Der syrische Auszubildende Jwan Mattini (Quelle: rbb/Nina Amin)
Audio: Inforadio | 27.08.2018 | Nina Amin | Bild: rbb/Nina Amin

Serie | Integration: Was haben wir geschafft? - Immer mehr Geflüchtete finden in Berlin einen Job

Über 11.200 Geflüchtete haben einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz - fünf Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Auch die Zahl der Ausbildungsplätze ist angestiegen. Gerade große Betriebe investieren in die Integration Geflüchteter. Von Nina Amin

In der großen Werkhalle der Berliner Wasserbetriebe läuft eine einzelne Fräsmaschine. Noch ist es ruhig in der Lichtenberger Ausbildungswerkstatt: Urlaubszeit. Aber spätestens zum Start des neuen Ausbildungsjahrs im September füllen sich die Hallen und Büros mit Azubis. Einer von ihnen ist Jwan Mattini. Der junge Syrer hat seine ersten Erfahrungen an der Fräsmaschine schon hinter sich. Mattini hat ein mehrmonatiges Qualifizierungsprogramm für Geflüchtete im Betrieb durchlaufen: Löten, Schweißen, Feilen – das alles lernen angehende Auszubildende in dieser Zeit kennen. Mattini weiß jetzt, was ihn interessiert:  "Ich wollte eigentlich eine Ausbildung als IT-Fachinformatiker machen. Aber nachdem ich die ganzen Berufe hier kennengelernt habe, habe ich gedacht, Technik ist doch nicht mein Ding. Ich habe mich für Industriekaufmann entschieden."

Etwas Angst hat Mattini schon

Vor drei Jahren kam der Syrer mit seinen Eltern und Geschwistern nach Berlin. Sein großes Glück war es, wie der 19-Jährige heute sagt, dass er sofort zusammen mit Berliner Schülern im regulären Klassenverband lernte: "Es war viel besser, weil ich mit den Mitschülern kommunizieren und diskutieren konnte, dadurch verbessert sich die Sprache."
Nach dem Mittleren Schulabschluss steht für ihn nun die nächste Herausforderung an: die Ausbildung. Etwas Angst hat er schon - vor der Sprache und vor der Prüfung.

Der Auszubildende Jwan Mattini und Ausbilder Amine El-Aryf in der Ausbildungswerkstatt der Berliner Wasserbetriebe (Quelle: rbb/Nina Amin)Der Auszubildende Jwan Mattini (re) und Ausbilder Amine El-Aryf in der Ausbildungswerkstatt der Berliner Wasserbetriebe

Amine El-Aryf kann das gut nachvollziehen. Der gelernte Anlagenmechaniker ist als Ausbilder bei den Berliner Wasserbetrieben eingestellt. Vor gut einem Jahr wurde seine Stelle geschaffen. Auch, damit er sich um die Geflüchteten aus dem Einstiegsprogramm kümmert, die für die Ausbildung fit gemacht werden sollen. El-Aryf ist aus Marokko. Vor acht Jahren kam der 30-Jährige nach Berlin. Er weiß, wie schwer der berufliche Einstieg auf Deutsch ist. Wörter, die sein Azubi Mattini nicht versteht, erklärt er auch mal auf Arabisch. Aber: "Ich lege großen Wert darauf, Deutsch zu sprechen, weil ich weiß, wie wichtig das ist. Außerdem ist die Ausbildung auf Deutsch, und während des Praktikums weisen wir die Praktikanten darauf hin, auch in der Pause Deutsch zu sprechen."

Wenn Frust bei den jungen Auszubildenden aufkommt, erzählt ihr Ausbilder von seinen Erfahrungen in Deutschland. Vertrauen aufzubauen, zuhören, motivieren - der persönliche Kontakt zu seinen Azubis ist El-Aryf wichtig.

Investition in die Integration

Große Firmen wie die Berliner Wasserbetriebe können es sich leisten, viel in die Integration der Geflüchteten in den Betrieb zu investieren. Sie müssen es sogar. Der Fachkräftebedarf ist groß. Kleinere Firmen hingegen schaffen meist keine so enge Betreuung. Berlins Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) weiß das. Ein Problem sei zudem für die Betriebe, dass die Azubis häufig fehlen, weil sie extra Sprachkurse brauchen. Denn die Kurse finden an verschiedenen Orten in der ganzen Stadt verteilt statt. Anstatt im Betrieb zu lernen, verlieren die Lehrlinge viel Zeit, um von A nach B zu kommen. Hier steuert der Senat jetzt nach. Ab diesem Schuljahr gibt es die berufsbegleitenden Sprachkurse direkt an den Berufsschulen. Das sei für alle "einfacher", sagt Breitenbach.

