Mohandad (links) und Sharfan, zwei kurdische Geflüchtete, am 21.08.18 im Allende-Wohnheim in Berlin-Köpenick (Quelle: rbb24 / Schneider).
Bild: rbb|24 / Schneider

Serie | Integration: Was haben wir geschafft? - "Deutschland ist ein Papierland"

Mohandad und Sharfan wuchsen zusammen in Syrien auf, dann flohen die beiden Kurden vor dem Krieg und kamen nach Berlin. Zwei Jahre nach unserem letzten Interview treffen wir uns in ihrer ehemaligen Unterkunft wieder. Wie ist es ihnen ergangen?

rbb|24: Das letzte Mal haben wir uns hier Mitte 2016 getroffen. Wie sieht Ihr Leben heute aus?

Mohandad (25): Mein Leben ist gerade: Arbeit, eigentlich nur Arbeit, von da nach Hause, das war’s. Ich bin in einer Security-Firma in Alt-Tegel, seit April 2017. Ansonsten warte ich darauf, dass meine Frau zu mir kommen kann. Sie ist noch im Nord-Irak, in Kurdistan. Ich habe einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt. Wenn ich Glück habe, ist sie in zwei Monaten hier, ich hoffe es. Es hat unheimlich lange gedauert, schon mehr als zwei Jahre. Das irakische Konsulat macht immer wieder Probleme.

Ich weiß noch, dass Sie mir gesagt haben, Sie wollten wieder als Friseur arbeiten. Warum haben Sie sich anders entschieden?

Mohandad: Ich hätte das schon machen können – aber nur mit einer neuen Ausbildung, die dauert drei Jahre. Für mich ist das zu lange, ich wollte lieber gleich arbeiten. Bei der Security-Firma hat das eine Woche gedauert, dann bekommt man einen Schein und kann anfangen. Das geht richtig schnell.

Wie ist das bezahlt?

Mohandad: Man kann sagen, ungefähr 1.600 Euro netto, Vollzeit. Das ist gutes Geld, aber ich arbeite auch immer Nachtschicht, von 18 bis sechs Uhr. Ich bewache meistens Baustellen, Flüchtlingsheime. Das ist entspannter, als im Anzug bei Veranstaltungen zu stehen.

Sharfan (23): Ich habe auch acht Monate in seiner Firma gearbeitet, als Minijobber. Danach habe ich mich nach einer Ausbildung erkundigt, bei einem Autohaus in Köpenick. Aber es war unheimlich schwer, den Platz zu kriegen. Man muss so viele Sachen mit dem Amt klären.

Die beiden syrisch-kurdischen Geflüchteten und Freunde Mohandas (links) und Sharfan psoeren am 14.07.16 vor ihrer Unterkunft "Allende II" in Berlin-Köpenick (rbb|24 / Schneider).Mohandad (links) und Sharfan an gleicher Stelle, dem Übergangswohnheim in Köpenick, Mitte August 2016.

Viele Firmen suchen dringend Auszubildende. Warum ist das so schwer?

Mohandad: Es läuft oft so: Sie sagen, du musst erst ein paar Monate Praktikum machen, danach fängst du die Ausbildung an. Kurz vor Ende des Praktikums kommt dann jemand von der Firma und sagt zu Dir: Leider kannst du doch nicht bei uns anfangen. Ich habe das selbst auf der Baustelle erlebt. Ich bin jeden Tag um fünf Uhr aufgestanden, um 18 Uhr total kaputt nach Hause gekommen, ein halbes Jahr. Dann hat es doch nicht geklappt – einen Grund hat man mir nicht gesagt. Da habe ich mir gedacht: nicht noch mal.

Sharfan: Ich habe etwas Pech gehabt. Ich war erst drei Wochen in der Ausbildung, in der Autowerkstatt. Dann habe ich mir den Zeh gebrochen, als ich auf dem Heimweg Kindern einen Fußball zurückgespielt habe, total blöd. Dann war ich erstmal eineinhalb Monate krankgeschrieben, ich muss wahrscheinlich auch operiert werden. Mein Chef war nett, er meinte:  Du kannst gerne wieder anfangen, im nächsten Jahr. Ich muss also jetzt acht Monate warten, dann geht es wieder von vorne los.

Was machen Sie bis dahin?

