Rabbiner Walter Homolka. (Bild: dpa/Schutt)
dpa-Zentralbild/Schutt
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Interview | Walter Homolka vom Jüdischen Zukunftskongress - "Ich möchte, dass Juden sagen: Es ist gut, hier zu leben"

Unter dem Titel "Weil wir hier leben wollen" startet am Montag ein erster Jüdischer Zukunftskongress in Berlin. Der liberale Rabbiner Walter Homolka hat ihn mitorganisiert. Im Interview sagt er, wo genau er Gesprächsbedarf sieht.

rbb: Herr Homolka, 80 Jahre Reichspogromnacht: Ist das eher ein Anlass für den Blick zurück oder nach vorn?

Walter Homolka: Ich glaube, wir müssen uns für beides etwas überlegen: Zum einen gibt es neue Bedingungen, wenn die Zeitzeugen nicht mehr am Leben sind. Zum anderen müssen wir uns etwas Neues überlegen, damit das, was an Erinnerung wirksam werden soll, auch wirklich ankommt. Das hat auch etwas damit zu tun, dass heute die jüdische Gemeinschaft in Deutschland weitgehend aus Menschen besteht, die aus Russland zugewandert sind. Das sind zum großen Teil Menschen, die daran denken, dass die Sowjetarmee damals gesiegt hat. Sie gehen mit einer völlig anderen Haltung an das Geschehen des Dritten Reiches heran: durchaus nicht primär mit einem Opfergefühl, sondern auch mit einem Siegergefühl.

RAbbiner Walter Homolka
Bild: imago/Ralf Zoellner

Das Gedenken wird ja auch von jüdischer Seite im Moment problematisiert und hinterfragt. An wen richtet es sich?

Ich glaube, die Rituale des Gedenkens werden insgesamt in der jüdischen Gemeinschaft weltweit als sehr positiv empfunden. Ich erlebe es immer wieder, dass Besucher aus Amerika oder anderen Ländern es sehr positiv vermerken, dass wir in unserer Gedenkkultur so offensiv mit unserer Vergangenheit umgehen. In letzter Zeit rühren sich Bedenken, ob das genug ist. Bei den Erfolgen der AfD bei den letzten Wahlen wird doch deutlich, dass es 20 Prozent in unserer Bevölkerung gibt, die anfällig sind für Rechtsradikalismus und Antisemitismus.

Und deshalb gibt es nun den Zukunftskongress?

Junge Menschen nehmen die Warnungen von 1938 sicherlich sehr ernst. Vielleicht heutzutage noch ernster als vor zehn oder 15 Jahren. Gerade wegen dieser Spannungen in der Gesellschaft, die wir spüren, wollen wir daraus Handlungsmöglichkeiten gewinnen, etwa sich aktiv in diese Gesellschaft einzubringen. Aus diesem ganzen Ballast der Geschichte nehmen junge Leute heutzutage doch den Anspruch für sich, dass sie hier Teil der Gesellschaft sind und mitgestalten wollen. Sie wollen auf keinen Fall, dass es zu einer Ausgrenzung kommt - nicht von Juden und nicht von anderen Minderheiten. Diese pluralistische Gesellschaft mit vielen bunten unterschiedlichen Anspruchsgruppen muss erhalten und geschützt werden.

Erste Jüdischer Zukunftskongress

Der Jüdische Zukunftskongress beschäftigt sich vom 5. bis 8. November in Berlin mit den Perspektiven der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und Europa. Die Tagung steht unter dem Motto "Weil ich hier leben will ". Veranstalter sind neben der Leo Baeck Foundation die Berliner Senatskulturverwaltung und die Bundeszentrale für politische Bildung. Erwartet werden Teilnehmer aus Politik, Kultur, Religion und Gesellschaft.  Auf dem Programm stehen Podiumsdiskussionen, Workshops und Zeitzeugengespräche unter anderem zum jüdisch-muslimischen Dialog, zum Jüdischsein außerhalb von Synagogen und Gemeinden oder zu Flucht und Migration 1938 und heute.

Gerade dieses Verhältnis von Jüdisch-Sein und Deutsch-Sein wird angezweifelt und hinterfragt, ob das überhaupt zusammenpasst. Sie sind eine Generation älter als diese jungen Stimmen – wie sehen Sie das?

Nach 1945 konnte sich kein Überlebender vorstellen in Deutschland zu bleiben. Die Menschen blieben auf dem Weg nach draußen sozusagen "hängen", weil sie geheiratet haben oder sonstwas. Da entstand aber kein positives Verhältnis zu diesem neuen Deutschland, sondern man blieb halt. Dabei blieb auch das Schuldgefühl, es irgendwie nicht geschafft zu haben, den Absprung zu vollziehen.

Die Kinder dieser Überlebenden hatten ein eher neutrales Verhältnis zu Deutschland. Es ging um die Frage, studiere ich dann noch und wann heiratet man. Aber man hatte immer auch die Idee, nach Amerika oder nach Israel zu gehen - aber es hat sich dann eben nicht ergeben. Auf diesem Stand blieb es stehen. Es gab keine wirkliche Identifikation mit dieser Bundesrepublik.

