Plakat am Grundstück der geplanten Synagoge in Potsdam (Quelle: imago/Martin Müller)
Video: Brandenburg aktuell | 07.11.2018 | Tim Jaeger | Bild: imago/Martin Müller

Vereinbarung unterzeichnet - Bau der neuen Potsdamer Synagoge besiegelt

Während der Novemberpogrome 1938 war die alte Potsdamer Synagoge geschändet und später im Krieg zerstört worden. Ein jahrelanger Streit verhinderte den Bau einer neuen Synagoge - bis jetzt: Am Mittwoch wurde der Baubeginn besiegelt. Von Claudia Baradoy

Nachdem das Projekt seit 2011 auf Eis lag, ist am Mittwoch in der Potsdamer Staatskanzlei der Baubeginn der neuen Potsdamer Synagoge besiegelt worden. Dazu wurde eine Vereinbarung zwischen Land, der Jüdischen Gemeinde Potsdam und der Synagogengemeinde getroffen.

Die beiden Gemeinden werden das Synagogen – und Gemeindezentrum nach der Fertigstellung gemeinsam als Israelitischer Kultusgemeindebund Potsdam betreiben. Die Baukosten von rund acht Millionen Euro werden vom Land übernommen.

"Potsdam baut doch einen Synagoge"

Eigentlich sollte die Synagoge unweit des Potsdamer Stadtschlosses längst fertig sein. Aber in der Baugrube an der Schloßstraße 1 macht sich seit Jahren ledigliches hässliches Gestrüpp breit. Das riesige Plakat an der Mauer daneben verkündet: "Potsdam baut doch eine Synagoge". Das "doch" allerdings ist klein und verschämt zwischen die anderen Worte gequetscht. Es bezieht sich auf einen Jahre währenden Streit, der den Baubeginn bisher verhindert hat und  längst nicht mehr durchschaubar war. 

Wechselhafte Geschichte jüdischen Lebens

Auch deswegen ist Potsdam die einzige deutsche Landeshauptstadt, die bis heute keine eigene Synagoge hat. Die alte Synagoge am Platz der Einheit war während der Novemberpogrome 1938, vor genau vor 80 Jahren, geschändet und später bei einem Bombenangriff weitgehend zerstört worden. Nach dem Krieg wurde die Ruine abgerissen. Erst nach der Wende kamen neue jüdische Zuwanderer nach Brandenburg, zumeist aus den ehemaligen Sowjet-Staaten. Weil sie in ihrer damaligen Heimat ihre Religion kaum praktizieren konnten, begannen sie erst hier, sich an ihre jüdischen Wurzeln zu erinnern. Viele mussten ihre Religion aufs neue lernen.

Zahlreiche jüdische Gemeinden entstanden in Brandenburg, zunächst auch zwei in Potsdam: die Jüdische Gemeinde [jg-potsdam.de] und die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde Brandenburg [toratreu.de]. Die Umgangssprache ist bis heute meist russisch. Um das neue jüdische Leben zu fördern, verpflichtete sich das Land Brandenburg im Jahr 2005, in Potsdam eine Synagoge zu bauen. Die Jüdische Gemeinde Potsdam war froh, sich künftig nicht mehr in einem kargen und provisorisch eingerichteten Plattenbau treffen zu müssen. Der Sekt für die feierliche Grundsteinlegung war schon kaltgestellt.  

"Gebets-Bunker" und "Etikettenschwindel"

Doch Teile der Jüdischen Gemeinde lehnten den zuvor preisgekrönten Entwurf des Architekten Jost Haberland ab. Ud Joffe, ein in Jerusalem geborener Dirigent, lebt seit mittlerweile 20 Jahren in Potsdam. Bis zu dem Zeitpunkt war Joffe kein Mitglied einer Jüdischen Gemeinde in Potsdam. Er kritisierte den Haberland Entwurf mit deftigen Worten: Er verglich den künftigen Bau mit einem "Gebets-Bunker" und sprach von Nazi-Architektur. Das Haus sei nicht als Synagoge erkennbar und habe eine abweisende Außen-Fassade. Auch bei der Innenaufteilung gäbe es ein räumliches Missverhältnis zwischen Gemeindezentrum, Funktionsräumen und dem eigentlichen Gebetsraum.

Mit seinen Äußerungen stieß Joffe eine Menge Leute vor den Kopf. Aus Protest gründete er die dritte jüdische Gemeinde in Potsdam: die Synagogengemeinde [externer Link].