Sharfan: Wahrscheinlich wieder als Minijobber in der Security-Firma arbeiten. Dann kann ich nebenbei weiter meinen Deutschkurs machen.

Sie wohnen beide nicht mehr hier im Köpenicker "Allende 2"-Heim. Wie haben Sie eine Wohnung gefunden?

Sharfan: Ende 2016 habe ich Asyl bekommen. Für drei Jahre, dann prüfen sie wieder neu. Dadurch konnte ich mich dann beim Jobcenter, im Rathaus, bei der Schufa und so weiter melden. Ich habe einen Wohnberechtigungsschein gekriegt. Die Unterkunft hier in Köpenick hat einen Vertrag mit der Degewo, die vergeben jeden Monat zwei, drei Wohnungen. Für große Familien haben sie nicht viel, aber für eine Person wie mich oder Mohandad geht das schon. Seit einem Jahr wohne ich jetzt am S-Bahnhof Köpenick, für 360 Euro warm.

Mohandad: Ich wohne in Oberschöneweide, seit einem Jahr und acht Monaten. Ich bin zufrieden.

Wie verstehen Sie sich mit Ihren Nachbarn?

Sharfan: Die sind alle sehr nett. Sie kommen oft vorbei und besuchen mich, das klappt wunderbar.

Mohandad: Ich bin wenig zuhause, und wenn ich morgens nach der Arbeit komme, dann schlafe ich. Meine Schwester wohnt in Köpenick, sie kommt oft am Nachmittag, weckt mich auf und bringt etwas zu essen mit. Das sieht man, oder? (lacht)

Sharfan: Er ist ganz schön dick geworden (lacht).

Die Stimmung im Land hat sich geändert, die AfD ist stärker geworden, die Einwanderungspolitik der Regierung ist strenger. Wie erleben Sie das?

Mohandad: Es ist immer noch so: Wenn du Deutsch kannst, Arbeit hast – der Rest interessiert nicht.

Sharfan: Es gibt überall schlechte und gute Menschen, mir ist das egal. Wir wollen keine Probleme mehr haben. Unser Herz ist schwarz geworden, wirklich. Als wir kamen, haben wir noch Sorgen wegen dem Krieg gehabt. Heute denken wir so viel darüber nach, wie wir weitermachen können, weil alles so kompliziert ist und sich ständig ändern kann. Ich kenne viele, die inzwischen zurückgehen, zum Beispiel in den Irak.

Liegt das daran, dass vieles so lang dauert?

Sharfan: Ja, das ist das Problem. Wenn sie mir sagen würden: Sharfan, okay, 2022 gibt es Aufenthalt, du kannst über deine Zukunft, über deinen Beruf nachdenken. Dann weiß ich Bescheid. Aber man wartet zwei, drei Jahre. Es ist ein Papierland. Ich will kein Geld vom Staat, sondern alles alleine zahlen. Ich verstehe nicht, warum man dafür so viele Regeln braucht. Manchmal denke ich: Ich vertraue diesem Staat, aber er vertraut mir nicht.

Mohandad: Wieso wartest du dann? Guck, seit eineinhalb Jahren war ich nicht ein einziges Mal beim Jobcenter. Ich brauche von euch nichts, ihr braucht von mir nichts, das wars. So sehe ich das. Wieso machst du das nicht auch so? Du kannst direkt in unserer Firma einsteigen, Vollzeit.

Sharfan: (denkt nach) Ich will lieber eine Ausbildung machen, als jetzt Vollzeit. Später bekommt man mehr Geld.

Mohandad: Und? Dafür musst du jetzt acht Monate warten. Was willst du in dieser Zeit machen? Zum Jobcenter? Mach es wie ich, dann hast du deine Ruhe.

Wir sind nicht hier geboren, wir haben nicht viel Zeit, um zu lernen. Wenn du das nicht schnell schaffst, dann verlierst du."

Sharfan (23)

Aber es gibt doch viele, die eine Ausbildung schaffen.

Mohandad: Die sind hier geboren, für uns ist das schwerer.

Sharfan: Ich glaube, es ist möglich. Schule ist schwer, okay. Aber das Arbeiten in der Werkstatt, das war alles super.

Was würden Sie später gerne machen?

