Integration Schule: Ein junger Mann schreibt an ein Whiteboard. (Quelle: rbb|24)
Video: Abendschau | 29.09.2018 | Dagmar Bednarek | Bild: rbb|24

Serie | Integration: Was haben wir geschafft? - "Der Motor für Integration ist nicht der Sprachkurs"

700 Stunden Kurs müssen Geflüchtete erfolgreich hinter sich bringen - dann bekommen sie die Bescheinigung, integriert zu sein. Tatsächlich aber, sagt der Berliner Volkshochschul-Direktor Michael Weiß, geht das Ankommen damit erst los. Seine Bilanz nach drei Jahren.

rbb|24: Herr Weiß, wenn Sie zurückblicken auf die Zeit seit unserem letzten Gespräch im Dezember 2015: Ist es in Berlin gelungen, Geflüchteten die deutsche Sprache beizubringen?

Michael Weiß: Ich bin überzeugt, wenn man die staatlichen Reaktionen, die Reaktionen der Volkshochschulen auf den Bedarf der geflüchteten Menschen an Deutschkursen nach 2015 sieht, kann man sagen: Es war ein Erfolg, weil es gelang, alle geflüchteten Menschen in Berlin schnell mit Kursen zu versorgen, unabhängig davon, ob sie jetzt langfristig hier sind oder ob sie auch wieder zurückgehen müssen. "Sprachkursangebot vom ersten Tag an", lautete das Motto.

Natürlich wechselt mit der Zeit die Perspektive, es brennt nicht mehr so. Und um im Bild zu bleiben: Wenn der Brand gelöscht ist, wird man plötzlich gefragt: Ist zu viel Wasser verbraucht worden? War es das wert?

Was antworten Sie dann?

Wir sollten im Auge behalten, dass Integration – also das Ankommen in einer Gesellschaft – ein Prozess über mehrere Generationen ist, er dauert lange. Die letzten drei Jahre erscheinen manchen nur deshalb in der Rückschau negativ, weil das Versprechen Integration angeblich noch nicht eingelöst wurde – was innerhalb von drei Jahren aber auch keiner ernsthaft versprochen hat.

Michael Weiß, der Leiter der VHS Berlin-Mitte am 22.08.18 in seinem Büro in Berlin-Moabit (Quelle: rbb24 / Schneider).
Michael Weiß in seinem Büro gegenüber der Arminius-Markthalle in Moabit. | Bild: rbb24 / Schneider

Wie weit sind denn die Kursteilnehmer, die Sie und Ihre Kollegen erleben, auf diesem Weg gekommen?

Viele sind noch mit sich selbst und ihren Lebensumständen beschäftigt. Eine sprachliche Integration kann letztlich nur dann erfolgreich sein, wenn bei den Lernenden auch die anderen Eckdaten ihres Lebens stimmen. Das heißt, wenn sie eine Perspektive haben auf Arbeit, auf Wohnung, auf Familienzusammenführung. Dann haben Sie die nötige innere Stabilität, ihr Deutschlernen erfolgreich zu organisieren.

Das eine folgt aber doch auf das andere. Ich habe mich mit zwei Geflüchteten unterhalten, die mir gesagt haben: Das Wichtigste ist zuerst die Sprache. Damit schaffst Du dann die anderen Dinge.

Ja und Nein. Ein verbreiteter Irrtum ist, dass auf den Erwerb der deutschen Sprache quasi automatisch Integration folgt. Es ist eigentlich umgekehrt: Die Integration geht dem Spracherwerb voraus. Natürlich brauchen wir sozusagen eine Art "Starter Kit" für die deutsche Sprache, das sind die Integrationskurse. In diesem Wort steckt jedoch schon ein stilles Versprechen: Habe ich am Ende das Zertifikat in der Hand, bin ich integriert und Teil dieser Gesellschaft. Das ist natürlich weit gefehlt.

Erst wenn ich einen Arbeitsplatz habe, Kollegen, meine Kinder in einen Kindergarten gehen und ich da andere Eltern treffe - dann plötzlich wird Sprache auch praktisch in Anwendung gebracht. Wenn das alles nur virtuell im Unterricht gespielt wird – dann fallen die erworbenen Sprachkenntnisse später wieder wie ein Soufflé zusammen. Der Motor für das, was wir Integration nennen, ist nicht der Sprachkurs, sondern die Gesellschaft selbst.

Umgekehrt muss es auch die Bereitschaft geben, auf die Aufnahmegesellschaft zuzugehen.

Das höre ich oft und es hört sich so an, als geschähe das nicht, Ich denke, dass den meisten Einwanderern am Ende klar ist, dass sie auch eine Bringschuld haben und selber aktiv werden müssen. Das Ausgrenzen und Markieren der "Anderen" als die, die nicht auf die Gesellschaft zugehen, bleibt schnell in unseren Köpfen hängen - und in denen derer, die wir so bezeichnen.

Wenn ich lese: Alle muslimischen Menschen sind so oder so, dann denke ich oft: Sie waren es vielleicht vorher nicht, aber danach sind sie es sicher, weil diese Verallgemeinerung die Menschen einheitlicher erscheinen lässt, als sie es vielleicht von sich aus wären. In den Migrationsdebatten setzen wir nicht auf die Unterschiede der Menschen, sie sind aber unterschiedlich. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns Offenheit bewahren – das gilt für alle Seiten.

Wie bewahrt man sich diese Offenheit? 

Es gibt nicht nur die Frage: Wie sind die Menschen, die zu uns kommen, und was müssen die machen? Sondern wir müssen uns auch mal grundsätzlich fragen: Wer sind wir eigentlich? Ich kann doch gar nicht für die Deutschen sprechen und sagen, was für sie alle so gilt.