Die Mehrheit der Menschen aus Asylherkunftsländern, die einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Berlin und Brandenburg nachgeht, zählt vom Anforderungsniveau zu den Fachkräften, Spezialisten und Experten. In Berlin arbeiten 36,5 Prozent in Helfer-Berufen, in Brandenburg sind es 43,3 Prozent.

Man steht am Anfang eines guten Weges

Die Linken-Politikerin freut sich darüber, dass immer mehr Menschen zum Beispiel aus Afghanistan, Syrien oder Eritrea in der Hauptstadt arbeiten. 11.200 haben inzwischen einen sozialversicherungspflichtigen Job. Das bedeutet: Mehr als ein Viertel der Geflüchteten, die arbeiten können, haben inszwischen einen regulären Job. 800 Jugendliche mit Fluchthintergrund haben im vergangenen Jahr eine Ausbildung gestartet. Wie viele jetzt im September starten, ist noch nicht erfasst. Aber Mitte Juli diesen Jahres gab es laut Arbeitsagentur rund 2.000 Bewerber auf Stellen zum jetzt beginnenden Ausbildungsjahr.

Man stehe am Anfang eines guten Weges, bilanziert Arbeitssenatorin Breitenbach. Das größte Problem für die Unternehmen und ein Einstellungshindernis bleibe allerdings der unsichere Aufenthaltsstatus potenzieller Mitarbeiter. Derzeit gilt die Drei-plus-zwei-Regelung. Nach der Ausbildung darf noch zwei Jahre gearbeitet werden - unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Das Risiko, dass die eingearbeiteten Mitarbeiter nach fünf Jahren Deutschland verlassen müssen, sei für viele Unternehmen nicht tragbar. Das müsse auf Bundesebene geändert werden, fordert Breitenbach: "Wir haben einerseits einen Fachkräftemangel, andererseits engagierte junge Geflüchtete, die sich ausbilden und qualifizieren lassen und dann keine Chance kriegen. Das ist wirtschaftlich und menschlich völliger Quatsch, da muss mehr Sicherheit her."

Die größte Beschäftigtengruppe arbeitet in sogenannten personenbezogenen Dienstleistungsberufen. Dazu gehören nach der offiziellen Klassifikation etwa Lebensmittelherstellung und -verarbeitung, Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufe, medizinische Gesundheitsberufe sowie lehrende und ausbildende Berufe. In welchen Berufen die Menschen genau arbeiten, geht aus der Statistik nicht hervor.

Die Berliner Wasserbetriebe haben nachgebessert

Für die Berliner Wasserbetriebe ist das – bislang – nicht das Problem. Erstens läuft das Programm speziell für Geflüchtete erst seit zwei Jahren, zweitens können nur Menschen mit einem sicheren Aufenthaltstitel teilnehmen, heißt es von der Unternehmenssprecherin. Ausbilder El-Aryf sieht hingegen noch ganz andere Herausforderungen: "Die Frage bleibt, wieviele neue Berliner motiviert sind, sich zu integrieren und eine Ausbildung zu absolvieren. Wie motivieren wir Leute und wie können wir ihnen die Angst vor der Ausbildung nehmen?"

Im vergangenen Jahr haben nur zwei Geflüchtete eine Ausbildung angefangen, nachdem sie in den Monaten zuvor die verschiedenen Stationen in den Wasserbetrieben durchlaufen hatten. Die anderen kamen sprachlich noch nicht mit, manche wollten lieber gleich mehr Geld verdienen und keine Ausbildung machen. Das Unternehmen hat deshalb sein Einstiegsprogramm nachgebessert. Ein intensiver Sprachkurs für technisches Deutsch wird jetzt vorgeschaltet. El-Aryf hat nicht nur Ausbilderfunktion, sondern ist auch eine Art Mentor. Das scheint sich auszuzahlen. Dieses Jahr starten sechs von sieben Teilnehmern des Einstiegsprogramms anschließend eine Ausbildung. Eng begleitet, meint der Ausbilder, könnte die Integration in den Betrieb klappen.

Jwan Mattini hat vor es zu schaffen. Der 19-Jährige blickt selbstbewusst, auf das was kommt. Dass er sich in Berlin seine Zukunft aufbaut, ist für ihn außer Frage. Für die Zeit nach der Ausbildung hat er schon Pläne: "Ich würde auf jeden Fall gerne im Unternehmen bleiben und eine Weiterbildung machen und sogar studieren."

