Andreas Nachama, Direktor der Topographie des Terrors (Bild: dpa)
Audio: Inforadio | 09.11.2018 | Interview mit Andreas Nachama | Bild: dpa

Interview | Andreas Nachama zum 9. November - "Man muss nicht über jedes Stöckchen springen"

Als er den 9. November 1989 erlebt hat, hatte er den 9. November 1938 im Kopf, sagt der Direktor der Berliner Topographie des Terrors, Andreas Nachama. Er mahnt zum Jahrestag, dass alle, die aus der Geschichte lernen wollten, dies auch tun könnten.

rbb: Herr Nachama, ist der 9. November für Sie eher mit der Reichspogromnacht oder mit dem Mauerfall verbunden?

Andreas Nachama: Mit beidem. Es ist wie eine Münze mit zwei Seiten. Das gehört einfach zusammen in meinem Leben. Ich habe ja den 9. November 1989 erlebt - und hatte den 9. November 1938 dabei im Kopf. Also: Das gehört für mich zusammen.

Ihre neue Ausstellung in der Topographie des Terrors heißt "Kristallnacht". Da haben die Deutschen mühevoll das Wort Pogromnacht gelernt und nun kommen Sie mit dem Nazi-Begriff. Warum?

Weil "Pogrom" mehr etwas war, was sozusagen von unten kam und jüdische Gemeinden verheert hat. Und hier war es ja genau umgekehrt. Es kam ja von oben, war ja angeordnet. Ab 22:30 Uhr ging die Telefonkette los und in der Nacht brannten schon die ersten Synagogen. Insofern finde ich, dieser Begriff aus dem sogenannten Dritten Reich bezeichnet das trefflich.

80 Jahre sind diese schrecklichen Ereignisse jetzt her. Ein Menschenalter. Warum sind die Angriffe von damals auch heute noch für uns von Bedeutung?

Erst einmal, weil man aus der Geschichte vielleicht lernen könnte. Und wir sehen ja auch im Hinblick auf Kirchen in Ägypten, dass Gotteshäuser nicht sakrosankt sind. Auch heute nicht. Insofern kann man daraus schon was lernen. Alle, die lernen wollen, könnten das.

Was können wir lernen?

Wir können daraus lernen, dass nur ein respektvoller Umgang miteinander das ist, was sein kann, und das ist, was unsere Gesellschaft auszeichnet. Ich finde ja, wenn man genau hinguckt und sieht, mit welcher Intoleranz die Menschen vor 80 Jahren hier gelebt haben und die Zerstörung sieht, die dann am 8. Mai 1945 in ganz Europa zu beklagen war - da ist kein Auge in Europa trocken geblieben, kaum eine Familie hatte nicht Tote zu beklagen - dann wissen wir auch, was wir in diesen 80 Jahren von damals bis heute erreicht haben. Das sollte man ganz unbedingt hoch schätzen - und dafür soll man auch was tun. Das beste Denkmal für diese damaligen Zeiten ist eine demokratische Gesellschaft.

Laut einer Studie der Universität Leipzig stimmt ein Viertel der Deutschen ausländerfeindlichen Aussagen zu. Ähnlich ist es mit der Aussage "Juden passen nicht so recht zu uns". Das sagt auch mehr als ein Viertel. Ich habe gelesen, Sie finden das nicht alarmierend. Stimmt das?

Ja, weil es immer so gewesen ist. Man wird in einer Gesellschaft immer nur eine Mehrheit dafür gewinnen können, demokratisch und tolerant zu sein. Es wird immer Personen geben, gegen die man argumentieren muss. Dafür sind genau diese Erinnerungstage und die Erinnerungsanstrengungen, die ja jede Gesellschaft unternimmt, unbedingt notwendig.

Demokratie ist eben nicht etwas, was man geschenkt kriegt. Sondern etwas, was man jeden Tag - auch im Diskurs mit anderen - versuchen muss, zu erwerben. Insofern ja, natürlich ärgert mich das, wenn Leute so sprechen. Aber man sollte damit auf dem Teppich bleiben. Etwas dagegen tun, aber nicht in Panik ausbrechen.

Und wie finden Sie den politischen Diskurs? Beispielsweise AfD-Chef Alexander Gauland und seinen Ausspruch, Hitler und die Nazis seien nur ein "Vogelschiss in mehr als tausend Jahren deutscher Geschichte". Sind das alte, braune Sprüche oder manifestiert sich hier etwas Neues?

Das ist das ewig Alte und das charakterisiert die AfD und Herrn Gauland in besonderer Weise, dass sie nicht vorwärts denken können. Auch damit muss man leben. Auch das muss man sozusagen hinnehmen und sagen: 'Ihr seid diejenigen, die da in der Schmuddelecke stehen'.

