Ein Mann liegt in der Sonne. (Quelle: imago/Mint Images)
Audio: Inforadio | 04.05.2018 | Ariane Focke | Bild: imago/Mint Images

re:publica diskutiert "Blockchain" als nächste Internetrevolution - Wie uns eine Kette die Freiheit bringen soll

Vor ein paar Jahren war die Kryptowährung Bitcoin noch Thema Nummer eins auf der re:publica. Dieses Jahr rückt in den Fokus, was Bitcoin überhaupt erst möglich gemacht hat: Die Blockchain-Technologie. Für manche die wichtigste Entwicklung unserer Zeit. Von Sebastian Schöbel und Ariane Focke

"Blockchain heißt nicht Bitcoin." Kai Wagner drückt sich von einer kalkweißen Wand im alten Postbahnhof am Gleisdreieck ab, streckt den Rücken durch und schaut sehr konzentriert. "Das ist inzwischen auch bei den politischen Entscheidern angekommen." Bitcoin, diese inzwischen auch bei Laien bekannte Kryptowährung mit ihren spektakulären Kurssprüngen, Zufallsmillionären und Betrugsskandalen, basiere zwar auf der Blockchain-Tecnologie. Doch das sei nur eine Anwendung von vielen, die möglich sind, sagt Wagner mit fester Stimme. Um den hageren jungen Mann herum pulsiert das rege Treiben der re:publica, im Hintergrund legt ein DJ auf, Menschen mit koffeinhaltigen Kaltgetränken, Laptops oder Smartphones in der Hand eilen vorbei. "Die Blockchain ist ein Werkzeug, um verteilte Datenbanken anzulegen", fasst Wagner zusammen. Warum sich dahinter die nächste technologische Revolution des 21. Jahrhunderts verbergen könnte, ist eines der Hauptthemen der diesjährigen Digitalkonferenz.

"Wie das magische Buch bei Harry Potter"

Das Wort "Blockchain" zieht sich wie ein roter Faden durch die diesjährige Netzkonferenz: zehn Stunden wird darüber allein in Vorträgen und Workshops diskutiert. Dazu kommen etliche weitere private Gespräche bei würzigem Craftbier und Design-Burgern. Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum oder Ripple sind nur einen Nebenaspekt: Die Blockchain soll künftig auch Wälder retten, öffentliche Infrastruktur betreiben, den Energiemarkt umkrempeln und vieles, vieles mehr. Die meisten Veranstaltungen der re:publica dazu sind für Einsteiger allerdings völlig unverständlich, irgendwo zwischen "Nodes", "Ledgers" und "Hashing" verliert man sich. Der IT-Konzern IBM bietet auf der Konferenz wohl auch deswegen extra ein kostenloses eBook an. Titel: "Blockchain für Dummies".

Kai Wagner arbeitet für Jolocom, ein vier Jahre altes Start-Up aus Berlin, das eine auf Blockchain basierende App entwickelt. Es gibt viele verschiedene, öffentliche und private Blockchains, erklärt er. "Das sind immer Datenbanken oder Register, in denen Transaktionen festgehalten werden." Manche arbeiten mit allgemein zugänglicher Software, andere existieren nur innerhalb von Konzernen. Wagner vergleicht sie alle mit einem "guten alten Buchhalterheft", in dem jede Transaktion und vor allem jede Veränderung genau protokolliert wird."Nur dass es bei der Blockchain keinen einzelnen Buchhalter gibt, sondern Millionen", so Wagner. Denn die Daten, die der Nutzer am Anfang zur Verfügung stellt, liegen in verschlüsselten Kopien auf zehntausenden Computern, die alle gleichzeitig darauf schauen, in Echtzeit. Manipulationen oder nicht erlaubte Änderungen an einer Stelle werden sofort registriert, in allen Kopien, und können unterbunden oder verfolgt werden. "Wie das magische Buch bei Harry Potter, bei dem wir auf der Seite immer sehen, was jemand anderes hineinschreibt und was wir auch nicht verändern können. In so einem Buch macht es Sinn, Daten abzulegen, von denen ich will, dass ihre Veränderung aufgezeichnet wird." Statt fehlbare Einzelpersonen gibt es dann nur noch das von allen Betroffenen vereinbarte, dezentrale, unbestechliche Register, das niemand allein kontrolliert und dem deswegen alle vertrauen, in dem komplexe Algorithmen dafür sorgen, "dass wir uns nicht gegenseitig übers Ohr hauen".

