Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht bei der Zentralen Gedenkveranstaltung vom Zentralrat der Juden in Deutschland zum 80. Jahrestag der "Pogromnacht" von 1938 in der Synagoge Rykestraße. (Quelle: dpa/Michael Kappeler)
Video: Abendschau |09.11.2018 | Andrea Everwien | Bild: dpa/Michael Kappeler

Veranstaltungen in der Region - Gedenken an die Opfer der Novemberpogrome

Am 9. November 1938 zerstörten die Nazis Synagogen und jüdische Geschäfte. Damals seien Vorurteile in Gewalt umgeschlagen, begleitet von Schweigen, sagte die Bundeskanzlerin Merkel beim Gedenken in einer Berliner Synagoge. Solch etwas dürfe nie wieder geschehen.

In der Berliner Synagoge in der Rykestraße in Prenzlauer Berg ist am Freitag der Opfer der nationalsozialistischen Reichspogromnacht am 9. November 1938 gedacht. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte, schon damals seien Vorurteile in Gewalt umgeschlagen, begleitet von Schweigen. Dies dürfe nie wieder geschehen.

"Leider haben wir uns beinahe daran gewöhnt, dass jede jüdische Einrichtung von der Polizei bewacht oder besonders beschützt werden muss", sagte Merkel. "Aber wir erschrecken uns über Angriffe auf Menschen, die eine Kippa tragen, und stehen fassungslos vor dem rechtsradikal motivierten Angriff auf ein jüdisches Restaurant im August dieses Jahres in Chemnitz." Diese Form antisemitischer Straftaten wecke "schlimme Erinnerungen an den Beginn der Judenverfolgung in den 30er Jahren".

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, verteidigte, dass die AfD zu der Gedenkveranstaltung nicht eingeladen worden sei. Dies wäre 80 Jahre nach der Pogromnacht für die jüdische Gemeinde unerträglich gewesen, sagte Schuster.

Bundestag erinnert an "Schicksalstag der Deutschen"

Zuvor hatte zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome und dem 100. Jahrestag der Geburtsstunde der ersten Republik der Bundestag dem "Schicksalstag der Deutschen" gedacht. Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte in der Ansprache zur Gedenkstunde in Anspielung auf die AfD: "Wer heute Menschenrechte und Demokratie verächtlich macht, wer alten nationalistischen Hass wieder anfacht, der hat gewiss kein historisches Recht auf Schwarz-Rot-Gold."

Zuvor spielte das Berliner Nimord-Ensemble mit dem israelischen Klarinettisten Nur Ben Shalom. Der Schauspieler Ulrich Matthes zitierte am Rednerpult die Rede Philipp Scheidemanns zur Ausrufung der Republik aus dem Jahr 1918.

Gedenkveranstaltungen in Berlin für alle

Viele Berliner Bezirke und Kirchengemeinschaften halten am 9. November eigene Veranstaltungen ab. So wird beispielsweise am Mahnmal der ehemaligen Synagoge in der Münchener Straße 38 in Schöneberg der Opfer mit einem Lichtermeer aus Kerzen gedacht.

Um 12.30 Uhr legten Vertreter von Religionsgemeinschaften einen Kranz am Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" nahe des Potsdamer Platzes nieder und liefen anschließend gemeinsam zum Holocaust Mahnmal in der Cora-Berliner Straße. Das Dokumentationszentrum zeigt seit dem 7. November in Zusammenarbeit mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas eine Sonderausstellung: "'Kristallnacht' - Antijüdischer Terror 1938"

Das Deutsche Historische Museum bot den ganzen Tag kostenfreie Führungen und Filmvorstellungen zum Gedenken an die Novemberpogrome an.

Gedenkveranstaltungen in Brandenburg

Auch in Brandenburg wurde und wird an die Opfer erinnert. Der Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs kam am Nachmittag zu einer Gedenkveranstaltung an der ehemaligen Alten Synagoge Potsdam. An deren Gedenktafel legten die Sozialministerin Susanna Karawanskij (Linke) und der Staatskanzlei-Chef Martin Gorholt Kränze und Blumen nieder.

