Mann mit einer Maske benutzt einen Computer (Quelle: imago/Gary Waters)
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Audio: RadioEins | 02.05.2018 | Gespräch mit Ingrid Brodnig | Bild: imago/Gary Waters Download (mp3, 6 MB)

re:publica 2018 - Über die Rückeroberung des Internets (von den Rechten)

Rechte Parteien und Debatten im Netz sind erstaunlich erfolgreich. Aber warum? Das versucht jetzt die digitale Elite auf der Internetkonferenz re:publica zu ergründen. Der Kampf dagegen soll aktiver werden - und Jan Böhmermann geht voran. Von John Hennig

Es geht um nicht weniger als die Rückeroberung des Internets. Da ist sich die Netzgemeinschaft bei der Internet-Konferenz re:publica 2018 einig.

Rechtspopulistische und -extremistische Kanäle bestimmen zunehmend den politischen Diskurs - offline und online. Sie erhalten immense Aufmerksamkeit für jede gezielte Provokation und jeden vermeintlichen verbalen Ausrutscher und sind mit ihrer Strategie auch erfolgreich, wie nicht zuletzt die Wahlerfolge der Alternative für Deutschland zeigen.

Doch wie konnte es so weit kommen, fragt sich die re:publica. Die meisten Redner bleiben bei einer reinen Beschreibung des Phänomens ohne wirkliche Erklärungen. Auch die klarsten Köpfe versuchen sich noch immer an einer Positionierung: So stellt Sascha Lobo in seiner "Rede zur Lage der Nation" (Pop und Anti-Pop – Wie das Internet uns lehrte zu kämpfen. Und wofür.) noch einmal klar, dass gegen Rechte zu sein nicht bedeutet, selbst links zu sein. Vielmehr sei das demokratisch.

Ansonsten herrscht vor allem bei den Gesprächsrunden eine gewisse Ratlosigkeit. Andere Parteien müssten wieder für die Bürger präsenter sein, etwa in Form von Abgeordnetenbüros auch auf dem Lande, ist noch einer der konkretesten Ansätze.

Die stärkste Kraft im Empörungswettbewerb

Eine der wenigen, die über die Ratlosigkeit hinaus geht, ist Ingrid Brodnig. In einem klaren Vortrag schildert die junge österreichische Autorin den Erfolg der Rechten im Internet. Sie versucht die gefühlte Verschiebung des Diskurses im Netz greifbar zu machen: So würde laut einer Netzwerkanalyse des Social-Media-Analysten Luca Hammer mehr als die Hälfte der etwa 19.000 deutschsprachigen Accounts erst seit etwa drei Jahren existieren, Tendenz steigend.

Doch warum ist diese junge Szene sofort so dominant und erfolgreich? Zunächst wäre da die Emotion, zumeist die Empörung. Verschiedene Studien zeigen, dass die AfD auf ihre Beiträge etwa bei Facebook viel mehr Reaktionen erhält als alle anderen Parteien. Nicht unbedingt Likes, aber dafür in über der Hälfte der untersuchten Fälle Wut. Den sozialen Netzwerken ist die Form der Reaktion egal, solange die Anzahl stimmt. Sie belohnen die Beiträge sogar mit Reichweite. "Wut bringt Menschen zum Klicken", erklärt Brodnig und spricht von einem "Empörungswettbewerb".

"Provokationen zwingen uns zur emotionalen Reaktion, das führt zu mehr Reaktionen", so Brodnig. Berühmte viral gegangene Reden von Politikern anderer Parteien waren zuletzt oft in der Tat emotionale, meist wütende Gegenreden: von Britta Haßelmann oder Cem Özdemir (jeweils Grüne), von Philipp Amthor (CDU) oder in ironischer Form von Johann Saathoff (SPD). Doch die stärkste Kraft in diesem Wettbewerb sind die Rechten: Sie betreiben eine Opfer-Täter-Umkehr, konstruieren Verschwörungstheorien und bestimmen Sündenböcke - sowie Debatten.

Internetauftritt der rechten Plattform Reconquista Germanica (Quelle: imago/Jürgen Ritter)

Etwas Reaktionäres als Revolutionäres verkaufen

Viele vor allem junge Rechte sehen sich als eine rebellische Jugendkultur, die sich gegen den Mainstream auflehnt. "Das ist ein genialer Marketingtrick, rückwärtsgewandte Ideen als revolutionär zu verkaufen", sagt Brodnig. Auch der Begriff "Neue Rechte" würde dazu passen.