Der Streit spitzte sich zu. Die streng orthodoxe Gemeinde der gesetzestreuen Juden forderte für sich eine eigene Synagoge und kanzelte das Bauvorhaben in der Schloßstraße als "Etikettenschwindel" ab. Der Bau solle lediglich als landeseigenes Kulturzentrum herhalten, heißt es auf der Website der Gemeinde. Wohl auch, weil der erste Entwurf für die Synagoge tatsächlich einem schlichten Bürokomplex ähnelte und der Streit der jüdischen Gemeinden heftiger wurde, stoppte das Land Brandenburg die Planungen mit der Maßgabe, dass erst Einigkeit her müsse.

Annäherung, Schritt für Schritt

Seither herrscht gähnende Leere in der Baugrube in der Innenstadt. Doch hinter den Kulissen wurde geredet. Jüdische Gemeinde und Synagogengemeinde haben sich Schritt für Schritt angenähert. Man habe ein gutes Arbeitsverhältnis gefunden, quittiert Ud Joffe von der Synagogengemeinde. Und Evgeni Kutikov vom Vorstand der jüdischen Gemeinde bestätigt, man habe sogar gemeinsame Gottesdienste gefeiert.

Bei der Innenraumaufteilung für die Synagoge sei man sich inzwischen einig. Nur bei der Gestaltung der Fassade gebe es noch Kleinigkeiten zu klären. Die Außenfront soll ein neues Gesicht bekommen: "Viele und große Fenster, die geöffnet werden können, sodass die Menschen draußen sehen können, was drinnen passiert", wünscht sich Joffe. In den eigentlichen Gebetsraum soll zudem Licht von oben einfallen können. Im Erdgeschoss ist eine Cafeteria geplant, die von allen Menschen besucht werden kann. Zudem haben beide Gemeinden einen Verein gegründet, der die Synagoge als Träger betreiben soll. Beide Punkte waren Voraussetzungen für den Baubeginn.

Startschuss für das Synagogenprojekt

Das Land Brandenburg hat den Planungsstopp nun aufgehoben. Der Baustart ist für 2020 geplant, die Fertigstellung für 2022, zehn Jahre später als geplant. Der Neubau des Stadtschlosses, die Wiedererrichtung der Garnisonkirche und nun die Synagoge - in Potsdam dauert alles eben ein bisschen länger.

Chronik: Synagoge und jüdisches Leben in Potsdam

1740: In Potsdam wird eine jüdische Gemeinde gegründet.

1767: Bau einer ersten Synagoge. Zu dieser Zeit leben zehn jüdische Familien in Potsdam.

1903: Die neue Synagoge am heutigen Platz der Einheit entsteht.

1925: Rund 600 Juden leben in Potsdam.

9. November 1938: Die Synagoge wird geschändet und später bei einem Luftangriff zerstört.

1946: In Potsdam leben noch 24 Juden.

1954: Abriss der Synagogen-Ruine

1991: Gründung der jüdischen Gemeinde im Land Brandenburg. In den folgenden Jahren entstehen zahlreiche lokale Gemeinden, in Potsdam die Jüdische Gemeinde und die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde.

2005: Brandenburg verpflichtet sich per Staatsvertrag zum Neubau einer Synagoge in der Landeshauptstadt.

2008: Ein EU-weiter Architekturwettbewerb wird gestartet. Über 150 Architekturbüros zeigen Interesse.

2009: Das Preisgericht kürt den Entwurf des Berliner Architekten Jost Haberland zum Sieger.

2010: Die Baugenehmigung wird erteilt, die Einweihung ist für 2012 geplant. Teile der jüdischen Gemeinde lehnen den Entwurf jedoch ab. Aus diesem Kreis gründet sich die Synagogengemeinde.

2011: Das Land verhängt einen Planungsstopp.  

2018: Einigung der Jüdischen Gemeinden und Gründung des Israelitischen Kultusgemeindebundes Potsdam als Betreiber der Synagoge. Heute leben wieder rund 1.000 Juden in Potsdam.

2020: voraussichtlicher Baustart

Beitrag von Claudia Baradoy

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

2 Kommentare

  1. 2.

    Was lange währt, wird endlich gut.

    Zugegeben hatte auch ich enorme Schwierigkeiten mit dem Haberland-Entwurf, passte er doch überhaupt nicht in die Umgebung hinein und war das Lehr- und Gebetshaus nicht von einem Bürogebäude zu unterscheiden.

    Aber die Zurückhaltung war und ist gut, denn es ist Aufgabe der speziellen Religion(en), das für sich zu klären. Umso schöner, dass das jetzt gelungen ist. Ein Grund zur Freude.

  2. 1.

    Herzlichen Glückwunsch zur Einigung! Möge der Bau mit weiteren konsensualen Planungen erfolgreich beginnen im vorgesehenen Zeitraum errichtet werden. Freue mich schon auf einen Besuch im Café mit meiner Familie.

Das könnte Sie auch interessieren