Die Chance, dass er auch nach seiner Lehrzeit bei den Berliner Wasserbetrieben bleibt, besteht. Nach erfolgreichem Ausbildungsabschluss, sagt Ausbilder El-Aryf, werden die Geflüchteten derzeit alle übernommen.  

Rückblick: 2016

reden wir über integration. Logo (Quelle: rbb-online)

Reden wir über Integration

Zehntausende Flüchtlinge in Berlin und Brandenburg brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf. Sie brauchen eine Perspektive - egal wie lang sie in Deutschland bleiben. Was braucht es für gelungene Integration? Wo liegen die Hürden? Eine Interviewserie in loser Folge von rbb|24.

Beitrag von Nina Amin

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Netiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

15 Kommentare

  1. 15.

    Sehr bedenklich,wenn eine Linke in das Märchen vom flächendeckenden Fachkräftemangel einstimmt. Ein Artikel hier zur Gehaltsentwicklung hatte ein anderes Bild gezeichnet.
    Das erklärt aber vielleicht ihren vehementen Einsatz für Flüchtlinge auf dem Parteitag der Linken^^

  2. 14.

    Das Problem liegt in der jetzigen Praxis. Es gibt Hundertausende von Ausreisepflichtigen, die aber nicht ausreisen. Das höhlt den Rechtsstaat aus.

    Nach den Plänen von Seehofer sollen Ausländer in den Transferzentren verbleiben und von dort direkt abgeschoben werden, wenn es keine Rechtsgrundlage für ihren Aufenthalt in Deutschland gibt. Dann erübrigen sich Ihre Bedenken.

    Bis zu einer Entscheidung besteht für die Ausländer Residenzpflicht, Wenn das ganze nur wenige Wochen dauert, wie Seehofer das plant, ist das hinnehmbar.

  3. 13.

    Ja der Link ist von der Wirtschaftswoche, bestimmt kein rechtes Blatt. Weshalb wollen die big Bosse denn Flüchtlinge? Richtig, da gibt es Kohle vom Staat ( besser gesagt von uns Steuerzahlern ). Sie sind sozusagen profitabler und kosten nur ein paar Krokodilstränen, dass man doch diesen armen Menschen helfen will. Zumindest sind sie eher bereit, für kleines Geld zu arbeiten, als wir Deutsche. Leider ist die große Masse denkbar ungeeignet für die meisten Jobs. Aber wenn genug reinkommen wird schon hier und da mal Eine/Einer übrig bleiben für den Arbeitsmarkt. Den " Rest" bezahlt der Steuerzahler und es gibt ein wenig mehr zu tun für die Polizei.

  4. 12.

    Schon mal drüber nachgedacht wer die Arbeit in Zukunft erledigen soll oder plappern Sie nur Parolen nach? So dolle war das damals auch nicht mit den Fachkräfte aus der DDR.
    Warum doll jemand der hier lebt nicht seinen Lebensunterhalt verdienen? Damit Ihnen nicht das Feindbild des sozialschmarotzenden Ausländer abhanden kommt? Realitätsverweigerung aus politischen Gründen hilft leider niemanden.

  5. 11.

    Als Unternehmer im Handwerk kann ich nur sagen das im Handwerk nur in Berlin tausende! Arbeitskräfte fehlen. Von Auszubildenden ganz zu schweigen. Die paar deutschen Kinder die vielleicht in Frage kommen sind größtenteils nicht ausbildungsreif weil zu verwöhnt. Da können Sie jetzt natürlich vom Niedriglohnsektor faseln- in meinem Beruf verdient man doch ganz gut.
    Nun kommen Sie und erzählen der Fachkräftemangel sei eine Lüge. Ich kenne keinen Kollegen der keine Leute sucht. Da können Sie uns bestimmt Lehrlinge und Fachkräfte norddeutscher Herkunft vermitteln? Oder doch nur AFD Stuß labern?

  6. 10.

    Wie schauts bei den HartzIV-EmpfängerInnen aus? Keine Statistiken mehr vorhanden?

  7. 9.

    @Peter:

    Sie müssen dem Fake-Schlagzeilen-Journalismus nicht aufsitzen. Voraussetzung ist allerdings, dass Sie sich umfassend informieren. Wenn Sie das getan haben, dürfen Sie darüber nachdenken, ob Ihr „Brüllen“ gegen die AfD gerechtfertigt ist.

    https://www.wiwo.de/erfolg/management/fachkraeftemangel-der-fachkraeftemangel-ist-ein-mythos/20504844.html

  8. 8.