Und dann sei da noch ihre Beharrlichkeit. Rechte nehmen den Diskurs deutlich ernster, organisieren sich und gehen gezielt gegen Andersdenkende vor. "Seit 1968 haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, dass die Gesellschaft immer offener wird und haben den Eindruck, dass alles automatisch vorangeht", führt Ingrid Brodnig aus. Die Rechten würden aktiv um ihre Deutungshoheit kämpfen, um progressive Errungenschaften zurückzubauen und umzukehren.

Dabei nutzen sie auch Online-Tools, um größer und mächtiger zu wirken als sie es sind. Nur fünf Prozent der Nutzer seien für fast 50 Prozent der Hasskommentare verantwortlich. In der Tradition der Nationalsozialisten, die mit massenmedialen Volksempfängern und ästhetischen Leni-Riefenstahl-Filmen ihrerzeit ebenso auf moderne Medien setzten, seien Rechte äußerst technikaffin. So würde die Identitäre Bewegung an einer App arbeiten, mit der sich Rechte jederzeit lokalisieren können: Patriot Peer soll sie heißen. Wie gut die Rechten organisiert und strukturiert sind, zeigten erst kurz vor der re:publica der Comedian Jan Böhmermann (#ReconquistaInternet) sowie die Filmemacher Patrick Stegemann und Rayk Anders (#LöschDich) mit sehenswerten Beiträgen, die bei Youtube zu sehen sind. Sie alle hatten unabhängig voneinander eine ähnliche Idee, wie sie auf der re:publica schilderten: Das Netzwerk "Reconquista Germanica" der Rechten zu unterwandern.

Der Satiriker Jan Böhmermann und Journalist Rayk Anders präsentieren ihre Aktion: Reconquista Internet (Quelle: Screenshot/Youtube/Funk)
Bild: Screenshot/Youtube/Funk

Der "Infokrieg" beginnt

"Wir sind keine Armee", stellt Böhmermann klar, sondern eine "aus Versehen gegründete Bürgerrechtsbewegung". Damit spielt er auf die Selbstbeschreibung von Reconquista Germanica an, die sich als "satirisches Internetprojekt ohne Bezug zur Wirklichkeit" bezeichnet.

6.000 Menschen sollen bei Reconquista Germanica organisiert sein, 43.974 Trolle seien  zurzeit bei Reconquista Internet aktiv: Leute, die keine Lust mehr haben "auf diese Kommunikation mit maximaler Enthemmung", so Böhmermann. Zwischenzeitlich wären es schon über 50.000 gewesen, aber seit ein paar Tagen habe man Server-Probleme.

Den Spaß im Internet wolle man sich nicht verderben lassen. Und wiederum denjenigen, die das versuchen, selbst den Spaß nehmen. "Mittlerweile machen alle Satire, auch die Faschos", sagt Böhmermann dazu, "aber da haben wir schon ein paar Jahre mehr Erfahrung." Auch Ingrid Brodnig erwähnt, dass Rechte zunehmend auf vermeintliche Satire setzen und sich etwa hippe Internet-Memes zu eigen machen. Auch die Autorin findet, die Gegner müssten nun ähnlich vorgehen, beharrlicher werden und die Auseinandersetzung genauso ernst nehmen.

Böhmermann schließt dazu passend mit einer klaren Aufforderung zum Aktionismus: All den Bekenntnissen und Debatten müssten nun auch Taten folgen. Die Rechten führen bereits längst ihren "Infokrieg". Nun wollen die anderen das Internet zurückerobern.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir die Grünen-Politikerin Britta Haßelmann fälschlicherweise der Linken zugeordnet. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Beitrag von John Hennig

Kommentar

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41 Kommentare

  1. 41.

    Ich glaube, hier versteht jemand besonders die hervorragenden „Alten“ Cartoons von Seyfried nicht. Ihr Beitrag entspricht genau dieser( auch für mich ) sehr aufgeregten, aufgeladenen Zeit.Bravo!

  2. 40.

    Sie haben Seyfried wirklich nicht verstanden und mit dem Vorwurf des Oberlehrers... also da kenne ich hier andere Kandidaten die wirklich alles besser wissen. Setze, sechs kenne ich als Spruch, uralt. *schrug*

    Wir kommen von Thema ab. Sicherlich sollte man wissen woher die Nachrichten kommen. Wenn ich x-mal den gleichen Text lese merke ich das doch.

    Na sicher kostet das ein wenig Mühe aber es heutzutage einfacher als es je war.

  3. 39.

    Keine der in dem Cartoon genannten Zeitungen (Süddeutsche, Merkur, Abendzeitung) ist Springerpresse, darum geht es ganz offensichtlich nicht.

