Ein Auto fährt an der Alibaba Zentrale in China vorbei (Quelle:Meifei/Imaginechina/dpa)
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re:publica 2018 - Wie China das Netz erobert

China war im Internet lange ein schlafender Riese. Doch längst befindet sich das Reich der Mitte auch digital auf der Überholspur. Nachdem China viele Jahre gute Ideen billig kopiert hat, schauen mittlerweile bei den Innovationen die globalen Internet-Marken nach Osten. Von John Hennig

Die Firewall ist löchrig. Jahrelang befand sich das chinesische Internet gut abgeschirmt hinter einer Art Mauer: Zahlreiche weltweit führende Webseiten sind in China nur eingeschränkt, langsam oder gar nicht erreichbar. Oftmals hilft nur ein virtuelles privates Netzwerk (VPN), um die Schranken zu umgehen. Die westliche Konkurrenz ist weitgehend ausgeschaltet.

Doch mittlerweile wird von beiden Seiten genauer durch die Mauer hindurch geschaut. Auf der re:publica 2018 halfen gleich drei Veranstaltungen, die hierzulande unbekannte chinesischen Internetwelt besser zu verstehen.

Von Kopien zu Super-Marken

Denn in China hat sich ein eigenes Internet etabliert, ein digitales Paralleluniversum, mit chinesischen Varianten von Amazon und Google, Twitter, Youtube und Facebook.

Anfangs kopierte China die ausländischen Dienste: Baidu ist ein Angebot, das Suchmaschine und Enzyklopädie zugleich ist, also chinesisches Google und Wikipedia. Alibaba ist der große Online-Händler, der mit Taobao unter anderem quasi das chinesische eBay besitzt, und noch viel mehr zu bieten hat als Online-Auktions- und Kaufhäuser. Und Tencent ist die Plattform für Gamer und Messenger.

China befindet sich nicht nur wirtschaftlich auf der Überholspur, sondern auch digital. In dem Land mit 700 Millionen Internet-Nutzern, die meisten davon mobil, gibt es zurzeit kaum Grenzen der Innovation. Sechs der fünfzehn erfolgreichsten StartUps stammen aus China, zeigt etwa der Gründer Karl Krainer auf. Das digitale China würde sich auch so rasant entwickeln, weil viele Entwicklungsschritte einfach übersprungen wurden.

So wurden aus den anfänglichen Kopien mittlerweile Super-Marken: "Jeder macht eigentlich alles", fasst es Krainer zusammen. Der ursprüngliche Messenger WeChat etwa deckt heute zahlreiche Bedürfnisse des täglichen Lebens ab, von der Kommunikation über die Essens- oder Taxibestellung bis hin zur Bezahlung. "Man benötigt gar kein normales Internet mehr", sagt Krainer.

Digitalisierung verhilft der Regierung zur Kontrolle

Einerseits zeigt sich die Bevölkerung spätestens seit der Öffnung des chinesischen Reiches technologieaffin: 42 Prozent des weltweiten eCommerce und 60 Prozent des weltweiten ePayments werden bereits in China betrieben. Andererseits hat die Digitalisierung auch für die Regierungspartei zahlreiche praktische Vorteile. Während die Bevölkerung nahezu überall ans Netz angeschlossen ist, gewinnt sie die digitalisierte Kontrolle, wie die Sinologin Katika Kühnreich erklärt.

Leichtfertige Tendenzen im Umgang mit den eigenen Daten gibt es überall, wie nicht zuletzt der Skandal um Cambridge Analytica gezeigt hat. Doch in China seien die Menschen seit jeher besonders begeisterungsfähig für Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungs-Technologie, so Kühnreich. Das alltägliche Scannen von QR-Codes und Gesichtern ist für sie ebenso Gewohnheit wie bargeldloses Bezahlen. Zudem würde bei den Apps auch auf viele spielerische Elemente gesetzt: auf Gamification.

