Der US-Schauspieler Bryan Cranston alias Walter White, Hauptdarsteller der Serie "Breaking Bad" (Quelle: imago/Ivan Romano)
Bild: imago/Ivan Romano

Serienkritik auf der re:publica - Der wöchentliche Plauderkreis der Nation

TV-Serien sind ein emotionaler Kompass: Millionen verfolgen sie oft über Jahre hinweg, als Spiegel unserer Gesellschaft. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch Serienkritiker. Doch was muss gute Serienkritik leisten? - fragt die re:publica. Von Sebastian Schöbel

Das frühe 19. Jahrhundert hatte Goethes Heinrich Faust, das frühe 21. Jahrhundert hat Walter White: Fiktionale Figuren, die ganze Generationen in ihren Bann ziehen. Nur dass man für Faust ein Buch aufschlägt, während man für White, den Protagonisten der US-Fernsehserie "Breaking Bad", eine Fernbedienung braucht. Denn was früher die gut sortierte Bibliothek war, ist heute längst das komplett vernetzte Fernsehzimmer.

Die Leidenschaft zum Beruf gemacht

"Man diskutiert heute nicht mehr über den großen Gesellschaftsroman, sondern über die gesellschaftsprägende Fernsehserie", sagt Ulrike Klode. Sie hat ihre Leidenschaft für TV-Serien zum Beruf gemacht und schreibt darüber - unter anderem für den Mediendienst DWDL.

Ihr Vortrag auf der re:publica ist bis auf den letzten Platz voll. Denn die Zeit, als man den Fernseher eingeschaltet hat und irgendwie nebenbei eine Serie laufen ließ, sind längst vorbei: "Game of Thrones", "The Handmaid's Tale" oder "The Walking Dead" locken regelmäßig ein Millionenpublikum vor die Bildschirme - nicht nur in den USA, auch in Deutschland.

Jede Ausstrahlung wird zum Medienereignis, dutzende Zeitungen, Magazine und Internetportale berichten vollumfänglich, Fans starten zu ihren Lieblingsserien Podcasts und YouTube-Kanäle. Die Kundschaft von Abo-Diensten wie Sky, Netflix oder Amazon Prime wächst so schnell, dass diese inzwischen eigene Serien produzieren, so wie zum Beispiel "Babylon Berlin", eine Koproduktion von Sky und der ARD.

Serienkritikern geht der Stoff nie aus

Für Serienkritiker wie Ulrike Klode sind das eigentlich perfekte Voraussetzungen: Ihnen geht der Stoff nie aus, das Interesse des Publikums ist groß. Zumal sie über eine Serie nicht nur ein einziges Mal, zum Start der ersten Folge, berichten, sondern immer und immer wieder. "Gute Serienkritik ist, dass ich eine Serie begleite", sagt sie.

Auch Lars Weisbrod wird fürs Serienschauen bezahlt, von der Wochenzeitung "Die Zeit". Als auf deutschen Bildschirmen noch "Die Schwarzwaldklinik" oder "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" den Ton angaben, sei die fortlaufende Kritik von Fernsehserien kein Thema für Medien gewesen, die Spezialisten in den Redaktionen mussten sich erst durchsetzen. "Wir waren Lobbyisten des Mediums Serie", erzählt Weisbrod, der das Thema im Feuilleton der "Zeit" inzwischen etabliert hat.

Ulrike Klode, Quelle: privatDie Serienkritikerin Ulrike Klode

Serien müssen anders besprochen werden

Um die Frage, ob eine Serie gut oder schlecht ist, geht es dabei auch - aber nicht nur. Oft kommentieren Serienkritiker auch einfach die Handlung der neuesten Folge: Hat die Hauptfigur einen Fehler gemacht? Schnappt die Falle des Bösewichtes nächste Woche zu? Und welcher Figur wünscht man das baldige (fiktionale) Ende? Mit klassischer Buchkritik oder Filmkritik sei das nicht zu vergleichen, sagt Klode: Serien müssten anders besprochen werden, persönlicher, auf Basis eigener Erfahrungen, die man auch durchaus erwähnen dürfe. "Es gibt zum Beispiel auch Figuren, die will ich gar nicht anschauen."

Analysen, Hintergründe, Anekdoten und Meinungen

Mit ihren Texten bedienen Weisbrod und Klode eine wachsende Gruppe von Menschen, denen es nicht mehr reicht, einmal pro Woche dreißig bis sechzig Minuten einer Geschichte zu folgen. Sie wollen mehr: Analysen, Hintergründe, Anekdoten und natürlich Meinungen zu einer Serie lesen oder hören.

Die Schauspielerin Liv Lisa Fries, Darstellerin der Charlotte Ritter in "Babylon Berlin" (Quelle: dpa/Everett Collection)
Die Schauspielerin Liv Lisa Fries in "Babylon Berlin" | Bild: dpa/Everett Collection

"Serie ist etwas anderes als Film oder Literatur", sagt Klode. Die Zuschauer investieren viel Zeit und Emotionen, oft über Jahre hinweg. "Und wenn die Serie vorbei ist, bleibt auch mal eine gewisse Leere zurück." Die Serienkritiker seien dabei so etwas wie emotionale Dienstleister, denn sie verstärken das Serien-Erlebnis: "Ich werde in meinem Gefühl entweder bestätigt oder mir wird widersprochen. Aber auf jeden Fall hilft es mir, das zu sortieren."

Wie viel Distanz braucht ein Serienkritiker?

Was allerdings auch jede Menge Fragen aufwirft - Fragen, die Klode und Weisbrod mit zur re:publica gebracht haben, in der Hoffnung, selbst Antworten zu bekommen. Es geht dabei vor allem um ihre eigene Rolle: Wann werden sie als Serienkritiker zu einem Teil der Werbemaschine, die gerade große TV-Serien wie "Game of Thrones" begleiten? Wie viel Distanz brauchen Kritiker, deren Texte - egal wie kritisch - längst Teil des Unterhaltungserlebnisses geworden sind?

Lars Weisbrod schaut dabei auch auf deutsche Serien, deren Qualität inzwischen mit großen US-Produktionen durchaus mithalten kann. Sollte sich ein deutscher Kritiker darüber freuen? Oder sollte man eher noch viel kritischer sein - und Gefahr laufen, hämisch zu werden, "wenn Erwartungen enttäuscht werden", fragt Weisbrod

Antworten bekommen Lars Weisbrod und Ulrike Klode auf der re:publica 2018 nicht, dafür reichen die dreißig Minuten ihres Vortrags nicht aus. Deswegen will Klode nun das tun, was sie für etliche TV-Serien schon getan hat: Auf ihrer Webseite über gute und schlechte Serienkritik schreiben und eine Debatte beginnen.

Beitrag von Sebastian Schöbel

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