 Von dort liefen die Teilnehmer gemeinsam mit Vertretern der jüdischen Gemeinden zur Baufläche der Neuen Synagoge. "In Potsdams Mitte wird jüdisches Leben an prominenter Stelle wieder eine Heimstatt haben", sagte Gorholt. Im Gedenken an die Opfer der Pogromnacht wurde an dem Standort der neuen Synagoge an der Schlossstraße ein Davidstern aufgestellt, in den Kinder Blumen steckten. Der Bau der Synagoge soll 2020 beginnen und innerhalb von zwei Jahren beendet sein - so plant es die Stadtverwaltung.

Neben der Gedenkfeier in der Landeshauptstadt wurde auch in anderen Orten Brandenburgs an die Pogromnacht erinnert. Die Kulturministerin Martina Münch hielt eine Ansprache in Cottbus, der Innenminister Karl-Heinz Schröter (beide SPD) eine in Oranienburg. In Eberswalde wurde um 18 Uhr am Gedenkort "Wachsen mit Erinnerung" in der Goethestraße mit Diskussionen, Vorträgen und einem Konzert an die Opfer erinnert.

Müller forderte: Laut und offen gegen Antisemitismus eintreten

Im Berliner Abgeordnetenhaus hatten Parlamentarier bereits am Donnerstag eine Gedenkstunde an die Geschehnisse von 1938 abgehalten. Eingeladen hatten Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), der Parlamentspräsident Ralf Wieland (SPD) und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe. Müller rief in seiner Rede im Parlament dazu auf, offen und laut gegen Antisemitismus und Rassismus einzutreten.

Wieland mahnte ein konsequentes Eintreten aller Gesellschaftsteile gegen Antisemitismus an. Es müsse allen klar sein, auch Zugewanderten und Schutzsuchenden, dass Antisemitismus nicht toleriert, sondern bestraft werde.

Namen werden am Holocaust-Mahnmal verlesen

An der "Topographie des Terrors" begann am Donnerstag auch ein ökumenischer Gedenkweg. Rund 500 Menschen liefen vom ehemaligen Standort der Gestapo- und SS-Zentrale, zum Holocaust-Mahnmal.

Dort wurden von 10 Uhr an bis in den späten Abend die Namen von fast 55.700 in der NS-Zeit ermordeter Berliner Jüdinnen und Juden vorgelesen - jeder, der an dem Pult mit dem Mikrofon vorbeikam, war eingeladen, einen Teil der Namen vorzutragen. Diese Lesung wurde mit Lautsprechern übertragen, die auf der gesamten Fläche des Denkmals verteilt waren.

Auf einen Blick: gedenkveranstaltungen in Berlin und Brandenburg

  • Topographie des Terrors: Erinnern, Gedenken, Mitgehen

  • Gedenkwoche in Marzahn-Hellersdorf

  • Gedenkveranstaltung in Berlin-Schöneberg

  • Gedenkabend in Berlin-Reinickendorf

  • Gedenkveranstaltungen in Spandau

  • "Dunkeldeutschland": Gedenktag im Berliner Ensemble

  • Gedenken in Potsdam am Platz der Alten Synagoge

  • Gedenkveranstaltung in Eberswalde

Kommentar

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25 Kommentare

  1. 25.

    Ganz im Gegenteil. Denn die Formulierung impliziert auch, dass jeder Beteiligt war, der nicht ganz klar dagegen agiert hat.
    Ihre Aussage dagegen rückt Mitläufer und schweigende Mehrheit eher in die "Unschuldsecke". Es waren eben nicht nur SA, HJ und andere Nazigruppen.

  2. 24.

    Um nur einen Punkt herauszugreifen: ich finde es in der Tat erschreckend, wie normal es erscheint , dass jüdische Einrichtungen in Berlin von der Polizei geschützt werden müssen. Sogar feste Wachhäuschen vor Einrichhtungen gehören zum normalen Straßenbild.

  3. 23.

    Ich glaube, grundsätzlichere Antisemiten sind eher die, die hier und woanders gegen Halal-Schlachtung wettern und nicht mitbekommen wollen, dass sie damit - im "Erfolgsfall" - auch das koschere Fleisch von Juden unterbinden.

    Das wird natürlich nicht eintreten. Weder im einen noch im anderen Fall. Weil Antisemitismus und Islamophobie nur zwei Seiten der gleiche Medaille sind.

  4. 22.

    Erklärte Feindschaft - wenn es denn so wäre - ist nicht dazu da, sie mitzumachen.
    Auch nicht verbal, per Eintrag.