Das Ende der Datenmonopolisten

Die Möglichkeiten sind enorm vielfältig: Zentrale Bestandteile unserer Gesellschaft, wie Banken, Verträge oder Energieversorgung, können dadurch grundlegend verändert werden. Komplexe Abläufe mit vielen verschiedenen Akteuren, zum Beispiel im globalen Handel, können automatisiert und ganze Verwaltungsapparate eingespart werden – weil die Blockchain alle relevanten Teilnehmer auf dem gleichen Informationsstand hält, mit Daten, die von allen Beteiligten als vertrauenswürdig anerkannt werden.

Unbefugte haben derweil keinen Zugriff auf die Blockchain, sie können in das "magische Buch" nicht hineinschauen. Und die, die Zugriff haben, dürfen auch nicht einfach eine Seite ausreißen und weitergeben oder gar weiterverkaufen ohne Einverständnis der Person, die diese Daten zur Verfügung gestellt hat. Für die allermeisten Menschen dürfte das dann auch die wohl konkreteste Anwendung der Blockchain werden: Das Ende der Datenmonopolisten.

Personalausweis made by Facebook

"Wir bei Jolocom nutzen die Blockchain-Technologie, um Menschen die volle Kontrolle über die Weitergabe und Nutzung ihrer persönlicher Daten zu geben", erklärt Kai Wagner. Und zwar dann, wenn sich die Leute im Netz ausweisen: Beim Onlineshop genauso wie bei der Autovermietung, dem Hausarzt, der Krankenkasse. Überall. Die Online-Identitäten, von denen inzwischen wohl fast jeder mehrere hat, sind ein guter Weg um zu verstehen, was Blockchain kann.

Zum derzeitigen Problem sagt Wagner: "Heute habe ich überall Accounts, mit eigenem Nutzernamen. Das ist alles chaotisch." Und jeder Anbieter im Netz legt für jeden seiner Nutzer ein eigenes Profil an, eine digitale Identität. "Die gehört mir aber nicht. Sie gehört dem Anbieter, und ich bin nur ein User, der darauf zugreift." Das habe zum Beispiel für jeden, der Facebook nutzt, weitreichende Folgen, sagt Wagner. Denn galt die Facebook-Identität früher nur für das eine soziale Netzwerk, könne man sich heute damit bei "über 15 Millionen Webseiten" anmelden und identifizieren – so als wäre das Facebook-Profil eine Art digitaler Personalausweis. "Damit ist Facebook nichts anderes als die Bundesdruckerei, ein Identitätsanbieter."

Jeder bekommt die Informationen, die er braucht - mehr nicht

Was man Facebook verrät, muss aber nicht auch gleich der Autovermieter oder der Hausarzt oder der Onlineshop für erotische Accessoires wissen. Sie könnten es aber erfahren, wenn man sich – wie inzwischen auf vielen Webseiten möglich – mit dem Facebook-Konto anmeldet. Mehr noch: Viele Firmen, denen man im Netz heutzutage persönliche Daten wie den Namen, die Telefonnummer oder Emailadresse anvertraut, geben diese weiter, oft gegen Bezahlung.

Die Blockchain kann das verhindern, verspricht Wagner: Der Nutzer behält die Kontrolle darüber, an wen seine Daten weitergegeben werden und was damit geschieht. Weil sie jedem die Möglichkeit gibt, sich überall mit nur so vielen Daten anzumelden, wie eben für diese Funktion notwendig ist – und die Blockchain verhindert, dank ihrer dezentralen, dauerüberwachten Struktur, dass irgendwo jemand die festgelegten Regeln bricht.

Ein Unternehmen könnte dann zum Beispiel auch nicht von anderen Anbietern im Netz Profildaten kaufen, um seinen eigenen Datenbestand zu ergänzen. Denn die Daten liegen auf der Blockchain – und können nicht ohne Erlaubnis weitergegeben oder verändert werden. "Damit kann ich sicherstellen, dass Leute hinter meinem Rücken Daten über mich austauschen und Profile über mich erstellen, die ich nicht will."