Wann änderte sich das?

Erst Anfang der 1980er haben sich junge Juden gedacht: Da muss doch eigentlich auch ein positiver Zugang möglich sein. Dann haben sich die Dinge unheimlich verändert, etwa durch die Wende, als 200.000 Zuwanderer aus einem völlig anderen Land kamen. Wieder 20 Jahre weiter haben wir schon die zweite Generation, die sich die Frage stellt: Warum bin ich hier? Was macht für mich Deutschland aus? Und was möchte ich mit meinem Leben machen? Ich glaube schon, dass die meisten sagen, es ist gut, als Jude in Deutschland zu leben - und ich möchte, dass das so bleibt.

Denken Sie dabei an jüdische Organisationen oder Vereine - oder wäre es besser, als Jude in bestehenden Strukturen aktiv zu werden?

Es geht nicht um Mitgliederwerbung, sondern es geht darum, jüdische Identität, jüdisches Selbstbewusstsein in Deutschland zu fördern. Dabei brauchen wir offene Projekte, wo nicht von vornherein klar ist, was dabei herauskommt. So ein Zukunftsfeld ist etwa die Frage nach dem jüdisch-muslimischen Dialog.

Die jüdische Gemeinschaft steht vor einer schwierigen Frage: Auf der einen Seite sind wir diejenigen, die am stärksten hinter der Asylgesetzgebung Deutschlands stehen müssen - und es meiner Meinung nach auch tun. Denn unsere Erfahrung war der Grund dafür, dass wir eine grundgesetzlich geschützte Offenheit haben für diejenigen, die unsere Hilfe suchen. 

Und auf der anderen Seite?

Da steht die Frage: Wie verändern die muslimischen Geflüchteten aus Ländern, in denen Antisemitismus Staatsräson ist, das Miteinander in Deutschland? Damit kann man nur auf zweierlei Arten umgehen: Sich in eine Wagenburg begeben und sich fürchten - oder auf diese Menschen zugehen. Das habe ich im August zusammen mit dem Zentralrat der Muslime und der Union progressiver Juden in Deutschland gemacht: Wir sind mit jungen Juden und jungen Muslimen aus Syrien und anderen Ländern nach Auschwitz gefahren, und haben vor diesem Schreckensszenario versucht, aufeinander zuzugehen. Diese Erfahrung war sehr stärkend. Es gibt Brücken, die wir bauen sollten. Deshalb ist das Thema, wie junge Muslime und junge Juden einander begegnen und miteinander leben können, sehr wichtig.

Vor 20 Jahren haben Sie die Rabbiner-Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg gegründet. Seit fünf Jahren ist die jüdische Theologie an der Universität Potsdam etabliert, gleichberechtigt zur christlichen Theologie. Ist die Zeit der Neuanfänge und Aufbrüche vorbei?

Ich denke, die internationale Entwicklung geht in eine Richtung, die wir im Blick behalten müssen: weg von festgefügten jüdischen Gemeinden, die von der Wiege bis zur Bahre eine solide Basis haben - und gleichzeitig die Tatsache, dass Menschen sich heute ungern lebenslang binden. Auf dieses Fluide in der Identität müssen wir uns einstellen. Insofern ist es gut, dass die Institutionen heute funktionieren, dass wir starke jüdische Gemeinden haben, dass wir den Zentralrat der Juden in Deutschland haben auch als Sachwalter von Pluralität. Aber wir müssen trotzdem noch offener werden. Wir müssen auch experimentierfreudig sein.

Das Gespräch mit Walter Homolka führte Kirsten Dietrich für Inforadio. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Beitrag hören.

Sendung: Inforadio, 05.11.2018, 10.45 Uhr

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    Mal abgesehn von der Masche "whataboutism", den sie und ihresgleichen immer anwenden wenn sie von rechten Verbrechern ablenken wollen. Ist in ihren Kreisen offensichtlich sehr beliebt.

    Jede Art von Rassismus ist zu verurteilen und Antisemitismus ist Rassimus. Man sollte aber sehr genau zwischen Antisemitismus und (berechtigter) Kritik an den aktuellen und vorangegangenen Regierungen Israels unterscheiden.

    Diese Unterscheidungsfähigkeit spreche ich der userin "Die Zicke" ab, das hat sie hier nicht nur einmal unter Beweis gestellt. In weiteren Kommentaren macht sie aus ihrer politischen Einstellung keinen Hehl, ganz besonders mir gegenüber nicht.

    Wer übrigens solche infamen Unterstellung wie sie postet, auch der macht aus seiner eindeutigen Gesinnung und Absicht keinen Hehl.

  2. 9.