Es gibt nicht nur die Frage: Wie sind die Menschen, die zu uns kommen, und was müssen die machen? Sondern wir müssen uns auch mal grundsätzlich fragen: Wer sind wir eigentlich?"

Michael Weiß

Wie hat sich die Zusammensetzung der Kurse entwickelt?

Anfangs erreichten wir vor allem die Männer, nun finden auch die Frauen in die Deutschkurse, das hat sich positiv entwickelt. Das Wichtigste ist aber: Inzwischen können Geflüchtete nicht nur in speziellen Deutschkursen lernen, wo sie unter sich bleiben müssen. In den Integrationskursen lernen sie beispielsweise zusammen mit Spaniern, Amerikanern oder Griechen.

Wir legen in den Volkshochschulen darauf auch sehr viel Wert – denn 90 Prozent von dem, was man in einem Kurs lernt, lernt man von den anderen Teilnehmern. So bauen sich ihre eigenen kleinen Netzwerke über ihre Community hinaus auf. Außerdem ist dann die gemeinsame Unterrichtssprache schnell Deutsch.

Haben Sie sich mal gefragt, was Sie selber alles über dieses Land lernen würden, wenn Sie so einen Integrationskurs mitmachen?

(lacht) Wir produzieren natürlich über unser Land viele Klischees in den Lehrbüchern und im Unterricht, vielleicht kommt man aber daran auch nicht vorbei. Im Grunde ist das allerdings kontraproduktiv für die Integration. In den Lehrbüchern gibt es keine queeren Menschen, es gibt auch keine Schwulen, niemanden im Rollstuhl und wenn Menschen afrikanischer oder asiatischer Herkunft gezeigt werden, dann als Deutschlerner, nicht als Vertreter der Aufnahmegesellschaft.

Die Lehrwerke werden international verkauft, die Verlage wollen keinen Markt verlieren. Das führt dazu, dass wir eine unwirkliche, sehr homogene Wirklichkeit von unserer Gesellschaft vorführen. Deutschland ist aber längst vielfältiger, als die Lehrwerke zeigen. Diese Vielfalt wäre aber vielleicht ein interessanterer Anknüpfungspunkt für Einwanderer.

Welche Auswirkungen hat es, solche Klischees zu vermitteln?

Wir laden in den Lehrwerken und überhaupt in dieser Integrationspolitik zu sehr dazu ein, sich in eine weiße, homogene Gesellschaft zu integrieren, die wir so nicht mehr sind – das ist eine Konstruktion. In Heilbronn ist die Hälfte der Bewohner nichtdeutscher Herkunft, in München oder Stuttgart sind es um die 40 Prozent.

Wie lässt sich dieses Verständnis ändern?

Es fängt mit der Besetzung von Führungspositionen an: Leider spiegelt sich die gesellschaftliche Vielfalt dort noch nicht wider. Wenn wir hier zum Beispiel eine Schwarze Schulleiterin hätten und das selbstverständlich wäre, wäre das ein wichtiger Schritt. Einwanderer könnten sehen: Ich kann ein Teil dieser offenen Gesellschaft werden.

Ich denke aber auch, dass die Debatte besser geführt werden würde, wenn die stärker zu Wort kämen, die Migrations- und Rassismuserfahrungen haben. In dem Zusammenhang fand ich auch die "#metwo"-Debatte hilfreich, weil sie die Diskussion ehrlicher macht.

Es ist doch klar, dass die Migrationsdebatten Schwankungen unterworfen sind. Wir hatten die Blumensträuße auf dem Bahnhof für die ankommenden Geflüchteten, jetzt schwingt das Pendel mehr in die andere Richtung aus."

Die Einwanderungspolitik ist strenger geworden, der Ton wird schärfer. Merken Sie das in den Volkshochschulen?

Es ist ein schärferes Klima geworden, ja. Aber das würde ich erst mal sportlich nehmen. Auf unsere Arbeit wirkt sich das bisher nicht aus. Es ist doch klar, dass die Migrationsdebatten Schwankungen unterworfen sind. Wir hatten die Blumensträuße auf dem Bahnhof für die ankommenden Geflüchteten, jetzt schwingt das Pendel mehr in die andere Richtung aus.

Man darf Entwicklungen der letzten Jahre kritisch sehen dürfen. Wer einen Diskussionsbeitrag leisten möchte, sollte auch seine Ängste und Einwände zur Sprache bringen können, damit wir alle darüber reden können. Denn um Ängste geht es ja vor allem – immer noch.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Sebastian Schneider, rbb|24

Sendung: Inforadio, 27.08.2018, 07:25 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Familien mit Fluchterfahrung sind sehr oft, auch wenn viele Politiker und Mitmenschen diese Tatsache aus Unwissenheit verdrängen oder sogar leugnen, viele unterschiedliche Traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Nicht immer ist genügend Konzentration und Aufnahmefähigkeit übrig, um einen Integrationskurs zu bewältigen. Rücksichtnahme und Emphatie würden in diesem Fall eine positive Integration mit Wertschötzung fördern.
    Im Ansatz hat Herr Weiß das Problem erkannt, wozu ich ihm gratuliere.

  2. 1.

    "700 Stunden Kurs müssen Geflüchtete erfolgreich hinter sich bringen - dann bekommen sie die Bescheinigung, integriert zu sein."

    Albern, oder? Schon mal jemand über die Ernsthaftigkeit solcher schwachsinniger Aussagen nachgedacht?

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