Mohandad: Das Wichtigste ist, dass meine Frau bei mir ist. Wenn das passiert, kündige ich meine Arbeit. Seit eineinhalb Jahren immer nur Nachtschicht, der ganze Stress – ich will lieber Busfahrer oder Lkw-Fahrer werden.

Sharfan: Mein Kopf ist so dick, ich weiß noch nicht. Jede Woche habe ich eine andere Idee.

Wenn Sie dem Sharfan, dem Mohandad gegenüberstehen würden, der gerade frisch nach Berlin gekommen ist. Was würden Sie ihm sagen?

Sharfan: Das Wichtigste ist die Sprache. Hast du keine Sprache, hast du keine Ohren, keinen Mund. Du kannst herumlaufen, aber du erfährst nichts. Wir sind nicht hier geboren, wir haben nicht viel Zeit, um zu lernen. Wenn du das nicht schnell schaffst, dann verlierst du. Wir haben es geschafft und ich hoffe, die Leute, die nach uns gekommen sind, schaffen das auch.

Mohandad: Steuerklasse eins ist hart, das würde ich ihm schon gleich sagen (lacht).

Alle sind weg. Alles ist kaputt. Aber ich habe gar keine Zeit, an früher zu denken. Für mich ist das eigentlich gut."

Mohandad über seine Heimatstadt in der Nähe von Damaskus

Sie sind gemeinsam in der Nähe von Damaskus aufgewachsen. Wie ist es mit Heimweh? Wird das weniger mit der Zeit?

Mohandad: Ich habe meine Heimat vergessen. Ich habe keine Bekannten mehr in unserer Stadt. Alle sind weg. Alles ist kaputt. Aber ich habe gar keine Zeit, an früher zu denken. Für mich ist das eigentlich gut.

Sharfan: Man findet dort keinen Stein mehr auf dem anderen. Klar, wir sind dort geboren, als ich klein war, waren es auch schöne Erinnerungen. Aber später habe ich verstanden, dass wir als Kurden nie dazugehören werden. 20 Jahre lang hat meine Familie alles versucht, um Pässe zu bekommen, mit Anwalt, mit Geld. Ohne Erfolg. Wie könnte ich jetzt zurückgehen und fragen: Bitte gib mir den syrischen Pass? Wenn sie ihn mir schenken würden, ich würde ihn nicht nehmen. Man muss schauen, wie sich das dort entwickelt.

Sharfan Mohammed (23) lebt seit 2015 in Berlin, nach seiner Flucht aus Syrien. Aufgenommen am 21.08.18 im Allende-Wohnheim in Berlin-Köpenick, wo Sharfan früher gewohnt hat (Quelle: rbb24 / Schneider).Sharfan Mohammad kommt noch heute jeden zweiten Tag zu Besuch ins "Allende 2"-Heim. Er hilft Bewohnern, indem er für sie übersetzt.

Fühlt sich Berlin für Sie inzwischen wie Heimat an?

Mohandad: Ja, total. Seit fast vier Jahren bin ich in Deutschland. Ich habe Berlin noch nie verlassen, obwohl ich Bekannte in Hannover, Köln, Bremen habe. Ich bleibe hier, für mich ist das die beste Stadt.

Sharfan: Die Gefühle, die ich als Kind hatte, als es schön war, die habe ich jetzt auch hier, es ist mein Zuhause. Ich gehe gerne auf der Sonnenallee was essen, oder hier in Köpenick mit Freunden spazieren und ein Bier trinken. Jetzt im Sommer gehen wir auch im Müggelsee schwimmen. Wenn ich meine Familie in Hannover besuche, bleibe ich zwei, drei Tage. Dann sage ich: Mama, ich muss zurück, ich hab Termine (lacht).

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Sebastian Schneider, rbb|24

Sendung: Inforadio, 27.08.2018, 6 Uhr

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Papierland hat schon vor Jahrzehnten Reinhard mey besungen : Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars!

  2. 11.

    Lieber Helmut,

    das geht in anderen ländern leichter, weil diese länder nicht millionen von eigenen und nachbarsbürgers industriell umgebracht haben. das ist nicht nur ein "düsteres" kapitel des landes. das ist das düsterste kapitel in der gesamten geschichte der menschheit. es gibt in der ganzen menschheitsgeschichte nichts vergleichbares. das ist eine hypothek, die man nicht abtragen wird können. jemals. zurecht.