    Wenn Karl Lagerfeld nicht die Hälfte seiner (schöpferischen) Energie dazu aufwenden würde, sich immer neu und auf grandiose Weise zu verstecken, kämen ggf. wirklich schöpferische Anstöße ...

  5. 21.

    "Aber wir erschrecken uns über Angriffe auf Menschen, die eine Kippa tragen...", "wir sind bestürzt" .... - Frau Merkel, Sie haben doch alle Möglichkeiten in der Hand, etwas dagegen zu unternehmen, was hier schief läuft. Ihre ständigen Aufrufe, dass die Regierungs- und Staatsarbeit getan werden "müsste", gehören in die Opposition und in die Bevölkerung, aber doch nicht in die oberste Regierungsriege.

  6. 20.

    Liebe Frau Merkel, am 9.November sind nicht Vorurteile in Gewalt umgeschlagen sondern vorher erzeugter Rassenhass ist gezielt und bewusst in Progrome umgesetzt worden. Die SA und HJ und andere Nazi-Gruppen sind geziehlt bewusst und geplant zum Angriff geschickt worden.

    Vorurteile in Gewalt umschlagen ist m.e. verharmlosend.

  7. 19.

    Ergänzend zu den vielen Kommentaren zum Antisemitismus in Deutschland und den vielen salbungsvollen Reden zum 9.11. unserer Politiker möchte ich noch Karl Lagerfeld zititeren, dessen Aussage (vor einiger Zeit) ich voll und ganz unterstütze:
    "Selbst wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, man kann nicht Millionen von Juden töten und danach Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen."

  8. 18.

    Ich bin absolut gegen Judenhass und stehe voll und ganz auf der Seite von Israel.
    Nur reden jetzt wieder unsere Politiker so salbungsvoll bei den Gedenktagen, aber warum haben sie nicht schon früher etwas gegen die antisemitischen Aussprüche in Berliner Schulhöfen und das Mobbing gegen jüdische Kinder auch an Berliner Schulen unternommen. Auch bei der Flaggenverbrennung Israels am Brandenburger Tor, wo man auf den Fotos genau erkennen konnte, was für Leute dies waren, hat man hinterher nicht mehr viel gehört.
    Und wer hat denn seit 2015 die vielen Antisemiten ins Land gelassen?

  9. 17.

    Der 9. November ist also de facto schon ein Gedenktag. Warum nicht dieses Datum für den zusätzlichen Feiertag in Berlin wählen?

  10. 16.

    Die Redewendung "jemanden seinem Schicksal zu überlassen" beinhaltet dann schon, wie problematisch es ist, die 9. November im Laufe der deutschen Geschichte als "Schicksal" zu bezeichnen. In diesem Schicksalsergebenen sind sie das nicht, vielmehr steht dahinter bis 1938 eine fatale Logik. Es ist die Logik zwangsweise auferlegter Erinnerung, um das Blatt "doch noch zu wenden", nicht aber innewohnender Erkenntnis um eines Lernens willen.

    Noch heute tun wir uns schwer mit tatsächlicher Erinnerung, die befreit, aber nicht verschlossen macht. Ich weiß nicht, von dem das Zitat ursprünglich stammt oder aus dem Munde dessen, der es seinerzeit vorgetragen hat. Für mich ist es das Erhellendste, was mir bislang begegnet ist: "Lieber als Narr eines Halbwissens gescholten werden, als im Vollbesitz allgemeingültiger Wahrheit zu sein."

    Dazu wäre es gut, die typisch deutsche Pedanterie zu überwinden, die für anderes als das Bekannte keinen Raum lässt.

  11. 15.

    Der 9. November ist der deutsche Schicksalstag. Ausrufung der Republik, Reichpogromnacht und Mauerfall. Niemand kann den 9. November für sich pachten.

    Alle drei Anlässe zum Gedenken müssen gewürdigt werden.

  12. 14.

    Ich kann mich Ihnen nur anschließen, vor ein paar Tagen habe ich die Gelegenheit genutzt, an einer Führung auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde Adass Jisroel teilzunehmen, zusammen mit einer Gruppe aus New York, für alle Teilnehmer war und ist es völlig unverständlich, wie das Land Berlin mit dem Friedhof umgeht. Es wäre eine Pflicht vom Senat Berlin, hier tätig zu werden.

  13. 13.

