Ein historisches Foto vom 10.11.1938 zeigt einen Mann, der am Tag nach der "Reichskristallnacht", dabei ist die Scherben eines zerbrochenen Fensters eines jüdischen Geschäfts in Berlin aufzukehren. (Bild: dpa)
Video: rbb|24 | 06.11.2018 | Felix Edeha | Bild: dpa

Novemberpogrome 1938 - Der Auftakt zum Massenmord

Synagogen werden angezündet, Geschäfte zerstört, Polizei und Feuerwehr schauen zu: Mit den Novemberpogromen im Jahr 1938 tritt die Gewalt gegen Juden in Deutschland offen zutage. In kaum einer Stadt sind die Exzesse so heftig wie in Berlin. Von Felix Edeha

Das Jüdische Gemeindehaus in der Charlottenburger Fasanenstraße gilt heutzutage als eines der wichtigsten jüdischen Gotteshäuser im Berliner Westen. Bis zu 700 Besucher finden in dem großen Mehrzwecksaal Platz, der sich in dem rechteckigen Hauptteil befindet. Einzig am alten Torbogen, der vor den grauen Stufen den Eingang markiert, lässt sich erahnen, wie imposant die Synagoge war, die hier einst stand.

Archivbild: Undatierte Fotografie der Synagoge in der Fasanenstraßen in Berlin-Charlottenburg vor ihrer Zerstörung. (Bild: dpa)
Archivbild: Undatierte Fotografie der Synagoge in der Fasanenstraßen in Berlin-Charlottenburg vor ihrer Zerstörung. | Bild: dpa

Flammen und Scherben

Trupps von SA und SS hatten sie in der Nacht des 9. Novembers 1938 gestürmt und angezündet. Sie rissen die Vorhänge von den Wänden und die Torarollen aus dem Schrein. Gemeinsam mit den Bänken wurde alles auf einen Scheiterhaufen im Gebetsraum geworfen und angesteckt. Mehr als Hundert weitere Synagogen brannten im Deutschen Reich während der Novemberpogrome komplett aus. [In unseren interaktiven Karten finden Sie weitere Synagogen, die in Berlin und Brandenburg zerstört worden waren.]

Archivbild: Die alte Synagoge in der Fasanenstrasse, aufgenommen am 18.07.2013 in Berlin nach dem Neubau. (Bild: dpa/Peter Kneffel)
Archivbild: Die alte Synagoge in der Fasanenstrasse, aufgenommen am 18.07.2013 in Berlin nach dem Neubau. | Bild: dpa/Peter Kneffel

Die Nazis beschränkten sich nicht nur auf Gebetsräume: Geschäften und Kaufhäusern, die Juden gehörten, wurden die Schaufenster eingeschlagen. Grölend und mit Knüppeln bewaffnet, zogen sie durch die Stadt, zerrten Ladenbesitzer auf die Straßen, schlugen und misshandelten sie. Nicht-jüdische Nachbarn plünderten anschließend die zerstörten Geschäfte. Wenn Feuer gelegt worden war, griff die Feuerwehr meist nur ein, wenn die Flammen Nachbarhäuser bedrohten.

Die Reichshauptstadt war das Zentrum jüdischen Lebens in Deutschland. Bis die NSDAP 1933 die Macht übernahm, lebten etwa eine halbe Million Juden im Deutschen Reich - rund ein Drittel wohnte in Berlin. Mehr als einhundert Synagogen gab es in der Stadt.  

Die Humboldt Universität hat ab dem Beginn der 30er Jahre mehr als 8.000 jüdische Geschäfte in Berlin identifiziert, die dann später auch nachweislich verfolgt wurden.

Viele Menschen kauften bei den Falks

Das Geschäft von Benno Falk in Berlin-Pankow war eines davon. In der Breite Straße 23 verkaufte der gebürtige Pole gemeinsam mit seiner Frau Dorothea seit 1919 Bekleidung. Viele Nachbarn schätzten die Falks. Oft gaben sie Nachlässe oder erlaubten finanziell klammen Kunden Ratenzahlungen, ohne dafür Aufschläge zu verlangen.

Der Stadtteil Pankow in den 30er Jahren. (Quelle: privat)Die Breite Straße in Berlin-Pankow in den 20er Jahren. Hier war das Geschäft der Falks.

Auch viele Beamte, die gegenüber im Rathaus arbeiteten, kauften bei dem Ehepaar, sagt Gerhard Hochhuth rbb|24. Der pensionierte Pfarrer kümmert sich um die jüdische Chronik des Bezirks - sein Hobby: "Es wird davon berichtet, dass gerade die Mitarbeiter aus dem Rathaus dort viel eingekauft haben und auch im besonderen Maße in der Kreide standen."

