Archivbild: Touristen stehen am 25.04.2017 vor dem Dom in Berlin und machen ein Selfie (Quelle: dpa / Daniel Hofmann).
Video: rbb|24 | 03.10.2018 | Grit Lieder, Sebastian Schneider | Bild: dpa

Umfrage zum Tag der deutschen Einheit - "Für mich gibt's kein West-Berlin mehr. Für mich ist es Berlin."

Am Mittwoch feiert Berlin die Einheit, mit großem Bohei am Brandenburger Tor. Wie weit sind Ost und West in 28 Jahren zusammengewachsen - und wie feiern Berliner diesen Tag heute noch? Eine Umfrage beim Schrippenholen.

Die Einheit ist vollendet, oder anders gesagt: Hinter der Bäckereitheke war diese Stadt nie geteilt. Schrippen kaufen die Leute alle, in Charlottenburg, Weissensee und Prenzlauer Berg. Schließt man die Augen, duftet es überall köstlich - bei Siebert und Jachalski, bei Rösler und Hutzelmann. Wer nun rechtzeitig zum Feiertag wissen möchte, wie eng Ost und West 28 Jahre nach der Wiedervereinigung tatsächlich miteinander sind, kann zum Brandenburger Tor fahren, sich einen quietschbunten Luftballon in die Hand drücken lassen und einer Rede lauschen. Sie sind alle längst geschrieben, für das Bürgerfest auf der Straße des 17. Juni.

An mahnenden Worten wird es dort auch diesmal nicht mangeln: "Wir brauchen ein neues 'Wir'-Gefühl", sagt die Berliner Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek. Der Bundesbeauftragte für die Neuen Länder fasst seinen Jahresbericht so zusammen: "Viel erreicht, viel zu tun". Das liest man im Grunde jedes Jahr.

Aber wie wichtig ist den Berlinern dieser Feiertag überhaupt noch? Besuch fernab der Partymeile, bei vier alteingesessenen Backstuben - um die Stammkunden und Verkäufer bei Splitterbrötchen und Mohnstreusel zu fragen. 

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Der Tag ist mir wichtig, weil er immer noch eine kleine Erinnerung ist. Und das ist gut. Ich bin nämlich 'ne Berlinerin und ich bin froh, dass es so weit gekommen ist."

Charlottenburg

Es ist ein Experiment gewesen, das nie zuvor passierte. Und aufgrund dessen mussten wir auf beiden Seiten lernen, aufeinander zuzugehen und ein bisschen Dünkel abzulegen. Die einen Larmoyanz, die anderen Überheblichkeit."

Prenzlauer Berg

Wat bedeutet mir der Tag? Eigentlich viel, auf der anderen Seite ist ein bisschen Trauer, dass es immer noch so viele Unterschiede gibt."

Weissensee

Wir können den Tag gar nicht vergessen, solange wir nicht gleichgestellt sind."

Weissensee

Einheit kann man nicht verordnen, Einheit ist auch ein Gefühl - jeder empfindet sie anders. Wer könnte bestimmen, wann sie vollendet ist? Und macht man es sich zu einfach, wenn man Unterschiede vor allem als Problem betrachtet? Die Berliner leben seit fast 30 Jahren nicht mehr in einer geteilten Stadt, wer aber denkt, die Erinnerungen verblassen, täuscht sich.

Die Einheit wurde herausgestellt als großes Glück. Völlig gelungen ist sie meiner Meinung nach nicht. Es wurde alles vom Westen übergestülpt. Ich bin in Steglitz aufgewachsen, vor ein paar Jahren bin ich mal nach Prenzlauer Berg gezogen. Aber dort habe ich mich überhaupt nicht wohlgefühlt. In manchen Häusern hing noch der Mief und die Enge, die ich mit der DDR verbinde. Ansonsten waren da vor allem Zugezogene aus Südwestdeutschland, insbesondere Mütter Mitte 30. Heute lebe ich wieder im Westen der Stadt."

Charlottenburg

Es ist eine Umwälzung im Leben gewesen und man hat die Freiheit gekriegt. Das ist das Größte. Damals war alles vorgegeben, heute ist es für uns einfacher."

Prenzlauer Berg

Ich bin natürlich noch der Jahrgang, der beides miterlebt hat. Insofern ist es für mich immer noch ganz irre und ganz toll, dass es so weit gekommen ist."

Charlottenburg

Ich bin über 80 und dankbar, dass ich diese Jahre nach dem Mauerfall erleben darf. Ich und meine Frau sind immer noch gerührt von vielen Dingen, die wir in unserer Stadt erleben. Manches läuft nicht so, wie wir uns es vorgestellt haben, aber vieles ist auch sehr positiv."

Weissensee

Ich komme aus Polen. Ich habe erlebt, wohin Sozialismus führen kann. Deswegen denke ich, es ist ein guter Tag."

