Die Bundeswehr hat gegenüber des Eingangs der re:publica ein Fahrzeug aufgestellt und über ihre Arbeit informiert. Sie wollte damit dagegen protestieren, dass der Veranstalter nicht wollte, dass die Bundeswehr einen Stand auf der re:publica hat (Quelle: Imago/Hälfer)
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Kommentar | Bundeswehr legt sich mit re:publica an - Im Bällebad der Eitelkeiten

Die Bundeswehr überrascht die re:publica mit einer Guerilla-Werbeaktion – nachdem sie zuvor von den Veranstaltern ausgeladen wurde. Ein kommunikatives Desaster, das Armee und Netzkonferenz schlecht aussehen lässt. Von Sebastian Schöbel

Aggressive Rekrutierungsaktion für den Kriegsdienst an der Front oder kreative Retourkutsche der deutschen Parlamentsarmee für eine unfaire Behandlung: Wer heute im Internet nachlesen will, warum zum Auftakt der re:publica plötzlich über die Bundeswehr gesprochen wurde, findet Belege für beide Versionen. Je nach Tonlage der Tweets und Posts könnte man zwei Dinge vermuten: Erstens, dass die Bundeswehr mitten im friedlichen Kreuzberg überzeugten Tech-Pazifisten Stahlhelme und Sturmgewehre aufdrängen wollte. Oder zweitens, dass fiese Aktivisten braven deutschen Soldaten auf die Uniform gespuckt und sie mit "Kindermörder"-Rufen vom Hof gejagt haben – obwohl die Soldaten alle ein grün-weißes re:publica-Bändchen am Handgelenk trugen.

Beides wäre falsch - oder wie man heute sagt, "fake news". Stattdessen spielte sich ausgerechnet auf Deutschlands größter, progressivster Netzkonferenz ab, was in den sozialen Netzwerken trauriger Alltag ist: Zwei unterschiedliche Meinungen prallten hart aufeinander und statt Debatte gab es Streit, weil beide Seiten auf ihren Positionen verharren. Dabei geht es auf der diesjährigen re:publica ausgerechnet darum, die vielen Filterblasen unseres Lebens zum Platzen zu bringen und offen zu sein: Für das Neue, das Andere und auch das Unbequeme.

Kein Zugang in Uniform

Der Vorfall selbst dauerte nur wenige Minuten und ist schnell erzählt. Die Bundeswehr wollte auf der re:publica erstmals einen richtigen Stand aufbauen und Präsenz zeigen, wurde aber im Vorfeld abgewiesen*. Begründung: Bitte nur in zivil, ohne Uniform. "Das würde die Atmosphäre einer zivilgesellschaftlichen Veranstaltung zerstören", so Konferenzgründer und Internetaktivist Markus Beckedahl. Schon 2017 habe man der Bundeswehr gesagt, man rede gerne mit "den politisch Verantwortlichen, keinen Befehlsempfängern", und zwar über "die Militarisierung des Netzes" durch Staats-Trojaner oder Programme, die Sicherheitslücken ausnutzen.

Die Bundeswehr aber bestand auf den Uniformen, als "Zeichen ihrer Identität" - um dann zum Start der re:publica vor dem Eingang eine spontane Demo abzuhalten, in Uniform und mit Werbeplakat in Flecktarnoptik. Tenor: Warum fordert Deutschlands wichtigste Netzkonferenz Offenheit und Toleranz, lehnt aber das Gespräch mit dem Militär ab?

"Wir kämpfen auch dafür, dass ihr gegen uns sein könnt"

"Wir hatten an dem Tag nicht vor, auf die re:publica zu gehen", bestätigte Oberleutnant Jan Czarnitzki im Gespräch mit rbb|24. Er war bei der Aktion dabei und fühlt sich ungerecht behandelt. Man habe dabei "absolut nicht rekrutieren wollen", es seien auch gar keine Karriereberater der Bundeswehr vor Ort gewesen. Stattdessen habe man mit dem PR-Stunt vor der re:publica "eine Message" schicken wollen an die Veranstalter: "Wir kämpfen auch dafür, dass ihr gegen uns sein könnt." Die Bundeswehr als Verteidiger der Meinungsfreiheit einer offenen Gesellschaft also.

Im Netz wurden beide Seiten zum Teil scharf kritisiert – von Leuten auf der Konferenz selber und auch von außerhalb. Die einen gaben den Konferenzmachern Recht und warfen der Bundeswehr Rekrutierungsabsichten vor. Andere kritisierten die re:publica dafür, den Dialog mit den Soldaten zu scheuen.

