Eine Teilnehmerin der Internetkonferenz re:publica benutzt ihr Laptop in einem Bällebad mit grünen Bällen. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Bild: dpa/Jens Kalaene

Bilanz der re:publica - Die Blase im Bällebad

Bunt gibt sich die Internetkonferenz re:publica gerne. Doch obwohl in diesem Jahr vieles grün gefärbt war, störte anfangs der Flecktarn der Bundeswehr. Danach waren die digitalen Pioniere drei Tage unter sich. Von John Hennig

Drei Tage. 20 Bühnen. Und etwa 10.000 Besucher, die 929 Speaker in 496 Sessions hätten sehen können - theoretisch, auch dank des Internets, in dem mittlerweile zahlreiche Vorträge und Diskussionen des 500-Stunden-Programms gestreamt wurden oder zum Nachschauen zur Verfügung stehen. Doch böse Zungen behaupten, die eigentliche re:publica fände eigentlich auf einem sonnigen Hof in der Station Berlin statt.

Die digitale Filterblase weiß natürlich bestens darüber Bescheid, was die anderen gerade denken oder machen, sagen oder schreiben. Trotzdem sind Austausch und Netzwerken nicht nur on-, sondern auch offline die wichtigsten Elemente der Digitalkonferenz. Bei der zwölften Ausgabe waren es so viele wie noch nie.

Sascha Lobo hält Rede zur Lage der Nation

Höhepunkte zu benennen fällt schwer, wenn das komplette Programm kaum zu überschauen ist. Am besten besucht waren die am prominentesten besetzten Veranstaltungen: Chelsea Mannings erster Auftritt in Deutschland nach ihrer Freilassung, Jan Böhmermanns überdimensionale Schalte oder Sascha Lobos jährliche Rede zur Lage der Nation.

Die wurde von vielen gelobt, weil sie nicht nur die digitalen, sondern wirklich gesellschaftliche Probleme ansprach: "Ich kämpfe für eine Gesellschaft, in der eine jüdische, arbeitslose, lesbische She-Male im Bikini betrunken knutschend an jedem Ort mit einer stillenden, schwarzen, behinderten Ex-Muslima mit Kopftuch auf der Straße tanzen kann - ohne Angst um ihre Existenz haben zu müssen … und mit WLAN!"

Treffpunkt: Bällebad

Groß diskutiert wurde am Anfang aber erst einmal, dass ausgerechnet die sonst so toleranten re:publicaner jemanden ausschlossen: Die Bundeswehr durfte nicht um dringend benötigte Verstärkung durch Programmierer und Internetspezialisten werben. Als kleine Revanche überraschte diese wiederum die re:publica-Besucher am Montagmorgen mit einer Guerilla-Aktion und dem Plakat "Zu bunt gehört auch grün".

Bei der Abschlusszeremonie nahm Veranstalter Johnny Häusler nun noch einmal Stellung: "Es ging nicht um eine Gesprächsverweigerung, sondern um den Stand." Hier habe die re:publica ihr "gutes Recht" ausgeübt, sagte er. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Armee, die sich nun "provoziert" gefühlt habe, im nächsten Jahr einen Stand bekommt, bezifferte Häusler mit null Prozent.

Abgesehen von der Auseinandersetzung mit den Streitkräften wurden die drei Tage in gewohnter Harmonie verbracht. Die gut gelaunte Spaßgesellschaft traf sich - wenn nicht im sonnigen Innenhof - zumeist im grell-grünen Bällebad, gefüllt mit 28.800 Bällen, wie Häusler bei der Closing Ceremony stolz erwähnte. Gagschreiber Peter Wittkamp fragte angesichts des Stellenwerts des Bällebads nicht ganz zu Unrecht auf Twitter: "Papa, was habt ihr eigentlich gemacht, als die AfD 2018 so richtig stark wurde?"

Tatsächlich war aktiver Widerstand eines der zentralen Themen der diesjährigen re:publica: Zu lange habe die Mehrheit, auch unter den Digitalpionieren, passiv zugeschaut, wie die Rechten zunehmend den Diskurs und die Stimmung im Netz übernommen haben. Teilweise hätten sie die Rechten unterschätzt, teilweise die Organisation in geheimen Netzwerken nicht gekannt. Doch spätestens durch zwei Aktionen unmittelbar im Vorfeld der re:publica ist "Reconquista Germanica" auch außerhalb der Filterblase bekannt. Wobei der Medienprofessor Bernhard Pörksen in einem viel beachteten Referat meinte, dass es gar keine Filterblasen (mehr) gebe, sondern die Bürger eigentlich so häufig und direkt wie nie mit anderen Meinungen konfrontiert würden.

Überhaupt thematisierten viele Veranstaltungen - wie bereits im Vorjahr - die Zunahme des Hasses im Netz, den Erfolg der Rechten und die Verbreitung von Falschinformationen. Ansonsten sind Podcasts die neuen Blogs, Blockchains die neuen Bitcoins und die Künstliche Intelligenz die neue virtuelle Realität. Diskutiert wurde auch immer wieder der Datenschutz, vor allem die neue noch im Mai anzuwendende Grundverordnung (DSGVO).

Was von der #rp18 bleibt

Alles relevante Themen - die auch dazu beitragen, dass die re:publica wächst: Nachdem es bereits Ableger in Griechenland und Irland gibt, kündigten die Veranstalter eine re:publica in Ghana an und auch in den USA wird die Konferenz vier Mal zu Gast sein.

In Berlin haben sich zudem die vier kleinen Fachkonferenzen im Technikmuseum bewährt, wobei weiterhin das Gefühl bleibt, dass thematisch vieles durcheinander geht. Gut aufeinander abgestimmte und aufgebaute Sessions gibt es nicht. Besucher, die sich für das ebenfalls expandierende chinesische Internet interessierten, durften auf den drei Veranstaltungen drei Mal einen ähnlichen Einstieg hören, so dass knapp 30 von insgesamt 90 Minuten schon verschenkt wurden.

Insofern braucht es auch in Zukunft Klassenlehrer wie Sascha Lobo, um den Überblick zu behalten und alle Stränge miteinander zu verweben.

Sendung: Fritz, 04.05.2018, 21.00 Uhr

 

Beitrag von John Hennig

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