Die Falks machten bereits 1935 Erfahrungen mit staatlich organisierter Gewalt. SA-Männer prügelten Benno Falk aus seinem Geschäft, weil ihm die "Schändung eines anständigen Mädchens durch einen Juden" vorgeworfen wurde. Vor Gericht konnte er allerdings seine Unschuld beweisen. Anschließend führte das Paar den Laden weiter.

Ein Attentat als Anlass

Solche Schikanen erlebten viele Juden nach der Machtübernahme. Durch antisemitische Verordnungen wurden sie nach und nach gesellschaftlich und wirtschaftlich isoliert. Die Nürnberger Gesetze machten die Stigmatisierung schließlich zu deutschem Recht. Hitler sprach sich jedoch lange gegen groß angelegte Aktionen aus. Vor den Olympischen Spielen 1936 sollten keine Bilder von Gewalt um die Welt gehen. Das änderte sich im Herbst 1938.

Am 7. November 1938 wurde auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris ein Attentat verübt. Geschossen hatte der 17-jährige Herschel Grynszpan. Dessen Eltern gehörten zu den 17.000 polnischen Juden, die wenige Tage zuvor – bei der sogenannten "Polenaktion" – gewaltsam aus Deutschland abgeschoben worden waren. Bereits wenige Stunden nach dem Attentat kam es im Deutschen Reich zu einzelnen Übergriffen gegen Juden.  

Archivbild: Herschel Feibel Grynszpan war ein polnischer Staatsbürger jüdischen Glaubens, der am 07.11.1991 ein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath verübte. (Bild: dpa)Herschel Grynszpan schoss am 7. November 1938 auf Ernst vom Rath.

Vom Rath starb zwei Tage später in Paris. Am selben Abend fand in München ein NSDAP-Parteiemfpang mit Adolf Hitler statt. Dort nutzte Propagandaminister Joseph Goebbels nach Absprache mit Hitler das Attentat, um dem gesamten Judentum die Schuld an Raths Ermordung zu geben. Er sagte, dass "Aktionen größten Stils mit vollkommen freier Hand für jedermann gegen Juden einzutreten haben". Der Saal tobte. Per Fernschreiben und Telefon erteilten die anwesenden NSDAP- und SA-Führer ihren Stäben und Mannschaften im ganzen Land den Befehl, "Maßnahmen" zu ergreifen.

Der Chef der Sicherheitspolizei etwa, Reinhard Heydrich, schickte seinen untergebenen Dienststellen konkrete Anweisungen für die kommende Nacht: So sollten seine Einheiten darauf achten, dass nur Synagogen angezündet werden, die nicht in unmittelbarer Nähe zu deutschen Gebäuden liegen oder, dass nicht-jüdische Geschäfte unbedingt gegen Schäden gesichert werden müssten.

Das Schicksal der Falks

Der Feuerschein brennender Gebäude hatte bereits die Berliner Nacht erhellt. Noch immer roch es nach Rauch. Die Zestörungswut war bereits sichtbar, als SA-Männer am Morgen des 10. Novembers schließlich auch in Pankow vor dem Geschäft der Falks aufzogen. Sie zertrümmerten die Schaufenster und beschmierten die Fassade. "Kauft nicht beim Juden!" Vor den Augen von Schaulustigen zerrten sie Benno Falk aus der darübergelegenen Wohnung.

Anschließend wurde er ins Rathaus auf der anderen Straßenseite gebracht. Im Angesicht seiner bisherigen Kunden, den Beamten, musste Falk unterschreiben, dass er sein Geschäft in nicht-jüdische Hände übergibt. Nach der Enteignung zogen die Falks nach Berlin-Wilmersdorf. Benno starb am 27. Februar 1940 aus nicht bekanntem Grund. Dorothea wurde im März 1943 im Zuge der sogenannten "Fabrikaktion" nach Ausschwitz deportiert. Sie kehrte nicht zurück.

Einen Tag nach dem offiziellen Beginn der Pogrome ließ Goebbels über das Deutsche Nachrichtenbüro die Anweisung verbreiten, dass alle antijüdischen Maßnahmen einzustellen seien. "Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen jüdischen Meuchelmord an einem deutschen Diplomaten in Paris hat sich in umfangreichem Maße Luft geschafft." Die Übergriffe und Plünderungen gingen in vielen Städten trotzdem noch einige Tage lang ungehindert weiter. Auch in Berlin.

Die Nacht, als die Gewalt eskalierte

Die Bilanz der Pogrome

Zahlen des Deutschen Historischen Museum verdeutlichen das Ausmaß der Gewalt: Im gesamten Deutschen Reich starben während und in unmittelbarer Folge der Novemberpogrome mehr als 1.300 Menschen, wurden ermordet oder in den Suizid getrieben; mit 1.400 Gebetshäusern und Synagogen wurde etwa die Hälfte aller jüdisches Gotteshäuser in Deutschland und Österreich stark beschädigt oder komplett zerstört, mehr als 30.000 deutsche Juden wurden in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und das brandenburgische Sachsenhausen verschleppt.