    "Überhaupt nicht mit der heutigen Zeit vergleichbar. Thema verfehlt, setzen, sechs! "

    Ma abgesehen davon dass dir hier niemand eine Oberlehrer-Funktion eingeräumt hat und du ein bisschen Steine im Glashaus wirfst: Ich stimme zu dass die Zeiten nicht vergleichbar sind, aber umgekehrt. In den 70er Jahren war die westdeutsche Presselandschaft noch relativ vielfältig, Seyfrieds Kritik traf damals eigentlich nicht zu. Heute trifft sie aber zu, genau deswegen hab ich ihn zitiert.

    Das Bemerkenswerte ist, dass die Pseudo-Linke sich heutzutage gegen Kritik an herrschenden Strukturen wendet (s. "linke" Polemik gegen Kritik an Medien, oder auch an Merkel), damit tatsächlich zum Establishment gehört, und die Bezeichnung "links" überhaupt nicht verdient.

  4. 38.

    Sie haben Seyfried nicht verstanden, zu der Zeit als dieses Bild entstand ("Wo soll das alles enden", sehr empfehlenswert*)war der Kampf gegen die übermächtige Springerpresse tatsächlich notwendig. Es war die Zeit nach '68 wo z.B. eine bestimmte Zeitung noch kaum verhohlen zum Mord aufrufen "durfte".

    Überhaupt nicht mit der heutigen Zeit vergleichbar. Thema verfehlt, setzen, sechs!


    * "Seyfrieds gezeichnete Reportage der politischen Revolte der 70er Jahre. »Wo soll das alles enden« versammelt Cartoons aus den Jahren 1972 bis 1978, die ursprünglich im legendären anarchistischen Münchner Stadtmagazin »Blatt« erschienen sind. Gerhard Seyfrieds Zeichnungen mit Bullen und ultracoolen Anarchos spiegeln den Kampf der Spontis, Kiffer und Spaßguerilleros gegen die repressive Gesellschaft der Bundesrepublik wider. Das Buch hat die alternative Szene bis heute am Lachen gehalten, über Beziehungskisten, Rasensprenger, einstweilige Erschießungen – und nicht zuletzt über sich selbst. ..."

  5. 36.

    Oh! Trifft ihr mühsam "zusammengezimmertes Weltbild" auf die Realität?

    Das tut mir aber leid für sie.

  6. 34.

    Dir und @Ichmeinjanur sei ein alter Seyfried-Cartoon empfohlen:

    https://i.pinimg.com/originals/d7/79/83/d7798302faa668b322ac71d50889984c.jpg

    Weder die Multiplikation der Medien die der Einzelne konsumiert, noch die Verlagerung der "Druckerpresse" ins Internet, ändert irgendwas an der Situation und ihrer Wirkung auf die Gesellschaft.

  7. 33.

    Das ist halt der Vorteil wenn man seine Zeit frei einteilen kann, auch die Arbeitszeit.

    Und nu? :-P

  8. 31.

    Längst ist es möglich sich über das “Suchtmittel“ Smartphone richtig und objektiv zu Informieren. Hierzu benötigt man nicht viel Zeit, anstatt ununterbrochen zu Daddeln oder sich Blödsinn( Prominentenklatsch z.B.) anzuschauen. YT, Fakebook u.Co leben davon. Willkommen in der Verschwörungswelt. Liebes Handy unser, der du bist allmächtig.

  9. 30.

    Das Vorgehen finden Sie in jedem billigen Werbehandbuch. Das ist doch nun wirklich nichts, was exklusive von Rechts angewendet wird. So oder ähnlich wirbt jede Firma, aber auch das linke Politikspektrum. Wecke Emotionen, sprich persönlich an, hebe die Vorzüge hervor, verschweige Nachteile, trumpfe auf, was das Zeug hält. Wo ist das neu? Und auch mein Lieblingsgegenpart hier im Leserforum arbeitet exakt nach Ihrer Beschreibung. Das ist nun wirklich alles keine Story wert.

  10. 29.

    Veto gegen Fr. Brodnig: Demokratieverächter*innen sollte in öffentl. Foren sehr wohl widersprochen werden. Bei der Person selbst erreicht man evtl. nichts, aber u.U. bei den Mitlesenden. Das gilt auch offline.

    Wenn man Hass-Kommentare in 1. emotionale, 2. kommunikative u. 3. inhaltliche Ebenen aufteilt. zeigt sich, dass Rechtspopulist*innen v.a. auf Emotionalisierung (i.d.R. Empörung, Angst) setzen, möglichst inklusive Personalisierung (z.B. "Du - die bedrohte dt. Frau").

    Im Übergang zur kommunikativen Ebene findet oft eine Selbstaufwertung i.S. einer ambiguitätsintoleranten Deutungshoheit statt, inkl. der Abwertung von Aussagen Andersdenkender u. diesen selbst. Ablenkendes argumentationsvermeidendes Themenhopping sowie auch Andeutungen sind beliebt, da sie sich davon leicht wieder distanzieren können.

