mit Blick auf eine Anschuldigung auf Twitter, von einem Profil mit nur 100 Followern. Ähnlich sieht das auch Barbara Hans, Chefredakteurin von "Spiegel Online": "Zu sagen 'Das hier ist keine News', macht es zur News."

"Propaganda" statt "Fake News"

Es gibt Mittel und Wege, um gegen "Fake News" vorzugehen. Auf hoaxmap.org etwa werden Falschmeldungen gesammelt und entkräftet. Das Webportal konzentriert sich dabei auf ein Thema, zu dem besonders viele und besonders diffamierende Falschmeldungen kursieren: Es geht um Gerüchte über Asylbewerber.

Karolin Schwarz, eine der Betreiberinnen des Portals, glaubt in ihrer Arbeit auch eine häufige Methode festgemacht zu haben, wie diese Gerüchte in die Welt gesetzt werden: "Viele Falschmeldungen werden erst mal über Anzeigen bei der Polizei verbreitet", sagt sie. "Da werden zum Beispiel 'Südländer' gesucht und am Ende stellt es sich als falsch heraus. Lokale Medien haben es aber verbreitet." In eine ähnliche Richtung gehen auch Studienergebnisse, die Christian Stöcker - ehemals bei "Spiegel Online", jetzt Professor für digitale Kommunikation - präsentierte: "Berichte über Ereignisse führen dazu, dass die Menschen sie für wahrscheinlicher halten."

Viele Fragen sind am Ende dieser re:publica weiter offen. Das Problem, dass das Reden über "Fake News" den Begriff und ihren Inhalt verfestigt, wird sicher weiter für Diskussionen sorgen, nicht nur in den Redaktionen. Vielleicht ist ein Anfang damit gemacht, andere Begriffe zu finden. Kai Biermann von der "Zeit" etwa brachte eine Alternativ-Formulierung ins Spiel: Statt von "Fake News" spreche er lieber von "Propaganda". Das könnte eine Lösung sein – zumindest solange Donald Trump das Wort noch nicht in jedem zweiten Tweet verwendet.

Sendung: Abendschau, 10.05.2017, 19:30 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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