  3. 10.

    Wenn etwas ganz speziell deutsch ist, dann ist es der Ausschluss des Eventualfalles des Eventualfalles des Eventualfalles. - Ein Vorkommnis reicht, Regelungen noch enger zu ziehen, als sie ohnehin schon sind.

    Das soll kein Freibrief für Ungeregeltheiten sein, nur ein Appell, die wirklich wichtigen Dinge zu regeln - die soziale Partizipation, humane Arbeitsbedingungen und das Selbstverständnis, dass Wohnraum ein Menschenrecht ist.

  4. 9.

    "Deutschland ist ein Papierland."

    Was als Titel aus dem Artikel herausgestellt worden ist, meint die Übermacht behördlichen Verwaltens. Kein Papier, kein persönliche Existenz, kein Menschenrecht. Es ließe sich allerdings auch anders sehen: Das Papierland, das im übrgroßen Maße vorhanden ist und alles andere an die Wand zu drücken scheint, ist gepaart mit einem geringen Maß an wirklichem Selbstverständnis. Damit meine ich keine Deutschtümelei, die ein "Deutsch-Sein" an der flächenhaften Größe auf Landkarten bemisst oder der Wirtschaftskraft im Vergleich zu anderen, damit meine ich ein Selbstverständnis in Bezug auf die Region, die Gegend, wie auch immer, so wie Franzosen zu Frankreich, Finnen zu Finndland, Kubaner zu Kuba stehen.

    Das düsterste Kapitel des Landes verlangt nicht, garnicht mehr über das Land zu reden, vielmehr anders: Alle Facetten beinhaltend, nichts verschweigend. Dann kann auch etwas gewandelt werden.

  5. 8.

    Nordirak, Erbil beispielsweise?

    Da flog die Bundesverteidigungsministerin auch während des Krieges mit dem IS regelmäßig hin. Jetzt gibt es seit dort über einem Jahr keinen IS mehr. Warum fahren die Iraker nicht zurück in ihre Heimat, um dabei zu helfen, ihr Land wieder aufzubauen? Sie haben sopwieso nur temporären Schutz, soweit ich den Beitrag richtig vestanden habe.

  6. 7.

    "Manchmal denke ich: Ich vertraue diesem Staat, aber er vertraut mir nicht"
    Danke @Sharfan für diesen Satz.
    Das geht mir exakt genauso.

  7. 6.

    Hallo Peter,

    doch, die Deutschkurse gibt es, wer eine gute Bleibeperspektive hat, bekommt einen Integrationskurs. Wir haben dazu in unserer Interview-Reihe noch in dieser Woche ein Gespräch mit dem Chef einer Berliner Volkshochschule, das dürfte Sie interessieren.

    Kompliziert wird es bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen bzw. wenn Firmen und Bewerber sich längst einig sind, aber es von Amts wegen an bürokratischen Hürden hängt. Dieses Warten und Gebremstwerden frustriert dann viele, die eigentlich loslegen und ihr eigenes Geld verdienen wollen. Beste Grüße

  8. 5.

    Gibt es denn keine kostenlosen Deutschkurse? Sind die Behörden so blöd, dass sie den Arbeitsmarkt auf die Menschen ohne Deutschkenntnisse loslassen? Oder sind diese Deutschkurse wieder einmal Mangelware und man muss Jahre darauf warten?

  9. 4.

    "Papierland"... wahre Worte.

  10. 3.

    Endlich auch mal ein positiver Bericht zu anscheinend geglückter Integration von fleißigen Einwanderern. Bleibt zu hoffen, dass sie ihren Frauen auch die gleichen Rechte zugestehen, wenn sie nachkommen können. Echt.

  11. 2.

    Liebe Frau Rockäschel.
    Stimme Ihnen zu. Doch gleichzeitig möchte ich Sie Bitten einfach mal „Stöbern“ im rbb24 Forum und Sie werden feststellen, dass es auch einiges an positives zu berichten gibt.
    L.G.

  12. 1.

    Über solche Beispiele sollte man öfter berichten. Und nicht immer nur über Vergewaltigung oder Ausländerkriminalität. Aber das hat die Presse offenbar verlernt. Positives ist offenbar nicht mehr salonfähig.

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