Um die entstandenen Schäden zu begleichen wurde das Judentum in seiner Gesamtheit dazu verurteilt, eine "Sühneleistung" von einer Milliarde Reichsmark zu zahlen.

Die Novemberpogrome von 1938 markierten die Wende in der Verfolgung von Juden durch das NS-Regime. Die systematische Umsiedlung begann, jüdische Mitbürger wurden enteignet, vertrieben und verschleppt. Drei Jahre später begannen die Nazis mit dem Holocaust.

Beitrag von Felix Edeha

Kommentar

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13 Kommentare

  1. 11.

    Bitte nicht nachlassen im Aufarbeiten der deutschen Nazi-Geschichte. Das sind wir den Falks und den anderen Toten des Naziterrors schuldig. Das ist umso wichtiger, weil es Personen gibt, die diesen deutschen Naziterror als Fliegenschiss der Geschichte bezeichnen oder noch schlimmer, von einem nötigen "Ende des Schuldkultes" sprechen.

  2. 10.

    Nein, der Massenmord an Menschen jüdischen Glaubens des III. Reichs begann mit der Euthanasie. Der "Gaskammerbrief" gilt als das früheste Dokument der Verbindung zwischen der Aktion T4 und der systematischen Ermordung der Juden in Europa. https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4

  3. 9.

    Schauen Sie sich doch bitte die scheinheilige Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und die angebliche, jedoch konterkarierte Grundsicherung nach SGB II und SGB XII an. Widerlich!

  4. 8.

    Ich wundere mich, daß die Novemberprogrome zwar in diversen Artikeln behandelt werden, zur Novemberrevolution aber kein Artikel auftaucht. Zur Erinnerung an den RBB: Die Novemberrevolution hat jetzt hier 100jähriges Jubiläum, und zu ihren Errungenschaften gehört neben dem Achtstundentag, daß auch Figuren wie Sie ein gleichrangiges Wahlrecht haben. Es wäre also nicht zu viel verlangt, wenn Sie sich auch mal damit befassen würden.

  5. 7.

    Schauen Sie sich doch bitte die scheinheilige Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und die angebliche, jedoch konterkarierte Grundsicherung nach SGB II und SGB XII an. Widerlich!

  6. 6.

    Lotte Lustig - So ist es. Ich erachte es als sehr wichtig, dass die deutsche Vergangenheit hinsichtlich der menschenverachtenden, antisemitischen, rassistischen und grausamen Verbrechen der Nazis weiterhin kommuniziert werden muss.

    Für mich ist es schwer erträglich, wenn ich in Dokumentationen Bilder und Berichte sehe, die die Grausamkeiten der Nazis zeigen - entsetzlich ! Jeder von uns hat die Pflicht, gut auf unsere kostbare Demokratie zu achten und sich persönlich gegen Ausgrenzung und Gewalt einzusetzen.

    Danke an den Autor für diesen eindrucksvollen Bericht über das Grauen der Judenverfolgung und der Pogrome.....

  7. 4.

    Mit der Berufung auf den sogenannten Volkswillen haben sich die Nazis am 9. Nov. 1938 selbst über ihren Anspruch hinweggesetzt, alles und alles in Paragraphen zu kleiden, um den Anschein von Rechtstaatlichkeit zu wahren. Die Entlassung von Juden aus dem Staatsdienst, formuliert im "Gesetz zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums", die systematischste und planmäßigste Vernichtung einer Bevölkerungsgruppe, die jemals auf dem Erdball stattfand: Verordnungen und Gesetze zur formulierten "Rassenhygiene".

    Das ist immer noch eine Fehlstelle, die der Aufarbeitung bedarf, Gesetze und Verordnungen nur deshalb zu befolgen, nur weil sie Gesetze und Verordnungen sind. Gleich allen persönlichen Gewissens dazu.

  8. 3.

    Goethe und Luther würde ich nicht in einen Atemzug nennen. Luther war ein Antijudaist allererster Güte und hat Generationen mit seinem Judenhass aufgestachelt ....

  9. 2.

    Viele Menschen verstehen heutzutage nicht mehr, warum dieses Thema immer wieder aufgegriffen und an unseren Nachwuchs weitergegeben werden muss. Es sind noch nicht alle verstorben, die diese Zeit miterleben mussten. Wer die Geschichten von diesen Menschen gehört hat und sich mit dieser Zeit tiefgehend auseinandergesetzt hat, gehört garantiert nicht zu Denjenigen, die damit nichts mehr zu tun haben wollen, weil es ja "schon so lange her" sei. Das was damals passierte wird immer zu Deutschland gehören wie Goethe und Luther. Rassismus, Faschismus und Fanatismus dieser Art darf nie wieder geschehen.

  10. 1.

    So etwas darf es nie, nie wieder geben - weder gegen Juden, noch gegen irgend eine andere Gruppe von Menschen.

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