Beckedahl wirft Bundeswehr "Propagandakampagne" vor

"Es muss doch mein Recht sein zu sagen: Ich möchte auf meiner Party keine Uniformen haben", sagt nun Markus Beckedahl im Interview mit rbb|24. Er habe wütende Hassmails und Drohungen erhalten, auch von Bundeswehrunterstützern und Soldaten. "Die wollen uns Panzer und Haubitzen schicken", so Beckedahl. "Das hätte ich in einem repressiven Regime erwartet." Der Bundeswehr wirft Beckedahl vor, den Shitstorm gegen die re:publica gezielt mit ihrem eigenen Social-Media-Team zu lenken. Dass die Militärs sich dabei als Opfer darstellen, macht ihn besonders wütend. "Wir finden es eine Frechheit, dass die Bundeswehr eine Desinformationskampagne mit ihrer Abteilung für psychologische Kriegsführung führt."

Auf einen Auftritt der Bundeswehr auf der re:publica wird man unter diesen Umständen wohl noch lange warten. Dabei wäre es eigentlich ganz spannend, über Themen wie Cyberabwehr, digitale Kriegsführung oder militärische Aufklärung im Internet mit Praktikern zu sprechen – auch, um sie kritisch zu befragen. Doch dazu wird es wohl so bald nicht kommen. Die Schuld daran tragen beide Seiten.

Wenn zwei sich streiten gewinnt... niemand

Dass die Bundeswehr auf ihre Uniformen bestanden hat, kann man nachvollziehbar finden, nicht nur aus ideellen Gründen. Schließlich laufen auf der Netzkonferenz oder im hippen Kreuzberg genug Leute rum, die zum MacBook Tarnhose oder ausgeleierte Armeejacke tragen. Auch an dem ESA-Astronauten im Raumfahrer-Overall störte sich niemand, obwohl auch das eine Uniform ist. Aber man hätte die Soldaten im Sinne der re:publica auch einfach in T-Shirts und Jeans aufmarschieren lassen können. Ihre Dienstgrade und ein bisschen Tarnfleck-Design hätte man zum Beispiel ganz clever vorne auf die Shirts drucken können. Ein modischer Wink mit dem Zaunpfahl, versteckte Meta-Kritik, die Fotos davon wären bestimmt der Hit gewesen. Stattdessen beharrte die Bundeswehr auf einen klassischen Auftritt, ohne Respekt für die erwartbaren Befindlichkeiten der Veranstalter. Eine Parlamentsarmee sollte mehr Gespür für das Volk haben.

Aber auch die re:publica-Macher haben einen ziemlichen "Fail" hingelegt. Denn erstens ist die Bundeswehr nicht die zwangsrekrutierende Todesschwadron einer brutalen Junta, und zweitens ist es ja lobenswert, dass sich die Soldaten den sicherlich nicht ganz leichten Debatten mit den Internetaktivisten aussetzen wollen – während ihrer politischen Führung dafür offenbar der Mumm fehlt. Den Soldaten dann aber die Uniform verbieten zu wollen, ist entweder naiv oder einfach verbohrt: Wem das Tarnmuster der Bundeswehr mehr Angst macht als die Serverfarmen der NSA oder die Allmacht von Google und Co., hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden.

TV-Satiriker Jan Böhmermann, der bei der re:publica über den Kampf gegen Hass im Netz sprach, gab den Konferenzteilnehmern und -machern mit auf den Weg: "Habt keine Angst, auch mit der Bundeswehr zu reden." Es wäre schön, wenn das nächstes Jahr, bei der #rp19, klappt. Zur Not im obligatorischen Bällebad, in das man bis zum Hals eintauchen kann.

* Die re:publica-Veranstalter weisen darauf hin, dass sie der Bundeswehr zu keinem Zeitpunkt erlauben wollten, einen Rekrutierungsstand auf der Konferenz aufzubauen. Im #rbbTalkLab erklärte Markus Beckedahl dazu: "Wir kennen das von anderen Messen, das ist sehr martialisch, mit Panzern und Uniformen. Wir finden, das passt nicht zur re:publica. Wir stehen für eine lebenswerte Gesellschaft, nicht für die Militarisierung des Internets."

Beitrag von Sebastian Schöbel

Kommentar

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13 Kommentare

  1. 13.

    Wer den "Einsatz" (den Begriff würde ich selber nicht verwenden) genehmigt hat, weiß ich nicht. Ich gehe aber davon aus, dass Soldaten so etwas nicht in Eigeninitiative tun. So funktioniert das Militär nicht. Die Soldaten dürften also mit ausdrücklicher Genehmigung ihrer Vorgesetzten dort aufgetreten sein. Falls nicht, gab es hinterher sicherlich Ärger. Hoffe ich zumindest. ;)
    Was das Meinungsbild der Besucher angeht, würde ich nicht von einer homogenen sondern eher heterogenen Stimmungslage sprechen.
    Insgesamt bin ich bei diesen Fragen eigentlich nicht der richtige Ansprechpartner. Sondern die Bundeswehr. Die re:publica hat, meines Wissens nach, auch schon die entsprechenden Schritte eingeleitet.
    Ich persönliche finde: Wenn Sie wirklich denken, dass "ein Diskurs sinnvoll wäre", sollte es egal sein, wer den Soldaten die Befehle erteilt.