    Das Ziel ist oft nichts inhaltliches, sondern die geplante Provokation(sspirale). Eine Hinterfragung der Emotionen o. Begründungen finden meist nicht (konstruktiv) statt.

  11. 28.

    Konzept von #rbbTalk etwas unklar. Talken kann man da nicht, die Kommentierfunktion fehlt.

  12. 27.

    Leider wird durch die Politik und die Medien häufig nicht die Belange der Bevölkerung wahrgenommen.
    Im Grunde werden diese - gerade - von den öffentlich-rechtlichen Medien - unterdrückt.

    Ein Beispiel:
    Ja, die Mehrheit der Bevölkerung hat Angst vor einer Überfremdung.

    Medien: Ist die Stellungnahme eines Rechten / Rechtsradikalen - Stammtisch gerede.
    Vielleicht ist es schon so ein Nazi.

    Die Alternative wird stärker, weil auf zentrale Themen und Probleme der 08/15 Bevölkerung nicht eingegangen wird.

    Diese Probleme können leicht behoben, in dem - wie in einer Demokratie erwartet wird - öffentlch jede Meinung geäußert werden darf und es nicht sofort zu einer Echtung kommt.

  13. 26.

    Schön, dass sie sich so intensiv informieren, hat man sich schon fast so denken können!
    Diese Zeit haben doch leider die meisten nicht, irgend jemand muss doch den Laden am laufen halten, damit es Leuten die sich so über viele Tagesstundend informieren und dann andere erklären wie die Welt funktioniert weiterhin so gut geht ;-)

  14. 24.

    Es liegt doch an jeden selbst.

    Nehmen sie mich als Beispiel (ja mich dem ja eine Filterblase und was weiß ich noch alles von den Rechten hier vorgeworfen wird).

    Für einen Nachrichtenüberblick benutze ich den rbb, die Tagesschau und heute.de. Wenn mich ein Thema interessiert lese ich aber auf Tagesspiegel, Berliner Morgenpost und sogar in der WELT usw. nach. Bei lokalen Themen sind es auch schonmal Lokalblätter o.ä. Wenn mich ein Thema sehr stark interessiert benutze ich erst einmal alle Medien denen ich habhaft werden kann. Da muß ich oft viel Schrott aussortieren. RT, Tichy, PI News ABER ich lese es. Schon um zu wissen auf was ich mich hier einstellen kann. ;-)

    Für ersteres brauche ich 20 - 30 Minuten am Tag, beim zweiten 1 - 2 Stunden, das letzte kann schon mal mehrere Stunden an unterschiedlichen Tagen dauern.

    Das kann auch jeder andere, wenn man will. das hat mit "schlechten Journalismus" nicht zu tun.

  15. 23.

    Ich habe davon nicht nur gehört, ich lebe danach. Ich gehöre nur nicht zu den Leuten denen man auf die Wange schlägt, der dann noch die andere hinhält.

    Ich soll "demokratischen Gepflogenheiten, bzw. Anstand" ggü. Leuten wahren die es anderen Leuten absprechen?

    Hetze und Ausgrenzung wie sie von diesen Leuten betrieben wird hat was genau mit " demokratischen Gepflogenheiten, bzw. Anstand" zu tun?

    NICHTS!

    "... demokratischen Gepflogenheiten, bzw. Anstand" ggü. Leuten die die Demokratie wie wir sie kennen abschaffen wollen?

    Wer hat hier gerade ein klassisches Eigentor geschossen?

  16. 22.

    "Es ist nicht " Die schlechte Qualität der Medien" was die Leute "Quacksalbern" auf den Leim gehen lässt"

    Heißt das du bestreitest dass sich die Qualität der journalistischen Medien im Sinkflug befindet, oder du bestreitest nur dass das die Ursache dafür ist dass das Publikum abwandert?

    "sondern die eigene Dummheit, die eigene Gesinnung, von mir aus auch Überforderung"

    Kampagnenjournalismus wird seit vielen Jahren von vielen Seiten beklagt, auch von linken Autoren wie z.B. Albrecht Müller (nachdenkseiten). Er hat schon in den 2000er Jahren bemerkt, dass die Mainstream-Medien einseitig neoliberal ausgerichtet sind.

    "Filterblase, Echokammer etc."

    Ist nicht der Journalismus selber eine solche? Das Interview ist selbst ein schönes Beispiel. Als Antwort auf das Abdriften des Publikums schlägt sie vor, das Niveau noch weiter zu senken, noch mehr Kampagnenjournalismus zu machen - also genau das zu verstärken was die Leute überhaupt erst abgeschreckt hat.

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