"Eine Alternative zu den Monopolisten"

2017 hat sich in Deutschland der Blockchain Bundesverband gegründet. Ziel der ehrenamtlichen Mitglieder ist es, die dezentrale Technologie in Deutschland Wirklichkeit werden zu lassen. Zu diesen ehrenamtlichen Mitgliedern gehört auch Marcus Ewald. Ihn treibt vor allem an, eine Alternative zu den Monopolisten anzubieten. Dass das ganze Internet auf die Blockchain umziehen wird, glaubt er nicht. "Aber wenn wir keine Alternative hinstellen, weiten sich die Monopole weiter aus." Gleichzeitig sei die Blockchain-Technologie aber auch sehr sicher, sagt Ewald. "Blockchain wurde noch nicht geknackt. Der größte Goldschatz, den die Menschheit hat. Bankräuber haben die Schlüssel geklaut, aber noch nicht das Gold selbst."

Für Informatikerin Sebnem Rusitschka liegen derweil im Energiebereich die Vorteile klar auf der Hand. Stromverträge zum Beispiel könnten über die Blockchain abgewickelt werden, automatisiert und ohne dass Kunden mehr über sich verraten müssten als unbedingt nötig. "Es ist Wahnsinn, was geht. Ich bin Informatikerin und habe jetzt durch die Blockchain wieder Aha-Effekte." Ein weiterer Vorteil könnte sein, dass die Waschmaschine dann anspringt, wenn zum Beispiel der Strom am günstigsten ist.

Kann die Blockchain vergessen?

Marit Hansen zählt auf der re:publica zu den wenigen Personen, die nicht restlos begeistert sind von der tollen neuen Blockchain-Welt. Für die Landesbeauftragte für Datenschutz in Schleswig-Holstein bringt diese Technologie auch viele Risiken mit sich.

"Wo Daten korrigiert werden müssen, zum Beispiel in E-Mail-Archiven, würde mir jemand mit Blockchain sagen, geht nicht." Denn eines könne die Blockchain nicht so gut", sagt Hansen: Das Recht auf Vergessen respektieren. "Deshalb sind wir sehr kritisch mit Blockchains." Trotzdem biete diese Technik auch großes Potential.

Die Blockchain ist also nicht nur Thema auf der re:publica, sie rückt auch immer mehr ins Blickfeld der Politik. Der Begriff hat es sogar schon in den Koalitionsvertrag von Union und SPD geschafft: Ganze sieben Mal.

Beitrag von Sebastian Schöbel und Ariane Focke

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Computersicherheit muss für alle bezahlbar sein, sonst geht die Demokratie restlos vor die Hunde.

    Nachdem angeblich mit dem Koalitionsvertrag für die 19. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages vom 7. 3. 2018 die SPD ihr Verhandlungspotiential ausschöpfte, freute ich mich bei der Prüfung des Vertrages sehr über die Ankündigung einer Online-Beteilligung bei der Rechtssetzung des Bundes. Es wäre eigentlich logisch, das das umfassend in allen gesellschaftlichen Bereichen und Ebenen als erstes Gesetzgebungsvorhaben vorgeschlagen wird, damit es nichts ins Leere läuft und der Demokratie mehr schadet als nützt. Was erlebe ich? Zuerst soll unter anderem das Baukindergeld als neue Zersiedlungsprämie für reiche Mittelständler eingeführt werden.

  2. 1.

    Wegen meines potientiell auch international wirksamen politischen, gewaltlosen Engagements (wegen der 1000-Zeichen-Grenze verweise ich hier legendlich auf www.google.de/Verwaltungsverfahrens-und-Transparenzreform sowie www.ausserirdische.de/Allgemeines/Vatikan-sind-ausserirdische-unsere-brueder-?) werde ich seit einiger Zeit über www.facebook.com mit "Freundschaftsanfragen" von Geheimdiensten aus aller Welt belästigt. Am schlimmsten war eine solche der CIA (liegt bei mir ausgedruckt vor, wenn als Beweismittel nötig). Als ich in der ersten Panik auf den Namen E. Wittelsbach klickte, konnte ich wenig später fast dabei zusehen, wie mein Computer mit Schadsoftware zerstört wurde. Einen neu gekauften Rechner konnte ich einrichten, aber nicht weitergehend nutzen. Mittlerweilen habe ich bei meinem Telekommunikationsanbieter erfahren, das ich für vier Jahre und 600€ professionelle Sicherheitssoftware kaufen müsste.




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