    Ich finde das Vorgehen des RBB und von rbb24 sehr wohl nachvollziehbar, Beides nicht ununterscheidbar zu vermischen. Die andere Alternative wäre, den 9. November mit allen seinen Daten in den Zusammenhang zu stellen:

    1. 9. Nov. 1848, die Erschießung Robert Blums, frei gewählter Abgeordneter und trotz parlamentarischer Immunität vor Wien erschossen.
    2. 9. Nov. 1918, die Abdankung von Wilhelm II und die Ausrufung sowohl der sozialistischen als auch der (demokratischen) Republik,
    3. 9. Nov. 1923, Hitlers glücklicherweise gescheiterte Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle, 5 Jahre nach Ausrufung der ihm verhassten Republik,
    4. 9. Nov. 1938, Reichspogromnacht, bewusst 20 Jahre nach Ausrufung dieser ihm verhassten Republik.

    Davon unabhängig, weil erst von Enrico Ehrmann als dasjenige bezeichnet, was Günther Schabowski mit "tausend Worten" verklausulierte:
    5. 9. Nov. 1989, Tag der Maueröffnung.

  14. 11.

    Sorry, aber das ist falsch. Sie berichten m.M.n. nicht zu viel über die Pogrome. Das hatte ich ausdrücklich betont. Bitte noch mal nachlesen. Sie behandeln lediglich den 100. Jahrestag der Novemberrevolution auffallend stiefmütterlich.

    Meine Frage war sicher provokant aber keineswegs abstrus. Man kann durchaus die Novemberrevolution ablehnen und gleichzeitig auch die Gewalt der Novemberprogrome ablehnen. Das ist kein Widerspruch.

    Wenn Sie sich nicht die Positionen der Revolutionshasser und Antidemokraten zu eigen machen, dann erklären Sie uns doch einfach, WARUM Sie den 100. Jahrestag der Novemberrevolution so auffallend stiefmütterlich behandeln. Das kann doch nicht so schwer sein. Sie können ja wenigstens so tun, als sei das ein Versehen.

  15. 10.

    Kritik angekommen: Wir berichten Ihrer Meinung nach zu wenig über die Novemberrevolution und zu viel über die Pogrome.
    Den Zusammenhang, warum wir uns damit Positionen von rechtsradikalen Freikorps zu eigen machen sollen, finden wir dennoch, mit Verlaub, abstrus - gerade wenn man über die Verfolgung von Juden berichtet.

    Viele Grüße
    rbb|24

  16. 9.

    Vor allem wenn z.Zt. die Kommentarseiten von Rechtspopulisten und Rassisten regelrecht geflutet wird.

    Leider setzt sich der rbb dagegen nicht durch, obwohl es es dürfte. Stattdessen ziehen sich Leute die gegen die Flut angeschrieben haben zurück.

    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/av7/video-auslaenderfeindlichkeit-hat-bundesweit-erneut-zugenommen.html

  17. 8.

    So, so, das erschließt sich Ihnen nicht. Mir schon. Bei anderen runden Geschichtsjubileen berichten Ö.R. auch an mehreren Tagen - so wie Sie es mit den Progromen vom 9. November tun oder der NDR mit dem Kieler Matrosenaufstand - und nicht nur am Tag des Ereignisses selbst. Vom Reformationsjubiläum ganz zu schweigen. "Alles zu seiner Zeit" ist doch nur eine billige Ausrede. Es geht hier immerhin um den 100. Jahrestag.

  18. 7.

    Hallo Herr Müller,

    wie man sich Positionen der rechtsradikalen Freikorps und ihrer Financiers zu eigen macht, indem man ausführlich über die Novemberpogrome berichtet, erschließt sich uns nicht. Novemberrevolution am 9. November: Keine Sorge, alles zu seiner Zeit.

    Beste Grüße
    rbb|24

  19. 6.

    Am 9. November jähren sich nicht nur die Novemberpogrome sondern ist auch das 100. Jubiläum der Novemberrevolution. Gibt es einen Grund, daß der RBB zwar etliche Artikel zu den Novemberprogromen bringt (was völlig richtig ist), aber nicht einen einzigen zur Novemberrevolution? Es handelt sich hier immerhin um den Beginn der ersten deutschen Demokratie, womit solche Errungenschaften wie das Frauenwahlrecht, die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts, die Abschaffung des Adelsprivilegs und die Einführung des Achtstundentages einhergingen. Macht sich der RBB etwa die Positionen der rechtsradikalen Freikorps und ihrer Financiers zu eigen? Oder was ist der Grund?

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