Ein Fussgänger wird in China von mehreren Kameras erfasst (Quelle: Lei/Imaginechina)
Bild: Lei/Imaginechina

Das ganze Leben wird bewertet

Zum wirklichen Spiel des Lebens wird dabei das umstrittene Social Credit System, das seit 2014 geplant wird und bis 2020 eingeführt werden soll. Kritiker sehen in ihm einen ersten Schritt zur Totalüberwachung. Aus der eGovernance werde eine eDictatorship, sagen die Sinonerds Lin Hierse, Siyuan He und Arseny Knaifel in ihrem spielerischen Vortrag. Sie sind Teil einer gemeinnützigen Community für junge Menschen, die am Austausch mit und über China interessiert sind.

Beim Social Credit System sollen die Chinesen dauerhaft bepunktet werden, und zwar on- und offline. Ihr Konsumverhalten wird ebenso erfasst wie ihre finanziellen und juristischen Daten. Alle Chinesen erhalten eine Art persönliche Punktzahl. Für die sie entweder belohnt oder bestraft werden können. Kleinere Verkehrsdelikte können so dazu führen, dass ein Kredit oder eine Leihe nicht gewährt werden.

Bei der Umsetzung helfen der Regierung - neben einer Cyber-Polizei und bereits ausgebauter Überwachung im öffentlichen Raum - die Unternehmen selbst. Beziehungsweise müssen sie helfen, denn die Umsetzung vieler Zensurauflagen wurde auf sie ausgelagert. Und da in China ein Klarnamen-Gebot bei Online-Registrierungen gilt und die Plattformen dadurch unter anderem mit den Personalausweisnummern verbunden sind, hat die Regierung jederzeit Zugriff auf die korrekten Identitäten und Daten. Das lässt sich natürlich auch missbrauchen, wie Katika Kühnreich veranschaulicht. Für etwa 100 Dollar könne sich jeder Interessierte die Datensätze von anderen Chinesen kaufen.

Von Billig- zur Qualitätsware

Nun expandieren die großen chinesischen Dienste ins Ausland, zum Beispiel nach Russland oder Südostasien. Europa sei nicht der primäre Zielmarkt, sagt Karl Krainer: "Der Markt ist den Chinesen zu fragmentiert und reguliert." Trotzdem fällt auf, dass etwa der Online-Händler Alibaba auch in Deutschland immer häufiger genutzt wird. Zudem haben chinesische Investoren im Vorjahr besonders gerne deutsche Firmen gekauft.

Auch deshalb sind sich Krainer, Kühnreich und die Sinonerds sicher, dass das chinesische Internet eher nach Europa kommt als der weltweite Markt nach China. Oder wenn, dann nur als Joint Ventures. Zum einen gebe es dafür auch kulturelle und sprachliche Gründe, erklärt Arseny Knaifel, zum anderen würde auch auf Protektionismus gesetzt, um den chinesischen Markt zu stärken. Immerhin soll das zunehmende Konsumbedürfnis der stetig wachsenden chinesischen Mittelschicht auch erfüllt werden. Dafür werden ständig neue Anlässe kreiert, Feiertage des Konsumrauschs wie der Single's Day am 11. November, eine Erfindung von Alibaba.

Und die chinesischen Unternehmen werden künftig noch weiter gestärkt. Im Rahmen des 13. Fünf-Jahres-Plans soll das Siegel "Made in China" in Kürze nicht mehr für gut kopierte Billigware, sondern für innovative Qualitätsprodukte stehen. Die dann womöglich bald von ausländischen Firmen als Vorbild dienen.

Beitrag von John Hennig

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Der "Blödsinn" wurde ja nicht abgeschrieben, sondern in gleich drei rp18-Panels wurde dieser (sicher etwas vereinfachte) Vergleich aufgemacht. Natürlich ist Alibaba viel mehr, aber mit Taobao gehört eben auch ein chinesisches Online-Auktionshaus zum Konzern. Und es ändert auch nichts an dem Sachverhalt, dass es in China eigene (Handels-)plattformen anstelle der weltweiten Marktführer gibt. Haben Sie denn auch inhaltlich etwas zu kritisieren oder stoßen Sie sich nur an diesem einen Teilsatz?

  2. 1.

    Wer z.B. Alibaba mit Ebay oder Amazon vergleicht hat keine Ahnung und sich nicht die Bohne mit dieser Firma beschäftigt.
    Es reicht eben wenn man irgendeinen Blödsinn abschreibt.

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