    So üppig ist das aber wirklich nicht anbetracht der Gesamtzahl,wobei man auch nicht vergessen darf das sehr viele Jobs noch staatlich unterstützt werden.

  9. 7.

    Ich glaube das eh nicht.

  10. 6.

    Sie haben die Äußerungen seitens der AfD nicht gehört oder nicht begriffen:
    Nicht die Flüchtlinge (wie auch immer sie nach Deutschland gekommen sein mögen) nehmen irgendwem irgendwas weg, sondern die Wirtschaftsmigranten sorgen dafür, dass Deutsche im Niedriglohnsektor kaum noch Arbeitsplätze finden.
    Der Grund sind freilich nicht hochqualifizierte Fachkräfte (über die so gern berichtet wird), sondern Menschen geringer Bildung und ohne ernsthafte Integrationsabsichten.
    Wer Qualifikationen mitbringt und sein Leben hier in Deutschland auf ehrliche Art selbst bestreiten will, ist auch der AfD hochwillkommen.
    Kleiner Tipp: Wenn Sie es über sich bringen, hören sie mal den Bundestagsreden von Dr. Curio zu.
    Aber das geht vermutlich nicht, denn die von der AfD sind ja freilich nur böse Rechtspopulisten, denen man nicht zuzuhören braucht und die das leibhaftige Böse verkörpern (wohingegen in den Fußspuren linksrotgrüner Multikulturalisten Blumenbeete sprießen), gell?

  11. 5.

    Nun wird es nicht mehr lange dauern bis die AfD brüllt: Die Flüchtlinge nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg.
    Das die geschnallt haben das jährlich 400 000 Arbeitskräfte fehlen ist unwahrscheinlich.
    Einzig Sinnvoll wäre eine Stichtag Regelung.

  12. 4.

    Es geht hier nicht darum, was sich jemand vielleicht aus seiner Sicht wünscht. Sondern es muss nach Recht und Gesetz verfahren werden:

    Einen Asylwerber integrieren zu wollen, ist jedenfalls eine im Kern sinnlose und kontraproduktive Angelegenheit, denn der Betreffende muss zunächst das Asylverfahren abwarten. Wird ihm Asyl gewährt, soll er auch dann so bald wie möglich trotzdem wieder in seine Heimat zurück. Und wird sein Ansuchen abgelehnt, dann ist die Integration noch unsinniger, weil er nach dem Bescheid sowieso abgeschoben werden muss.

  13. 3.

    Das sind doch sehr ermutigende Zahlen und beweisen, dass die allermeisten Menschen die hierher kamen ehrliche und integrationswillige Absichten verfolgen. Das wird den hetzerischen rechten Kreisen zwar nicht schmecken, aber gut so. Bei denen, die sich noch schwer tun mit unseren Sitten und Gebräuchen ist noch viel Einsatz nötig und die Förderung der Sprache,- insbesondere bei den Frauen zwingend erforderlich.

  14. 2.

    Soweit ich den Beitrag verstehe, wird hier der sogenannte "Spurwechsel" , die Vermischung von Asyl und Einwanderung, publizistisch unterstützt.

    Obwohl ich kein glühender Merkel-Verehrer bin, möchte ich erwähnen, daß sie und die CDU die Einwanderung über das Asylticket ablehnen und damit richtig liegen.
    Dafür gibt es vielerlei gute Gründe, die leider in dem RBB Beitrag nicht zum Ausdruck kommen.

  15. 1.

    "Geflüchtete" ist vermutlich ein neudeutscher, politisch überkorrekter Ausweichbegriff, wenn man gerade (warum auch immer) nicht "Flüchtlinge" schreiben will.
    Wie besagte Geflüchtete/Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, würde mich aber schon irgendwie interessieren:
    Haben sie einen Charterflug gebucht, wurden sie herbeigezaubert oder gebeamt?
    Oder haben sie es irgendwie anders geschafft, während der Reise durch unsere Nachbarländer (wo meines Wissens keinerlei Verfolgung droht) Geflüchtete/Flüchtlinge zu bleiben?
    Schön aber, dass hier mal wieder ein Integrationserfolg gezeigt wird.
    Von entsprechenden MISSerfolgen und Menschen ohne Integrationsabsichten liest man eher in Polizeiberichten (und das auch oft nur, wenn man zwischen den Zeilen lesen kann).

Das könnte Sie auch interessieren