Charlottenburg

Mein Opa hat diese Bäckerei gegründet. Er hat mir erzählt, dass sie damals kaum mit der Produktion hinterher gekommen sind, weil die Nachfrage so groß war. Man hat dadurch auch besser verdient. Da ist es heute schon schwerer, sich zu behaupten."

Weissensee

Dass wir eine Einheit sind, würde ich auf keinen Fall sagen. Das merkt man auch im Alltag immer wieder, wie sich allein schon die verschiedenen Bezirke unterscheiden, Ost und West."

Charlottenburg

Manche Westberliner erzählen, dass sie bis heute kaum Freunde oder Bekannte im Osten der Stadt haben - und umgekehrt. Oft ist die Rede davon, dass Wessis und Ossis bis heute irgendwie anders ticken würden. Genau beschreiben, was sie damit meinen, fällt den meisten dann schwer. Es ist eben ein Gefühl.

Ich weiß nicht, ob ich eine vollständige Einheit noch erlebe. Meiner Erfahrung nach sind die Mentalitäten dafür zu unterschiedlich. In meinem Beruf als Handwerker habe ich ostdeutsche Kollegen oft als etwas duckmäuserisch empfunden, sie haben den Mund nicht aufgekriegt. Aber vielleicht ist es auch ein Generationen-Ding. Meine Tochter ist gerade mit der Schule fertig. Die interessiert das Thema nicht mehr."

Charlottenburg

Für mich gibt’s kein West-Berlin mehr, für mich ist es Berlin."

Weissensee

Ich bin 1980 geboren. Das ist mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen, dass es ein Deutschland und nicht mehr ein getrenntes Deutschland ist. Deswegen freue ich mich über den freien Tag - ansonsten spielt es keine Rolle."

Charlottenburg

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Klar, komme ich aus Berlin. (geb im Westen) und sag nicht, aus West- oder Ost-Berlin. Was aber nichts daran ändert, dass der West-Berliner bei "sich" bleibt, genauso wie eben der Ost-Berliner.

  2. 4.

    Ich bin Jahrgang 1973, in Berlin-Tempelhof geboren, wohne bis heute in meinem Elternhaus und für mich galt, gilt und wird immer gelten:
    Es gibt Ossis, Wessis und Berliner.
    Und dabei sind weder Ossis noch Wessis abwertend gemeint, sondern lediglich ein Unterscheidungsmerkmal.
    Für mich ist ein(e) Ossi, welche(r) nach Westdeutschland zieht ebenso ein(e) Wessi, wie ein(e) Wessi, welche(r) nach Ostdeutschland zieht ein(e) Ossi wird.
    Nur BerlinerInnen bleiben BerlinerInnen, wir sind und bleiben halt ein eigens Völckchen ;-))

  3. 3.

    Ich habe in all den Jahren leider erleben müssen, daß "Ossis" gerne hinterm Rücken über einen sprechen, dabei waren es immer Arbeitskollegen von daher habe ich keine gute Meinung über die.

  4. 2.

    Solange sich alles immer nur um "Ossis" dreht bleibe ich West-Berliner.

    Das liegt nicht an den Ossis sondern an den Medien und dem trennenden Blick auf Deutschland.

    Jammermedien halt. Vermutlich immer Wessis die meinen sie müssten jetzt der bessere Ossi sein oder ?

    Gleichberechtigung für alle . Ich habe nach der Wende im Ostberlin gearbeitet und nur dank meines Arbeitgebers haben alle Westgehalt bekommen. In meiner Rentenaufstellung steht "Beiträge aus dem Beitrittagebiet" .

    Jahrgang 1960 - hab mich nie eingemauert gefühlt. Wurde nie Nazi oder Stalinist , nicht mal CDUler.

  5. 1.

    Ich bin auch 1980 geboren, doch die Grenzen spürt man des Öfteren immernoch. Sei es der junge Mann afrikanischer Abstammung, der meint, er fährt nicht nach Ost-Berlin, er hätte dort Angst. Sei es das Ömchen aus Frohnau, welches einer anderen erklärt, dass hier im Virchow Wedding auch Leute von ganz weit her anreisen, wie z.B. aus Köpenick und Mitte oder sei es einfach die Kundin, welche dir 50 Cent für ein Eis in die Hand drückt, da sie merkt, dass ihre Sprüche zu Ostdeutschen bei dir nur mit resignierendem Schweigen wahrgenommen werden.....und auch bei vielen journalistischen Ergüssen, weiß man einfach, wie alt die Person ist, die sie schreibt und woher sie kommt.
    Doch in Berlin/Deutschland gibt es es nicht nur Differenzen zwischen Ost und West, es gibt hier verdammt viele Parralellgesellschaften, die ein Theoretisches Konfliktpotenzial bilden, sei es Herkunft, Religion, Bildungsstand.... Wenigstens das wir Konflikte haben eint uns!!!!

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