Das spricht von großer Gelassenheit. Empfinden Sie wirklich so?

Ich empfinde wirklich so. Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das sie einem hinhalten. Das sind die ewig Gestrigen. Mit denen hat man vorher auch gelebt - da waren sie in anderen Parteien und wurden dann gelegentlich aus der Partei ausgeschlossen. Jetzt haben sie eine eigene Schmuddelecke und da sollen sie auch bleiben.

Was ist mit dem Antisemitismus durch Zuwanderer aus dem islamischen Kulturkreis?

Denen muss man ganz klar sagen, dass das erstmal nicht den Spielregeln unserer Gesellschaft entspricht und zweitens, dass sie letztlich nur die Toleranz werden bekommen können, die sie selber anderen gegenüber einhalten. Insofern ist Gesellschaft immer ein Geben und Nehmen. Die Toleranz, die man für sich selbst beansprucht, muss man anderen auch einräumen. Das gilt für die AfD und das gilt genauso für diejenigen, die aus islamisch geprägten Ländern kommen und vielleicht andere Einstellungen importieren wollen. Sie müssen sehen, dass es hier anders läuft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Dahl, rbb-Inforadio.

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Mensch, da verdrehen Sie aber hier gewaltig die Aussage von Herrn Andreas Nachama. Einen Diskurs hier zu führen mit all den wiedersprüchlichen Kommentaren ist das beste Beispiel gelebter Demokratie. Den Rest erspare ich mir ( zu persönlich), da wiedereinmal mehr sehr vorbildlich/ bildend @IchMeinJaNur u.a. darauf reagieren.

  2. 11.

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  3. 9.

    Ich glaube zwar eher, dass Sie das Interview von Herrn Nachama nicht verstanden haben. Es liegt wohl daran, dass er genau solche Personen wie Sie beschreibt. Letztlich unterscheidet Ihre Einseitigkeit und Engstirnigkeit in nichts von der AfD. Nur, bei Ihnen ist es der linker Populismus und da eben der Rechte. Eine Wertung, was schlimmer ist, wird die Zeit bringen. Die Einen springen eben über jedes Stöcken, vergisst dabei das Brett vor seineem Kopf.

  4. 7.

    Jede Münze hat drei Seiten, einschließlich dem schmalen Grad der Hoffngung, auf dem sie rollt.

  5. 6.

    Jede Münze hat drei Seiten, einschließlich dem schmalen Grad der Hoffngung, auf dem sie rollt.

  6. 5.

    Ein wirklich sehr guter Beitrag von/über Herrn Andreas Nachama, zu dem Gedanken an die Reichskristallnacht.
    An den Aussagen über die AfD gibt es nicht zu deuten. Soviel klare Übersicht hat man in dieser politisch aufgeheizten Zeit nicht erwartet, noch gehofft.
    "Man muss nicht über jedes Stöckchen springen", dass sollte man im Umgang mit der AfD lernen. Denn das wertet diese Partei nur auf und so festigt sie sich in den Köpfen der Bürger/Wähler.

    Leider war ich noch nie in der Ausstellung an der Wilhelmstraße, aber das Interview mit Herrn Nachama sollte es möglich machen.

  7. 4.

    Ein wirklich sehr guter Beitrag von/über Herrn Andreas Nachama, zu dem Gedanken an die Reichskristallnacht.
    An den Aussagen über die AfD gibt es nicht zu deuten. Soviel klare Übersicht hat man in dieser politisch aufgeheizten Zeit nicht erwartet, noch gehofft.
    "Man muss nicht über jedes Stöckchen springen", dass sollte man im Umgang mit der AfD lernen. Denn das wertet diese Partei nur auf und so festigt sie sich in den Köpfen der Bürger/Wähler.

    Leider war ich noch nie in der Ausstellung an der Wilhelmstraße, aber das Interview mit Herrn Nachama sollte es möglich machen.

  8. 3.

    Erstaunlich klar und gelassen. Bravo Herr Nachama

  9. 2.

    Gute Einstellung. Da kann sich so mancher Journalist oder,wie man heute so schön sagt,Medienschaffender eine Scheibe von abschneiden.

  10. 1.

    "Denen muss man ganz klar sagen,

    ...

    Das gilt für die AfD und das gilt genauso für diejenigen, die aus islamisch geprägten Ländern kommen und vielleicht andere Einstellungen importieren wollen. Sie müssen sehen, dass es hier anders läuft."

    Das sei besonders denen hier gesagt die bei jeder Gelegenheit die Masche "whataboutism" benutzen um von den Verbrechen der eigenen Gesinnungsgenossen abzulenken.

    Danke für ihre klaren Worte, Herr Nachama!

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