    MfG
    Sebastian Schöbel

  2. 12.

    Hallo Herr Schöbel,

    teilweise stimme ich Ihnen zu, ein Diskurs wäre wünschenswert. Vorher wüsste ich aber gerne, warum die Bundeswehr Steuergelder verschwendet, um vor einer Veranstaltung mit Soldaten aufzutauchen und die beleidigte leberwurst zu spielen, weil sie ihre Uniform dort nicht präsentieren darf. Wer hat das unterschreiben ? Hat die Bundeswehr nicht besseres zu tun als ihre SEO Aktivitäten auf eine Veranstaltung zu lenken, auf der sie mehr oder weniger nicht erwünscht ist, weder von den Machern noch von den Besuchern ?

    Vor allem frage ich mich, wer diesen gepanten Einsatz während der Dienstzeit genehmigt hat bei der Bundeswehr ? Und demonstriert die Bundeswehr ab jetzt vor jeder Schule in Deutschland, in der sie nicht reden dürfen ? Das kann wohl kaum Sinn und Zweck der Bundeswehr sein.

    Gruß, Martin

  3. 11.

    Bei der Bundeswehr handelt es sich um eine Armee. Sie ist die Armee, also die bewaffnete Streitmacht der Bundesrepublik. Also deutsch. Sage ich als ehemaliger Angehöriger dieser Armee. Die Bundeswehr heißt

  4. 10.

    Hallo Herr Golla,
    als Autor des Artikels würde mich interessieren, ob sie ihn bis zum Ende gelesen haben. Und falls ja: Lesen Sie ihn vielleicht nochmal.

    BG
    Sebastian Schöbel

  5. 9.

    Klar entscheiden die Veranstalter, wer dabei sein darf, wer genehm ist und wer nicht. Ob das dann glaubwürdig ist, wenn die Veranstaltung politisch neutral und der Meinungsfreiheit verpflichtet sein will, steht auf einem anderen Blatt ;-)

  6. 8.

    Watt für ne Aggressivität?
    Es ist doch wohl Sache der Veranstalter, wen sie in welcher Form einen Stand zu billigen.
    Nächstes Jahr kommt dann noch die Afd und will auch ein Stand, oder die BW will Rederecht auf einem Parteitag der Linken. Aber klar. Ich heule ja auch den ganzen Tag, dass ich meine Antikriegsdemos nicht auf dem Kasernengelände machen darf. Voll fiese Ausgrenzung.

  7. 7.

    Danke für diesen gut differenzierten Kommentar! Im Sinne von Meinungsfreiheit und Toleranz könnte man mit dem Thema wirklich souveräner umgehen.

  8. 6.

    Hallo Herr Golla,

    es handelt sich hierbei um einen Kommentar, der nicht die Meinung der Redaktion widerspiegelt.

    Viele Grüße
    rbb|24

  9. 5.

    In Deutschland gibt es keine Armee. Im Rest des Artikels heißt es ja auch richtig Bundeswehr. Wenn die Damen und Herren Schreiber sich daran halten halten könnten. Schlechtes Deutsch verrät die Denkungsart. Dann kommt auch mehr Freude beim Lesen auf.

  10. 4.

    Diese Art der Ausgrenzung hat viel mit Aggressivität zu tun, nicht daß Verhalten der BW!
    Die Ausgrenzung wichtiger Teile unserer Gesellschaft ist höchst fragwürdig, kennzeichnet sie doch den derzeitigen Umgang mit unliebsamen Lebenseinstellungen in unserer Gesellschaft und sie liebe rbb-Redaktion, machen einen schlechten Job.
    Unabhängige Berichterstattung geht anders!
    Bedenken Sie bitte, die Soldaten stehen an vorderster Front, riskieren ihr Leben, auch dafür das Sie solch tendensiöese schlechte Arbeit abliefern können und dafür nicht zur Verandwortung gezogen werden können.

  11. 3.

    Ein (geiles) Foto sagt mehr als 1000 Worte ...
    "Zu Bunt gehört auch grün .... Ach, was wirklich ...." :-)
    Ok ... das Komma steht falsch ... aber dafür kann der Fotograf nix :-).

  12. 2.

    Cooler Kommentar! Dem gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen.

  13. 1.

    Also das es eine spontane Demo der Bundeswehr war ist zu bezweifeln. Oder hatten die etwa zufällig ihren Demotruck dabei. Und da stellt sich mir dann die Frage, ob die Demo der BW bei der Versammlungsbehörde angemeldet war. Ebenfalls dachte ich, es gäbe im Versammlungsrecht ein Uniformverbot und die Stiefel würden auch bei jeder anderen Demo als Waffe gelten. Insofern hoffe ich, das die Polizei schon Ermittlungen gegen die ihrer Aufmachung nach, gewaltbereiten Demonstranten der BW aufgenommen hat.

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