    Sicherlich haben die Redakteure die gestrige ARD Doku "Der Antisemitismusreport 2018" gesehen und mussten feststellen, dass auch in Der LINKEN Tendenzen bestehen. Das zu verleugnen und Kommentare dazu zu zensieren, ist peinlich. Das aber User Meinungen als "Rechts" auf Ihren Seiten verunglimpfen können, ....
    Auch Die LINKE hat ein solches Problem, dass sie nicht zwischen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit unterscheiden können. Meinten Sie das, als Sie wiedereinmal andere Kommentatoren*innin in die Rechte Ecke drängten, indem Sie schreiben: "Manche Leute, so wie sie, können oder wollen(!)nicht zwischen Antisemitismus und Israelkritik unterscheiden."? Vielleicht sind Sie es ja, der nicht unterscheiden will, geschweige, kann?
    Vielleicht stehen Sie an der Straße und beklatschen die juden- und Israelfeindlichen Aufzüge derAl-Quds-Demonstration radikaler Muslime.
    Quelle: https://www.cicero.de/innenpolitik/wie-der-antisemitismus-die-linke-kam/42297

  3. 8.

    Befürworten nicht, erklären schon.
    Doch es ist nicht allein eine Frage des Glaubens, sondern grundsätzlich einer Einstellung, an die sich Menschen regelrecht dranhängen, anstatt sie selber für sich zu erkennen. Dann, wenn das wirklich ihre eigene Einstellung wäre, kämen sie auf den Gedanken, dass es anderen genauso geht wie ihnen.

    Mitläufertum gleich welcher Art ist das Problem, nicht irgendein Glauben.
    Dass es etwas absolut Richtiges gäbe und etwas absolut Falsches, ist das Problem und dass infolgedessen dieses Falsche verhindert - in zugespitzten Perioden ausgerottet - werden müsse, ist der Quell von Hass.

    In "Werk ohne Autor", einem Film, der gegenwärtig in den Kinos läuft, gibt es eine Schlüsselszene, in der der SS angehörige Mediziner davon spricht, dass der Platz auf der Erde begrenzt sei und nun einmal die Entscheidung stehe, ob die Gesunden oder die Kranken diesen begrenzten Platz einnähmen.

    Weit mehr eine areligiöse Einstellung als eine religiöse.

  4. 7.

    Kann mir nur ein Mensch, ein einziger, mal hier sagen, weshalb ein Mensch einen anderen nur wegen des Glaubens hassen kann? Und speziell auf Juden bezogen. Was sollte jemand gegen Juden haben? Ganz objektiv. Und ich rede jetzt vom Glauben. Nicht von Politik.

  5. 6.

    Sie haben vielleicht Recht, vielleicht wäre es gut solche Demos zu verbieten. Vielleicht ist das Nichtverbieten aber auch ein möglicher Weg, die ablehnungswürdigen Positionen zu reflektieren und dennoch miteinander in irgendeiner Weise ins Gespräch zu kommen.

    Ich respektiere das Existenzrecht Israels ausdrücklich und verbiete mir als deutschem Christen, dessen Großvater Mittäter war, Israel für irgendeinen Schritt, der für dort lebende Menschen immer eine Form der Selbstverteidigung ist, zu kritisieren, oder gar Ratschläge zu erteilen - das steht mir nicht zu.

    Wünschen würde ich mir aber hier in D den Beginn eines Diskurses darüber, wie wir alle in diesem Land eine Gesellschaft aufbauen können, die ohne solche Demos und ohne Anfeindungen jeder Art auskommt. Ich habe das ungute Gefühl, dass wir, wenn wir mit Verboten beginnen, genau diesen Weg versperren würden - verstehe aber Ihre Frustration über jede Form des bei den Demos vorgetragenen Hass gegen Menschen hier und in Israel.

  6. 5.

    Berührt hat mich vor allem die 7., also die vorletzte Antwort in diesem Text. Sie zeugt nach meiner Empfindung von großer Weite.

    Walter Homolka ist ein Mensch, der auch mit Selbstironie, was das Jüdisch-Sein angeht, nicht geizt. Die pauschalen Ergebenheitserklärungen gegenüber den jeweiligen israelischen Regierungen, gleich auch, was diese jeweils beschließen und beschlossen haben, dürften ihm, diesem offenen Menschen, wohl zuwider sein.

  7. 4.

    Manche Leute, so wie sie, können oder wollen (!) nicht zwischen Antisemitismus und Israelkritik unterscheiden.

    Aus, für sie vermeintlich, guten Grund.

  8. 3.

    "Ich möchte, dass Juden sagen: Es ist gut, hier zu leben" - dann wäre es folgerichtig, wenn der RRG-Senat die alljährlich stattfindenden juden- und Israelfeindlichen Al-Quds-Demonstration radikaler Muslime verbietet und sich klar gegen die israelfeindliche Kampagne des BDS stellt.

  9. 2.

    "Ich möchte, dass Juden sagen: Es ist gut, hier zu leben"

    Wir haben noch so viel zu lernen, so viele gemeinsame Chancen.

    Jede Form der Ausgrenzung ist von Übel.

    Bauen wir zusammen mit allen Menschen die hier in diesem Land sind, die vielleicht noch zu uns kommen, eine beispielhafte, für alle lebens- und liebenswerte Gesellschaft auf, in der kein Platz für Ausgrenzung mehr ist.
    Gerne will ich meinen Beitrag dazu leisten.

  10. 1.

    Ich möchte das auch.

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